Bella in der Leitung

Bella war sechs Jahre alt. Sie war eine gelbe Labradorhündin.

Sie war immer glücklich.

Selbst dann, wenn sie ein wenig traurig war, war sie doch zusätzlich zu ihrer Traurigkeit auch glücklich. Die Traurigkeit war zweitrangig.

Soweit sie sich erinnern konnte, hatte es in ihrem Leben nur einmal eine Zeit gegeben, in der sie pures Unglück erfahren hatte, und das hatte etwas mit einer Begegnung mit einem Stinktier zu tun gehabt.

Die Geschöpfe der Natur verfügten über mehr Intelligenz in unterschiedlichen Graden und Arten, als die Menschen ahnten, aber auf Stinktiere traf das nicht zu.

Die Stinktiere waren eine dumme und gefährliche Spezies, gerade deshalb, weil sie nicht klug sein mussten, um zu überleben.

Immer wenn sie in einen Spiegel schaute, war Bella überrascht darüber, wie groß sie war. 35 Kilogramm, aber kein Fett.

Sie hatte sich sich selbst immer klein vorgestellt. In einer Welt voller Menschen, die auf zwei Beinen standen, erwies es sich als schwierig, die eigenen Maße immer richtig einzuschätzen.

Sie lebte in Santa Rosa, einer kleinen Stadt etwa 90 Flugkilometer nördlich von San Francisco.

Obwohl sie nie geflogen war, weder mit dem Flugzeug noch auf andere Art, wusste Bella, was Flugkilometer waren. Und noch einiges mehr.

Sie wohnte bei Andrea und Bill Montell. Bill war Anwalt. Andrea besaß einen Buchladen, in dem Bella willkommen war.

Sie ging den Kunden des Buchgeschäfts nie auf die Nerven und ließ sich nie anmerken, dass sie den literarischen Geschmack mancher von ihnen höchst bedauerlich fand.

Andrea und Bill hatten vier Kinder, die zwischen sieben und 14 Jahren alt waren. In aufsteigender Reihenfolge: Milly, Dennis, Sam und Larinda. Alle erhielten Privatunterricht.

Es war eine eng zusammenhaltende, liebevolle Familie. Sie alle vergötterten Bella, und diese vergötterte sie – eine typische Familiensituation zwischen Mensch und Hund.

Die Kinder, der Buchladen, die Anwaltskanzlei: Bella war immer beschäftigt, erhielt viel Zuwendung, ging mit Andrea spazieren, joggte mit Bill, spielte mit den Kindern, war das Aushängeschild des Buchgeschäfts. Ihr wurde nie langweilig.

Noch dazu führte sie ein Doppelleben.

Den Montells war bewusst, dass ihre Hündin sehr klug war, aber sie hatten keine Ahnung vom wahren Ausmaß ihrer Intelligenz.

Sie wussten nichts vom Mysterium.

Sie wussten auch nicht, dass Bella sich Bücher aus ihrer Bibliothek holte und nachts darin las.

In einem viel jüngeren Alter war sie zu dem Schluss gekommen, dass es den Kindern gegenüber unfair gewesen wäre, ihre wahre Natur zu offenbaren.

Für die Entwicklung einer gesunden Psyche mit dem richtigen Maß an Selbstvertrauen musste jedes heranwachsende Kind von Zeit zu Zeit einmal im Mittelpunkt stehen, im Rampenlicht.

Sobald Bella enthüllte, was sie wirklich war, würde nur noch sie im Mittelpunkt stehen, sosehr sie auch darauf bestehen mochte, diesen Platz einem der Kinder zu überlassen.

Und was wäre überhaupt damit gewonnen, sich offen als intelligente Hündin zu zeigen in einer Welt, die noch gar nicht wusste, was sie mit so etwas anfangen sollte?

Sie liebte die Montell-Kinder. Sie wollte, dass sie ein normales Leben führen konnten, in dem jedes von ihnen Gelegenheit bekam, im Mittelpunkt zu stehen.

