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Das Gästeschlafzimmer am Ende des oberen Flurs ist dunkel, die Tür angelehnt. Shacket beobachtet durch den Türspalt, wie das Miststück an die Tür des Jungen klopft und dann in sein Zimmer geht.
Als sie etwa zwei Minuten später wieder herauskommt, geht sie auf ihn zu, ohne zu ahnen, dass sie beobachtet und begehrt wird. Sie schaltet das Licht im Flur aus und betritt das Elternschlafzimmer.
Diese Tür verfügt nicht über einen richtigen Riegel, nur über eine schwache Verriegelung über einen Knopf im Türknauf. Wahrscheinlich wird sie nicht einmal die benutzen. Die Alarmanlage ist eingeschaltet, Türen und Fenster sind gesichert. Sie hat nicht das Gefühl, in Gefahr zu sein.
Vorher, als sie mit dem Jungen beim Abendessen saß, ist Shacket noch einmal in ihr Schlafzimmer gegangen, weil er sich plötzlich fragte, ob sie vielleicht eine Waffe hat. Bei einer alleinstehenden Frau ist das nicht unwahrscheinlich.
Er hat die Waffe gefunden, der Safe ist am Bettrahmen befestigt. Zuvor hatte er ihn übersehen. Um ihn zu öffnen, war ein vierstelliger Zahlencode nötig.
Er wusste einige wichtige Dinge über Megan, und etwas davon würde ihm wahrscheinlich die nötige Information liefern. Wenn sie solche Geräte programmierten, neigten die Leute dazu, eine Zahlenfolge zu wählen, die sie nicht vergessen würden. Er kannte ihren Geburtstag, Jasons Geburtstag, auch den von Woody, dazu das Datum ihrer Hochzeit, bei der er ein Gast, aber natürlich nicht der Trauzeuge gewesen war. Er hatte die Zahlen in dieser Reihenfolge ausprobiert. Das Hochzeitsdatum war die Lösung gewesen.
Die zehn Patronen schwimmen jetzt in der Toilettenschüssel im Gästebadezimmer und warten darauf, hinuntergespült zu werden.
Er verlässt das Gästezimmer und geht durch den Flur auf das Elternschlafzimmer zu. Dort legt er ein Ohr an die Tür, lauscht und hört fließendes Wasser.
Als er den Türknauf dreht, stellt er fest, dass die Verriegelung nicht aktiv ist. Er schiebt die Tür einige Zentimeter weit auf. Beide Nachttischlampen leuchten. Die Tür zum Badezimmer steht halb offen. Megan sieht er nicht, aber er hört das Surren einer elektrischen Zahnbürste.
Auf dem Bett liegt ein Buch. Offenbar hat sie vor, noch eine Weile zu lesen.
Wenn er seine Fantasie in die Tat umsetzen will, sich auf sie zu legen, wenn sie schläft, und in sie einzudringen, wenn sie aufwacht, muss er ihr noch ein paar Stunden Zeit lassen.
Er schließt die Tür leise und bahnt sich seinen Weg durch das lichtlose Haus, das für ihn nicht dunkel ist.