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Rastlos wie der die Nacht durchstreifende Wind geht Lee Shacket die dunklen Räume des Erdgeschosses ab.
Nicht nur die Notwendigkeit, auf Megans Einschlafen zu warten, frustriert ihn, sondern auch die Langsamkeit seiner Verwandlung. Wenn dieser horizontale Gentransfer abgeschlossen ist, wird er ein eindrucksvollerer Mann sein als jetzt, wird über allen Menschen und Gesetzen stehen, einschließlich der Naturgesetze. Er brennt darauf, kann es gar nicht erwarten, seiner einzigartigen Bestimmung zu folgen. Intuitiv spürt er, dass die programmierten Archaeen noch weitere Veränderungen anstoßen werden, ihn so mächtig machen werden, wie Menschen es sich kaum erträumen können. Aber ihm fehlt die Fantasie, vorauszusehen, was seine neuen Stärken und Fähigkeiten sein werden. Er will sie sofort.
Während der Wind abgestorbene Nadeln von den Kiefern weht und sie durch die Nacht bläst, bis sie wie Hagel an die Wohnzimmerfenster prasseln, umkreist Shacket das Klavier, dessen bloße Anwesenheit ihn ärgert aus Gründen, die er nicht benennen kann.
Wenn sie seine gehorsam im Halsband steckende Hündin ist, wird sie nicht mehr auf dem verdammten Ding spielen. Er wird ihr nicht erlauben, zu malen oder Musik zu machen. Ihr wird nur gestattet sein, sich zu unterwerfen und ihm mit allem zu dienen, was er sich wünscht. Und es wird ihr gefallen.
Die zehn leeren Bilderrahmen sind Zeugnisse einer Vergangenheit, die er auslöschen wird, eines Ehemanns und eines Sohns, die aus ihrem Gedächtnis verschwinden werden, damit ihr Leben heute Nacht, unter ihm, neu beginnt. Er tastet nach den zusammengefalteten Fotos in seiner Jeanstasche und kommt zu dem Schluss, dass es gar nicht nötig sein wird, sie zusammenzuknüllen und sie ihr in den Hals zu stopfen, um sie für ihren Widerstand zu bestrafen.
Sie wird keinen nennenswerten Widerstand leisten. Mit jeder Stunde wird er stärker. Er fühlt die zunehmende Dichte seiner Muskeln und eine nie gekannte Zugfestigkeit. Es wird ihm ein Leichtes sein, sie unter sich festzuhalten. Bei der geringsten Provokation wird er eines ihrer Ohren abbeißen, es durchkauen und ihr ins Gesicht spucken. Das wird sie so entsetzen, dass sie gehorchen wird, aber es wird ihre Schönheit nicht nennenswert mindern, die sie behalten muss, um seiner wert zu sein.
Sie muss es außerdem wert sein, die Mutter einer neuen Spezies zu werden, denn sie wird viel Nachwuchs austragen, Kinder, die nach Shackets Bild geformt sind, gesegnet mit seinen überlegenen Genen. Es werden nicht nur Kinder sein, sondern Halbgötter, in denen sich die verschiedenen Attribute vieler Arten vereinen. Er hat keinen Zweifel mehr daran, dass er weitergeben wird, was die Milliarden – Billionen! – Archaeen in ihm verankert haben. Seine Hoden fühlen sich geschwollen an, voll mit dem Samen, der eine neue Welt begründen wird.
Er holt die Fotos aus der Tasche. Sie rutschen ihm aus den Fingern. Er trampelt auf ihnen herum, während er aus dem Zimmer geht.
Seine sich verwandelnde Sicht verstärkt noch die schwächsten Lichtquellen, sodass er mit zunehmender Unruhe, aber ohne irgendetwas umzustoßen, durch die Räume und Flure navigieren kann. Er ist so leise wie ein Silberfisch, der unter einem Bodenbrett hervorkriecht, um in der von ihm bevorzugten Finsternis auf Entdeckungsreise zu gehen.
Trotz der wundersamen Natur seines Werdens, oder vielleicht gerade deshalb, kann er nicht einfach herumsitzen und abwarten. Selbst während er von einer Stelle zur anderen geht, zappelt er herum, ringt die Hände, fährt sich durchs Haar, zupft an den Stellen seines T-Shirts, die mit Justines Blut verkrustet sind, leckt sich über die Zähne, um ihrem Geschmack nachzuspüren.
