82
Zwei Uhr morgens. Am Rand von Sacramento. Ein verlassenes Einkaufszentrum. Durch Umbauten würde das Gebäude schließlich Wohnungen der gehobenen Preisklasse beherbergen, die zahlreiche Annehmlichkeiten boten.
Ein Maschendrahtzaun umschloss das große Grundstück, geschmückt mit Schildern, auf denen in roter Schrift vor Gefahren gewarnt und das Betreten verboten wurde. Obwohl im Einkaufszentrum nichts mehr zurückgeblieben war, das sich zu stehlen lohnte, war für gewöhnlich ein Wachmann in einem Auto vor dem einzigen Tor im Zaun postiert. Seine Aufgabe bestand weniger darin, Diebe abzuwehren, als darin, abenteuerlustige Urban Explorer abzuwimmeln, diese selbst ernannten Beton-Höhlenforscher, die alles von verlassenen Hotels bis hin zu den Labyrinthen der Servicetunnel unter den großen Städten erkundeten. Das war zwar illegal, aber falls irgendeiner dieser Katakombenkriecher und Amateurarchäologen sich bei seinen Abenteuern verletzte, bestand Grund zu der Sorge, dass eine unwissende Jury oder ein inkompetenter Richter dem Einbrecher eine Entschädigung in Millionenhöhe zusprach.
In dieser Nacht hatte der Nachtwächter die Anweisung erhalten, nicht zum Dienst zu erscheinen. Das verlassene Einkaufszentrum war der ideale Ort für ein Treffen zweier Parteien, die beide auf einem Treffpunkt bestanden, an dem zufällige Augenzeugen nicht nur unwahrscheinlich, sondern so gut wie ausgeschlossen waren.
Haskell Ludlow stieg aus seinem Lexus-SUV und zog im Licht der Autoscheinwerfer eine Show ab, indem er das Tor mit dem Schlüssel öffnete, als ob er tatsächlich der Erste wäre, der hier eintraf.
Ein paar Stunden zuvor hatte er sich mit den beiden 22-jährigen Zwillingen Zoey und Chloe eine Penthouse-Suite geteilt. Die Mädchen hatten ihn überrascht, denn sie kannten mehr perverse Praktiken als er, obwohl er sich schon beinahe so lange mit Perversionen vergnügte, wie sie am Leben waren. 25 Jahre lang hatte er in enger Verbindung zu Dorian Purcell gestanden, seinem stillen Partner, aber vor zwei Jahren war er aus dem Geschäft ausgestiegen, um sich ganz dem Vergnügen zu widmen. Jetzt war Dorian mit der Vertuschung der Wahrheit über Springville beschäftigt, und er brauchte Ludlow für diese eine Aufgabe. Haskell war wieder angetreten, um seinen Beitrag für das Team zu leisten.
Der Wind pfiff schaurig durch den hängenden Maschendraht: höllische Harfensaiten, gespielt von Dämonenhänden. Plastiktüten verschiedenen Ursprungs und Zustands hatten sich in den Lücken im Draht verfangen, zuckten, flatterten und erzeugten einen Laut wie von rauschenden Schwingen, wie von einem Schwarm Fledermäuse im Tiefflug.
Das Tor rollte zur Seite, wobei die Räder sich stockend über den gesprungenen, von Löchern übersäten Asphalt bewegten. Nachdem er auf das Grundstück gefahren war, schloss Ludlow das Tor wieder hinter sich, aber er schloss es nicht ab. Bald würden höchstwahrscheinlich zwei weitere Männer gemeinsam eintreffen.
Er fuhr um die östliche Flanke des gewaltigen Gebäudes herum in eine vierstöckige Parkgarage und stellte den Lexus auf einen Behindertenparkplatz. Sein Fahrzeug war das einzige weit und breit.
