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In seinem ersten Amtsjahr war Sheriff Hayden Eckman noch nie länger als bis um Mitternacht in seinem Büro gewesen, tatsächlich selten nach 18 Uhr. Aber jetzt war er dort, und er war besorgt.
Er war noch immer jung und attraktiv, konnte wortgewandt über Rechtsgrundsätze im öffentlichen Dienst sprechen und jedes Publikum für sich gewinnen. Aber sein jetziger Posten war nicht sein Lebenswerk, nur eine Sprosse auf der Karriereleiter, auf der er hoch hinaufsteigen wollte.
Fünf Jahre lang hatte er als Deputy an seinem beruflichen Aufstieg gearbeitet. Davor war er ein Anwalt mit einer nicht besonders gut laufenden Kanzlei gewesen. Er hatte vor, in den folgenden drei Jahren unermüdlich Kontakte zu knüpfen und alle legalen und quasilegalen Methoden einzusetzen, durch die ein Sheriff sich bereichern konnte. Dann würde er für das Amt des Staatsanwalts von Pinehaven County kandidieren. Mit dem Ziel vor Augen, Generalstaatsanwalt von Kalifornien zu werden, hatte er bereits begonnen, die ihm in seinem Amt zur Verfügung stehenden Ressourcen dazu einzusetzen, rufschädigende Informationen über eine Reihe von Staatsbediensteten zu sammeln, von denen er annahm, dass sie bei kommenden Wahlen seine Konkurrenten sein würden.
Aus diesem Grund hatte er ein ungutes Gefühl bei diesem Handel mit Dexter Frawley – dem Transfer der Leichen von Painton Spader und Justine Klineman nach Sacramento, dieses Schlangennest, und dem Abgeben der Ermittlungen in diesem Fall an den Staat. Einerseits schuldete der derzeitige Generalstaatsanwalt Tio Barbizon ihm nun einen Gefallen. Andererseits konnte die Tatsache, dass er Barbizons Forderung so schnell nachgekommen war, Haydens Ruf Schaden zufügen, falls sie die Situation nicht unter Kontrolle behielten und die Sache nach hinten losging.
Was ihn am meisten irritierte, war, dass er nicht sicher sein konnte, dass Barbizon ihm die ganze Wahrheit erzählte. Der Generalstaatsanwalt behauptete, er arbeite – inoffiziell – mit der National Security Agency zusammen, die Wert darauf lege, ihre Verbindung zu diesem Fall geheim zu halten. Aber es gab Teile dieser Geschichte, die Barbizon ihm vorenthielt. Er war als kluger Taktiker bekannt.
Es gab Gründe zu der Annahme, dass die NSA tatsächlich in den Fall verwickelt war. Als man die Brieftasche mit Nathan Palmers Führerschein in der Nähe der weiblichen Leiche gefunden hatte, hatte Hayden die NCIC-Website aufgerufen, um nachzusehen, ob ein Haftbefehl gegen den Kerl vorlag und ob er ein Vorstrafenregister hatte. Ein Gericht in Salt Lake City hatte den Haftbefehl ausgestellt, auf Antrag des Generalstaatsanwalts von Utah, nicht etwa ein Gericht in dem County oder der Stadt Springville, in dem das Verbrechen begangen worden war. Palmer wurde wegen des Verdachts auf Diebstahl, Brandstiftung und Mord gesucht. Während Hayden das wenige gelesen hatte, das in der Akte über Nathan Palmer stand, war der Bildschirm weiß geworden und die Umrisse seiner Schultern, von Hals und Kopf hatten sich schwarz abgezeichnet. Etwa drei Minuten lang war das Bild so eingefroren geblieben, bevor er wieder die Kontrolle über den Computer bekam. Er wusste, dass dies bedeutete, dass man ihn fotografiert und lokalisiert hatte. Nur die großen Geheimdienste des Landes waren dazu in der Lage. Einer dieser Dienste überwachte die Akte des NCIC über Nathan Palmer, um festzustellen, wer diese Informationen abrief.
