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Es war Morgen. Sheriff Eckman hatte geglaubt, dass diese Nacht nie enden würde, dass der Morgen nie kommen würde, doch jetzt, da dieser angebrochen war, wünschte er sich, es wäre nicht so. Die durch Wolken dringende Morgensonne, die durch die Fenster der Heiz- und Kühlanlage fiel, verbreitete ein anklagendes Licht, ein Licht der Verantwortung, dem nicht zu entkommen war.
Hier ein zu Puzzlestücken zertrümmerter Schädel, dort ein kopfloser Norseman. Der Wind heulte wie ein Wolfsrudel und das Gebäude war von Maschinengeräuschen erfüllt, als würden hier die Roboter der Apokalypse hergestellt.
Sheriff Hayden Eckman fühlte, wie seine Welt in Stücke brach, so, wie Thad Fentons Schädel aufgebrochen und zertrümmert worden war.
Niemand konnte Carson Conroy finden. Er sollte jederzeit erreichbar sein, falls seine Anwesenheit an einem Tatort notwendig wurde. Aber er ging nicht ans Telefon, und er war auch nicht zu Hause.
Conroys Assistent Jim Harmon machte Fotos, sammelte Beweismittel, kümmerte sich um die Leichen. Aber er war nicht Dr. Carson Conroy, er war nur Jim Harmon, gerade erst 34 Jahre alt, nur ein gerichtsmedizinischer Assistent, dabei war dies das größte Verbrechen in der Geschichte von Pinehaven County. Es war eine Mordserie , die mehr vernichten konnte als nur die Opfer des Mörders – sie konnte Hayden Eckmans Karriere in Luft auflösen.
Er ertrug es nicht, im Büro des Anlagenleiters zwischen all dem Blut und den sterblichen Überresten zu bleiben. Als er sich um den Posten des Sheriffs bemüht hatte, war ihm nie in den Sinn gekommen, dass er einmal durch ein solches Schlachthaus waten müsste, dass er Dinge sehen würde, die ihm für den Rest seines Lebens Albträume bereiten würden. Der starke Harndrang, der ihn zuvor beinahe in eine peinliche Situation gebracht hätte, als er nur mit knapper Not hatte verhindern können, sich vor seinen Deputys einzunässen, war nichts im Vergleich zu dem Drang, sich zu übergeben, der immer wieder neu aufwallte, obwohl er glaubte, ihn überwunden zu haben. In seiner Kehle stieg die Magensäure auf und sank wieder, stieg und sank.
Unter dem Vorwand, Jim Harmon nicht im Weg stehen zu wollen, begab der Sheriff sich in den großen Raum mit den Boilern und Kühlanlagen. Dort setzte er sich auf die oberste Sprosse einer dreisprossigen Leiter. Die pochenden Pumpen, die Wasser durch einen Irrgarten aus isolierten Rohren trieben, passten manchmal zum Rhythmus seines aufwallenden Brechreizes. Aber das war immer noch besser als die Anblicke und Gerüche der Szenerie im Büro.
Als Freeman Johnson kam, um ihm Neuigkeiten über Eric Norsemans gestohlenen Wagen mitzuteilen, den Lee Shacket sicherlich gestohlen hatte, brachte er noch weitere schlechte Nachrichten. Norseman war ein Hot Rodder gewesen, der einen schwarzen ’48er Ford-Pick-up gefahren hatte, den er auf verschiedenste Weisen individuell angepasst hatte. Obwohl man den Pick-up-Truck leicht entdecken könnte, sobald ein Fahndungsbefehl herausgegeben war, besaß er kein GPS, was bedeutete, dass der Wagen kein Signal abgab, das sich sofort lokalisieren ließ.
»Übrigens«, fügte Johnson hinzu, »es gibt jetzt keinen Zweifel mehr.«
»Keinen Zweifel woran?«
»Dass Fentons Gehirn weg ist.«
Eckman verzog das Gesicht. »Ich dachte, das wäre sonnenklar.«
»Na ja, Jim Harmon musste gründlich danach suchen.«
»Hat er gedacht, er findet es in einer Schreibtischschublade?«
»Bei so einem Irren kann man nie wissen.«
»Ist Harmon bald fertig?«
»Er braucht noch eine Stunde. Übrigens, was Norsemans Kopf angeht …«
»Bin ihm nie begegnet. Ich würde seinen Kopf nicht wiedererkennen.«
»Jim sagt, dass er definitiv verschwunden ist, nicht mehr hier auf dem Gelände.«
Sheriff Eckman hatte keine Lust, sich über den fehlenden Kopf zu unterhalten.
»Wissen Sie, wie manche von den Jungs ihn nennen?«, fragte Johnson.
Der Sheriff beantwortete die Frage mit Schweigen und hoffte, dass Johnson den Wink mit dem Zaunpfahl verstehen würde.
Johnson verstand ihn nicht. »Sie nennen den fehlenden Kopf Shackets Lunchbox.«
Hayden Eckman erschauerte. »Ich bin so was von geliefert.«