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Deputy Carrickton und ihr Partner Deputy Argento waren gegangen, nachdem Sheriff Hayden Eckman Megans Aussage für ausreichend erachtet hatte.
Mit Argentos Hilfe hatte der Sheriff die umgekippte Kommode wieder aufgestellt und es sich dann am Rand des Sessels bequem gemacht, um mit Megan zu sprechen, die auf Woodys Bettkante sitzen blieb.
Weil er beim Betreten des Zimmers die Feindseligkeit zwischen Megan und Carrickton gespürt hatte, hatte er sich für den aggressiven Befragungsstil der Beamtin entschuldigt, diesen aber gleichzeitig verteidigt mit der Betonung, dass die Frau eine der besten Polizistinnen in seinem Department sei.
Megan war dem vorigen Sheriff Lyle Sheldrake einmal begegnet. Dieser war ein bescheidener, leutseliger Mann mit wettergegerbtem Gesicht und strahlend weißem Haar. Sie hatte ihn zwar nicht gekannt, aber diejenigen, die Erfahrung mit ihm hatten, sagten, dass er ein engagierter, ehrlicher Mann gewesen war. Eckman, sein Konkurrent, habe ihn durch eine niederträchtige Kampagne besiegt. Auch jetzt, als der neue Sheriff versuchte, die Wogen zu glätten, die Carrickton erzeugt hatte, kam er Megan schmierig vor, nicht vertrauenswürdig. Heutzutage schienen die Amerikaner Politiker zu mögen, die ein besonderes Talent dafür hatten, ihre eigene Tugend hervorzukehren, während sie ihre Gegner verleumdeten.
Eckman wollte nicht alles noch einmal durchgehen, das Megan Carrickton berichtet hatte, aber er interessierte sich sehr für die Tatsache, dass sie ihren Angreifer kannte und dass sein Name Lee Shacket war. »Miss Bookman, können Sie mir sagen, ob er je den Namen Nathan Palmer benutzt hat?«
»Nein, davon weiß ich nichts. Aber davon hätte ich auch nichts erfahren. Das letzte Mal hatte ich ihn bei einem geschäftlichen Treffen mit meinem Mann vor acht Jahren gesehen, und davor … Dass ich privat mit ihm zu tun hatte, liegt schon über 13 Jahre zurück.«
»Sie sagten, er war der CEO von Refine, Inc., die ein Teil von Dorian Purcells Geschäftsimperium ist?«
»Das stimmt.«
»Haben Sie von der Brandkatastrophe in der Refine-Anlage bei Springville, Utah, gehört?«
»Nein. Ich vermeide es, mir die Nachrichten anzuschauen, Sheriff. Es gibt nichts, was ich für die armen Leute tun kann, die darin vorkommen. Und ich habe mir vorgenommen, weiterhin positive Kunst zu machen, auch wenn die Welt immer negativer wird.«
»Tja, der Kerl läuft möglicherweise vor seiner Verantwortung für den Tod von 92 Menschen in dieser Anlage davon.«
Sie verzog das Gesicht, aber ihr fiel nichts Sinnvolles ein, das sie über eine solche Tragödie sagen konnte. »Noch ein Grund für Sie, ihn schnell zu finden. Mit ihm ist irgendwas sehr, sehr schiefgegangen.«
»Haben Sie ein Foto von diesem Lee Shacket?«
»Sie finden sicher eins im Internet.«
»Bestimmt. Aber im Moment haben wir nicht mehr als den Führerschein, den er dabeihatte. Der läuft auf den Namen Nathan Palmer. Falls Sie ein Foto hätten, Miss Bookman, könnte ich in einer Minute feststellen, ob er dieselbe Person ist.«
»Mrs. Bookman, nicht Miss.«
»Ja, natürlich. Wenn Sie das vorziehen.«
»Lee Shacket ist bei unserer Hochzeit gewesen. In dem Fotoalbum, das ich davon habe, gibt es ein paar Schnappschüsse von ihm. Er sieht noch mehr oder weniger genauso aus – abgesehen davon, dass er sich die Haare gefärbt hat. Er hat lange Zeit einen Bart gehabt, aber nicht damals, als ich ihn kannte, also haben sich im Vergleich zu den Fotos nur die Haare verändert.«
»Könnten Sie mir das Album zeigen?«
»Ich lasse Woody nicht allein. Gehen Sie nach unten ins Arbeitszimmer. Auf einem der Bücherregale sind acht oder zehn Fotoalben. Es ist das weiße mit dem goldenen Rand. Bringen Sie’s mir, dann suche ich ein Bild von Lee Shacket für Sie heraus.«
Als der Sheriff gegangen war, sprach sie leise mit Woody, versicherte ihm, dass sie jetzt sicher seien, dass man Shacket finden würde, dass er nicht zurückkehren würde. Aber all diese Versicherungen waren eher ein Ausdruck ihrer Hoffnungen als von Überzeugung. Vielleicht bemerkte der Junge den Unterschied, denn er kehrte nicht von diesem tief verborgenen Ort in seiner Psyche zurück, an den er sich zurückgezogen hatte.