Ein geziegelter Gehweg lag zwischen dem Parkgebäude und dem Eingang zum Einkaufszentrum. Ludlows Taschenlampe brachte Dutzende gesprungener, ramponierter Plastiktassen zum Vorschein, die über das Pflaster rollten wie Schwarmfische, die dazu verdammt waren, bis zum Abrisstag über diese Ziegel zu schwimmen.
Die pneumatische Glastür war entfernt, verschrottet und durch eine schwere Sperrholzbarrikade und eine Metalltür ersetzt worden. Mit einem zweiten Schlüssel öffnete er diese Tür und ging hinein. Er schloss nicht hinter sich ab, als wäre er sicher, dass sich alles so abspielen würde, wie es verabredet war.
Die Aufzüge waren noch nicht entfernt worden; allerdings waren sie nicht mehr in Betrieb. Er stieg die profilierten Stufen zum Hauptgeschoss hinauf. Die Schilder der meisten Geschäfte waren abgenommen worden, aber hier und dort waren noch die Firmennamen und Logos der ehemaligen Betreiber über den leeren Schaufenstern zu sehen.
Vögel waren irgendwie ins Gebäude gelangt und hatten den Weg hinaus nicht mehr gefunden. Spatzen und Krähen. Sie lagen hier und dort, in scheinbar organisierten Anordnungen aus Federn und zerbrechlichen Knochen. Es war, als hätten Anhänger eines Voodookults ihre Überreste zu Mustern angeordnet, um eine Zeremonie vorzubereiten. Im beweglichen Taschenlampenlicht schienen die Flügelspitzen und Knochen zu zittern.
Etwa in der Mitte des Hauptgehwegs lag ein großes, rundes Becken, in dem einmal Seerosenblüten und farbenfrohe Kois geschwommen waren. Jetzt enthielt das Becken weder Wasser noch Fische. Dafür war es zur Hälfte mit zufälligem Origami aus Papiermüll gefüllt.
Er setzte sich auf die breite Mauerkrone der 60 Zentimeter hohen Mauer um den Pool, deckte das Glas der Taschenlampe mit zwei Fingern der rechten Hand ab und richtete den Lichtstrahl zwischen seinen Füßen auf den Boden, so, wie es abgemacht war.
Haskell Ludlow und Dorian Purcell waren seit der Junior High School befreundet. Damals waren sie verdammt gute Hacker und bartlose Programmierer gewesen. Sie hatten Rootkits in den schlecht abgeschirmten Computersystemen großer Firmen installiert und so alle Arten kompromittierender Informationen aus den E-Mails leichtsinniger Führungskräfte gewonnen, die noch nicht begriffen hatten, dass ihre elektronische Korrespondenz nie vollständig verschwinden würde. Es boten sich unbegrenzte Einkommensmöglichkeiten, wenn man zu jung und zu clever war, um vor dem Begriff Erpressung zurückzuschrecken. Balzac hatte geschrieben: »Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen.« Das war ein Klischee und eine Lüge. Aber Haskell und Dorian hatten die nötigen Schritte unternommen, um sicherzustellen, dass kein Autor in der Lage wäre, die klischeehafte Wahrheit über sie aufzudecken, falls jemals eine Entstehungsgeschichte der Firma Parable geschrieben würde. Obwohl er sich stets bedeckt hielt, besaß Haskell Ludlow den zweitgrößten Anteil der Stimmrechtsaktien von Parable, und er wäre beinahe jedes Risiko eingegangen, um sein Vermögen und seinen guten Namen zu schützen, so, wie er es jetzt in diesem baufälligen Einkaufszentrum tat.
Die zwei Männer von Tragedy tauchten um 2:15 Uhr vor Ludlow auf. Sie waren schwarz gekleidet, trugen Nachtsichtbrillen und bewegten sich so leise wie Seelen, die ihre Körper verlassen hatten und zu leicht waren, um Schrittgeräusche zu erzeugen. Der Absprache nach hätten sie ihm um 2:30 Uhr in das Gebäude folgen sollen. Tatsächlich waren sie schon seit 0:30 Uhr hier.
