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Als Deputy Thad Fenton von einem raschen Ausflug zur Toilette zurückkehrte, hörte er ein lautes Klappern in Zimmer 328. Er hatte damit gerechnet, dass der Gefangene schreien, fluchen und Unsinn rufen würde, wie man es von einem völlig außer Kontrolle geratenen, mörderischen Psychopathen erwartete, aber nichts von alledem hatte er gehört, seit er seinen Posten bezogen hatte. Und jetzt das.

Fenton schaute durch das Sichtfenster in der Tür. Die Beleuchtung im Inneren war schwach, aber sie reichte aus, um zu erkennen, dass das Unmögliche geschehen war. Shacket war seinen Fesseln entkommen, hatte sich die Kanüle aus dem Arm gerissen, sich von dem Katheter befreit, durch den er in einen Behälter uriniert hatte, und seinen hinten offenen Krankenhauskittel abgeworfen. Nackt stand er vor dem einzigen Fenster und versuchte mit Gewalt, hindurchzukommen.

Das Flügelfenster besaß zwei große Scheiben, die an den senkrechten Fensterbalken befestigt waren. Nur mit einer abnehmbaren Kurbel ließen sie sich nach außen öffnen. Diese lag für gewöhnlich auf der Fensterbank, damit sie beim Herunterlassen der Jalousie nicht im Weg war. Die Kurbel war aus dem Zimmer entfernt worden, als dieses für einen psychiatrischen Patienten requiriert worden war.

Der in Schatten gehüllte Shacket war eine überraschend kräftige Gestalt. Er stemmte sich gegen die Fensterscheiben in den Metallrahmen, von denen keiner allein breit genug war, dass er hindurchgepasst hätte. Er musste beide Fensterhälften mit Gewalt öffnen, indem er den Mechanismus zerstörte. Dazu war mehr Kraft notwendig, als ein Mensch besitzen konnte. Und doch zitterten die Fensterhälften plötzlich und begannen sich mit einem metallischen Krachen und Quietschen an der Stelle zu teilen, wo die eine die andere überlagerte. Einer der bronzenen Rahmen drehte sich, Glas zersprang. Shacket stieß ein unmenschliches Brüllen aus. Ein Scharnier brach mit einem Krachen, quietschte wie ein verwundetes Tier.

Eine Krankenschwester näherte sich eilig durch den Korridor. Thad Fenton forderte sie auf zurückzubleiben. Er zog seine Pistole und versuchte die Tür zu öffnen, aber diese war natürlich verschlossen. Er öffnete sie mit dem Schlüssel, nahm die Waffe in beide Hände und stürmte in den Raum, wobei er gleichzeitig dem Gefangenen zurief, er solle sich sofort auf den Boden legen und dortbleiben.

In diesem Moment flog die linke Fensterhälfte nach außen auf und die rechte löste sich halb aus dem Rahmen. Shacket warf den glaslosen Rahmen in Fentons Richtung. Dieser duckte sich, um ihn nicht ins Gesicht zu bekommen.

Als der Deputy sich wieder aufrichtete und die Pistole hob, hockte Shacket im offenen Fenster. Er wirkte nicht weniger Furcht einflößend als ein wilder Affe, ein haarloser Affe, dessen funkelnde Augen so rot waren, als wäre sein Schädel mit Feuer gefüllt. Der Herbstwind kreischte um die nackte Kreatur, die dahockte wie ein Wasserspeier, und blies Winterkälte in den Raum, brachte die zerrissenen Gummigurte auf dem Bett zum Flattern und das Tropfgestell zum Klappern. Shacket befand sich mehr als zehn Meter über einem Betonbürgersteig, sodass es schien, als bliebe ihm kein Fluchtweg – doch dann sprang er in die Nacht hinaus, als könnte er fliegen.

Verblüfft lief Fenton zum Fenster, beugte sich in den heulenden Wind und sah hinaus, wobei er damit rechnete, den verrückten Gefangenen schwer verletzt und reglos in einer sich ausbreitenden Blutlache liegen zu sehen. Aber Shacket befand sich weder direkt unter ihm noch links von ihm noch rechts. Unglaublicherweise schien der Mann den Sturz überlebt zu haben. Deputy Fenton verlagerte seinen Blick weiter vom Gebäude weg, vorbei an einem Beet mit einem niedrigen Gebüsch, bis hin zum Besucherparkplatz, der zu dieser Uhrzeit nicht in Gebrauch war. Er suchte nach einer bleichen, nackten Gestalt, die sich in Richtung Straße bewegte. Aber auch dort draußen war Shacket nicht.

Ob Thad zuerst an die Edgar-Allan-Poe-Geschichte gedacht hatte, die ihm damals, als sein Englischlehrer sie ihnen in der neunten Klasse vorgelesen hatte, einen Heidenschrecken eingejagt hatte, oder ob stattdessen die beiden Worte zuerst durch den Wind gekommen waren und ihn an die Geschichte erinnert hatten, würde er nie erfahren. Worte und Erinnerung – oder Erinnerung und Worte – folgten einander mit nur einem Augenblick Abstand. Die Worte lauteten »Sieh mich«, der Sprecher zischte wie eine Schlange. Der Name der Geschichte lautete Der Doppelmord in der Rue Morgue und handelte von einem gewalttätigen Orang-Utan, der darauf dressiert war, Morde zu begehen. Thad drehte den Kopf und blickte aller Logik zum Trotz nach oben. Wie eine Spinne, für die es keinen Unterschied machte, ob sie sich auf vertikalen oder horizontalen Oberflächen befand, hielt sich Shacket unglaublicherweise am schlichten Kalkstein-Fenstersturz und dem dekorativen Ziegelwerk um ihn herum fest, drückte sich mit gespreizten Beinen an die Wand und starrte hinab. Seine Augen leuchteten, seine Zähne waren gefletscht und er hing dem Deputy Auge in Auge gegenüber.

Dann ließ der Flüchtige die Ziegelmauer los, ließ sich auf Fenton fallen und riss ihn aus dem Fenster. Zusammen fielen sie aus dem zweiten Stock, durch einen Wind, der sie nicht tragen konnte. Die Pistole rutschte aus der Hand des Deputys und Shacket stieß einen Triumphschrei aus. Thad Fenton landete mit dem Rücken auf dem Beton und aller Atem entwich aus seiner Lunge. Schmerz fuhr durch sämtliche Nervenbahnen seines Körpers, als wäre er von tausend Messern durchbohrt worden. Aber der Schmerz war kurz, ein kurzes, grausames Aufflackern der Qual, dann fühlte er unterhalb des Halses überhaupt nichts mehr, nur noch im Kopf, in seinem Gesicht. Er war gelähmt.

Vor Aufregung keuchend, mit gierigen, unartikulierten Lauten und vom Sturz scheinbar unverletzt hockte Shacket sich auf sein Opfer.

Der Deputy fühlte, wie ein Schwall warmen Blutes aus seinem Mundwinkel über sein Kinn rann.

Shacket murmelte wie ein verzückter Liebhaber und leckte die rote Essenz auf. Er senkte den Mund zur Kehle des Deputys und zerbiss dessen Fähigkeit, zu schreien oder zu sprechen, dann die Fähigkeit, zu atmen.

Für Thad Fenton gab es nichts mehr als den eisigen Wind, die schwankenden Bäume und das äußerste Entsetzen – aber nur für einen Augenblick.