33

Verlegen – mehr als verlegen, gedemütigt und beschämt, weil er sich gegenüber den Mördern hinter der Dark-Web-Seite namens Tragedy beinahe verraten hatte, weil er beinahe sich und seine Mutter in Gefahr gebracht hatte – zog sich Woody Bookman auf Schloss Wyvern zurück. Dort fand er Trost in der Einsamkeit und konnte in seinen schlimmsten Stunden versuchen, neue Zuversicht zu gewinnen.

Schloss Wyvern war eine Schöpfung seiner Vorstellungskraft, aber in Zeiten wie diesen erschien es ihm in all seinen Details solider und überzeugender als die sogenannte wirkliche Welt. Die äußere Ringmauer war fünf Meter breit: parallel verlaufende, 60 Zentimeter dicke Schichten aus einheimischem Sandstein. Die drei Meter zwischen ihnen waren mit Schutt aus losen Steinen und Mörtel gefüllt. Zehn gewaltige Türme ragten hoch in einen stets gewittrigen Himmel auf, davon jeweils zwei am äußeren und am hinteren Torhaus. Der äußere Zwinger war vom inneren durch eine zweite, noch massivere Ringmauer abgetrennt, die mit einem noch uneinnehmbareren Torhaus sowie sechs großen Türmen bestückt war. Auf den Wehrgängen gab es Zinnen mit schmalen Pfeilschlitzen und Schießscharten, durch die man siedendes Öl und eimerweise Steine auf angreifende Feinde schütten konnte. Der Weg zu jedem Torhaus führte über eine acht Meter hohe Rampe, die von Bogenschützen bewacht wurde. Jede Rampe endete an einer Zugbrücke, die über einen Burggraben führte. In jedes Torhaus war ein hölzernes Fallgitter mit Eisenbeschlägen eingebaut, das herabgelassen werden konnte, um den Zugang zu versperren, und hinter jedem Fallgitter befand sich eine eisenbeschlagene Doppeltür, die in Notsituationen geschlossen und mit zwei Zugstangen verstärkt werden konnte.

Der Name des Schlosses war mit Bedacht gewählt. Ein Wyvern war ein besonders fürchterlicher, zweibeiniger Drache mit einem tückischen, stachligen Schwanz. Böse Menschen würden es sich wahrscheinlich zweimal überlegen, bevor sie versuchten, einen Ort namens Schloss Wyvern einzunehmen, ein Drachenschloss.

In Zeiten tiefster Demütigung und Beschämung nahm Woody in seiner hohen Schanze Zuflucht, einer runden Kammer an der Spitze des Südwestturms der inneren Ringmauer. Eine Decke aus Holzbalken. Schmale Fenster mit Blick in die vier Himmelsrichtungen. Steinwände, Steinboden. Er hatte nur einen Haufen Schilfrohre, auf den er sich legen konnte, denn ein Junge, der durch seine Ungeschicktheit und Dummheit Schande über sich gebracht hatte, sollte nicht mit Luxus dafür belohnt werden.

Wenn er einen ausreichenden Preis für seine Verfehlungen bezahlt hatte, erhielt er ein Zeichen, das ihm erlaubte, das Schloss zu verlassen und nach Pinehaven in die sogenannte Wirklichkeit zurückzukehren. So funktionierte die Welt in Geschichten über Schlösser, hohe Schanzen und Länder, in denen Drachen hausten. Zwar bestanden die Fenster der Gebäude im inneren Zwinger aus Glas, doch hier oben in diesem Turm gab es keines. Bei schlechtem Wetter wehte der kalte Wind herein und die Regentropfen schossen schräg durch die leeren Fensteröffnungen, um auf dem Steinboden zu zerplatzen. Es hing davon ab, wie hart die Bestrafung war, die seine Taten erforderten. Wenn er seine Zeit abgesessen hatte, erreichte ihn ein Zeichen in Form eines Rotkehlhüttensängers oder einer weißen Ratte mit weichem Fell, die durch eins der unverglasten Fenster hereinkam. Der Vogel sang von seiner Begnadigung oder die Ratte tanzte auf amüsante Weise, um ihm zu zeigen, dass er wieder frei war.

Als er nun zusammengerollt auf seinem Schilfbett lag, hörte er, wie die Tür zur hohen Schanze hinter ihm geöffnet wurde. Wenn die Tür geöffnet wurde, bevor er den Rotkehlhüttensänger oder die weiße Ratte gesehen hatte, war die Besucherin seine Mutter, die ins Schloss kam, um nach ihm zu sehen. Er konnte nicht gehen, bevor er seine Zeit abgeleistet hatte, auch wenn es seine Mutter gefreut hätte, wenn er vom Bett aufgestanden und zu ihr gegangen wäre. Wenn er ging, ohne ein Zeichen erhalten zu haben, würde die Schande, die er auf sich geladen hatte, an ihm kleben bleiben und seine Mutter würde das wahre Wesen ihres Sohns erkennen. Dann würde sie sich ebenso schämen wie er, weil sie so ein Kind zur Welt gebracht hatte.

Sie war vorhin schon hier gewesen, hatte ihn gehalten und ihm etwas vorgesungen. Er war überrascht, dass sie schon so bald zurückkehrte. Sie ließ ihm immer seine Privatsphäre. Mutter wusste nichts von Schloss Wyvern, aber die Tür zu Woodys hoher Schanze und die Tür zu seinem Schlafzimmer in der wirklichen Welt waren für sie auf magische Weise verbunden. Sie sah Woodys Körper auf dem Bett liegen, während sein Geist beschämt im Turm lag. So funktionierte die Welt in diesem Fantasieland, in das er aus dieser harten Welt fliehen konnte, in die er hineingeboren war und in der er die Dinge so oft vermasselte.

Sehr lange stand seine Mutter hinter ihm in der offenen Tür. Weil es niemand außer ihr sein konnte, glaubte er, sie habe vor, wieder zu ihm zu kommen, ihm übers Haar zu streichen und ihm mit ihrer hübschen Stimme vorzusingen. Sie hatte ihn noch nie mehr als einmal besucht, wenn er sich in die hohe Schanze des Schlosses zurückgezogen hatte. Sie wusste, dass nur er selbst den Zeitpunkt seiner Rückkehr bestimmen konnte. Durch Appelle an ihn bewirkte sie nur, dass er noch länger an seinem Zufluchtsort blieb.

Schließlich schloss sie die Tür wieder und ging davon.

Woody machte sich noch kleiner auf seinem Schilfbett, zog die Knie an die Brust.