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Um zehn Uhr am Donnerstagmorgen kam Megan nach drei Stunden tiefen, doch von Albträumen geplagten Schlafs nach unten und betrat die Küche, in der es nach geschmolzenem Käse, Tomatensoße und Basilikum duftete. Ben Hawkins war bei der Arbeit, und zwar als Wachmann und Koch zugleich.
Sie blieb in der Tür stehen und sah zu, wie er eine zweite Schale mit Lasagne vorbereitete, um sie in den Ofen zu schieben, wenn er die erste herausgenommen hätte. Er bemerkte sie nicht und sang leise einen alten Song von Boyz II Men vor sich hin, 4 Seasons of Loneliness. Irgendwie klang das Lied fröhlicher, wenn er es sang.
Sie sagte: »Sogar kochen können Sie.«
Er warf ihr einen Blick zu und erwiderte: »So nenne ich das auch. Kochen. Aber nicht jeder, der was davon isst, findet das Wort angemessen.«
»Sie glauben ja anscheinend wirklich, dass wir was zu feiern haben.«
»Eine Menge Leute haben schon auf mich geschossen und keiner hat mich getroffen, das ist ja wohl Grund genug zum Feiern.« Mit einem Löffel goss er Soße über die oberste Lage Nudeln. »Jedenfalls habe ich mich in Ihrer Vorratskammer umgesehen. Das ist eine gewaltige Vorratskammer. All diese Packungen mit Pasta, dazu die ganzen Schätze, die Sie in dieser riesigen Kühltruhe verstaut haben. Genug erlesene Hamburger-Patties aus Rinderlende und gute Steaks, um ein halbes Dutzend Unabhängigkeitspartys zu feiern. Das hat mich inspiriert. Na ja, zuerst hab ich mir gesagt: ›Ben‹ – ich sage Ben zu mir –, ›Ben, diese Frau muss sich große Sorgen machen, dass die Rinder aussterben könnten.‹ Und dann war ich inspiriert, das ganze Zeug auch zu verwenden. Ich habe nämlich aus sicherer Quelle erfahren, dass es noch mindestens tausend Jahre lang Rinder geben wird.«
»Ich habe dieses Bedürfnis, immer auf alles vorbereitet zu sein«, gestand Megan. »Wir haben einen Generator, der mit Propan läuft, damit können wir das ganze Haus für einen Monat versorgen, falls der Strom ausfällt.«
Er nickte. »Oder falls das Elektrizitätswerk von Terroristen lahmgelegt wird.«
»Oder von einer durchgedrehten Rinderherde«, ergänzte sie.
Er bedeckte die oberste Nudelschicht mit Mozzarella. Offenbar wusste er genau, was er tat.
»Ich habe mir gedacht, Woody mag bestimmt Lasagne.«
»Solange er sie auf einem anderen Teller bekommt als das Gemüse und jedes Gemüse auf einem eigenen Teller.«
»Vielleicht hat er das ja jetzt alles hinter sich.«
»Das wäre toll, wenn es stimmt. Aber was auch passiert, er ist der Beste, ein toller Junge. Jetzt bin ich dran mit Wachehalten. Schlafen Sie ein bisschen, solange Sie noch können.«
»Sechs Deputys sind gegangen, und sechs neue sind vor ungefähr zwei Stunden gekommen.«
Sie blickte durch die Hintertür zum Polizei-SUV, der quer vor der Verandatreppe parkte.
Ben sagte: »Ich habe gerade erst angefangen zu kochen. Es bleibt immer noch eine Menge übrig, was Sie tun können.«
»Gut. Das wird mich davon abhalten, über … das alles nachzudenken.«
»Die erste Schale muss in fünf Minuten aus dem Ofen genommen werden.«
Er wusch sich die Hände und trocknete sie mit einem Papiertuch ab.
Als sie am Herd stand und die backende Lasagne im Inneren betrachtete, fügte er hinzu: »Ich mag Ihre Gemälde. Die sind sehr gut.«
Sie zuckte die Achseln. »Was anderes kann ich nicht.«
»Das bezweifle ich. Ich würde mich gern mal mit Ihnen darüber unterhalten, sobald diese Angelegenheit vorbei ist.«
»Ich hoffe, das wird sie bald sein.«
»Wird sie.«
Er ging zur Tür. Als er gerade in den Flur hinausgehen wollte, fragte ihn Megan: »Welches hat Ihnen am besten gefallen? Von den Bildern.«
Er drehte sich um und lächelte. »Alle. Ich mag alles, was ich gesehen habe.«