83
Hinter dem Hauptquartier des Sheriff’s Department und dem Stadtgefängnis lag ein Parkplatz für Angestellte der Stadt. Hinter diesem stand ein Ziegelgebäude, eine Garage mit kleinen, hohen, vergitterten Fenstern. Im Moment waren diese Fenster voll mit perlengrauem Licht, das von den Schirmlampen unterhalb der Fensterlinie stammte.
In diesem Gebäude wurden Fahrzeuge, die im Zusammenhang mit schweren Verbrechen standen und im Rahmen polizeilicher Ermittlungen beschlagnahmt worden waren, so lange verwahrt, bis sie nach gesetzlich festgelegten Zeitplänen wieder herausgegeben werden mussten oder ein Gericht entschied, dass sie ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden sollten. Im für gewöhnlich friedlichen Pinehaven County war die Polizei weder verrückt nach Beschlagnahmungen noch auf die Einkünfte aus eingezogenen Vermögen angewiesen. Derzeit standen abgesehen von Eckmans persönlichem Streifenwagen nur zwei Fahrzeuge in der Garage: ein Pick-up des Modells Ford F-150, der in Verbindung mit einem Unfall mit Fahrerflucht stand, sowie der rote Dodge Demon, in dem Lee Shacket alias Nathan Palmer aus Utah geflohen war.
Sheriff Eckman war direkt aus dem Krankenhaus in die Beschlagnahmungsgarage gekommen. Er war zu aufgeregt, um schlafen zu können. Allein arbeitete er am Dodge und dessen Inhalt. Wegen der außergewöhnlichen Natur dieser Straftat und der bestehenden Verbindung zu einem Unternehmen, das Dorian Purcell gehörte, würde er die Medien nicht vor dem Mittag über Shackets Festnahme informieren. So gewann er Zeit, um diese Situation so gut wie möglich zu seinem Vorteil zu nutzen. Dieser Fall würde seinen Namen im ganzen Bundesstaat bekannt machen und seiner Karriere neuen Schwung geben. Wenn er es richtig anstellte, konnte er sogar dafür sorgen, dass Purcell in seiner Schuld stand, was ihm sicher große finanzielle Vorteile verschaffen würde.
Bittet, und euch soll gegeben werden.
Der zweite der beiden Aktenkoffer im Kofferraum des Wagens enthielt Bündel aus 100- und 20-Dollar-Scheinen. Er hatte noch nie so viel Bargeld auf einem Haufen gesehen. Nach einer kurzen Zählung kam er zu dem Schluss, dass hier vielleicht 100.000 Dollar lagen.
Nach sorgfältiger Überlegung legte er den Koffer in den Kofferraum seines Streifenwagens.
Die Scheine waren eindeutig als Fluchtgeld für den Notfall gedacht. Shacket musste bewusst gewesen sein, dass die Vorgänge in Springville jederzeit aus dem Ruder laufen und ihn in ernsthafte juristische Schwierigkeiten bringen konnten.
Megan Bookman hatte erwähnt, dass Shacket von Costa Rica gesprochen habe. Dort hatte er anscheinend einen sicheren Rückzugsort vorbereitet, unter einem anderen Namen als dem eigenen oder Nathan Palmer. Falls er gehofft hatte, dort anonym leben zu können, hätte er dort auf indirektem Wege eintreffen müssen, über eine Route, die so kompliziert war, dass man sie nicht nachverfolgen konnte. Dazu hätte er Geld benötigt, nicht zuletzt, um verschiedene Leute zu bestechen. Shacket hatte sicher Millionen auf ausländischen Konten, an die er nicht ohne Weiteres herankam. Der Sheriff vermutete, dass selbst 100.000 Dollar nicht genug Geld für eine Flucht waren, wenn sogar die allmächtige National Security Agency sich an der Suche nach diesem Kerl beteiligte. Angesichts der Ressourcen, über die er verfügte, sowie der ihm drohenden juristischen Konsequenzen hatte Shacket sicher nicht an seinen Geldvorräten für die Flucht gespart.
