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Nachdem Megan das Geschirr gespült und abgetrocknet hatte, gönnte sie sich nach ihren ersten zwei Gläsern noch ein halbes Glas Wein. Sie setzte sich an den Küchentisch, um den Cabernet zu genießen, während sie noch zwei Kapitel ihres Romans las.
In den späten Abendstunden hatte sich ein Wind aus dem Nordwesten erhoben, der die Nacht mit Flüstern und Stöhnen erfüllte. Von Zeit zu Zeit waren von der hinteren Veranda dumpfe Klopfgeräusche zu hören, die aber nicht von einem Einbrecher stammten, sondern von einem der Schaukelstühle, den der Wind gegen das Haus stieß. Der Hängekorb mit den Fuchsien schaukelte hin und her, wobei die Reibung der Kette am Haken ein Knarren und Quietschen erzeugte, das wie eine Säge klang, die sich durch etwas Hartes wie Knochen fraß.
Es kam hin und wieder vor, dass Geräusche im Haus sie an Einbrecher denken ließen – Schritte unsichtbarer Phantome, das Knarren einer Tür. Aber es waren immer nur ganz gewöhnliche Geräusche eines sich setzenden Hauses, die durch den beständigen Wind, der auf das Gebäude traf, noch verstärkt wurden.
In den Wochen unmittelbar nach Jasons Tod, als Megan und Woody auf dieses Grundstück am Rand von Pinehaven umgezogen waren, waren ihr die Nächte hier nicht so romantisch erschienen, wie sie sie aus ihrer Jugend in Erinnerung hatte. Bestenfalls brachte der Einbruch der Dunkelheit eine merkwürdige Atmosphäre mit sich, die an fremde Sphären denken ließ, als wüsste die Natur von ihren Jahren in der Stadt, hielte sie für eine Verräterin und hieße sie hier nicht mehr willkommen. Schlimmstenfalls wirkten die Nächte bedrohlich, denn seit ihrer Kindheit war die Welt verkommener geworden, selbst hier in Pinehaven County. Es war leicht vorstellbar, dass abscheuliche, dekadente Gestalten wie die Betreiber von Meth-Laboren und halb wahnsinnige Endzeit-Einsiedler sich tief in die Wildnis zurückgezogen hatten und nachts näher kamen, um sie aus dem Wald zu beobachten. In den ersten Monaten nach ihrem Einzug hatte sie jeden Abend nach Sonnenuntergang alle Vorhänge und Rollläden geschlossen.
Aber die Einheimischen hatten sie mit offenen Armen empfangen, und mit der Zeit war ihr das Land wieder so gütig erschienen wie in ihrer Jugendzeit. Heute hegte Megan nicht mehr den Verdacht, dass der Wald einem Sammelsurium heruntergekommener Unholde eine Heimstatt bot, und die Nacht brachte nur noch Sterne und den Mond. Manche Witwen hätten empfunden, dass ihre Einsamkeit sich durch das Leben auf diesem isolierten Grundstück noch verstärkte, wenn sie es lediglich mit einem Jungen teilten, der nie sprach. Aber Megan war der Ansicht, dass Einsamkeit die Gelegenheit zu Kontemplation und Selbstreflexion bot. Diese wiederum führten dazu, dass sie ihren Verlust besser akzeptieren konnte und hier schneller Frieden fand, als es vielleicht an einem anderen Ort der Fall gewesen wäre.
Sie las ein Kapitel ihres Buchs zu Ende, leerte ihr Weinglas, klappte Ersteres zu und spülte Letzteres in der Spüle aus.
Dann ging sie das Erdgeschoss ab, prüfte alle Türschlösser und schaltete die Lichter aus.
In der Diele, am Türbogen zum Wohnzimmer, streckte sie die Hand zum Wandschalter aus und sah, dass Woody hier gewesen war, bevor er in sein Zimmer gegangen war. Die silbern eingerahmten Fotos lagen nicht mehr mit der Bildfläche nach unten auf dem Steinway-Flügel. Sie alle standen zur Klavierbank gedreht, sodass sie sie sehen konnte, falls sie spielte. Aber sie sollten in diese Richtung gedreht sein, zum Zimmer. Am Morgen würde sie sie richtig hinstellen. Im Moment war ihr nur wichtig zu wissen, dass er sie gehört hatte, dass er verstanden hatte, was sie darüber gesagt hatte, die Erinnerung an seinen Vater lebendig zu halten, und dass er damit einverstanden war.
Sie löschte das Licht im Wohnzimmer.
Die Haustür war verriegelt.
Unter dem Wort ›Home‹ auf dem Keypad der Alarmanlage leuchtete ein rotes Lämpchen ebenso wie auf der Kontrolleinheit an der Hintertür. Eine dritte befand sich im Hauptschlafzimmer.
Mit dem Buch in der Hand und der Absicht, sich in den Schlaf zu lesen, stieg Megan die Treppe hinauf.
Der Wind schien prüfend am Haus zu rütteln. Irgendwo oben brachte er ein Stück Blech zum Klappern – vielleicht den Flansch am Ende des Funkenfängers im Kamin. Er pfiff durch leere Regenrinnen, schlug mit geballten Fäusten an die Fensterscheiben, rang den Dachsparren auf dem Dachboden, den Kehlbalken und Türschwellen Knarzen und dumpfes Ächzen ab wie die Wellen des Meeres, die das Holz eines Schiffsrumpfs zum Sprechen brachten.
Nachdem sie leise an Woodys Tür geklopft hatte, öffnete sie sie. Im Licht der Nachttischlampe sah sie, dass er tief und fest schlief. Er lehnte in halb sitzender Haltung an einem Kissenstapel und hatte ein aufgeklapptes Buch auf dem Schoß liegen.
Aus dem Karton auf dem Nachttisch zog sie ein Taschentuch, benutzte es, um die Stelle zu markieren, an der er zu lesen aufgehört hatte, und legte das Buch zur Seite. Sie nahm zwei Kissen von dem Stapel, an dem der Junge lehnte, brachte ihn vorsichtig in eine günstigere Schlafposition und zog die Decke über ihn.
Obwohl Woody selten mehr als fünf oder sechs Stunden schlief, war sein Schlaf sehr tief. Megans fürsorgliche Berührungen weckten ihn nicht.
Sie küsste seine glatte, kühle Stirn und stellte die Drei-Stufen-Lampe auf die schwächste Leuchtkraft ein.
Als sie einen Schritt vom Bett zurücktrat, murmelte der Junge im Schlaf. Sie drehte sich um, betrachtete ihn, hörte genauer hin und kam zu dem Schluss, dass sein Traum, wovon er auch immer handelte, kein Albtraum war. Er machte keinen gequälten Eindruck. Als sie schon beinahe an der Tür war, glaubte sie, ihn ein Wort aussprechen zu hören, nicht das zusammenhanglose Murmeln und Wimmern eines Träumers, sondern tatsächlich ein Wort. Das erste seines Lebens.
Vielleicht eine Minute lang stand sie wie angewurzelt da und horchte. Aber falls er wirklich gesprochen hatte, tat er es jedenfalls nicht noch einmal. Auch das Murmeln und Stöhnen hatte aufgehört. Er lag ganz still da.
Was sie aus seinem verträumten Murmeln herausgehört hatte, musste sie sich nur eingebildet haben. Schließlich kannten weder er noch sie eine Person namens Dorothy.