Ohne den Blick von ihren Schuhen zu heben, hielt er ihnen mit der linken Hand seinen Führerschein entgegen. Es war eine exzellente Fälschung auf den Namen Alexander Gordius, eine Identität, die sowohl er als auch Dorian Purcell benutzten. Sie war unter mehr Briefkastenfirmen und Schichten aus falschen Daten begraben als die unter geologischen Schichten begrabenen Fossilien des Jura. Das Phantom Gordius war derjenige, der die Dark-Web-Meister von Tragedy im Laufe der Jahre für fünf sorgfältig geplante Attentate bezahlt hatte.
Einer der Tragedy-Agenten gab ihm den Führerschein zurück und fragte: »Was für ein Name ist denn Gordius?«
»Der von meinem Dad«, erwiderte Ludlow. Er stand auf und ließ die hell leuchtende Taschenlampe auf der Mauerkrone liegen.
Die zwei Männer waren geschmeidige Bullen, die wirkten, als könnten sie Mauern durchbrechen oder auch durch Mauerspalten schlüpfen, je nachdem, welche Angriffsmethode gerade erforderlich war. Sie trugen schwarze Kapuzenpullover und hatten sich die Gesichter mit einer schwarzen, das Licht nicht reflektierenden Substanz eingeschmiert. Ihre Nachtsichtgeräte hingen jetzt um ihre Hälse.
Ihre Namen bei Tragedy lauteten Keith Richards und Roger Daltrey. Ihre echten Namen – von denen sie glaubten, man könne sie nicht herausfinden – waren Frank Gatz und Boris Sergetov. Die gesamte Tragedy-Mannschaft bestand aus nur sechs Personen, denn es war weise, in einer Firma für Auftragsmorde so wenige potenzielle Verräter wie möglich zu haben. Diese zwei Männer waren die Gründer der Organisation.
Sie hatten ihren Kunden über die Sicherheitslücke informiert, die die Gefahr einer Enthüllung bedeutete. Nun wollten sie – ganz umsonst – den Hacker umbringen, der die Gordius-Identität gekapert und offenbar versucht hatte, Beweise zu den Aktivitäten von Tragedy zu sammeln. Vor allem hatte er Einzelheiten über einen der fünf Anschläge gesucht, die Gordius bestellt hatte.
Der »echte« Alexander Gordius – alias Haskell Ludlow und Dorian Purcell – hatte auf diesem Treffen bestanden, um die Identität des Hackers zu erfahren und einen einvernehmlichen Plan für dessen Vernichtung zu entwerfen. Die Zentrale von Tragedy lag in einer Lagerhalle in Stockton. Dieses stillgelegte Einkaufszentrum, das wenig mehr als 50 Meilen von ihrem Hauptquartier entfernt lag, diente ihnen als praktischer Treffpunkt. Natürlich hatten sie zuvor die Besitzer des Grundstücks überprüft und beim amerikanischen Teil des Trios ausländischer Mischkonzerne niemanden gefunden, der Verbindungen zu Dorian oder Parable unterhielt.
Um seine Anspannung loszuwerden, ging Ludlow auf und ab, während er sprach. »Also, wer ist der Mistkerl?«
Mit russischem Akzent, schwer wie Beluga-Kaviar, sagte Sergetov: »Gospodin, dieses heimtückische Miststück, ist tatsächlich eine Schlampe.«
»Wirklich? Ist das Ihr Ernst? Irgendeine kleine Streberin hätte es fast geschafft, uns die Pistole auf die Brust zu setzen?«
»Nichts für ungut, Mann«, entgegnete Frank Gatz, »aber diese Denkweise ist vorsintflutlich.«
»Bitte was?«
»Vorsintflutlich – veraltet, uralt, von vor der Sintflut. Weißes, männliches Denken von der schlimmsten Sorte.«
»Ich bin kein Weißer.«
»Ich will damit nur sagen, dass Frauen alles können, was Männer können.«
»Im Stehen pissen?«
Gatz seufzte. »Machen Sie sich ruhig darüber lustig.«
Als ob er den Anwesenden eine tiefe philosophische Einsicht mitteilen wollte, sagte Sergetov: »Frau kann brillant und trotzdem svoloch sein.«
»Wie auch immer. Ich bin nicht derjenige, der es vermasselt hat«, sagte der unablässig auf und ab gehende Ludlow. »Das hat Tragedy versaut. Sie haben das versaut. Wo ist diese Schlampe?«
»Sie ist keine zwei Stunden von hier entfernt, gospodin «, erwiderte Boris. »Aber Sie sicher nie gehört von kleine Stadt namens Pinehaven.«
Das hatte Ludlow tatsächlich nicht.
