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Der nutzlose Junge liegt mit dem Rücken zur Tür bewegungslos auf seinem Bett. Kein Hirsch ist bei ihm, und er ist nicht in Mondlicht, sondern in den Schein einer Nachttischlampe gehüllt, während das Tageslicht vor den Fenstern stirbt.
Das Kind ist leichte Beute, aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt. Sein Verlangen, zu beißen, bringt Shacket zum Zittern. Aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt.
Zuerst will er Megan. Er will tief in sie eindringen und sich, indem er sie nimmt, endlich an Jason Bookman rächen, der sie ihm gestohlen hat. Erst hat er sie gestohlen, dann hat er Shacket zu Dorian Purcells Sündenbock gemacht. Megan muss ihm gehören, das ist ihre Bestimmung, und mit ihr kann er dann ein überlegenes Kind zeugen, wozu Jasons schadhaftes Erbgut nicht geeignet war.
Wenn sie sich unterwirft und seine außergewöhnliche Macht anerkennt, wenn sie begreift, zu was er sich entwickelt, und einsieht, dass sie ohne ihn keine Zukunft hat, werden sie sich gemeinsam über den Jungen hermachen. Aber wenn sie sich weigert, wird er sie lähmen, sie zu einer hilflosen Augenzeugin machen, wie er den kleinen Freak totbeißt und dann das Haus in Brand steckt.
Seine neu gewonnene Entschlusskraft ist aufregend. Er muss niemanden mehr um Rat fragen, keine Zeit mehr mit Beratungsgesprächen verschwenden, nicht um Zustimmung buhlen. Niemand ist sein Chef. Weder Gesetze noch moralische Regeln schränken ihn ein, denn er weiß, dass sie nur eingebildete Ordnungen sind. In Wahrheit ist die einzige Regel, nach der jemand erfolgreich leben kann, sei es in der Wildnis oder in der Zivilisation, die Alleinherrschaft der grausamen Natur: Beutetiere sollen sich unterwerfen, Raubtiere sollen herrschen.
Er geht weiter durch den Flur und findet das Elternschlafzimmer. Aschgraues Licht an den Fenstern. Leuchtend grüne Zahlen am Radiowecker neben dem Bett. Diese schwache Beleuchtung reicht selbst für seine an die Dunkelheit angepassten – und sich weiterhin anpassenden – Augen kaum aus, aber er bahnt sich seinen Weg zum Kingsize-Bett, ohne eine Lampe einschalten zu müssen.
Er sieht gerade genug, um festzustellen, dass die Tagesdecke abgenommen und zusammengefaltet auf der gepolsterten Bank am Fußende des Bettes abgelegt wurde. Die Bettwäsche wurde für die Nacht zurückgeschlagen, höchstwahrscheinlich von der Haushälterin, die in dem Toyota weggefahren ist. Shacket lässt sich auf die Knie hinab, um am Spannbetttuch und am Oberlaken zu riechen, zwischen denen Megans geschmeidiger Körper gelegen hat. Die Wäsche ist heute nicht gewechselt worden, was ihm die Enttäuschung erspart, nur einen Rest Waschmittel und Weichspüler wahrzunehmen. Sein Geruchssinn kann zwischen dem frischen Shampooduft ihrer schwarzen Haare, der leicht salzigen Weichheit ihrer glänzenden Haut und der Feuchtigkeit der Spalte zwischen ihren Beinen unterscheiden, wo er später den Grundstein für ihre Zukunft legen wird.
Er legt seine Pistole auf den Nachttisch und setzt sich auf die Kante des großen Bettes. Er öffnet seine Schnürsenkel und schlüpft aus den Schuhen, zieht sich jedoch erst aus, als er dort liegt, wo sie die letzte Nacht verbracht hat. Zuerst legt er sich auf den Rücken, zieht sich das Oberlaken und die dünne Decke bis zum Kinn. Die dichte Baumwolle, die sich um ihre langen Beine gelegt hat, die sich an ihren Venushügel geschmiegt und ihre Brüste bedeckt hat, liegt nun um ihn, und er hat das Gefühl, in einen Kokon aus ihrer Essenz gehüllt zu sein.