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Carson Conroy saß am äußeren Rand des Krankenhausparkplatzes in seinem Ford Explorer. Er wartete darauf, dass Sheriff Eckman verschwand. Eine Thermoskanne mit schwarzem Kaffee aus dem Four Square Diner hielt ihn wach. Eine Koffeintablette hatte er genommen, in einer Jackentasche hatte er noch eine Dose voll davon.
Nachdem er ein Leben lang mit Toten gearbeitet und die extremen Grausamkeiten dokumentiert hatte, die Mörder ihren Opfern antaten, hatte Carson aufgehört, an Gerechtigkeit zu glauben. Gerechtigkeit war nur ein Konzept, keine Tatsache. Sie wurde immer wieder manipuliert und umdefiniert, von den Herstellern der Popkultur in Hollywood, den Politikern, von selbst ernannten tiefen Denkern. Letztere waren ebenso anfällig für intellektuelle Moden, wie der durchschnittliche Teenager sich getrieben fühlte, diejenigen Sneaker oder Jeans zu tragen, die gerade angesagt waren.
In seinem neuen Leben in Pinehaven, nach dem seit Langem unaufgeklärten Mord an seiner Frau, suchte er nicht Gerechtigkeit, sondern Wahrheit. Die Wahrheit konnte man nicht umdefinieren. Sie war, was sie war. Die einfache Aufgabe, die Wahrheit zu finden, wurde nur durch den Heuhaufen der Lügen kompliziert gemacht, in dem man nach dieser funkelnden Nadel suchen musste.
Er machte sich keine Illusionen über seine Aussichten, jemals die Identität von Lissas Drive-by-Killer zu erfahren. Auch hoffte er nicht darauf, dass eine gerichtsmedizinische Obduktion ihm jemals die ganze Wahrheit über irgendeine menschliche Gewalttat verraten würde. Die Wahrheit, die er in seinem neuen Leben suchte, war die Wahrheit über die Natur und über sich selbst. Den Großteil seiner Freizeit verbrachte er damit, immer weiter in die Sierra Nevada hineinzuwandern. Dort beobachtete – studierte – er die Natur mit zunehmender Achtsamkeit und Vertrautheit. In ihr bestand eine wunderbare Ordnung, eine verdammt raue, aber rationale Ordnung. Es gab dort keine Täuschung, abgesehen etwa von der Tarnung durch Fell oder Federn, durch die Schuppen eines Chamäleons. In der Wildnis gab es keine Lügen, weder mündliche noch schriftliche. Seine Hoffnung war, dass er, indem er die Natur verstand, besser in der Lage wäre zu verstehen, wie man leben musste, um sich und andere respektieren zu können, ohne Selbstbetrug oder ähnliche schwerwiegende Fehler.
Er konnte nicht sagen, warum er glaubte, dass die Wahrheit über den Mord an Spader und Klineman sowie über Lee Shacket alias Nathan Palmer unentwirrbar mit der ultimativen Wahrheit verbunden sein musste, die er in der Natur zu finden erwartete. Er fühlte es einfach, und zwar deutlich.
Bereits vorher, als er in der Gasse zwischen der Leichenhalle und der Station des Sheriffs den Rettungswagen gehört hatte, der gerade in Pinehaven eintraf, während ein anderer abfuhr, hatte seine Intuition ihm gesagt, dass diese Sirenen irgendetwas mit Lee Shacket zu tun hatten. Er war nach nebenan gegangen, um mit Carl Fredette zu sprechen, dem wachhabenden Beamten, und hatte von den Ereignissen im Haus der Bookmans erfahren.
Jetzt sah er durch ein Fernglas zu, wie Hayden Eckman und Rita Carrickton das Gebäude durch den Noteingang verließen und für eine oder zwei Minuten unter dem Säulenvordach stehen blieben, um sich zu unterhalten. Ihre Streifenwagen standen im Halteverbot, und sie fuhren nacheinander davon, ohne ihre Sirenen oder Blaulichter einzuschalten.
Carson leerte seine Kaffeetasse, schraubte sie wieder auf die Thermosflasche und ging über den Parkplatz zum Krankenhaus. Carl Fredette zufolge war Shacket gefasst worden und wurde hier festgehalten, bis der Sheriff am nächsten Morgen mit dem Bezirksstaatsanwalt sprechen konnte.