»Ihr Name«, fügte Gatz hinzu, »ist Megan Bookman. Sie erinnern sich vielleicht noch an ihren Mann Jason. Das Problem, das wir durch einen Hubschrauberabsturz gelöst haben.«
Plötzlich bekam das Einkaufszentrum etwas Gotisches. Wenn es bislang als der ideale Ort für ein höchst privates Treffen ohne Augenzeugen erschienen war, wirkte es auf Ludlow jetzt finsterer, wie ein Knotenpunkt, an dem vergangene Taten und deren Konsequenzen zusammenliefen. War es möglich, dass Megan Bookman – gut aussehend, Malerin, Pianistin – eine vierfache Bedrohung darstellte, weil sie außerdem eine White-Hat-Hackerin war, eine Datenpiratin, die auf der Suche nach Gerechtigkeit durch das Dark Web segelte?
Jason hatte von den Forschungen über Gentechnik durch Archaeen erfahren und war radikal dagegen gewesen.
Er hatte nicht verstanden, wie zentral der Transhumanismus für Dorians Sicht der Zukunft war – und welche Konsequenzen seine Drohung haben würde, zurückzutreten und die Pläne seines Chefs öffentlich zu machen, die schon damals weit fortgeschritten gewesen waren. Hatte er mit Megan über seine Bedenken gesprochen und hatte sie deshalb Verdacht geschöpft, als er mit dem Helikopter in den Tod gestürzt war?
Ludlow hatte sich nie für die Forschungen von Refine interessiert, war kein Transhumanist, hatte Dorian nicht kritisiert. Er wusste nichts über die Arbeit in Springville und er wollte es auch nicht wissen.
Gatz sagte: »Mrs. Bookman lebt dort allein mit einem geistig behinderten elfjährigen Jungen.«
»Nur weil er ist Kind und dumm, der nevezhda sollte nicht verschont werden«, verkündete Boris Sergetov. »Krugovaia otvetstvennost – kollektive Verantwortung. Sie hat ihn aus sich herausgequetscht, ihn mit ihren Titten gesäugt. Er nicht weniger unser Feind als sie. Zwei Stücke Scheiße in derselben Kloschlüssel. Beide runterspülen.«
Ludlow wandte sich an Frank Gatz: »Ihr Freund ist wirklich sehr eloquent. Schreibt er die Gedichte für Ihre Firmenzeitung? Falls nicht, sollten Sie ihm unbedingt eine Seite einräumen. Kann sein, dass Sie da den nächsten Robert Frost unter sich haben.«
»Sir, entschuldigen Sie, aber können Sie aufhören, hier herumzuwirbeln wie ein Brummkreisel?«, fragte Gatz. »Mann, da wird mir ganz schwindlig.«
»Ich wirble nicht. Ich gehe«, beharrte Ludlow. »Ich bin ausgesprochen angespannt. Ich ersaufe in Stresshormonen dank diesem verdammten Schlamassel, in dem wir stecken. Gehen hilft mir, den Kopf klarzukriegen, damit ich nachdenken kann. Was mir nicht gerade hilft, ist, dass Sie beide überhaupt nicht gestresst wirken. Sie scheinen nicht zu glauben, dass es irgendwelche Risiken dabei gibt, diese Schlampe und ihre Rotzgöre zu erledigen.«
Als er »Rotzgöre« sagte, war dies das vereinbarte Zeichen für Hisscus, Knacker und Verbotski, sich von den Seiten her zu nähern, da sie nun die Informationen erhalten hatten, die sie brauchten.
