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Nachdem sie Woody vom Badezimmer zu seinem Bett getragen hatte, hatte Megan ihre Jeans und den Pullover angezogen. Fast im selben Moment traf die Polizei ein.

Sie ließ Woody nur ungern hier zurück. Er wirkte völlig losgelöst von der Realität, traumatisiert und ausgewichen in seine eigene Welt. Es war natürlich nicht das erste Mal, dass er sich so weit entfernt hatte, aber diesmal spürte sie, dass sein Rückzug eine neue Qualität hatte. Sie betete, dass es sich dabei nicht um Verzweiflung handelte.

Sie ging zum oberen Ende der Treppe und rief zu den eintreffenden Polizeibeamten hinab. Aber statt ins Erdgeschoss hinunterzusteigen, bestand sie darauf, dass die Deputys zu ihr heraufkamen.

Während sie den Polizisten erzählte, was geschehen war, rollte sie Woodys Bürostuhl neben das Bett, setzte sich darauf und hielt eine seiner Hände. Sanft öffnete sie seine geballten Fäuste und streichelte unablässig seine Finger in der Hoffnung, ihn dadurch zu beruhigen.

Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben und von den Ereignissen zu berichten, ohne sich ihre Beklemmung anmerken zu lassen. Sie befürchtete, der Junge könnte begreifen, dass Lee Shacket dafür gesorgt hatte, dass sie sich nie wieder sicher fühlen würde. Sie musste ein Fels sein, auf dem Woody stehen konnte, kein Meer der Angst, in dem er ertrank.

Die Männer hörten ihr zu, untersuchten gleichzeitig das Türschloss, das von den Schüssen getroffen worden war, und blickten sich im Zimmer um, ohne etwas anzufassen. Durch ihre ernsten Mienen und ihre kühlen Blicke wirkten sie, als würden sie sie als eine Verdächtige betrachten, was sie aufgrund ihrer Erfahrung und Ausbildung vielleicht auch mussten. Dennoch fiel es ihr schwer, ihren Unmut darüber zu verbergen, dass sie den in die Nacht fliehenden Lee Shacket nicht verfolgten – wenn er wirklich geflohen war und nicht in der Nähe darauf wartete, dass sie ihre Ermittlungen abschlossen und wieder verschwanden.

Sie nahm an, dass die Ruhe, mit der sie von dieser verrückten, gewalttätigen Begegnung berichtete, dazu führte, dass sie an ihrer Ehrlichkeit zweifelten. Wohin war der Schreck verschwunden, der sie immer noch schütteln sollte? Wo blieb ihre Wut über das Eindringen in ihr Heim?

Natürlich waren diese Empfindungen da, tief in ihr vergraben, eng zusammengepresst wie die inneren Windungen eines Golfballs, sodass ihr Sohn sie nicht erspüren konnte. Als Mutter eines Kindes mit einer Entwicklungsstörung, das zwar keine Emotionen ausdrücken konnte, sie aber intensiv spürte, eines Kindes, das über keine Verteidigungsmechanismen gegen die Angst verfügte, musste Megan stets darauf bedacht bleiben, wie ihre Gefühle den Jungen beeinflussten. Er war von Shacket so schwer traumatisiert worden, dass er sich in eine Stille zurückgezogen hatte, die sie verstörend, wenn nicht gar beängstigend fand. Sie wagte es nicht, in einem Tonfall zu sprechen, der Woodys innere Spannung noch mehr ansteigen ließ.

Zwei weitere Deputys trafen wenige Minuten nach den ersten ein. Aus irgendeinem Grund, vielleicht aufgrund ihres Dienstgrads, schienen sie nun die Führung zu übernehmen, obwohl sie nicht die Ersten am Tatort gewesen waren. Einer von ihnen war eine Frau in den Dreißigern – ›Deputy Carrickton‹ stand schwarz auf weiß auf dem Namensschild an der Brusttasche ihres Uniformhemds.

Carrickton war eine Cross-Trainerin mit kräftigen Unterarmen. Sie war attraktiv, hatte skandinavische Züge, kurz geschnittenes blondes Haar und mattblaue Augen. Sie machte einen tüchtigen Eindruck, als sie Notizblock und Stift hervorholte, um Megans Aussage festzuhalten, was die ersten zwei Beamten nicht getan hatten.

