Bella in der Leitung

Die Hunde im Mysterium benötigten weniger Schlaf als gewöhnliche Hunde. Sie brauchten sogar weniger Schlaf als der durchschnittliche Mensch.

Bella stand Stunden vor allen anderen Mitgliedern der Familie Montell auf.

Sie betrachtete sich selbst mehr oder weniger als eine Wachhündin.

Von Zeit zu Zeit übte sie das Zähnefletschen vor dem Spiegel. Sie jagte sogar sich selbst ein wenig Angst damit ein.

Sie zog es vor, in einem ihrer Betten im Erdgeschoss zu schlafen, damit sie schneller bemerkte, wenn sich irgendein übel riechender Einbrecher Zugang zum Haus verschaffte.

Bisher hatte noch kein Einbrecher das Heiligtum des Montell-Hauses entweiht.

Das bedeutete jedoch nicht, dass es nicht geschehen konnte.

Obwohl Bella wie alle von ihrer Art eine Optimistin war, wusste sie doch, dass es viel Böses auf der Welt gab.

Sie konnte eine Optimistin bleiben, weil sie verstanden hatte, dass die Welt ausschließlich für die Unschuldigen gemacht war.

Im originalen Bauplan der Welt waren keine Zimmer für die Bösen vorgesehen.

Früher oder später würde die Welt umgestaltet werden, um wieder ihrem ursprünglichen Zweck zu dienen.

Jetzt, früh am Donnerstagmorgen, stieg sie aus ihrem Bett in der Küche, ging ins Wohnzimmer und stellte sich auf die Hinterbeine, um das Licht einzuschalten.

Dabei war sie schon ein paarmal ertappt worden. Die Familie fand es niedlich.

Larinda, das älteste Kind, hatte gesagt: Sie hat Angst vor der Dunkelheit. Kann man ihr nicht verübeln. Schaut euch bloß mal die Nachrichten an!

Sam, der Zweitälteste, sagte: Jungen haben nie Angst vor der Dunkelheit, obwohl er beim Schlafen immer ein Licht brennen ließ.

Dennis, der jünger war als Sam, sagte: Vielleicht gibt’s hier Mäuse, und Bella braucht Licht, um sie zu fangen.

Wir haben hier keine Mäuse, verkündete Larinda. Und Bella ist keine Katze. Sie hat uns auch nie eine Maus gebracht.

Vielleicht frisst sie sie auf, wandte Dennis ein.

Bella ist durch und durch eine Lady, widersprach Larinda, die die Idee ihres Bruders entsetzte. Ladys fressen keine Mäuse, Herrgott noch mal.

Milly, die Jüngste, sagte: Ihr habt alle ’ne Meise.

Bella hatte keine Angst vor der Dunkelheit. Sie konnte nur nicht im Dunkeln lesen.

Die Leitung war nicht nur ein Kommunikationssystem. Sie war auch ein pädagogisches Werkzeug.

Andere Mitglieder des Mysteriums konnten einem jungen Hund innerhalb weniger Minuten ihre Sprachkenntnisse vermitteln.

Solomon und Brandy, zwei der philosophischeren Mitglieder des Mysteriums, nannten diese Fähigkeit »Hirn-zu-Hirn-Download«.

Im Wohnzimmer gab es Regale voller Bücher.

Bella war zwar ein großes Mädchen, aber sie konnte nicht viel mehr lesen als die Bände auf den vier unteren Regalbrettern.

Zwar gab es hier eine Ottomane mit Rollen, die sie durch das Zimmer schieben und auf die sie sich stellen konnte, um das fünfte Regalbrett zu erreichen, aber sie benutzte sie selten, weil das meist zu Gleichgewichtsproblemen führte.

Sie konnte ein Buch mit den Pfoten aus dem Regal ziehen und es mit den Zähnen zurückstellen.