Leroy Hisscus, Bradley Knacker und John Verbotski waren um 22:30 Uhr zum Einkaufszentrum gekommen, vier Stunden bevor die Leute von Tragedy auftauchen sollten, zwei Stunden bevor sie tatsächlich aufgetaucht waren. Leroy, Brad und John hatten sich in verlassenen Läden in der Nähe eingenistet und so geschickt versteckt, dass Gatz und Sergetov bei ihrer flüchtigen Suche nach Feinden keine Spur von ihnen gefunden hatten. Gatz und Sergetov waren bewaffnet, aber ihre Waffen steckten in den Halftern. Als Hisscus, Knacker und Verbotski sich aus dem Nichts materialisierten wie Geister bei einer Séance, hatten sie ihre Pistolen bereits gezogen, und Ludlow hatte sich aus der Schusslinie begeben. Selbst wenn Gatz und Sergetov Kevlarwesten trugen, waren sie trotzdem verloren, als drei erweiterte Magazine mit jeweils 48 Schuss innerhalb von weniger als einer Minute geleert wurden. Mit dieser Zahl an Kopftreffern hätte ein Schütze an einem Jahrmarktsschießstand sämtliche Stofftiere gewonnen.
Alle Pistolen waren mit Schalldämpfern ausgestattet, die eine Waffe jedoch nie ganz lautlos machten. So viele Schüsse wären sonst vielleicht außerhalb des Einkaufszentrums hörbar gewesen, selbst in einer stürmischen Nacht, wenn auch wahrscheinlich nicht bis zu der einstöckigen Grundschule, die dem Bauzaun gegenüberlag, durch dessen Tor Ludlow aufs Grundstück gekommen war.
Der dritte Tragödier, Cory Holmes, war auf dem Dach dieser Schule stationiert gewesen, um das Tor zu beobachten und sicherzustellen, dass Ludlow allein kam und ihm niemand folgte. Mittlerweile war Holmes wahrscheinlich an einem Schuss in den Hinterkopf gestorben, denn ein Mitarbeiter von Hisscus, Knacker und Verbotski hatte sich auf diesem Dach versteckt, noch bevor Holmes dort angekommen war.
Auch wenn die gedämpften Schüsse nicht mehr durch das verlassene Zentrum hallten, hallten sie noch in Ludlows Ohren nach, während er sich Bradley Knacker und dessen Partnern näherte. Brad trug ein Walkie-Talkie mit einem Ohrhörer, den er mit einem Finger fester hineindrückte und aufmerksam horchte. Er sagte »Zehn-Vier« zu dem Mann auf dem Dach der Grundschule. An Ludlow gewandt sagte er: »Sherlock ist über den Reichenbachfall gegangen, diesmal wirklich.« Damit meinte er, dass Cory Holmes tot war und nicht eher wiederauferstehen würde als Arthur Conan Doyles berühmter Detektiv, den dieser zum Verdruss seiner Leser hatte sterben lassen.
Ludlow fragte sich, seit wann Männer, die diese Art von Arbeit machten, es für einen Teil ihres Jobs hielten, mitten in der Aktion wenig geistreiche Witzeleien von sich zu geben. Wahrscheinlich waren daran die Filme schuld.
Die anderen drei Tragedy-Agenten, die in ihren Häusern in Stockton schliefen, waren bereits auf ähnliche Weise ausgeschaltet oder wurden es jetzt. Weder hier noch dort würde man Leichen finden. Die sechs Männer würden einfach verschwinden. Bis zum Morgengrauen würden die Website sowie sämtliche Aufzeichnungen über sie nicht mehr existieren.