Weil Carson die vier Zimmer kannte, die sich zu psychiatrischen Pflegestationen umfunktionieren ließen, musste er nicht fragen, wo man Shacket gefangen hielt. Er begab sich auf direktem Weg in den zweiten Stock, den obersten, dann zum Ende des Ostflügels.
Man hatte einen Stuhl mit gerader Lehne und einen kleinen Klapptisch im Gang platziert, links von der Tür zu Zimmer 328. Auf dem Tisch befanden sich eine mit Kondenswasser bedeckte Karaffe voll Eiswasser sowie ein Glas, eine Dose Coca-Cola, eine Tüte Erdnüsse und ein paar Magazine über Hot Rods.
Thad Fenton, ein junger und ernsthafter Deputy, legte eins der Magazine hin und stand auf, als er Carson sah. Er war erst seit etwa sechs Monaten im Dienst. Das war gut. Er war bestimmt unsicher, was diese beispiellose Situation betraf, und respektierte Carsons Autorität.
»Dr. Conroy«, begrüßte er ihn zu laut. Dann wurde ihm sein Fehler bewusst und er sprach leise weiter, um die Patienten nicht zu stören. »Was machen Sie denn um diese Uhrzeit hier?«
»Ich bin mit den Obduktionen von Spader und Klineman fertig und kann nicht schlafen. Gott, ich werde vielleicht noch eine ganze Woche nicht mehr schlafen können.«
»Ich hab das von der Klineman gehört. Hört sich an wie was aus The Walking Dead. Ich weiß wirklich nicht, wie Sie’s schaffen, das zu tun, was Sie tun.«
»Einer muss es ja machen. Hören Sie, ich muss zu diesem durchgeknallten Mistkerl.«
»Zu Shacket? Nun ja, Doc, niemand hat mir gesagt, dass Sie kommen würden.«
»Ich habe ein paar Fragen an ihn.«
Der Deputy runzelte die Stirn. »Sollte er dann nicht einen Anwalt bei sich haben?«
»Es gibt ja noch keine Anklage gegen ihn. Er liegt auf einer psychiatrischen Station. Den Anwalt wird er brauchen, sobald es die Anklage gibt.«
Fenton blieb skeptisch, wenn auch offenbar nicht, was Carsons Recht betraf, hier zu sein. »Er ist gefährlich, Doc. Man hat ihn mit genug Drogen vollgepumpt, um ihn für Stunden außer Gefecht zu setzen. Aber er kam wieder zu sich, als sie ihn gerade fesseln wollten, und sie mussten ihm noch mehr geben. Eigentlich wollten sie ihm noch eine dritte Dosis verpassen, aber sie hatten Angst, dass er an einer Überdosis stirbt.«
»Er ist doch vollständig fixiert, oder?«
»O ja.« Fenton nahm einen Schlüssel aus der Tasche. »Seien Sie nur vorsichtig, er hat Walter Colt nämlich den Finger abgebissen. Und wenn Sie da reingehen, werde ich hinter Ihnen die Tür abschließen müssen. So lauten die Regeln.«
»Das verstehe ich.«
»Ich werde durch das kleine Fenster hier zuschauen, aber ich muss trotzdem hinter Ihnen abschließen.«
Das Fenster in der Tür war etwa 45 Zentimeter breit und 30 Zentimeter hoch. Es bestand aus mehreren Glasschichten, zwischen denen Draht verlief.
Deputy Fenton blickte in das Zimmer, während er den Schlüssel ins Schloss steckte.
Dann sah er wieder Carson an. »Hier machen sie das so, dass sie immer zu zweit reingehen, nie nur einer allein. Normalerweise eine Krankenschwester und irgendein kräftiger Kerl, ein Pfleger oder so.«
»Ich komme schon klar«, versicherte Carson ihm.
»Oh, und wegen seiner Augen. Die leuchten wie bei einem Tier. Die glauben, dass er irgendwelche verrückten Kontaktlinsen trägt, wie die Leute das manchmal an Halloween machen. Sie wollten sie rausnehmen, als sie mit allem anderen fertig waren, aber dann hat die Wirkung des Beruhigungsmittels nachgelassen oder so, schon wieder. Er hat den Kopf geschüttelt und sich gegen die Gurte gestemmt, also haben sie das mit den Kontaktlinsen einfach auf morgen verschoben.«
»Wenn er versucht, mir Angst einzujagen«, gab Carson zurück, »dann setze ich mir einfach meine Vampirzähne ein und dreh den Spieß um.«