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Während Rosa Leon schlief, Carson Conroy sich im Fleetwood-Wohnmobil von Harry Borsellos Haus entfernte und Ben und Megan sich im Erdgeschoss unterhielten …
… waren Kipp und Woody im Zimmer des Jungen. Sie hatten sich auf dem Boden ausgestreckt, lagen im Schoß der Geschichte.
Historiker stellten Wendepunkte der Zivilisation oft als laut und hell dar, als ein großes Spektakel.
Tatsächlich wurden Entscheidungen über Krieg und Frieden oft im stillen Kämmerlein getroffen.
Heilmittel gegen Krankheiten wurden langsam entwickelt, in Laboren, denen es sowohl an Fernsehern als auch an Hintergrundmusik fehlte.
Kipp und Woody waren in der Leitung.
All den neuen Bellagrammen zufolge befanden sie sich jetzt an einem Wendepunkt der Geschichte.
Sie waren ein Wendepunkt.
Kipp wusste es, Woody wusste es, alle in der Leitung wussten es, und es war kein großes Spektakel.
Obwohl Kipp die Situation erläutert und den Appell zum Ausdruck gebracht hatte, war Woody wegen des Plans, den er entworfen hatte, der eigentliche Star.
Viele Mysterier, wenn auch nicht alle, lebten mit Menschen zusammen, mit denen sie ihr Geheimnis teilten.
Sie hatten clevere Methoden der Kommunikation erfunden, ähnlich Dorothys Wandalphabet.
Dies war jedoch das erste Mal, dass sie direkt mit einem menschlichen Wesen sprechen konnten.
Sie waren sehr aufgeregt, aber sie sprachen trotzdem nicht alle auf einmal.
Sie waren diszipliniert und rücksichtsvoll. Sie waren Hunde.
Weil die Stimme jedes Mysteriers telepathisch war und nur im Geist existierte, entsprach sie entweder der eines menschlichen Gefährten oder basierte auf der Stimme eines Fernsehschauspielers.
Woody klang in der Leitung genauso wie sonst, wie der Woody, der von einem Leben des Schweigens erlöst worden war.
Kipp klang wie ein gewisser Game-Show-Moderator aus dem Fernsehen.
Ein historischer Moment konnte ebenso viele Absurditäten enthalten wie jeder andere Moment, für den sich die Historiker nicht interessierten.
Als der Appell ausgesprochen war und die Antworten gehört worden waren, als Kipp und Woody sich aus der Leitung ausgeklinkt hatten, biss der Hund den Jungen.
Es war ein spielerischer Biss, der die Haut nicht verletzte.
Woody knurrte und fletschte die Zähne.
Kipp knurrte und fletschte seine größeren Zähne.
Sie rangen miteinander und zappelten dabei wild mit den Pfoten.
Woody sprang auf. Er rannte ins angrenzende Badezimmer.
Kipp rannte hinter dem Jungen her.
Woody huschte wieder aus dem Badezimmer und zog die Tür zu.
Kipps schwarze Nase tauchte in der zwei Zentimeter breiten Lücke zwischen Tür und Boden auf. Er schnupperte hektisch.
Woody legte sich auf den Bauch und kitzelte die Nase mit dem Finger.
Als Kipp ein frustriertes »Wuff« ausstieß, öffnete Woody die Tür.
Der Junge sprang aufs Bett und zog sich die Decke über den Kopf.
Kipp sprang hinterher, stieß seine Schnauze in jede Deckenfalte und suchte nach einem Weg, seinen kichernden, eingehüllten Gefährten zu erreichen.
So waren Hunde und Jungen eben, selbst nachdem sie als Dreh- und Angelpunkt der Geschichte fungiert hatten, selbst wenn eine Nacht der Gewalt in einer Morgendämmerung endete, die einen noch schlimmeren Tag versprach.