Wäre Frank Gatz und Boris Sergetov bewusst gewesen, dass das Startkapital, mit dem sie vor einigen Jahren Tragedy aus der Taufe gehoben hatten, nicht von der Mafia gestammt hatte, wie sie glaubten, sondern auf höchst indirektem Wege von Dorian Purcell, hätten sie vielleicht über diese Ironie des Schicksals gestaunt. Zumindest Gatz wäre vielleicht dazu in der Lage gewesen. Sergetov weniger.
Hisscus, Knacker, Verbotski sowie fünf weitere Mitarbeiter hatten vor zwei Jahren ihre eigene Dark-Web-Firma gegründet, mit Startkapital, das ihrer Ansicht nach von gewissen internationalen Waffenhändlern eingebracht worden war, die mit Söldnern auf der ganzen Welt Handel trieben. Dorian war eine Art Mäzen des Mordes. Er unterstützte ihren Dark-Web-Auftritt, dessen Adresse aus 52 Schriftzeichen und Ziffern bestand. Sie hatten die Seite Atropos & Company genannt, nach der unheilvollsten der drei Schicksalsgöttinen aus der griechischen Mythologie. Atropos war die Göttin, die den Faden des Lebens zerschnitt. Diesen Namen hatte John Verbotski vorgeschlagen, der vielleicht ein wenig zu gebildet für diesen Beruf war.
Hinter vielen großen Vermögen stand kein Verbrechen, nur harte Arbeit, Intelligenz und Besessenheit, aber Balzac lag nicht vollkommen falsch. 14-jährige Jungen, die für Erpressung gut entlohnt wurden, lernten aus dieser Erfahrung stets, dass gut durchdachte Verbrechen effizient waren und sich lohnten.
Der Mann, der Holmes auf dem Dach der Schule getötet hatte, würde sich um die Leiche kümmern und dann Leroy Hisscus hier im Einkaufszentrum beim Aufräumen helfen. John Verbotski und Bradley Knacker würden bald zum Bookman-Haus am Rand von Pinehaven aufbrechen, das weniger als zwei Fahrstunden entfernt lag.
Haskell Ludlow, der ein wenig feinfühliger war als die Agenten von Atropos, brachte etwas mehr Distanz zwischen sich und die durchlöcherten, blutenden Leichen von Gatz und Sergetov, die nach Blut, Fäkalien, Urin und Verdauungsgasen rochen.
Verbotski folgte ihm. Ihre Schritte brachten die ausgeworfenen Patronenhülsen in Bewegung, die mit metallischem Klirren davonrollten. »Mr. Gordius, wir hatten in der Vergangenheit gute Geschäftsbeziehungen zu Ihnen, und wir werden dafür sorgen, dass all diese Probleme verschwinden. Die in Stockton werden wir auch verschwinden lassen. Aber ich will sicher sein, was Sie von uns in Pinehaven erwarten. Wir arbeiten nicht wie diese beiden Schwachköpfe da.« Verächtlich deutete er auf die durchlöcherten Leichen von Sergetov und Gatz. »In einer Stadt wie Pinehaven fallen Fremde auf und man erinnert sich an sie. Wir können nicht einfach ein Haus in irgendeinem Hinterwäldlerkaff stürmen und anfangen zu schießen.«
»Das sollen Sie auch nicht«, erwiderte Ludlow. »Ich will Megan Bookman und ihren Sohn lebend, und zwar innerhalb der nächsten zwölf Stunden. Ich will sie fertigmachen, sie Stück für Stück auseinandernehmen und herausfinden, was sie weiß und wem sie es vielleicht erzählt hat. Wenn ich den Jungen habe, mache ich sie fertig, indem ich ihn fertigmache.«
Verbotski schlug ein paar Methoden vor, bei denen außer ihm und Knacker noch zwei weitere Männer beteiligt wären, und Ludlow fielen weitere Verbesserungen ein.
