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Der Four Square Diner befand sich direkt gegenüber dem Gerichtsgebäude von Pinehaven County, dem Sheriffsrevier und dem Leichenschauhaus, auf der anderen Seite des Stadtparks. Zu den Hauptgeschäftszeiten konnte das Gemisch der von hier ausgehenden Aromen jeden, der sich an eine strikte Diät halten musste, zum Weinen bringen. Aber zu dieser späten Stunde duftete die Luft nur nach Speck und Kaffee.
Ein Deputy des Sheriffs, Bern Holland, der von acht Uhr abends bis um fünf Uhr morgens Dienst hatte und daher zu ungewöhnlichen Zeiten aß, saß dort am Tresen und verspeiste eine Mahlzeit aus Speck-Ei-Sandwiches mit Fritten. Die anderen beiden Männer am Tresen waren gekommen, um Kaffee zu trinken.
Carson Conroy saß in einer Sitzecke am Fenster und hatte eine Tasse schwarzen Kaffee und ein breites Stück Rosinen-Pflaumenkuchen vor sich.
Als er die Obduktionen von Painton Spader und Justine Klineman abgeschlossen hatte, war die normale Abendessenszeit lange vergangen gewesen – ebenso wie sein Appetit. Mit den Jahren hatte der Zustand von Menschen, die durch Unfälle oder Morde ums Leben gekommen waren, ihm keine Übelkeit mehr verursacht und außer Mitgefühl keine Emotionen mehr bei ihm ausgelöst. Das Leichenschauhaus war ein Ort der Toten, denen nicht mehr zu helfen war und die nichts mehr zu hoffen hatten, so abgeschieden von der Welt der Lebenden wie ein Traum von der Realität. Wenn er seine Arbeitsstelle verließ, war es immer, als würde er sich von den Trugbildern des Schlafs abwenden. In seinem ausgefüllten Leben nach Feierabend dachte Carson für gewöhnlich nicht mehr über das nach, was er auf dem Obduktionstisch gesehen hatte, jedenfalls nicht mehr, als man sich einen Traum kurz nach dem Erwachen noch einmal durch den Kopf gehen ließ. Für gewöhnlich. Aber dies war alles andere als ein gewöhnlicher Fall. Er hatte keinen Appetit auf sein verspätetes Abendessen, ganz sicher nicht auf Fleisch oder irgendetwas Herzhaftes, sondern nur auf Kaffee und süßen Früchtekuchen.
Halloween schien dieses Jahr sechs Wochen zu früh zu kommen – der Wind brüllte und heulte vor den Fenstern, die Bäume im Park schüttelten ihre zottigen Kronen im eisigen Licht der hohen Straßenlaternen. Als ein Leichenwagen am Diner vorbeifuhr, im Grunde ein umgebauter Krankenwagen inklusive auf dem Dach montierten Blaulichts, dessen Wagentür das Zeichen des Generalstaatsanwalts von Kalifornien zierte, schien sich der heiße Schluck Kaffee, den Carson gerade genommen hatte, schlagartig abzukühlen. Das Auto hätte auch nicht bedrohlicher wirken können, wenn es ein langer schwarzer Cadillac mit getönten Scheiben und einem Kennzeichen mit sieben Nullen gewesen wäre. Carson lief ein kalter Schauer über den Rücken, denn intuitiv wusste er, dass dies etwas mit den zwei Leichen zu tun haben musste, die im Leichenschauhaus in Kühlfächern lagen.
Sacramento, die Hauptstadt des Bundesstaats, war zwei Stunden entfernt. Aber die Reise konnte auch weniger Zeit beansprucht haben, falls sie ihr Blaulicht und das Martinshorn benutzt hatten.
Obwohl einige Ladenfenster ein warmes Licht verströmten, waren die Geschäfte rund um den Platz geschlossen und niemand war derzeit draußen unterwegs.
