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Als er mit dem Nachtisch fertig war, stand Woody auf, umrundete den Küchentisch, bis er neben seiner Mutter stand, senkte den Kopf und blieb erwartungsvoll dort stehen. Nichts anderes konnte er tun, um ihr zu zeigen, dass er wieder in sein Zimmer gehen wollte. Es war seine Art, gleichzeitig »Danke« und »Gute Nacht« zu sagen.
Megan blieb sitzen, nahm seine rechte Hand, hob sie zu ihren Lippen und küsste sie. Sie zog ihn zu sich heran, küsste ihn auf Wange und Stirn.
Wie immer konnte er ihre Küsse nicht erwidern, weil seine Behinderung ihn emotional fesselte, aber er wurde gern geküsst. Sie hielt an der Hoffnung fest, dass einmal ein Tag kommen würde, an dem Woodys Vorratskammer voller zurückgehaltener Küsse und unausgesprochener Worte sich öffnen würde, sie ihn sagen hörte, dass er sie liebte, sie seine Lippen an ihrer Wange spüren würde.
Sie nahm seine Hand mit beiden Händen und sagte: »Du bist der allerbeste Junge, Schatz. Weißt du das?«
Nicht immer signalisierte er, dass er gehört hatte, was sie zu ihm sagte. An manchen Tagen reagierte er kaum oder gar nicht. Aber jetzt schüttelte er den Kopf.
»Doch, das bist du«, beharrte sie. »Das bist du. Du bist der beste Junge, der du nur sein kannst, und ich weiß zu schätzen, wie viel Mühe du dir gibst. Ich hab dich lieb, Woodrow Eugene Bookman.«
Seine Beschämung war fast mit Händen greifbar. Er hielt den Blick gesenkt und biss sich auf die Unterlippe.
»Putz dir die Zähne, und benutz Zahnseide. Nur zwei Minuten mit der Sonicare. Egal wie gern du zehn oder 20 Minuten lang putzen willst – nur zwei.«
Woody nickte.
»Ich komm später noch mal, um dich zuzudecken und zu schauen, ob alles in Ordnung ist.«
Als sie seine Hand losließ, durchquerte er die Küche und ging durch die Schwingtür, nicht mit dem Überschwang eines Jungen, sondern mit der Schwerfälligkeit eines kleinen, alten Mannes. Er war nicht nur ein kleines, verletzliches Kind, das in einer Entwicklungsstörung gefangen war. Er war auch ein Wunderkind mit einem hohen IQ, und die Ketten, die sein Zustand ihm auferlegten, verhinderten, dass er sein großes Potenzial entfalten konnte. Megan wagte es nicht, sich das Ausmaß von Woodys Frustration auch nur auszumalen.
Sie stand auf und ging zum Keypad neben der Hintertür. Damit Woody sich im Haus frei bewegen konnte, stellte sie die Alarmanlage in den Zu-Hause-Modus, womit die Tür- und Fenstersicherungen ebenso wie die Glasbruchsensoren aktiviert wurden, nicht jedoch die Bewegungsmelder. Die Fenster im Obergeschoss, die nicht leicht vom Boden oder dem Verandadach zu erreichen waren, waren nicht an die Anlage angeschlossen.