Megan war erleichtert, dass eine Frau im Raum war – jemand, der besser nachvollziehen konnte, was sie durchgemacht hatte. Aber schon bald musste sie feststellen, dass Carrickton, wie tüchtig sie auch sein mochte, offenbar eine intensive Abneigung gegenüber Megan empfand und ihr daher ohne jeden Grund misstraute.

Nachdem Megan ihr eine Kurzfassung der Ereignisse gegeben hatte, fragte Deputy Carrickton: »Was stimmt mit dem Jungen nicht?«

»Er ist ein hochleistungsfähiger Autist.«

»Was heißt das – ›hochleistungsfähig‹?«

»Er ist von Natur aus Autodidakt, liest Texte auf College-Niveau und verliert nie die Beherrschung, niemals. Aber er kann es nicht ertragen, von irgendjemand anderem berührt zu werden außer mir und Verna Brickit, der Haushälterin. Und er spricht nicht.«

Carrickton stand zu nahe bei ihr, drang in Megans persönlichen Bereich ein und starrte auf sie und Woody hinab. »Die Art, wie er daliegt, als ob er nicht mal bemerkt, dass ich hier bin. Ist er immer so?«

»Nein. Shacket hat ihn traumatisiert, wie ich schon sagte.«

»Hat er den Jungen missbraucht?«

»Er hat ihn bedroht, ihn gequält. Als ich Shacket hier fand, hatte er die Kontrolle … Er hat Woodys Gesicht berührt. Das ist das Schlimmste für ihn, wenn ein Fremder ihm ins Gesicht fasst.«

»Meine Frage ist, ob er traumatisiert ist, weil er vergewaltigt wurde.«

»Nein. Shacket wollte mich vergewaltigen. Und mich quälen, indem er Woody Angst machte.«

»Wir müssen den Jungen innerhalb der nächsten paar Stunden von einem Arzt untersuchen lassen.«

»Er wurde nicht vergewaltigt«, wiederholte Megan. »Wir müssen ihn nicht so einer Untersuchung aussetzen.«

»Wir werden sehen, was er selbst sagt. Ich brauche eine Aussage von ihm.«

»Wie ich schon erwähnt habe, er spricht nicht.«

»Nie?«

»Das ist bei Autismus nicht selten.«

Carricktons Partner, Deputy Argento, beobachtete abwechselnd dieses Verhör und kehrte in den Flur zurück, um sich dort mit den anderen Deputys zu beraten. Ein dritter Wagen war eingetroffen. Die flackernden rot-blauen Lichter tanzten vor den Fenstern in der windgepeitschten Nacht.

Im Haus waren jetzt vielleicht sechs Polizisten. Polizeifunkgeräte knisterten, sowohl die in den Streifenwagen als auch diejenigen, die die Beamten an Gürtelclips trugen. Megan fragte sich, welche Zimmer sie betraten und wonach sie Ausschau hielten. Sie war froh, dass sie hier waren und rechtzeitig eingetroffen waren, um Shacket zu vertreiben, aber sie hatte das Gefühl, aufs Neue von Fremden bedrängt zu werden.

»Sie sind mal mit diesem Lee Shacket ausgegangen«, sagte Carrickton.

»Ein paarmal, ja, vor vielen Jahren.«

»Sie hatten eine Beziehung mit ihm.«

»Keine sexuelle, nein. Ein paar Dates. Mehr nicht. Vor langer Zeit.«

»Sie sagten, er hat Sie heute angerufen.«

»Gestern, ja. Er wollte, dass ich mit ihm nach Costa Rica fliege. Es war verrückt. Ich habe abgelehnt.«

Das alles hatten sie bereits besprochen. Megan begriff, dass Carrickton eine Art Einkreisungsmethode benutzte und daher immer wieder auf Bekanntes zurückkam, um festzustellen, ob Megan ihre Geschichte änderte. Aber es ging ihr trotzdem auf die Nerven.