Der Leichenwagen verlangsamte sich am Nordende des Platzes, bog nach links ab, wurde noch langsamer und fuhr noch einmal nach links. Zweifellos war er auf dem Weg zu den Verwaltungsgebäuden des Countys an der Westseite des Parks. In der Mitte des schmalen, etwa 25 Meter breiten Grasteppichs befanden sich ein dreistufiger Springbrunnen und ein paar Bänke. Sieben Kiefern schmückten den Park, alle so alt, dass ihre niedrigsten Äste knapp oberhalb der Köpfe durchschnittlich großer Männer hingen. Carson hatte freie Sicht auf das Fahrzeug des Generalstaatsanwalts. Dieses blieb stehen, schien zu zögern und bog dann nach rechts in die Verbindungsgasse zwischen dem Hauptquartier des Sheriffs und der Leichenhalle ein, wobei das Licht seiner Scheinwerfer über die Ziegelmauern der Gebäude glitt.
Carson ließ seinen restlichen Kuchen und den Kaffee stehen und legte eine Summe auf den Tisch, die für die Rechnung und das Trinkgeld ausreichte. Auf seinem Weg nach draußen sagte er der jungen Kellnerin Angela, dass er im Zombiekeller gebraucht werde – das war ihre Bezeichnung für die Leichenhalle.
Obwohl dem Sommer offiziell noch eine Woche Zeit blieb, seine Herrschaft über die Berge zu genießen, war der kühle Wind bereits ein Vorbote des Herbstes. Der Duft von Kiefernnadeln und dem gefilterten Holzrauch der Kamine lag in der Luft. Der Sturm zwang Carson, den Kopf einzuziehen und die Augen zuzukneifen gegen die umherfliegenden Baumnadeln und den feinen Staub, den er mit sich trug.
Er ging über eine Straße, durch den Park, über eine weitere Straße und betrat die Gasse in dem Moment, als der Leichenwagen nach rechts auf den städtischen Parkplatz hinter dem Leichenschauhaus fuhr und außer Sicht geriet. Als er sich dem Seiteneingang zum Sheriffsrevier näherte, wurde die Tür geöffnet und Sheriff Hayden Eckman trat in die Gasse hinaus.
Im Licht der Sicherheitslampe direkt über seinem Kopf war sein Gesicht gespenstisch weiß. Eckman wirkte nicht nur überrascht, Carson zu begegnen, sondern richtiggehend beunruhigt. Aber zum Sheriff des Countys wurde man gewählt, und als vollendeter Politiker wandelte Eckman seinen Schreck sofort in ein Lächeln um, das zu sagen schien: Ach, was für eine Erleichterung, dass Sie hier sind.
»Carson! Ich dachte, Sie würden schon zu Hause im Bett liegen. Ich hätte ja angerufen, aber Sie haben schon so einen langen Tag hinter sich, da wollte ich Sie nicht stören.«
Ein paar Stunden früher am Abend hatte sich Carson in der Leichenhalle mit dem Sheriff getroffen, um die Ergebnisse der Obduktionen durchzugehen. Sie waren sich einig gewesen, erst dann eine Pressemeldung herauszugeben, wenn man die Familien der Verstorbenen gefunden und benachrichtigt und der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Beamte genug Zeit gehabt hatte, ein Statement zu verfassen, das die Tatsachen über die Morde vermittelte, ohne unnötig Panik zu verbreiten.
Angesichts der extremen Gewalt und des Kannibalismus war Carson eigentlich der Ansicht, dass die Öffentlichkeit in Panik sein sollte. Aber in sein Amt war er nicht gewählt worden, und weil er aus einer Stadt stammte, in der politische Macht jede andere Kraft in der Gesellschaft übertrumpfte, wusste er, wie verrückt es war, für die Wahrheit einzustehen, wenn diejenigen, die ihren Status durch Wählerstimmen gewonnen hatten, eine andere Version der Wahrheit vertraten, die ihren Wählern mehr entgegenkam.
Während der brausende Wind eine leere Bierdose durch die Gasse klappern ließ, fragte Carson: »Was ist los?«
»Sie werden’s nicht glauben«, erwiderte Hayden Eckman. »Kommen Sie mit, dann sehen Sie’s selbst.« Er eilte die Gasse entlang zum städtischen Parkplatz, wohin der Leichenwagen aus Sacramento verschwunden war.