20 Minuten später, noch bevor er sich mit dem Generalstaatsanwalt von Utah in Verbindung setzen konnte, hatte Hayden den Anruf von Barbizon bekommen, der ihn mit der Frage überrascht hatte, weshalb er Erkundigungen über Nathan Palmer anstelle. Als Hayden den Doppelmord und die grauenhafte Zerfleischung von Justine Klineman beschrieb, schaltete Barbizon ihn fünf Minuten lang in die Warteschleife, während er sich mit anderen beriet. Als er wieder am Apparat war, gab er zu verstehen, dass er in dieser Angelegenheit für Ablenkung von der NSA sorgte, die darauf drang, dass der Pinehaven-Fall um Nathan Palmer an Barbizon abgegeben wurde. Man hatte ihm erlaubt, mehr zu verraten als die Einzelheiten, die bereits im Haftbefehl des Gerichts aus Salt Lake City standen: Palmer hatte einen hohen Posten bei Refine bekleidet und die Aufsicht über die Forschungseinrichtung in Springville geführt. Dort waren 93 Menschen bei einem Brand ums Leben gekommen, der zwei Tage lang das große Thema in den Nachrichten gewesen war. Tatsächlich handelte es sich bei Palmers Führerschein um eine Fälschung, eine von mehreren, die der Mann sich vor den Ereignissen in Springville beschafft hatte und von denen er glaubte, dass sie nur ihm selbst bekannt waren. Barbizon durfte den echten Namen des Flüchtigen nicht preisgeben. Nathan Palmer hatte einen roten Dodge Demon über eine Briefkastenfirma im Ausland gekauft, die er gegründet hatte. Er glaubte, sein Arbeitgeber wüsste davon nichts, aber da täuschte er sich. Offenbar hatte er nach dem Kauf das GPS-Gerät aus dem Fahrzeug entfernt, damit es nicht mehr leicht aufgespürt werden konnte. Das war etwas, das sein sonst allwissender Arbeitgeber nicht gewusst hatte. Falls Hayden irgendetwas über den Dodge in Erfahrung bringen könne, seien das sehr willkommene Informationen. Schließlich teilte Barbizon ihm noch mit, es handle sich hier um eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit, und das Gesetz verbiete Hayden, das wenige, das in dieser Unterhaltung zur Sprache gekommen sei, gegenüber Dritten zu wiederholen.
Jetzt, da Frawley und Zellman gekommen und wieder abgefahren waren, saß Hayden Eckman in seinem Büro, trank nach und nach eine Kanne schwarzen Kaffees und fragte sich, weshalb Nathan Palmer, wie auch immer er in Wirklichkeit hieß, es für nötig gehalten hatte, sich einen gefälschten Führerschein und ein schwer aufzuspürendes Auto anzuschaffen. Es hörte sich an, als hätte er entweder geplant, die Springville-Forschungsanlage zu sabotieren, oder als hätte er eine Katastrophe vorausgesehen, für die man ihm die Schuld geben würde. Welche Arbeit man dort auch geleistet hatte, es handelte sich sicherlich nicht um Krebsforschung, wie die Medien berichtet hatten. Denn dafür hätte sich die NSA nicht interessiert.
Und weshalb hätte Palmers Chef, nachdem er von seinen Fluchtvorbereitungen für den Krisenfall erfahren hatte, ihn weiter in dieser Einrichtung beschäftigen sollen?
Was war das nur für ein Schlangennest – ein Gewirr von Bedrohungen, ja, aber für einen Mann wie den Sheriff auch eine sich windende Masse guter Gelegenheiten.
Jetzt, nachdem Frawley und Zellman mit den Leichen der Opfer und sämtlichen dazugehörenden Beweismitteln abgefahren waren, hatte Sheriff Eckman an seinem Schreibtisch Platz genommen, um eine Notiz über diesen Transfer zu schreiben, mit besonderer Berücksichtigung des Verhaltens von Dr. Carson Conroy. Der Gerichtsmediziner hatte die Korrektheit des Transfers infrage gestellt und von Protokollen und Ethik gesprochen, was den Sheriff wütend gemacht hatte. Falls die Sache je vor Gericht landete, wollte Hayden eine Darstellung der Ereignisse zur Hand haben, die unmittelbar danach festgehalten und mit Zeit und Datum versehen war und in der Conroys Glaubwürdigkeit infrage gestellt wurde. In Haydens Neudarstellung der Vorgänge war der Gerichtsmediziner nicht als ungebetener Gast aufgetaucht, sondern herbeigerufen worden, um beim Transfer zu helfen, und er war betrunken aufgekreuzt. Conroy hatte das Prozedere nicht infrage gestellt, sondern verwirrt gewirkt und war gegenüber den Männern aus Sacramento ausfällig geworden.
Hayden genoss es, diesem betrunkenen Gerichtsmediziner Worte in den Mund zu legen und sein wirres Verhalten in überzeugenden Details zu beschreiben. Dabei achtete er darauf, ihn nicht übertrieben albern darzustellen. Falls es je dazu kam, dass er diese Notiz vor Gericht präsentieren musste, würde er sie zuerst Frawley und Zellman zukommen lassen, damit sie ihre Aussagen entsprechend anpassen konnten.
Hayden hatte die Notiz gerade beendet, sie ausgedruckt und persönlich sowohl elektronisch als auch in Papierform archiviert, als Carl Fredette, der wachhabende Polizeibeamte, der gerade am Empfang saß, sich über die Sprechanlage an ihn wandte. Er meldete einen Einbruch und einen Schusswechsel im Haus von Megan Bookman an der Greenbriar Road.
Einbrüche waren hier in der Gegend so selten wie Vorfälle, in die Elefanten verwickelt waren.
Obwohl Hayden seine eigenen Interessen stets über diejenigen der Gemeinde stellte und ein weniger striktes Verständnis von Korruption hatte, als sich in den Gesetzestexten fand, verfügte er doch über eine gute Polizistenintuition. Diese ließ ihn sofort vermuten, dass Nathan Palmer, wer auch immer er in Wirklichkeit war, Pinehaven County nicht verlassen hatte.