92
Innerhalb von weniger als einem Tag war Rosa Leon aus den bedrückenden Verhältnissen der Mittelklasse zur Klasse der Wohlhabenden aufgestiegen. Aus ihrer stillen Akzeptanz der Härte der Welt war ein Glaube an deren magisches Wesen geworden, aus einem gewöhnlichen Leben eines voller Abenteuer. Sie war erstaunt über ihre eigene Flexibilität.
Mrs. Brickits Muffins waren aufgegessen, der Kaffee ausgetrunken. Aufgrund von Ben Hawkins’ Kenntnissen der Strategie und Taktik des Krieges war überraschend schnell eine Art Plan entworfen worden. Sie rechneten damit, dass schon bald böse Menschen von der Firma Tragedy eintreffen würden – wir werden dich finden. Außerdem gingen sie davon aus, dass ihnen Sheriff Hayden aufgrund seiner Inkompetenz und Bestechlichkeit keinen brauchbaren Schutz bieten konnte.
Rosa saß in einem der zwei Gästezimmer auf dem Bett. Sie hatte bereits ihren Beitrag geleistet, indem sie mit ihrem iPhone Dorothy Hummels Anwalt Roger Austin angerufen hatte – nun, eigentlich war er nun ihr Anwalt. Sie wusste, dass er immer früh aufstand, noch vor dem Morgengrauen. Von Kipp sprach sie nicht, weil Roger das Geheimnis des Hundes nicht kannte. Aber sie erzählte ihm kurz und bündig die unglaubliche Geschichte von Woodys Ermittlungen zum angeblichen Unfall seines Vaters. Dabei verschwieg sie die Bedrohung, die von den Betreibern von Tragedy ausging. Sie bat Roger, das Dokument mit dem Titel Die Rache des Sohnes: Gewissenhaft gesammelte Beweise für monströse Bosheit sicher zu verwahren, das Megan ihm in diesem Augenblick per E-Mail schickte. Außerdem bat sie ihn, es zu lesen und es noch zwei weiteren Personen aus dem Rechtswesen zukommen zu lassen, Richtern oder Polizisten, von denen er mit Sicherheit wusste, dass sie nicht korrupt waren.
»Aber wie sind Sie denn Mrs. Bookman und ihrem Sohn begegnet?«, fragte Roger mit seiner tiefen, wohltönenden Stimme, die ihr Vertrauen eingeflößt hätte, selbst wenn sie ihn nicht gekannt hätte. »Ich habe Sie noch nie von ihnen reden hören.«
»Oh, die kenne ich schon eine ganze Weile. Kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Hören Sie, Roger, ich habe Ihnen nicht gesagt, wer für den Tod von Woodys Vater verantwortlich ist. Auf den Namen werden Sie stoßen, wenn Sie seine Nachforschungen gelesen haben, und Sie werden staunen. Der Mann ist mächtig und sehr wohlhabend. Sie werden sich vielleicht fragen, ob Woody sich da eine Fantasiewelt zusammengesponnen hat. Aber ich versichere Ihnen: Das ist nicht der Fall. Zusätzliche Beweismittel werden noch folgen.« Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, noch hinzuzufügen: »Ich will Sie nicht auf den Arm nehmen, Roger. Sobald Sie das Dokument gelesen und darüber nachgedacht haben, werden wir dringend Ihren Rat brauchen, wie wir vorgehen müssen, damit das, was Woody entdeckt hat, geglaubt wird und Taten zur Folge hat. Es sieht so aus, als wären Megan und der Junge nicht mehr sicher, bis die Geschichte an die Presse gegangen ist.«
Mit dem Ende dieses Anrufs war ihr unmittelbarer Beitrag zum Gelingen des Plans erfüllt, doch sie hatte am kommenden Nachmittag noch eine andere Aufgabe zu erledigen. Nun streckte sie sich jedoch auf dem Gästebett aus und hoffte, noch etwas Ruhe zu finden, um Kraft zu schöpfen für das, was vor ihr lag. Aber sie bezweifelte, dass sie nach all der Aufregung schlafen konnte. Trotz ihrer Zweifel schlief sie ein.