»Wenn Shacket keinen Schlüssel hatte, wie ist er dann ins Haus gekommen?«

»Ich glaube, er kam rein, als Verna noch hier war. Sie lässt manchmal die Hintertür unabgeschlossen, damit sie raus- und reinkann.«

»Und dann hat Shacket sich einfach irgendwo versteckt, bis Sie ins Bett gegangen sind?«

»Das nehme ich an.«

»Hat sich also stundenlang versteckt. Er scheint ja verdammt geduldig zu sein für einen Kerl, der so verrückt ist, wie Sie sagen.« Sie notierte sich etwas. »Sie haben geschlafen, aber er kam nicht direkt zu Ihnen, sondern hierher ins Zimmer des Jungen.«

»Wie ich schon sagte, ich habe nicht geschlafen. Ich habe gelesen, dann wurde ich müde und habe beschlossen, mich hinzulegen. In dem Moment habe ich gemerkt, dass jemand meine Pistole falsch herum in den Safe gelegt hatte, und das Magazin war leer.«

»War der Safe abgeschlossen?«

»Ja. Ich weiß nicht, wie er an die Kombination gekommen ist.«

»Wie lange haben Sie die Waffe schon?«

»Drei Jahre.«

»Und die haben Sie legal in Kalifornien erworben?«

»Ja.«

»Ich muss die Registrierung sehen.«

»Die hole ich, sobald Sie mit Ihren Fragen fertig sind.«

»Haben Sie an einem Schusswaffen-Sicherheitstraining teilgenommen?«

»Wie ich schon sagte, ich übe damit einmal im Monat. Und ja, ich habe ein Sicherheitstraining gemacht.«

»Haben Sie sich die Waffe wegen Lee Shacket geholt?«

»Nein. Warum sollte ich? Als ich die Pistole gekauft habe, war ich ihm seit Jahren nicht mehr begegnet. Und damals war er noch nicht völlig durchgedreht.«

»Sie haben gesagt, Sie hätten ihn verletzt.«

»Nicht schwer. Vielleicht hat er ein Stück von seinem linken Ohr verloren.«

»Und der Junge war dabei?«

»Hat genau da gelegen, so wie jetzt.«

»Sie haben in Richtung des Jungen geschossen?«

»Ich musste. Shacket hat angedroht, dass er ihm die Augen ausdrückt.«

»Ist er blind?«

»Was? Nein. Er ist nicht blind.«

»Wegen der Art, wie er daliegt. Mit diesem starren Blick.«

»Er ist nicht blind.«

»Ein hochleistungsfähiger Autist. Haben Sie ihn denn untersuchen lassen, um festzustellen, ob das hier die richtige Umgebung für ihn ist, ob er nicht besser in irgendeiner Spezialeinrichtung leben sollte?«

Megan musste die Situation in die Hand nehmen. Sie ließ Woodys Hand los und stand auf, Auge in Auge mit Carrickton. »Es geht hier nicht darum, ob Woody in der richtigen Umgebung ist. Sucht irgendjemand nach Lee Shacket? Er ist wahnsinnig, schlimmer als das. Wird ein Suchtrupp organisiert?«

»Das ist nicht mein Job«, erwiderte Carrickton. »Mein Job ist, Ihre Aussage einzuholen, die wir brauchen werden, wenn wir diesen Kerl verurteilen sollen.«

»Schon klar. Aber konzentrieren wir uns doch auf das, was hier heute Nacht passiert ist, was Lee Shacket getan hat und tun wollte.«

Etwa zehn Sekunden lang hielt Carrickton Megans Blick schweigend stand. Das Mattblau ihrer Augen war spröde wie teures Porzellan. Dann sagte sie: »Sie haben hier ein schönes, großes Haus, alles nur vom Feinsten. Aber wenn man ein Problemkind wie ihn hat und noch dazu labile Ex-Freunde, die immer wieder auftauchen, nützen einem auch die schönsten Sachen nichts.«

Es kam nicht sehr oft vor, dass man einem völlig Fremden gegenüberstand, der einem aus unerfindlichen Gründen feindlich gesinnt war, weil er glaubte, einen zu kennen. In den sozialen Medien passierte so etwas häufiger, weshalb Megan nicht jeden Tag online war. Aber in dieser Situation, wenn die hasserfüllte Person direkt vor einem stand, konnte man nicht einfach ein Programmfenster schließen und den Computer ausschalten.

»Ich werde das nicht endlos mit Ihnen durchgehen. Ich bin hier nicht die Verdächtige. Ich bin das Opfer. Ich gebe Ihnen jetzt noch fünf Minuten, mehr nicht.«

Zwei Minuten später traf Sheriff Hayden Eckman ein.