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In seiner lebhaften Vorstellung von Schloss Wyvern lag Woody in seiner hohen Schanze auf seinem Schilfbett und starrte zum unverglasten Fenster im Süden. Dort erschien immer das Zeichen – der Rotkehlhüttensänger oder die weiße Ratte mit dem weichen Fell, die ihm zeigten, dass er genug für seine Verfehlungen gelitten hatte. Eisendunkle Wolken huschten schnell durch den Himmel. Bündel aus Blitzen zuckten durch diese geronnenen Wolkenmassen, aber es donnerte nicht. Die Himmelsmächte waren hier so still wie der Junge, der sie ersonnen hatte. Wenn sein Versagen noch schlimmer war, als er geglaubt hatte, wenn er die Mörder aus dem Dark Web bis nach Pinehaven gelockt hatte und sie in diesem Moment auf dem Weg hierher waren, gab es keine Strafe, die ihm Vergebung oder Sicherheit bringen könnte, und er wäre dazu verdammt, für immer in diesem Turmzimmer zu bleiben.

Dann hörte er ein Geräusch, das er noch nie gehört hatte, ein merkwürdiges Heulen, gefolgt von einem Seufzen und einem herzerweichenden Winseln.

Als er den Blick vom Fenster zum Boden senkte, sah er dort einen Golden Retriever, der sich zusammengerollt hatte und schlief. Er winselte, weil er in einem schlimmen oder vielleicht auch traurigen Traum gefangen war.

So etwas war noch nie passiert, und Woody wusste nicht, was er davon halten sollte. War der Hund vielleicht ein Zeichen wie der Rotkehlhüttensänger und die weiße Ratte, ein Zeichen, dass er für den Schaden, den er angerichtet hatte, gebüßt hatte und das Schloss nun verlassen durfte, um wieder zu seiner Mutter in ihrem gemütlichen Haus zurückzukehren?

Diese Frage blieb unbeantwortet, aber eine unsichtbare Präsenz sprach zu ihm. Es war ein Flüstern aus unzusammenhängenden Worten, die zwischen den Steinmauern des Turms widerhallten: »Lächle für Dorothy … lieber, süßer Kipp … mein ganz besonderer Junge … mein Geheimnis … Mysterium …«

Woody setzte sich auf dem dicken Schilfbett auf und sah sich in der Kammer um. Die Schatten bewegten sich bei jedem zuckenden Blitz wie Vorhänge, in die eine Brise fuhr. Die Sprecherin – es war eine Frau – blieb unsichtbar.

Eine härtere, Furcht einflößende Männerstimme ertönte, beinahe ein Knurren. »Deine Art kenne ich … Dir bring ich Manieren bei.«

Drei Ölleuchter an den Wänden, die vorher noch nicht da gewesen waren, flammten und rauchten, weil Woody es so wollte. Das tanzende Licht brachte außer dem Hund keine anderen Präsenzen zum Vorschein.

Eine dritte Stimme, ein anderer Mann. »Man soll … Hunde nicht schlagen. Clover … der Krebs … lebendig aufgefressen … das Schwerste …«

Jetzt waren alle drei Stimmen zu hören: »Dir bring ich Manieren bei … Krebs … Clover … Dorothy … mein Kipp … mein ganz besonderer Junge … besonderer Junge.«

Die Öllampen existierten nicht mehr, und vom Wetterleuchten bewegte Schatten zitterten wieder im Raum. Woody stand auf. Im selben Moment wurde der schlafende Hund durchsichtig wie goldenes Glas und verschwand.

Irgendwo spielte jemand auf einem Klavier Moon River.

So wie Schloss Wyvern Woodys Werk war, traf dies ebenso auf den Vogel und die weiße Ratte zu, die als Zeichen zu ihm kamen, um ihn aus seiner selbst auferlegten Isolation zu befreien. Das wusste er. Der Vogel und die Ratte waren Ausdrucksformen seines Gewissens dafür, dass er genug Buße für seine Verstöße geleistet hatte. Und ebenso wusste er, dass der schöne Hund ganz sicher nicht seine Erfindung war, dass er in seine Fantasie gebracht worden war von … jemand anderem. Diese Stimmen waren nicht seine Stimmen gewesen, und auch die Worte hatten ihren Ursprung nicht in ihm. Er begriff nicht, wie das sein konnte oder was es besagte, aber ihm schien, dass dies das erste echte Zeichen war, das er je erhalten hatte. Ihn überkam eine große Erleichterung, und die Angst, dass die Gestalten aus dem Dark Web ihn und seine Mutter finden würden, fiel von ihm ab.

Er musste die massiven Riegel an der Tür der Schanze nicht öffnen, musste nicht die Turmtreppe hinabsteigen, den inneren Zwinger durchqueren, das Fallgitter heben und durch das innere Tor gehen. Er drehte sich lediglich einmal im Kreis, und mit dieser Drehung wurde aus der mittelalterlichen Kammer sein modernes Zimmer, in dem er neben einem Bett stand, das nicht aus Schilfrohren bestand.

Die vertraute, eindringliche Melodie kam von dem Klavier im Erdgeschoss, und wie immer ließ sie ihn an all die Dinge denken, die er nie tun würde. Er würde nie frei in die Welt ziehen können wie ein strömender Fluss, würde nie an fremde Ufer gelangen. Er würde nie »hinausziehen, um die Welt zu entdecken«, weil die Welt in ihrer Riesenhaftigkeit und Komplexität zu viel für ihn war. Obwohl die schöne Melodie Woody so fest umschloss wie der Zaun seiner autistischen Veranlagung, war er nicht der Ansicht, dass es ein trauriges Lied war. Ganz im Gegenteil. Der Song handelte vom Wert des Träumens von Dingen, die wirklich zu tun unmöglich waren. Und allen Einschränkungen seines Lebens zum Trotz war Woody doch ein Träumer allerhöchsten Ranges.

Er ging durch das Zimmer, öffnete die Tür und betrat den Flur im Obergeschoss. Die Musik rief ihn zurück in eine Welt, die er kannte und mit der er meistens zurechtkam, in das Haus zwischen den Kiefern, zu der Mutter, deren elegante Hände alles verschönerten, das sie berührten.