Eckman ging um den Dodge herum, musterte ihn. Autos wurden oft so modifiziert, dass Geheimfächer entstanden, in denen man Drogen transportieren konnte. In diesem Fall würden sie Bargeld enthalten, und zwar an leicht zugänglichen Stellen. Shacket hätte sicher keine Lust gehabt, einen Kotflügel zu entfernen, um an sein Geld zu kommen. Was bedeutete, dass es sich wahrscheinlich im Wageninneren befand.
Der Dodge Demon war ein maßgeschneidertes Kunstwerk, nicht nur ein Fließbandauto mit aufgemotztem Motor. Die Innenausstattung war mit derjenigen in einem Mercedes vergleichbar. Wenn es ein verstecktes Fach gab, musste es clever integriert sein. Aber die Perfektion der Polsternähte und andere Details machten es schwerer, einen leicht zugänglichen Hohlraum zu schaffen.
Nach zehn Minuten fand er zwei Druckverschlüsse, die eine verborgene Platte an der Rückseite des Beifahrersitzes freigaben. Eine schnelle Berechnung anhand der Zahl der 100-Dollar-Scheine in den Plastikhüllen ergab, dass er zusätzliche 300.000 Dollar gefunden hatte.
Beinahe hätte er die ganze Summe in seinen Streifenwagen verladen. Dann wurde ihm bewusst, dass Tio Barbizon, sobald er die Festnahme Lee Shackets bekannt gab, Frawley und Zellman aus Sacramento schicken würde. Diesmal würden sie nicht allein kommen, und sie würden nicht nur Shacket mitnehmen, wie sie zuvor die Leichen seiner Opfer mitgenommen hatten, sondern auch die weiteren Beweise, die man gesammelt hatte. Darunter auch den Dodge Demon.
Sie würden das Auto mit großer Sorgfalt durchsuchen. Sie würden das versteckte Fach finden. Wenn sie es leer vorfanden, würden sie sich fragen, weshalb sich Shacket die Mühe gemacht hatte, das Versteck einbauen zu lassen, ohne irgendetwas darin zu verstauen.
Widerstrebend brachte Hayden Eckman nur zwei Drittel der Summe in seinen Wagen und ließ 100.000 zurück, damit die Ermittler des Generalstaatsanwalts sie fanden. Shacket würde vielleicht später behaupten, es sei dreimal so viel Geld dort gewesen sowie zusätzliche 100.000 in einem Koffer. Aber er war ein Verrückter, ein degenerierter Kannibale, nicht glaubwürdig.
Aber zu dem Zeitpunkt, wenn Eckman Shackets Festnahme bekannt gab, war der Gefangene vielleicht schon tot. Angesichts der extremen Gewalttaten, die er verübt hatte, konnte man sich leicht vorstellen, wie er sich befreite und entweder einen Deputy oder jemanden vom Krankenhauspersonal angriff, was den Einsatz tödlicher Gewalt gegen ihn rechtfertigte. Sheriff Eckman dachte bereits über die Inszenierung eines solchen Vorfalls nach, seit er die Überführung Shackets in die psychiatrische Abteilung beaufsichtigt hatte.
Es hätte Eckman gewaltige Überwindung gekostet, die 100.000 Dollar zurückzulassen, damit Barbizons Ermittler sie fanden, hätte er nicht wenige Augenblicke später ein weiteres Vermögen gefunden, eingenäht ins Futter des ledernen Sportsakkos auf dem Beifahrersitz. In den Taschen des modischen Kleidungsstücks fand er nichts Interessantes, aber bei der Durchsuchung ertastete er etwas Merkwürdiges im Saum. Er riss das Seidenfutter heraus. Darin war ein Plastikärmel mit 36 kleinen Fächern eingenäht, von denen jedes einen Diamanten enthielt. Er schätzte den Wert dieser Sammlung auf höher als die 300.000 Dollar, die er bereits in sein Auto gebracht hatte.
Hayden Eckman hatte Pinehaven lediglich als ein Sprungbrett gesehen, sein Amt nur als eine Stufe auf der Leiter zu einer noch mächtigeren Position. Aber die Stadt stellte sich zusehends als eine Schatztruhe voller Gelegenheiten heraus.