Er findet sich in Megans Kunstatelier wieder, steht am Fenster, ohne sich zu erinnern, wie er hierhergelangt ist. Die hohen, schlanken Bäume im Garten biegen sich stark nach Südosten, als ob sich die Erdrotation so stark beschleunigt hätte, dass alles, was in der Erdkruste wurzelt, losgerissen wird und ins All stürzt. Die Heftigkeit des Windes erregt Shacket, regt ihn an, Dinge zu zerbrechen, wie der Wind dünne Zweige zerbricht, Dinge zu zerreißen, wie er Blätter zerfetzt, die er durch die Nacht wirbeln lässt wie Kolonien deformierter Fledermäuse.
Dann ist er wieder in Bewegung, durchquert eine bizarre Architektur, als würde sich das Haus seiner eigenen Verwandlung anpassen. Die Flure sind jetzt Tunnel, allerdings keine in die Erde oder den Fels gehauene, sondern geformt aus irgendeinem abgesonderten organischen Material, das an raues Papier erinnert. Die fensterlosen Räume sind grob gerundet wie Kammern eines Nests. So seltsam es auch ist, er hat dennoch das Gefühl hierherzugehören, angezogen von der Aussicht auf eine Zusammenkunft mit einer Horde von seiner Art.
Doch das erweist sich als Halluzination – oder als eine aus dem Instinkt, nicht aus der Erfahrung geborene Erinnerung –, denn als Nächstes findet er sich in der Küche wieder, hungriger, als er je zuvor gewesen ist. Er legt seine Pistole auf den Tisch und durchwühlt das Tiefkühlfach unter dem Kühlschrank. Dort findet er vier Steaks – Filet Mignon – in versiegelten Verpackungen, auf denen der Name eines erstklassigen Fleischlieferanten steht. Er reißt eine der Packungen auf und kaut auf dem rohen Produkt, aber es ist gefroren und stellt ihn nicht zufrieden.
Ohne sich mit einem Teller aufzuhalten, legt er das Steak in die Mikrowelle, drückt die Defrost- Taste und sieht durch das Ofenfenster zu, wie das Karussell der Bestrahlung sich dreht. Als das Filet ein wässriges Serum ausweint, das etwas Blut enthält, hört Shacket sich selbst einen dünnen Laut der Gier ausstoßen, der einer der vielen Stimmen des Windes ähnelt.
Als er es aus der Mikrowelle nimmt, ist das Fleisch noch kühl, aber nicht mehr eisig, es ist in seinen eifrigen Händen formbar, feucht und zart zwischen seinen Zähnen. Der Geschmack ist erträglich, die Beschaffenheit nicht abstoßend, aber es ist auch nicht das, was er sich erhofft hat, was er braucht. Die schlaffe Rindfleischmasse in seiner Hand wehrt sich nicht, sie schreit nicht, als er sie zerreißt, sie befriedigt ihn nicht wie Justine auf der Wiese.
Er streift wieder durch das Haus, von Fenster zu Fenster, begehrt den Wind und die Dunkelheit, will da draußen im Tumult sein, der zu ihm spricht, ihn aufwühlt. Sein Herz rast. Sein Puls hämmert in den Schläfen.
Wieder ist er in der Küche, starrt die Steaks an, die auf dem Boden liegen und auftauen.
Dann steht er an der Haustür, starrt das Wort unter dem winzigen roten Lämpchen an: Zuhause.
Er wendet sich von dem Keypad und der Tür ab.
Er steigt die Treppe hinauf.
Im oberen Flur folgt er dem persischen Läufer und gelangt zum Elternschlafzimmer. Ein Lichtstrahl schneidet durch den halben Zentimeter zwischen der Tür und dem Mahagoniboden. Das Miststück ist noch wach, sie liest. Er will sie nehmen, wenn sie schläft. Wenn sie schläft.
Dort steht er eine Weile, starrt auf das Licht hinunter, das funkelt wie eine Rasierklinge. Seine Gedanken drängen, sind lüstern und chaotisch. Mit einer Hand reibt er sich den Schritt. Mit der anderen zerrt er an seinem Gesicht, als wäre es eine Maske, die er abnehmen will, verdeckt seinen zuckenden Mund, um einen Schrei zu unterdrücken, der herauswill. Der die Nacht erschütternde Wind ermutigt ihn, in sein Toben einzustimmen, und zahlreiche Gelüste plagen ihn.
Er wendet sich von ihrem Zimmer ab und zieht sich zur Treppe zurück.
An der Tür zum Zimmer des Jungen bleibt er stehen. Nur ein Streifen schwachen Lichts schleicht über den polierten Mahagoniboden. Falls es drinnen Geräusche gibt, sind sie zu leise, um sie im Heulen des Windes zu hören.
Planänderung. Der Junge zuerst. Shacket öffnet die Tür. Er tritt ein. Schließt die Tür leise hinter sich.