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Während der Sheriff und seine drei Deputys auf die zwei Männer mit den Schrotflinten warteten, erschien ihnen die Heiz- und Kühlanlage zunehmend unheilvoller. Für Hayden Eckman wirkte sie wie die Quelle alles Bösen, wie der Ort seines drohenden Untergangs. Hinter den dunklen Fenstern schien etwas weit Verstörenderes zu lauern als nur lichtlose Räume, eine bodenlose Leere, aus der es kein Entkommen gab. Die hellen Fenster waren nicht vertrauenerweckender als die dunklen, denn das Licht in ihnen war fremdartig, wie verhext.

Der unaufhörliche Wind brannte ihm nicht nur in den Augen, ließ seine Haut austrocknen und seine Lippen aufplatzen, er zerrte auch an seinen Nerven, ebenso wie die Erinnerung an Justine Kleinmans verwüstetes Gesicht, an Thad Fentons Blut auf dem Gehweg unter dem Fenster im zweiten Stock. Er begann zu glauben, dass es ein Fehler gewesen war, seine Anwaltspraxis zu schließen. Für sein Juraexamen hatte er drei Anläufe gebraucht. Er hatte wenig mehr getan, als Profit aus Unfällen mit Verletzten zu schlagen, und sein Einkommen war davon abhängig gewesen, wie oft seine Kunden vor einem Schiedsgericht erreichten, dass er sein Honorar nach unten korrigieren musste. Aber wenigstens hatte ihn keiner von ihnen jemals gebissen, weder ins Gesicht noch an andere Stellen.

Der erwartete Streifenwagen traf mit rot und blau pulsierendem Licht, aber ohne Sirenengeheul ein. Zwei schlaksige Männer mit ausgeruhten Mienen stiegen heraus. Trotz ihrer Schrotflinten flößten sie einem etwa so viel Vertrauen ein wie ein paar unreife Hollywood-Schauspieler, die echte Männer spielten. Eckman hatte sie zum Teil deshalb eingestellt, weil sie zu begriffsstutzig waren, um je zu bemerken oder auch nur zu ahnen, dass ihr Chef korrupt war. Sie waren guter Rohstoff, der bald zu Dünger verarbeitet würde.

Der Sheriff wies einen von ihnen an, vorauszugehen, und den anderen, die Nachhut zu bilden. Geduldig wiederholte er mehrmals, dass sie gut darauf zu achten hätten, dass ihre Kaliber-12-Flinten nicht losgingen, wenn ihre eigenen Leute in der Schusslinie waren. Er konnte nur annehmen, dass ihr feierliches Nicken bedeutete, dass sie es begriffen hatten und mehr waren als das organische Äquivalent zweier Wackelkopffiguren.

Auf dem kleinen Parkplatz der Heiz- und Kühlanlage stand kein einziges Fahrzeug, obwohl eines hätte dort sein sollen – das von Eric Norseman, dem Verantwortlichen für die Instandhaltung der Anlage bei Nacht.

Das erste Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte, war die offen stehende Tür. Der Wind ließ sie nicht zufallen und stieß sie immer wieder leicht gegen die Außenwand.

Vom beleuchteten Vorraum zweigten drei Türen ab.

Ein Deputy öffnete die auf der rechten Seite und sicherte die Türschwelle. Es war ein großer Raum mit Boilern, Kühlern, Vorratsbehältern, Pumpen, ein Gewirr von Maschinen, die der Sheriff nicht kannte, und ein Labyrinth aus PVC-Rohren, die sowohl vertikal als auch horizontal verliefen. Der Raum war voll mit dem Summen, Pochen und Ticken fein abgestimmter Maschinen sowie dem Geflüster fließenden, unter Druck stehenden Wassers. Es wirkte wie das Set einer Actionszene in einem James-Bond-Film: zu viele Ecken und zu viele klobige Objekte, hinter denen sich jemand verstecken konnte.

Sheriff Eckman wollte diesen Raum nicht durchsuchen, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Und sie würden erst wissen, ob es nötig war, wenn sie die anderen beiden Türen geöffnet hatten.

Er hatte das Gefühl, dringend pinkeln zu müssen. Aber er sagte sich, dass dieser Drang rein psychologischer Natur war. Das sollte er besser sein, wenn er noch eine Chance haben wollte, eines Tages Generalstaatsanwalt zu werden.

Die Tür links des Vorraums öffnete sich auf einen Balkon mit Ausblick auf die zwei Kamine des gewaltigen Kühlturms. Dieses Gebilde aus Stahlblech, Kondensatoren und Trommelventilatoren war drei Stockwerke hoch. Das erste Drittel davon lag unterhalb dieses Balkons, der sich im Erdgeschoss befand. Er war durch Laufstege in verschiedenen Höhen erreichbar. Auch dieser Bereich wirkte wie ein Set aus einem James-Bond-Film, und er war nicht weniger einschüchternd als der erste Raum.

Hinter der dritten Tür, die dem Haupteingang direkt gegenüberlag, lag das Büro des Leiters der Anlage. Abgesehen vom Hauptschreibtisch gab es hier noch zwei weitere, kleinere Arbeitsplätze. Ein Kühlschrank. Eine Mikrowelle. Zwei Aktenschränke. Die Badezimmertür im hinteren Bereich stand offen. In dem kleinen Badezimmer befand sich niemand. Eine weitere, geschlossene Tür führte vermutlich in eine Abstellkammer.

Weil er sich nahezu sicher war, dass Lee Shacket nicht in der Abstellkammer auf sie lauerte, dass der Killer in Eric Norsemans Auto geflohen war, folgte Sheriff Eckman einem Deputy in das Büro, wobei ein anderer Mann dicht hinter ihm blieb. Sein Selbstvertrauen sowie die Verringerung seines Harndrangs verdankten sich der Tatsache, dass Thad Fentons Leiche rechts von der Tür mit dem Gesicht nach unten am Boden lag. Ein anderer Toter lag auf dem Schreibtisch ausgestreckt. Beide Leichen waren in einem Zustand, der verdeutlichte, dass Shacket sie als Abfall betrachtet und bei seiner Flucht vom Gelände achtlos fallen gelassen hatte.

Stücke von Thads Schädel lagen neben seinem Körper, gespickt mit blutverklebten Haaren. Sein Gehirn schien zu fehlen.

Der Mann auf dem Tisch, der ungefähr Shackets Größe hatte, war komplett ausgezogen worden, die Schuhe eingeschlossen.

Offenbar war der vormals nackte Entflohene jetzt bekleidet.

Möglicherweise war das zweite Opfer Eric Norseman, doch bei der Identifikation würde man auf Fingerabdrücke zurückgreifen müssen. Der Mann war auf derbe Weise enthauptet worden, und sein Kopf war nicht mehr da.