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Als sie Woody vorgesungen hatte und glaubte, er habe sich in ihren Armen ein wenig entspannt, sagte Megan: »Hackbraten, Kartoffel-Käse-Auflauf, eine deiner Lieblingsmahlzeiten. Und zum Nachtisch gibt’s Vernas beste Muffins mit Eis. Ich bin in der Küche. Komm, wenn du so weit bist. Lass dir Zeit, Schatz.«

Sie stand vom Bett auf, blieb vor ihm stehen, lächelte und bückte sich, um ihn auf die Wange zu küssen. Der Junge starrte immer noch ins Leere, als stünde er unter Schock, aber sie war ziemlich sicher, dass er bald wieder zu sich kommen würde.

Sein Computer und die Tischlampe waren ausgeschaltet. Rechts neben der Tastatur lag ein dicker Blätterstapel, zusammengehalten von einer Federklammer.

Megan fragte sich, was er da ausgedruckt hatte, aber sie sah es sich nicht an. Jedes Kind brauchte eine Privatsphäre und Vertrauen. Das traf ganz besonders auf Woody zu, der eine extreme Abneigung gegen jedes Eindringen in seinen persönlichen Bereich hatte. Trotz all seiner Schwächen war er ein guter Junge, und was immer er da tat, er würde es ihr früher oder später von selbst zeigen.

Nachdem sie eine der Nachttischlampen eingeschaltet hatte, verließ sie das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

Sie ging die schmale Hintertreppe herab, die in der Küche endete.

Die Pfanne mit dem Hackbraten stand in einem Drahtgestell neben den Herden. Wenn er abgekühlt und fester geworden war, würde sie zwei Portionen abschneiden und sie wieder aufwärmen. Der fertige Kartoffel-Käse-Auflauf stand mit Alufolie bedeckt in der Wärmeschublade bereit. Die Hintertür stellte sich als abgeschlossen heraus, wie sie es erwartet hatte. Verna Brickit war ein unterhaltsamer Griesgram, aber sie war außerdem auch so verlässlich wie das Auf- und Untergehen der Sonne.

Megan legte Platzdeckchen, Papierservietten und Besteck auf den Esstisch.

Aus unerfindlichen Gründen aß Woody weniger hastig und war beim Abendessen zufriedener, wenn die Mahlzeit bei Kerzenlicht serviert wurde. Sie stellte sechs kleine rote Teelichtgläser auf den Tisch und bestückte jedes mit einem Vier-Stunden-Licht. Der Kerzenschein musste stets durch rotes Glas gefiltert werden. Wenn die Halter durchsichtig waren, versetzten die zuckenden Flammen Woody in Unruhe. Wenn das Glas blau war, verlor er den Appetit. War es grün, deprimierte es ihn.

Das Geschirr stellte sie nicht auf den Tisch, sondern auf einen Tresen, um es später zu holen. Sie brauchte nur einen Teller, aber Woody brauchte einen für seinen Hackbraten sowie drei flache Schalen für den Auflauf und die beiden Gemüsebeilagen. Sobald eins der Gerichte ein anderes berührte, konnte er es nicht mehr essen. Sie kannte den Grund dafür nicht und er selbst vermutlich ebenso wenig.

Wenn Woody aus seinem Zimmer nach unten kam, würde sie die Karotten und den Blumenkohl aufkochen und ihm seinen »Cocktail« eingießen. Wenn Megan Weißwein trank, wollte Woody klares, aromatisiertes Wasser. Wenn sie Rotwein trank, wollte er Traubensaft, der zur Farbe ihres Cabernet passte. Sosehr er auch in seinem Zustand gefangen war, versuchte er doch, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen, wie ungeschickt auch immer.

Sie gönnte sich jeden Abend ein oder zwei Gläser Wein. Jetzt, während sie auf Woody wartete, goss sie sich einen Caymus Cabernet ein.

Durch das Fenster in der Hintertür blickte sie in den Garten hinaus, in dem auf ihrem derzeitigen Gemälde Woody stand und die Hirsche fütterte. Nur in wenigen ihrer Werke war der Junge zu sehen, aber sobald sie ihn in ein Setting einfügte, wirkte dieser Ort ohne ihn nie mehr richtig. Trotz seines Autismus oder vielleicht gerade deshalb hatte er eine Art Schwerkraft an sich, die sie nicht erklären konnte, die die Welt um ihn herum beugte, die jeden Platz neu formte, ihn mit neuen Farben und frischer Bedeutung versah. Ohne ihn sah der Garten nun unvollständig aus wie eine schlichte Skizze, eine Vorstudie für eine ernsthaftere Szene. Sie nahm an, dass es nicht Woody selbst war, der diese Orte transformierte, wenn sie ihn malte, sondern ihre Liebe für ihn, die sie eine mystische Qualität darin erkennen ließ.

In der zunehmenden Dämmerung verdüsterte sich der Wald am Ende des Gartens zu einer zinnenbewehrten Festung mit Türmchen und Mauern, genau so, wie sie ihn im aktuellen Gemälde dargestellt hatte. Ihr war nicht ganz klar gewesen, weshalb sie dem Wald diese unheilvollen Eigenschaften verliehen hatte. Aber jetzt wurde ihr bewusst, dass er das Böse in der Welt repräsentierte, das in einem so starken Kontrast zu Woodys Unschuld stand und das eine so große Bedrohung für ihn sein würde, falls ihr irgendetwas zustieß und sie ihn nicht mehr beschützen konnte.

Sie ging zum Tisch, wo sie zuvor einen halb gelesenen Roman liegen gelassen hatte. Nachdem sie sich gesetzt und die richtige Seite wiedergefunden hatte, las sie weiter. Es war ein produktiver Tag gewesen, und sie hatte das Gefühl, sich diesen Genuss verdient zu haben. Es war eine gute Geschichte, und der Wein war noch besser.

Eines der Themen des Romans war offenbar die Macht der Einsamkeit. Sie versicherte sich, dass sie nicht einsam war, obwohl sie wusste, dass das eine Lüge war. Dann sagte sie sich, dass das Leben gut war, dass es schlimmere Dinge gab als Einsamkeit, und das war die Wahrheit.