Einige andere Mitglieder des Mysteriums gestalteten ihr Leben ebenso wie Bella.

Manchmal war es traurig, nicht offen das sein zu können, was man sein sollte, die Person, die man wirklich war. Aber auch darin lag nicht nur Traurigkeit, sondern vor allem Glück.

Das Hüten ihres Geheimnisses brachte gewisse Vorteile mit sich. Nicht der geringste davon war, dass Bella mehr über jedes der Kinder wusste als Andrea und Bill, mehr als sie gewusst hätte, wenn den Kindern klar gewesen wäre, wie klug sie wirklich war.

Wenn sie Gefahr liefen, zu weit vom Kurs abzuweichen, kannte sie alle Hundetricks, um sie auf unauffällige Weise wieder zurückzuholen.

Für den Fall, dass das nicht funktionierte, kannte sie viele clevere Wege, Andrea und Bill auf das Problem aufmerksam zu machen, auch ohne dass diese immer erkannten, wer sie eigentlich zu dieser Einsicht gebracht hatte.

Aber Bella war nicht nur eines der fünf Montell-Geschwister sowie deren heimliches Kindermädchen, sondern auch die Redakteurin der Leitung.

Man konnte die Leitung ein- und ausschalten wie ein Radio. Nicht alle Mitglieder des Mysteriums hörten ständig zu.

Es war jedoch möglich, eine nachdrückliche Botschaft zu verschicken, die selbst blockierte Nervenbahnen öffnete und sicherstellte, dass alle sie empfingen.

Bellas Aufgabe war es, wichtige Neuigkeiten zu sammeln und sie zeitnah weiterzugeben.

Sie hatte sich freiwillig bereit erklärt, während des Tages jederzeit offen für Übertragungen zu bleiben.

Sie musste sich keine Sorgen darüber machen, dass sie Gerüchte oder Unwahrheiten verbreiten könnte. Kein Mitglied des Mysteriums hatte je von einem Hund gehört, der log.

Als die Montells sich an diesem Mittwochabend im Esszimmer zum Abendessen hinsetzten, lag Bella zusammengerollt auf einem Hundebett in der Ecke und tat so, als würde sie schlafen, obwohl sie tatsächlich große Neuigkeiten für die Angehörigen ihrer Art hatte.

Bellagramm. Wie schon vor zwei Wochen berichtet, haben Rusty und Mandy, Mitglieder der Familie von Donald und Georgina Curtis in Corte Madera, die Geburt von fünf Welpen verkündet. Das ist zurzeit der bei Weitem größte Wurf des Mysteriums. Alle Welpen sind wohlauf. Alle fünf senden auf begrenzte Entfernung telepathisch und sind fähig, über die Leitung schnell Sprachen zu lernen.

Bald sollten sie auch in der Lage sein, auf größere Entfernungen zu senden. Donald und Georgina Curtis sind sich Rustys und Mandys Natur vollauf bewusst. Sie sind bereit, alle fünf Welpen zu behalten. Große Freude in Corte Madera.

Da draußen passiert etwas Aufregendes. Gerade heute haben Caesar und Cleo, Mitglieder der Familie von Robert und Mei-Mei Ishigawa aus San José, einen sechsköpfigen Wurf auf die Welt gebracht, alle gesund. Robert und Mei-Mei sind sich ebenfalls des Mysteriums bewusst, und der Nachwuchs wird in der Familie bleiben.

Wir haben uns lange gefragt, woher wir kommen, warum wir hier sind und weshalb es nur so wenige von uns gibt. Wenn unsere Zahl so plötzlich ansteigt, werden sich uns vielleicht bald Antworten auf unsere ersten beiden Fragen offenbaren, die nach dem Grund unserer Existenz. Freut euch. Bleibt ehrlich. Bis zum nächsten Mal.