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Wie alle Mitglieder des Mysteriums konnte Kipp die Leitung ein- oder ausschalten wie ein Funkgerät. Notrufe drangen jedoch immer durch. Jetzt schaltete er sie nicht aus, denn der Aufschrei des Jungen, voller emotionalem Schmerz und Verzweiflung, war ein Signal, dem er nachgehen musste.

Er konnte Ben Hawkins ohne Worte den Weg weisen, denn der Mann war klug genug, das Unmögliche für möglich zu halten, wenn er es mit eigenen Augen sah.

Leider waren nicht alle Menschen geistig so offen.

Manche glaubten an die lächerlichsten Dinge, ohne auch nur den kleinsten Beweis zu verlangen, aber sie hätten die Wahrheit nicht erkannt, wenn sie ihnen auf die Füße getreten hätte. Sozusagen.

Als sie zu einer Kreuzung kamen, deutete Ben voraus und fragte: »Da lang?«

Wenn er in die richtige Richtung zeigte, bellte Kipp einmal enthusiastisch.

Wenn er in die falsche zeigte, winselte er missbilligend.

Wie immer gab es vieles, das er gern gesagt hätte, wenn er physisch in der Lage gewesen wäre zu sprechen.

Er hätte gesagt: Du bist ein wirklich guter Fahrer.

Er hätte gesagt: schneller, schneller, obwohl Ben das Tempolimit bereits überschritt, weil ihm bewusst war, dass die Zeit drängte, worum auch immer es hier ging.

Mit der Fähigkeit zu sprechen hätte Kipp Ben Hawkins tausend Fragen über sein Leben gestellt, darüber, was für Bücher er schrieb, ob er Dickens gelesen hatte und ob er glaubte, dass die Physiker recht hatten, die behaupteten, es gebe möglicherweise unzählige Paralleluniversen.

Quantenmechanik, Stringtheorie und solche Dinge hatten Dorothy fasziniert.

Sie hatte es verstanden, das Interesse anderer für Dinge zu wecken, die sie fesselten.

Dies war Kipps Theorie: Es gab Paralleluniversen, und wenn man starb, lebte man in anderen Realitäten weiter.

Hier war Dorothy verloren, aber nicht überall.

Dieser Gedanke tröstete ihn.

Er wäre nicht so weit gegangen zu sagen, dass der Himmel ein Paralleluniversum sei, in dem jeder ewig lebte. Er war kein Theologe.

Von Olympic Village aus fuhren sie auf der State Route 89 nach Norden, dann auf der Interstate 80 nach Westen.

Sie verließen die I-80 und wechselten auf die State Route 20, immer noch in westlicher Richtung.

Wäre er nur ein gewöhnlicher Hund gewesen, hätte er bei der Fahrt so oft wie möglich den Kopf aus dem Beifahrerfenster gestreckt.

Aber ihm war die Gefahr umherfliegender Gegenstände bewusst, die schwere Augenschäden hervorrufen konnten.

Manchmal machte es weniger Spaß, ein superschlauer Hund zu sein, als ein ganz gewöhnlicher.

Vielleicht nicht nur manchmal. Vielleicht sogar sehr oft.

Dorothy hatte ihn bei der Fahrt nie den Kopf hinausstrecken lassen, aber sie war auch immer nur sehr langsam gefahren. Nicht sehr spaßig.

Bis jetzt war er davon ausgegangen, dass auch die anderen in der Leitung den Jungen hörten, aber nun wunderte er sich plötzlich darüber, dass niemand sich dazu äußerte.

Er sendete: Hört ihr den Jungen in der Leitung? Er schreit und weint.

Die Antworten kamen schnell und aus allen Richtungen. Niemand sonst hörte den Jungen. Sie staunten, dass ein Mensch überhaupt in der Lage war, die Leitung zu benutzen.

Er fragte sich, weshalb sie den Jungen nicht hören konnten. Das Leben war voller seltsamer Gegebenheiten.

Als Kipp knurrte, um einen kommenden Richtungswechsel anzukündigen, fragte sein Begleiter: »Nach rechts?«

Kipp bellte: Ja.

In diesem Moment blitzte das Bellagramm über Vulcan in La Jolla in seinem Geist auf. Bellas Freude über die Nachricht war deutlich zu spüren.

Bella hatte recht. Da draußen war etwas im Gange. Etwas Gewaltiges.

Und irgendwie musste der Junge genauso dazugehören wie Vulcan, Bella, Kipp und all die anderen klugen Hunde, die sich bisher für Fremde in einer Welt gehalten hatten, die sie hervorgebracht hatte, ohne damit irgendeinen bestimmten Zweck zu verfolgen. Diese Welt hatte sie in ein Leben außerhalb der Natur entlassen mit einem nie enden wollenden Verlangen nach Antworten, die nie kamen.