Der Wind heulte um das Haus. Es war kein natürlicher Laut ohne Bedeutung, sondern ein Kreischen schwärzesten Wahnsinns. Es rief Megan ein Gemälde des spanischen Meisters Francisco de Goya aus dem 18. Jahrhundert vor Augen, Saturn verschlingt seine Kinder, ein nihilistisches Bild von solch irrsinniger Gewalt, dass es im Betrachter echte Furcht auslösen und über Wochen für Albträume sorgen konnte.
Shacket hatte eines der Seitenfenster an der Haustür eingeschlagen. Sam Brickit konnte den Türrahmen mit Sperrholz abdichten, bis ein Glaser kommen würde, um die Scheibe zu ersetzen. Die Alarmanlage funktionierte noch. Megan würde dafür sorgen, dass jede Tür mit einer doppelten Verriegelung ausgestattet wurde. Richtige Schlösser anstelle von Drehriegeln für die Schiebefenster. Sie hatte ein zusätzliches Magazin für die Pistole. Von jetzt an würde sie es immer geladen und in der Nähe der Waffe aufbewahren. Sie würde Tag und Nacht die Vorhänge vor allen Fenstern zuziehen, damit niemand von draußen beobachten konnte, was sich im Haus abspielte.
Und all das wäre nutzlos.
Sie würde sich nicht sicher fühlen, würde nicht sicher sein, keine Minute lang, bis Shacket endlich festgenommen wurde. Tatsächlich würde sie sich erst sicher fühlen, wenn er tot war.
Wir machen alle Fehler, was, Megan? Ich habe zum Beispiel einen gemacht, als ich meine Pistole in deiner Küche liegen gelassen habe, nachdem ich die Titten von dieser geilen Schlampe gefressen hatte. Nein, stimmt gar nicht, es war ein Steak. In deiner Küche war es ein Steak, und das hat nicht so gut geschmeckt wie Justines Brüste.
Es war verlockend, alles, was er gesagt hatte, als das Geschwätz eines Wahnsinnigen abzutun, aber er hatte tatsächlich seine Pistole in der Küche liegen gelassen. Und Deputy Carrickton hatte eine Frage zu den rohen Steaks auf dem Küchenboden gestellt.
Der Sheriff kehrte mit dem weiß-goldenen Fotoalbum zurück.
Megan blätterte darin und fand einen guten Schnappschuss von Shacket in Anzug und Krawatte beim Empfang nach der Hochzeit. Er brachte gerade einen Trinkspruch auf das frisch verheiratete Paar aus.
»Nathan Palmer«, stellte Eckman fest. »Alles bis auf die blonden Haare ist gleich.«
Megan stand auf und sagte: »Kommen Sie mal mit.«
Sie legte das Album auf das Bett und führte Eckman in den Flur des Obergeschosses.