Wenn sie Schritte hörte und ein Buch schnell loswerden musste, schob sie es unter einen Sessel mit Hängebezug oder legte es auf einen Beistelltisch, um es später ins Regal zurückzubringen.

Manchmal, wenn Bella das vergaß, wurden die Kinder beschuldigt, Bücher herauszunehmen und sie herumliegen zu lassen.

Alle Kinder bis auf eins hatten dies zu Recht abgestritten. Ein paarmal hatte Milly die Schuld erst auf sich genommen, nachdem sie Bella mit einem langen Blick bedacht hatte.

Milly hatte Verdacht geschöpft. Vielleicht würde das Mädchen eines Tages der Wahrheit auf den Grund gehen wollen.

Bella wusste noch nicht, was sie dann tun würde. Wahrscheinlich würde sie sich spontan etwas einfallen lassen, wenn es so weit war.

Jetzt, am frühen Donnerstagmorgen, lag sie im Familienraum und las Der Elefant des Magiers von Kate DiCamillo.

Die Geschichte war lustig und traurig, magisch und merkwürdig, aber wahr.

Wahr in dem Sinne, dass sie, so seltsam es auch war, die dem Leben zugrunde liegende Matrix beschrieb, eine Matrix voller ungeahnter Verbindungen zwischen Menschen, Orten und Momenten, die in der Zeit weit auseinanderlagen.

Bella blätterte entweder um, indem sie etwas Luft ausschnaubte, oder indem sie vorsichtig mit der Pfote über die Seite strich, wobei sie darauf achtete, sie nicht zu knicken.

Geschichten waren genauso köstlich wie Futter. Und genauso wichtig.

Bella konnte ohne Geschichten nicht leben.

Sie waren der größte Segen der Intelligenz. Sie waren Futter für die Seele. Sie waren Medizin.

Durch Geschichten konnte man tausend Leben führen – und lernen, das eigene Leben zu einer Erzählung der besten Sorte zu formen.

Sie hatte gerade das fünfte Kapitel beendet und seufzte vor Behagen, als etwas ganz Erstaunliches passierte.

Eine neue Stimme meldete sich in der Leitung.

Er nannte sich Vulcan.

Er gab sich als ein drei Jahre alter Deutscher Schäferhund aus.

Bis jetzt waren die Mitglieder des Mysteriums nur Retriever gewesen, Goldens und Labradore.

Natürlich sagte Vulcan die Wahrheit. Er war ein Hund.

Aber es gab andere Details, die noch verblüffender waren.

Er sendete aus großer Entfernung. Seit einem Jahr versuchte er bereits, Kontakt aufzunehmen, hatte seine Reichweite immer mehr vergrößert.

Bella wusste nicht, wie weit die Botschaft innerhalb des Mysteriums vorgedrungen war.

Sie brachte Der Elefant des Magiers ins Regal zurück und verfasste eine Bekanntmachung zur sofortigen Verbreitung.

Bellagramm. Da draußen spielt sich etwas Aufregendes ab. Bis vor Kurzem wurde im Mysterium noch keine einzige Nachricht empfangen, deren Absender sich nicht innerhalb eines Radius von 120 Meilen um Sacramento befand. Vulcan, ein Deutscher Schäferhund aus La Jolla, nördlich von San Diego, ist mit der Botschaft zu uns durchgedrungen, dass es eine Gemeinschaft von solchen unserer Art in den Countys San Diego, Orange und Riverside gibt. Es sind insgesamt 72, die in verschiedenen Umständen leben. Was wir die Leitung nennen, bezeichnen sie als den Funk. Für sich selbst haben sie keinen Namen, aber es gibt Grund zu der Hoffnung, dass sie denjenigen des Mysteriums annehmen werden. Woher sind wir gekommen? Warum sind wir hier? Endlich kommt Bewegung in unsere Geschichte. Unsere Zeit scheint anzubrechen. Freut euch. Bleibt ehrlich. Bis zum nächsten Mal.