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Haskell Ludlow erwachte um 23:10 Uhr nach nur fünf Stunden Schlaf in seiner Drei-Schlafzimmer-Suite in dem Hotel in Sacramento aus einem Traum über die Morde im verlassenen Einkaufszentrum. Er stieg aus dem Bett und ging zum nächsten der drei Badezimmer. Nachdem er sich erleichtert hatte, wollte er in ein anderes Schlafzimmer gehen, in dem die Bettwäsche noch frisch war und keine Albträume auf ihn warteten, um ihn erneut zu umfangen.
Böse Träume waren schon seit so vielen Jahren ein fester Bestandteil seines Schlafs, dass er sich bereits fragte, ob irgendein übernatürliches Wesen, vielleicht der böse Zwilling des Sandmanns, eine persönliche Abneigung gegen ihn hatte und ihm schreckliche Visionen schickte. Zuerst hatte er nur mit diesem Gedanken gespielt. Vielleicht war das immer noch der Fall, aber im Laufe der Jahre hatte er begonnen, ihn ernster zu nehmen. Indem er mitten in der Nacht das Schlafzimmer wechselte, versuchte Haskell Ludlow, den Albträumen zu entgehen. In seinem Haus in Menlo Park, in dem er allein lebte, wenn er nicht auf Reisen war, gab es neun Schlafzimmer, zwischen denen er wechselte.
Während er das Wohnzimmer der Hotelsuite durchquerte, klingelte das Einwegtelefon, das er auf dem Couchtisch liegen gelassen hatte. Nur John Verbotski und Bradley Knacker von Atropos & Company kannten seine Nummer, und Ludlow würde das Telefon zerstören, sobald die Angelegenheit um Megan Bookman in Pinehaven erledigt war.
Als Alexander Gordius nahm er auf dem Sofa Platz und nahm den Anruf beim dritten Klingeln entgegen. »Ja?«
John Verbotski sagte: »Wir versuchen schon seit Stunden, Sie zu erreichen.«
»Ich war todmüde und habe geschlafen.«
»Wir haben auch etwas geschlafen, aber wir wechseln uns dabei ab.«
»Tja, ich habe niemanden, mit dem ich mich abwechseln muss. Was ist denn los?«
»Wir sind in Position, vier von uns, aber wir können der Dame keinen Besuch abstatten, weil der Sheriff sechs Deputys zu ihrem Haus geschickt hat, um sie zu beschützen.«
Verwundert erwiderte Ludlow: »Sechs Deputys? Woher wusste er denn, dass sie Schutz braucht?«
»Nicht vor uns. Wir haben den Polizeifunk mitgehört. Die beschützen sie vor einem Kerl namens Nathan Palmer, der hinter ihr her ist.«
»Wer zum Teufel ist Nathan Palmer?«
»Er hat gestern Nachmittag ein paar Leute umgebracht. Sein echter Name ist anscheinend Lee Shacket.«
Für einen Augenblick war Ludlow sprachlos. Lee Shacket? Der CEO von Refine? Weil er über die Ereignisse in Springville nur das wusste, was in den Medien berichtet wurde, sagte er: »Aber Shacket ist tot. Alle dort sind tot.«
»Alle wo?«, hakte Verbotski nach.
Ludlow biss sich auf die Lippe und antwortete schließlich: »Shacket war vor langer Zeit ein Bekannter von Megan Bookman. Warum zur Hölle ist er jetzt hinter ihr her?«
»Warum sind all diese anderen verrückten Kerle hinter Frauen her?«, entgegnete Verbotski. »Das ist doch eine rhetorische Frage.«
»Wer sind die beiden Leute, die Shacket umgebracht hat?«
»Es sind vier. Es hat noch zwei weitere gegeben, nachdem er sich an die Lady heranmachen wollte und es nicht geschafft hat.«
Nachdem Verbotski die Morde aufgelistet und ihm alle Details berichtet hatte, von denen er wusste, konnte Ludlow sein Erstaunen nicht mehr verbergen. »Er hat jemanden geköpft? Er hat Leute gebissen? Leute aufgefressen? «
»Teile von Leuten, nicht ganze Leute«, stellte Verbotski klar. »Er ist so eine Art Freak. Kannten Sie diesen Freak?«
Ludlow überging die Frage. »Und er ist immer noch in Pinehaven?«
»Das wissen die nicht. Er hat einen Pick-up geklaut. Ist auf der Flucht. Es ist ein ’48er Ford-Pick-up, ein Hot Rod mit allen möglichen Modifikationen. Sollte also leicht ausfindig zu machen sein.«
»Du lieber Himmel, das muss ja groß in den Nachrichten sein. Ich hör mir die Nachrichten nie an, daran habe ich kein Interesse mehr. Aber das läuft doch bestimmt im Kabelfernsehen rauf und runter.«
»Noch nicht. Der Sheriff hat noch keine Stellungnahme abgegeben.«
»Er hat keine Stellungnahme abgegeben über vier Morde und einen flüchtigen Tatverdächtigen? Das ist doch verrückt. Wann waren die ersten Morde, gestern Nachmittag?«
»Ja. Aber es sieht so aus, als wären die Ermittlungen letzte Nacht an den Generalstaatsanwalt in Sacramento abgegeben worden.«
Ludlow stand vom Sofa auf. »An Tio Barbizon?«
»Ja, ich glaube, so hieß er.«
Shacket hätte in Springville ums Leben kommen sollen. Aber das war nicht geschehen. Tio Barbizon hatte die Ermittlungen zu den ersten zwei Morden übernommen – und bis jetzt hatte er noch keine Pressekonferenz abgehalten oder irgendein Statement veröffentlicht. Dorian Purcell hatte Tio in der Tasche, und das war schon immer so gewesen.
Ludlow stand da und drückte sich schweigend den Hörer ans Ohr, so lange, bis Verbotski schließlich fragte: »Sind Sie noch dran?«
»Ja.«
»Wir können uns die Lady nicht schnappen, solange diese ganzen Hilfssheriffs da sind.«
»Bleiben Sie dort. Die Sache ist noch nicht abgesagt. Ich muss noch einen Anruf machen. Dann melde ich mich wieder bei Ihnen.«
Ludlow legte auf.
Er nahm ein anderes Einwegtelefon vom Couchtisch. Dieses hatte er nur zu dem Zweck gekauft, um Dorian Purcell über die Angelegenheit mit der Auftragskiller-Firma Tragedy auf dem Laufenden zu halten. Auf das Gerät war die Nummer eines anderen Einweghandys aufgeklebt, das sich in Dorians Besitz befand. Sobald die Tragedy-Website, sämtliche mit ihr verbundenen Sicherheitslücken sowie alle beteiligten Personen ausgelöscht waren, würden Ludlow und Purcell diese Telefone vernichten.
Angesichts der stetig ansteigenden Kriminalität in diesem Land war Haskell Ludlow froh darüber, dass er schon vor langer Zeit eine bedeutende Summe in das Geschäft mit Einweghandys investiert hatte.
Er gab Dorians Nummer ein.