Sie zog die Tür zwischen ihnen und Woody bis auf einen Spalt zu und sprach so leise, dass es kaum mehr als ein Flüstern war. »Wird Lee Shacket noch wegen etwas anderem gesucht als dem Feuer in der Refine-Anlage?«
Eckman musterte sie mit kühlem, berechnendem Blick. Ihrem Beispiel folgend sprach er leise. »Wie meinen Sie das?«
»Wie ich es gesagt habe.«
»Tut mir leid, Miss Bookman, aber es ist mir nicht gestattet …«
»Eine Frau namens Justine«, unterbrach sie ihn. »Hat er eine Frau ermordet, die Justine hieß?«
Nach kurzem Schweigen erwiderte Eckman: »Das war noch nicht in den Medien.«
»Er hat von etwas … Krankhaftem gesprochen. Ich war mir nicht sicher, ob es stimmte. Hat er sie hier oder in Utah umgebracht?«
Eckman gab sich geschlagen. »Es wird morgen in den Nachrichten kommen. Dieses Paar hat auf dem Highway 20 eine Reifenpanne gehabt. Zu der Zeit war dort nicht viel Verkehr. Palmer … Shacket ist da anscheinend vorbeigekommen. Er hat viermal auf den Mann geschossen, hat sie beide ermordet.«
Der Sheriff war offenbar immer noch damit beschäftigt, die Vor- und Nachteile weiterer Äußerungen abzuwägen.
Megan blieb beharrlich und fragte: »Wie hat er Justine getötet?«
Eckman zögerte. Der Wind heulte wie Saturn, sang vom Mord an seinen Nachkommen in der sich stetig verfinsternden Nacht. »Er hat sie gebissen.«
»Totgebissen?«
»Ja. Aber ich muss Sie bitten, Miss Bookman …«
»Hat er … Teile von ihr gegessen?«
Eckman runzelte die Stirn. »Offenbar kam es auch zu Kannibalismus, ja.«
Megan wandte den Blick ab. Der Schrecken, den sie empfand, war von einer so intimen Natur, dass sie ihn nicht ansehen und nicht darüber sprechen konnte. »Waren es ihre Brüste?«
»Er hat Ihnen also davon erzählt.«
»Indirekt.«
»Eine ihrer Brüste. Einen Teil der anderen. Und den Großteil ihres Gesichts.«
»O mein Gott.« Ihre zuvor weißglühende Furcht, die sich in letzter Zeit etwas abgekühlt hatte, flammte plötzlich neu auf. Sie dachte daran zurück, wie Shacket Woodys Gesicht berührt hatte, wie nahe sein eigenes Gesicht – und sein Mund – dem Jungen gewesen war. »Wir können nicht hierbleiben. Wir reisen heute Abend noch ab. Sofort.«
»Ich kann für Ihren Schutz sorgen.«
Sie sah ihn wieder an. »Dafür haben Sie nicht genug Männer. Es gibt nicht genug Polizisten auf der Welt, um mich hier zu halten.«
»Es wäre hilfreich, wenn Sie das niemandem gegenüber erwähnen würden. Wir wollen die Menschen nicht in Panik versetzen. Wir müssen die Informationen vorsichtig herausgeben. Wahrscheinlich werden wir das morgen Mittag tun, vielleicht erst am frühen Nachmittag. Wir brauchen Zeit, um Antworten parat zu haben und sicherzustellen, dass …«
Ein Deputy lief polternd die Treppe herauf und rief: »Sheriff! Sind Sie da oben?«
Als der Mann oben angekommen war, fragte Eckman ihn: »Was ist los?«
»Sie haben ihn. Johnson und Colt haben den Dreckskerl geschnappt. Colt ist schwer verletzt, ein Krankenwagen ist auf dem Weg. Johnson geht’s gut und der Täter ist unter Kontrolle.«
Eckman grinste Megan breit an, als ob die scheußlichen Dinge, die sie gerade eben erfahren hatte, nun bedeutungslos geworden wären. »Sie sind sicher, Miss Bookman. Völlig sicher. Meine Männer haben ihre Arbeit gemacht. Sie können heute Nacht hierbleiben, ohne sich Sorgen zu machen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden …«
In aufrechter Haltung und mit elastischen Schritten ging er davon, als wäre der Schrecken, der nach Pinehaven County gekommen war, eine beim Schopf gepackte Gelegenheit, eine politische Krise, die sich als karriereförderlich erwies.
Hinter seinem Rücken sagte sie leise: »Ich bin Mrs. Bookman.«