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Mit der Pistole in der Hand und noch sieben Patronen im Magazin hastete Megan barfuß durch Woodys Zimmer in den Flur. Im selben Moment riss Shacket die Haustür mit solcher Wucht auf, dass sie heftig gegen den Türstopper schlug. Er hatte eins der Türfenster eingeschlagen und hindurchgegriffen, um den Riegel zu öffnen.
Der Wind rauschte in das Haus, knurrte und heulte, die Alarmanlage schrillte. Megan erreichte das obere Ende der Treppe rechtzeitig, um noch zu sehen, wie Shacket eine große Vase vom Sideboard in der Diele nahm und sie wütend an die Wand warf. Dann verschwand er blitzschnell wie ein Panther in den Gang, lief zur Rückseite des Hauses.
Er war wahnsinnig, aber er war noch etwas Fremdartigeres: wild, unheimlich, mächtig, unberechenbar. Wäre er die Treppe hinaufgerannt, hätte sie mehrere Schüsse auf ihn abgefeuert. Aber so dreist er auch war – unvorsichtig war er nicht.
Sie erinnerte sich an etwas, das er gesagt hatte: Aber wir machen alle Fehler, was, Megan? Ich habe zum Beispiel einen gemacht, als ich meine Pistole in deiner Küche liegen gelassen habe …
Er war zurückgekommen, um seine Waffe zu holen.
Er konnte die Treppe hinaufsteigen, hier oder dort, aber wahrscheinlich aus der Küche, und schießen, sobald er das obere Ende erreichte.
Sie lief in Woodys Zimmer zurück und drückte den Knopf im Türknauf, um die Verriegelung einrasten zu lassen. Aber sie war so instabil, dass ein kräftiger Tritt die Tür öffnen würde. Stemm etwas dagegen. Hier war kein Stuhl mit gerader Lehne. Nur Woodys Bürostuhl mit Rollen und ein Sessel.
Shacket war auf dem Weg, und er war schnell. Links von der Tür stand eine Kommode mit sieben Schubladen und vier Standbeinen, die zu schwer war, um sie über den Teppich zu schleifen. Sie kippte sie um und sie fiel auf die Seite, wodurch sie die Tür auf Knaufhöhe blockierte.
Das Telefon klingelte. Der Alarm kreischte, der Wind heulte und das Telefon klingelte. Sie schnappte den Hörer von der Gabel. Weil sie wusste, dass es die Sicherheitsfirma sein musste, hörte sie nicht richtig hin, sondern rief nur: »Ein Mann mit einer Waffe ist im Haus, schnell, schnell, schnell! «
Sie legte nicht auf, sondern ließ den Hörer fallen und begab sich zur Badezimmertür.
Woody war noch da, wo sie ihn zurückgelassen hatte, aber er lag jetzt auf der Seite, in der Embryonalhaltung.
Sie wandte dem Jungen den Rücken zu und sah zur Flurtür auf der anderen Seite des Zimmers. Für das, was Shacket Woody bereits angetan hatte, dafür, dass er ihn in Angst und Schrecken versetzt, ihn angefasst hatte, wollte sie ihn töten. Selbst wenn dieser Mistkerl plötzlich zu Jesus finden, seine Pistole wegwerfen und um Vergebung bitten würde, würde sie ihn trotzdem töten, würde schießen und schießen und dabei eine große Befriedigung empfinden.
Er hätte längst da sein müssen. Der heulende Wind und das Knirschen, Klappern, Pochen, das er im Haus verursachte, das unnachgiebige Plärren des Alarms und wieder das Hämmern ihres Herzens. Aber sie hörte keine Schüsse, keine Schläge an die blockierte Tür.
Sie fragte sich, wo er steckte, musste daran denken, wie er aus dem Fenster gesprungen und auf allen vieren im Garten gelandet war. Seine Augen hatten in seinem mondbleichen Gesicht geleuchtet wie glühende Kohlen. Ihre Fantasie zeigte ihr, wie er mit der Eilfertigkeit einer Spinne an der Hauswand emporkroch, von draußen das Doppelfenster hob und hinter ihr ins Badezimmer stieg.
Hilfe war auf dem Weg, bewaffnete Hilfssheriffs, aber wahrscheinlich waren sie noch einige Minuten entfernt, und diese Zeit bedeutete hier und jetzt eine Ewigkeit.
Shacket rüttelte plötzlich am Türknauf, aber nur für einen Moment. Dann gab er zwei Schüsse auf das Schloss ab und zerstörte es. Er versuchte, die Tür aufzuschieben, aber die Kommode war schwer. Er stieß fester zu, und die Tür gab nach, zwei Zentimeter, fünf Zentimeter.
Sie stand schräg zum Türspalt, konnte ihn nicht sehen, aber sie feuerte auf den Türrahmen, feuerte noch einmal und sah, wie sein Druck gegen die Tür nachließ.
Jetzt hatte sie noch fünf Patronen.
Wie viele hatte er – sechs, acht?
Wieder stieß er heftig gegen die Tür, verschob die umgekippte Kommode um weitere Zentimeter. Falls es zu einem Schusswechsel kam, wäre sein Zielvermögen vielleicht ebenso unheimlich gesteigert wie seine animalischen motorischen Fähigkeiten. Das massive Türblatt war fünf Zentimeter dick. Zu versuchen, hindurchzuschießen, wäre wahrscheinlich Munitionsverschwendung gewesen.
Die Tür bewegte sich noch einmal fünf Zentimeter, dann noch einmal. Bald würde er ins Zimmer eindringen. Seinem bisherigen tollwütigen Verhalten nach zu urteilen, würde er schnell und geduckt hereinkommen und sofort schießen, und er würde sie dort erwarten, wo sie tatsächlich war: am Eingang zum Badezimmer, um ihren dort bewegungslos liegenden armen Jungen zu verteidigen.
Megan wich zurück und nutzte die geringe Deckung, die der Türrahmen bot. Sie hielt die Pistole beidhändig und zielte auf den breiter werdenden Türspalt, wo der Mistkerl bald zum Vorschein kommen würde.
Das unverkennbare an- und abschwellende Heulen einer Polizeisirene drang durch das Getöse des Windes und das Schrillen des Alarms. Es kam früher, als sie erwartet hatte, und wurde rasch lauter.
»Sie kommen!«, schrie sie Shacket zu. »Sie kommen, du Arschloch, du bist erledigt, sie kommen!«
Shacket hörte sie ebenfalls und hörte auf zu versuchen, sich Eintritt zu verschaffen, vielleicht nur für den Augenblick, vielleicht endgültig.
Megan stand bereit. In ihrer Kehle stieg Galle auf und ihre Sicht pulsierte im Rhythmus ihrer heftigen Herzschläge.