Als Alexander Gordius bahnte sich Haskell Ludlow den Rückweg aus der verfallenden Mall. Die Reflexion seines Lampenlichts in den staubigen Ladenfenstern beschwor Verfolger am Rand seines Sichtfelds herauf. Er wusste, dass er sie sich nur einbildete, aber dennoch drehte er nervös den Kopf nach links und rechts, um zu ertappen, was nicht da war.
Obwohl er schon zuvor für Morde bezahlt und sich nichts weiter dabei gedacht hatte, war er bis zu dieser Nacht noch nie dabei gewesen, wenn der Auftrag ausgeführt wurde. Diese Erfahrung war viel erschütternder, als er erwartet hatte.
Als er zu dem frei stehenden, vierstöckigen Parkgebäude zurückkehrte, in dem er seinen Lexus-SUV abgestellt hatte, brachte ihn ein plötzliches Klappern dazu, herumzuwirbeln und die Taschenlampe in den Wald aus Betonsäulen zu richten. Aus der Dunkelheit flogen mehrere Seiten einer weggeworfenen Zeitung heran, die der Wind zum Flattern brachte. Sie wirbelten gemeinsam durch die Parkreihen wie ein Wesen mit bleichen Schwingen, verhüllter Gestalt und mörderischer Absicht. Diesem vom Sturm geschaffenen Wesen fehlte zwar eine Sense oder Sichel, doch es sprang plötzlich unerwartet schnell auf Ludlow, legte sich knisternd um ihn, maskierte sein Gesicht, machte ihn blind. Er schrie auf und befreite sich aus seiner Umklammerung, schlug wild mit der Taschenlampe darauf ein, als ob er das Ding verletzen könnte.
Er stieg in den SUV, zog die Tür zu, startete den Motor, schaltete die Scheinwerfer ein, verriegelte die Türen und saß in kaltem Schweiß gebadet da. Er sah zu, wie die Zeitungsseiten sich blähten und in der Dunkelheit verschwanden, und er schämte sich für die Panik, die ihn gepackt hatte.
Stress. Er war völlig gestresst. Die Gewalt im Einkaufszentrum. Die Möglichkeit, dass Megan Bookman ihn und Dorian mit Tragedy im Dark Web in Verbindung gebracht hatte. Weil er nichts mit Refine zu tun hatte und nichts darüber wusste, was sich in Springville abgespielt hatte, machte er sich darüber keine großen Sorgen. Abgesehen davon, dass ihn die Frage beschäftigte, wie sich die Schwierigkeiten, in denen Refine steckte, auf den Aktienkurs von Parable auswirken würden.
Ludlow fuhr aus der Parkgarage, vom Grundstück und auf die Straße.
Wenn er in sein Hotel zurückkehrte, würde es 3:30 Uhr sein. Dieser Tragedy-Auftrag hatte ihn Schlaf gekostet, den er nach den tagelangen Spielen mit Zoey und Chloe in Vegas dringend brauchte. Er wollte einen Martini mit nicht mehr als einem Hauch Wermut, gefolgt von einem erstklassigen Cabernet und einem frühen Frühstück, allerdings nicht mit Frühstücks-, sondern mit Abendspeisen, damit er seinen Biorhythmus wiederfand. Dann acht Stunden Schlaf, um sich auf das Verhör von Megan Bookman vorzubereiten. Er hatte eine Suite in einem Viersternehotel gebucht. Sacramento, die Hauptstadt Kaliforniens, beherbergte eine wunderbar korrupte Landesregierung. Hier war ein ganzer Ozean schmutzigen Geldes im Umlauf, was bedeutete, dass er aus vielen guten Hotels auswählen konnte. Seine Suite war mit drei Schlafzimmern ausgestattet. Wenn er nachts aufwachte und zur Toilette ging, stieg er danach gern in ein frisches Bett mit glatten, sauberen Laken, in dem er noch keine bösen Träume unter dem Kopfkissen hinterlassen hatte.