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Ein paar Minuten nach Mitternacht klappte Megan den Roman zu und legte ihn auf den Nachttisch. Sie wollte gerade das Licht ausschalten, als ihr einfiel, dass sie ihre Pistole nicht aus dem Safe am Bettrahmen genommen hatte.
Sie schlüpfte aus dem Bett, kniete sich hin und gab die vier Ziffern ihres Hochzeitsdatums ein. Die Tür der kleinen Metallbox öffnete sich mit einem Klicken, sie nahm die 9-Millimeter von Heckler & Koch heraus – und erstarrte plötzlich.
Sie verstaute die Pistole immer mit der Mündung zur Wand, zum Kopfende des Bettes. Die Box war entsprechend geformt. Man konnte die Waffe zwar auch anders in den Safe legen, aber dieser war speziell darauf ausgerichtet, dass der Griff in Richtung Fußende lag. Jetzt lag sie verkehrt herum.
Sie hatte die Pistole noch nie in dieser Position eingeschlossen.
Verna Brickit kannte die Kombination nicht. Nur Megan konnte den Waffensafe öffnen.
Außerdem fühlte die Waffe sich nicht richtig an. Die Angst schärfte ihre Sinne, sodass sie jedes einzelne Instrument in der Symphonie des Windes und jede Antwort des Hauses darauf hören konnte. Sie sah ihr gespenstisches Spiegelbild noch im entferntesten Fenster, sah die windgepeitschten Bäume im dunklen Garten und im dunklen Wald, der eigentlich außerhalb ihrer Sichtweite liegen sollte, fühlte jeden noch so leichten Windhauch, der über ihre nackten Beine strich. Und sie spürte, dass die Pistole ungewöhnlich leicht war.
Sie übte jeden Monat an einem Schießstand, oft 200 Schüsse pro Trainingseinheit. Daher wusste sie, wie die Heckler sich im geladenen Zustand anfühlte. Sie nahm das Magazin heraus. Es war leer.
Als sie sie am letzten Morgen eingeschlossen hatte, waren zehn Patronen in der Waffe gewesen. Jemand musste ins Haus gekommen sein, bevor sie die Alarmanlage für die Nacht aktiviert hatte. Jemand war noch hier. Aber wer?
Obwohl sie sich in ihrer Schlafkleidung nackt fühlte, ging sie zuerst zum begehbaren Kleiderschrank. Als sie den Türknauf drehte, wurde ihr bewusst, dass sie den Schrank nicht betreten hatte, als sie zu Bett gegangen war. Er ist dadrin! Es war ein irrationaler Gedanke, und sie wusste, dass er aus der Angst geboren war. Und tatsächlich lauerte im Schrank niemand auf sie. Sie schaltete das Licht ein.
Der Metallkanister war in einer tiefen Schublade verstaut, die mit Laufshorts und Jogginghosen gefüllt war. Sie holte ihn, schraubte den Deckel ab, nahm eine Schachtel Gold-Dot-Munition hervor. Dann öffnete sie beide Enden der Box, drückte einen eierschalenförmigen Plastikbehälter heraus, in dem 20 Patronen lagen, und eilte zum Bett zurück.
Mit zitternden Händen löste sie die Patronen aus dem Behälter und ließ dabei drei auf den Teppich fallen. Sie ermahnte sich, nicht die Beherrschung zu verlieren. Woody. Woody darf nichts passieren. Bitte, Gott. Ihre Hände wurden ruhiger, obwohl es unter diesen Umständen schwerer war, das Magazin zu füllen, als auf dem Schießplatz. Komm schon, Megan, lad das verdammte Ding, alle zehn Patronen. Vielleicht wirst du sie alle brauchen.
Als es getan war, warf sie einen Blick auf das Telefon auf dem Nachttisch. Die Nummern der Polizei und des Rettungsdienstes waren auf ein von der Gemeinde verteiltes Kärtchen direkt am Apparat gedruckt, zwischen Hörer und Tastatur. Nein. Zuerst Woody. Der Deputy würde fünf, vielleicht zehn Minuten brauchen, um hierherzukommen. Sie hatte auch keine Zeit, sich die bereitgelegte Jeans anzuziehen. Sofort zu Woody, ihn hierherholen, die Tür abschließen und mit einem Stuhl blockieren, dann die Polizei anrufen, dann in die Jeans und den Pullover schlüpfen.
Sie ging zur Tür in den Flur, fasste den Knauf mit der linken Hand, die Pistole mit der rechten. Am liebsten hätte sie die Waffe in beiden Händen gehalten, aber das war nicht möglich.
Türen waren etwas Furchtbares. Man wusste nie, was hinter einer lauerte. Falls ein Einbrecher auf der anderen Seite bereitstand, falls er auf sie zurannte, sobald sie die Tür öffnete, konnte er sie aus dem Gleichgewicht bringen, sie schlagen, ihr die Pistole aus der Hand reißen. Nur dass er wahrscheinlich glaubte, die Waffe sei nicht geladen und damit keine Gefahr für ihn. Also hätte sie die Überraschung auf ihrer Seite, selbst wenn er sie von den Beinen riss.
Vielleicht hätte sie nicht so lange brauchen sollen, um es zu begreifen, aber ihr wurde erst jetzt klar, dass er nicht in ihr Zimmer gekommen wäre, um irgendwie den Safe zu öffnen und die Heckler zu entladen, wenn seine Absicht gewesen wäre, das Haus zu plündern, ohne ein Risiko einzugehen. Er hatte sie entwaffnet und sich Zeit gelassen, hatte sich irgendwo im Anwesen versteckt und gewartet, dass sie sich schlafen legte, damit er sie leicht überwältigen und vergewaltigen konnte.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als sie die Tür zum Flur öffnete.