44

Woody zog seinen Schlafanzug an, ging in sein Badezimmer und putzte sich exakt zwei Minuten lang die Zähne. Dann benutzte er Zahnseide, besonders gründlich um die Zähne herum, die im transplantierten Gewebe eines Toten steckten.

Nein, ganz so unheimlich war es nicht gewesen. Der Mann war noch nicht tot gewesen, als er das Gewebe gespendet hatte. Er hatte die entsprechenden Vereinbarungen getroffen, als er noch gelebt hatte. Vielleicht hatte auch seine Familie das Entnehmen des Gewebes erlaubt, nachdem er gestorben war. Falls Letzteres zutraf, hoffte Woody, dass die Familie des Spenders nicht eines Tages zu ihnen kommen und auf Fotos mit ihm bestehen würde, weil er das Zahnfleisch ihres geliebten Angehörigen im Mund hatte. Er kannte den Namen des Toten nicht, also hatte die Familie wahrscheinlich auch nicht Woodys Namen erfahren, aber sie konnten jederzeit ein Gericht bemühen, um ihn herauszufinden. Gerichte waren unberechenbar, weil Richter Menschen waren. Es gab im Leben viele Gründe zur Sorge, aber Menschen waren die größte Problemquelle, vor allem wenn man eine geistige Behinderung wie er hatte, viele Menschen peinlich fand und wusste, dass sie einen auch peinlich finden würden, wenn sie irgendetwas über einen wüssten. Aber nicht alle waren nur peinlich. Manche waren auch zum Fürchten. Diese verströmten einen bestimmten, fast unmerklichen Geruch. Er konnte ihn nicht genau beschreiben, aber er konnte ihn wahrnehmen. Er hatte einiges über dieses Thema gelesen und erfahren, dass viele Hunde extreme Fälle von Schizophrenie und mörderischer Psychopathie riechen konnten. Vielleicht steckte also etwas Hund in ihm. Wenn er in Gegenwart zu vieler Leute war, die irgendetwas von ihm wollten, egal ob sie beängstigend oder nur peinlich waren, wollte er am liebsten schreien und schreien, bis sie sich die Ohren zuhielten und davonrannten. Aber er konnte ebenso wenig schreien, wie er ihnen sagen konnte, dass sie ihn in Ruhe lassen sollten. Also bekam er stattdessen mörderische Kopfschmerzen und wurde so nervös, dass er nicht mehr denken konnte. Manchmal wurde ihm auch schlecht. Sein Magen, seine Gedärme, alles in seinem Bauch fühlte sich dann an, als ob es sich gelöst hätte und unbefestigt darin herumschwappte, und er bekam schreckliche Angst davor, dass er einen maschinengewehrartigen Furz lassen könnte. Nichts war peinlicher als Fürze, nicht einmal wenn die Familie eines toten Zahnfleischspenders kam, um Fotos mit einem zu machen.

Als er im Badezimmer fertig war, schaltete Woody das Licht aus, ging ins Schlafzimmer und starrte seinen Computer an.

Nach ein wenig Nachdenken ging er auf Hände und Knie hinunter, kroch unter seinen Schreibtisch und verkabelte alles wieder. Die bösen Menschen von der Tragedy-Website konnten ihn nicht aufgespürt haben. Und er würde diese Seite nie wieder aufrufen.

Sein Bericht – Die Rache des Sohnes: Gewissenhaft gesammelte Beweise für monströse Bosheit – lag auf dem Tisch. Er hatte ihn seiner Mom geben wollen, aber dann hatte ihn einer seiner Zustände überkommen und er hatte sich nach Schloss Wyvern begeben müssen.

Er würde ihn am nächsten Morgen gleich als Erstes auf den Frühstückstisch legen.

Jetzt dachte er wieder an die Wörter, die auf dem Bildschirm erschienen waren, als er tief im Dark Web gesteckt hatte. Du schon wieder. Und dann: Du bist nicht Alexander Gordius. Und schließlich: Wir werden dich finden.

Letzteres war nur ein Bluff gewesen. Sie konnten sein Signal nicht zur Quelle zurückverfolgt haben, nicht nach all seinen Vorsichtsmaßnahmen.

Dennoch war er ziemlich sicher, dass er nicht in der Lage sein würde, gleich einzuschlafen. Also schichtete er seine Kissen zu einem Stapel auf und setzte sich mit einem Roman von Patrick O’Brian aufs Bett, ein Seefahrerabenteuer, das im 18. Jahrhundert spielte. Es war eine aufregende Geschichte über Mut, Ehre und unverbrüchliche Loyalität, Eigenschaften, die Woody bewunderte und für wichtig hielt. Aber er bezweifelte, dass er sie jemals selbst in irgendeinem bedeutenden Maße besitzen würde angesichts der Katastrophe, die er nun einmal war. Doch ein Weg, etwas zu lernen, bestand darin, sich andere zum Vorbild zu nehmen. Deshalb las er Bücher wie dieses, aber natürlich auch, weil er gute, packende Geschichten mochte. Aus demselben Grund – dem, dass man vielleicht einmal zu dem wurde, was man las – mied er Romane über Vampire, Werwölfe und Zombies.