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Woodys Mom saß am Rand des Bettes. Woody war auf ihrem Schoß, in ihren Armen, hielt sie ganz fest.
Ben saß auf dem Sessel. Kipp stand neben ihm und wedelte aufgeregt und freudig mit dem Schwanz.
Kipp hatte noch nie einen Menschen so gut gekannt, wie er Woody jetzt kannte.
Er liebte den Woody, den er kannte. Er liebte Woodys Mom, die er durch Woody kannte.
Obwohl Kipp Dorothy liebte, war sie ihm nie vollkommen bekannt gewesen, nicht bis in die tiefsten Wurzeln ihrer Psyche, so wie es bei Woody der Fall war.
Woody Bookman hatte noch nie einen Menschen so gekannt, wie er nun Kipp kannte.
Außerdem hatte Woody durch die Zusammenkunft mit Kipp in der Leitung auch sich selbst so gut kennengelernt wie nie zuvor.
Kipp konnte nach wie vor nicht sprechen und würde es auch nie können – außer durch den Gebrauch seines sechsten Sinns, durch Telepathie.
Aber der Junge sprach jetzt und war von den lähmenden Hemmungen befreit, die ihn zum Schweigen verdammt hatten. Vielleicht bedeutete dies, dass seine Entwicklungsstörung vorwiegend psychologische Gründe hatte.
Aber wahrscheinlich nicht.
Kipp wusste, dass Woody sich weiterhin die Zähne putzen würde, bis sein Zahnfleisch verschwunden wäre, wenn er nicht die Sonicare hätte.
Auch Woody wusste es.
Er würde auch weiterhin nutzlose Dinge im Kopf haben, wie etwa dass er am 26. Juli um vier Uhr morgens geboren war, dass Juli der siebte Monat war und dass 26 multipliziert mit sieben 182 ergab. Wenn man vier addierte für die Uhrzeit seiner Geburt, war die Summe 186, was zufällig seinem IQ entsprach.
Dort im Zimmer des Jungen brachen Wortschwälle aus Woody hervor, während Kipp und Ben zusahen und alle staunten. Er enthüllte tiefe Gefühle und Gedanken, die ein Leben lang in ihm gefangen gewesen waren, darunter nicht zuletzt, dass er seine Mutter liebte und bewunderte.
Er sprach von seiner Hoffnung, eines Tages einem Mädchen zu begegnen, das wie er das Zahnfleisch eines Toten im Mund trug, damit sie ein Thema hatten, über das sie sprechen konnten, und dass sie sich vielleicht irgendwann einmal küssen würden.
Er sprach davon, dass auch Hirsche Familien hatten, dass es ihnen ebenso schwerfiel wie den Menschen, ihre Familien zusammenzuhalten.
Er sagte, dass seine Mutter seine Brücke über die raue See sei.
Wenn sie Moon River spielte, fand er es nicht traurig, dass er diesen Fluss nie überqueren und aufbrechen würde, um die Welt zu erkunden.
Anstatt dem Moon River um die nächste Biegung zu folgen, um zu sehen, was vor ihm lag, konnte er aus Büchern mehr über die Welt erfahren und sich die ganze Welt vorstellen. Das genügte ihm, und er glaubte, dass sie das wissen sollte.
Er sagte, sein Dad sei vor 164 Wochen gestorben.
Er habe den Tod seines Dads seit 60 Wochen untersucht.
164 minus 60 ergab 104.
104 entsprach exakt der Seitenzahl von Die Rache des Sohnes: Gewissenhaft gesa mmelte Beweise für monströse Bosheit .
Kipp eilte zum Schreibtisch. Stellte sich auf die Hinterbeine. Nahm den von einer Aktenklammer zusammengehaltenen Bericht mit den Zähnen.
Der Hund trug das Dokument zum Bett und legte es neben Woodys Mom ab.
Es hatten sich bereits viele verrückte Dinge ereignet, aber jetzt schien alles noch verrückter zu werden.