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In der Firmenzentrale von Parable in der kalifornischen Stadt Sunnyvale befand sich ein 2400-Quadratmeter-Apartment. Dort konnte Dorian Purcell sich im Mittelpunkt des Geschehens aufhalten, wenn ein neuer Kauf anstand, ein neues Produkt zur Veröffentlichung vorbereitet wurde oder wenn irgendein aufsteigender Politiker auf ein Treffen unter vier Augen mit ihm bestand, um die Bedingungen festzulegen, unter denen dieser Staatsdiener sein Amt und alles, was dazugehörte, zu verkaufen bereit war. Aber an diesem Donnerstag im September hielt Dorian sich nicht in diesem Apartment auf.
Ein Stück weiter die Küste entlang, in Palo Alto, besaß Dorian ein 3600-Quadratmeter-Anwesen auf einem 8000-Quadratmeter-Grundstück mit Ausblick auf die San Francisco Bay. In diesem prachtvollen Haus wohnte er mit seiner Verlobten Paloma Pascal. Diese war hochgebildet, charmant und umwerfend schön, konnte sich mit Selbstvertrauen und Eleganz in den exklusivsten sozialen Kreisen bewegen und hinterließ bei jedem, dem sie begegnete, einen positiven, bleibenden Eindruck. Sie würde seine Verlobte bleiben, solange sie nicht darauf bestand, ihn zu heiraten. Auch in diesem Anwesen war Dorian derzeit nicht.
In einem stattlichen Gebäude auf dem Nob Hill im Herzen San Franciscos besaß Dorian ein zweistöckiges 4200-Quadratmeter-Apartment, das einen spektakulären Blick auf die Stadt bot. Man sah von dort sowohl die herrlichen ikonischen Bauwerke als auch die Zeltlager der Obdachlosen und die mit Fäkalien übersäten Bürgersteige. In diesem elegant eingerichteten Penthouse wohnte er mit der 23-jährigen Saffron »Sunny« Ketterling zusammen, deren Schönheit noch umwerfender war als die von Paloma Pascal. Sunnys Körper war bemerkenswert biegsam und geschmeidig, weil sie seit dem Alter von sechs Jahren eine leidenschaftliche Turnerin war. Jetzt, um 11:40 Uhr, schlief Sunny. Sie und Dorian waren um 1:15 Uhr ins Bett gegangen, hatten sich jedoch nicht vor sechs Uhr schlafen gelegt, als sie sämtliche Stellungen ausgeschöpft hatten.
Dorian war um 10:30 Uhr aufgewacht, nach wenig mehr als vier Stunden Schlaf. Seit seiner späten Kindheit, als er ein volles Verständnis des Todes erlangt hatte, schlief er nie mehr als fünf Stunden pro Nacht und gab sich dem Exzess hin, um den Sensenmann in die Schranken zu weisen. Jetzt war Dorian im Arbeitszimmer im unteren der zwei Stockwerke. Er saß an einem gewaltigen Schreibtisch aus Edelstahl und blauem Quarzit und aß das Frühstück, das sein Butler Franz ihm serviert hatte. Außerdem nahm er die ersten 40 der 124 Vitamin- und Mineralienpräparate ein, die er jeden Tag schluckte, und entwarf die Trauerrede, die er beim Gedenkgottesdienst für die Mitarbeiter von Refine halten würde, die bei dem tragischen Brand in der Anlage in Springville, Utah, ums Leben gekommen waren.
Als das Einwegtelefon klingelte, wusste er, wer der Anrufer war, denn nur Haskell Ludlow kannte diese Nummer.
Er nahm den Anruf entgegen. »Das Leben ist schön.«
»Das Leben ist kompliziert«, widersprach Haskell.
»Schießen Sie los.«
»Unsere alten Freunde von der Schädlingsbekämpfung haben diese lästige Küchenschabe ausfindig gemacht. Jetzt sind sie nicht mehr im Geschäft.«
Die Leiter von Tragedy waren also tot. Aber sie hatten die Küchenschabe gefunden, den Hacker.
»Unsere neuen Freunde von der Schädlingsbekämpfung sind bereit, den Job zu erledigen«, fuhr Haskell fort.
Das mussten Verbotski und die Leute von Atropos sein.
»Aber das Problem, mit dem ich zu tun hatte, und das Problem, mit dem Sie zu tun hatten, sind jetzt dasselbe«, sagte Haskell.
»Wie das?«
»Sie haben mir nicht verraten, dass einer von den 93 den großen Knall überlebt hat und abgehauen ist.«
Shacket.
Dorian erwiderte: »Sie mussten das nicht unbedingt wissen. Und wie haben Sie es eigentlich herausgefunden?«
»Gestern ist Mr. 93 sehr unartig gewesen. Wissen Sie, wie oft er unartig war?«
»Zweimal.« Dorian meinte damit die Morde an Painton Spader und der Frau namens Klineman.
»Das war gestern Nachmittag. Aber offenbar wissen Sie noch nicht, dass er zu ihrem Haus gefahren ist und eine Szene gemacht hat. Sie haben versucht, ihn in den Griff zu kriegen, aber das haben sie nicht geschafft, und dann ist er noch zweimal unartig geworden.«
Dorian schob den Rest seines Frühstücks beiseite. »Ihr Haus? Wessen Haus? Können wir mal mit der Geheimniskrämerei aufhören?«
»Ich hatte gar nicht die Absicht, geheimniskrämerisch zu sein.«
»Niemand kann uns abhören, und selbst wenn, kann er nicht wissen, wer zum Teufel wir sind.«
Immer noch ein wenig geheimniskrämerisch fragte Haskell: »Erinnern Sie sich noch an den Typen, der Ihr Geschäft mit den Archaeen in die Scheiße reiten wollte?«
Jason Bookman.
»Ja, ich erinnere mich.«
»Seine Witwe wohnt in dieser Stadt. Nummer 93 steht auf sie. Auf dem Weg zu ihrem Haus ist er zweimal böse gewesen. Dann versucht er, an sie ranzukommen, endet in Handschellen, also wird er noch zweimal böse und flüchtet wieder.«
»Warum weiß ich nur von den ersten beiden Malen? Dieses Hinterwäldlerkaff gehört uns durch den Generalstaatsanwalt, den wir in der Tasche haben. Wir sollten darüber informiert sein. Diese Sache sollte aus der Welt geschafft werden, so, dass nichts mehr übrig bleibt.«
»Dieses Kaff ist nicht Mayberry RFD. Anscheinend ist dieser Uniformträger ein harter Kerl, der zum Star-Sheriff aufsteigen will.«
Eine Vitaminpillenbrühe stieg in Dorians Kehle auf. Er schluckte heftig und spülte den Kloß in seinem Hals mit einem Kohl-Smoothie hinunter.
Dann sagte er: »Ich werde diesen Wichser zum Hundefänger degradieren. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum unsere beiden Probleme eins sein sollen.«
»Unsere Schädlingsbekämpfer, ich meine die, die nicht mehr im Geschäft sind, haben den Hacker zum Ursprungsort zurückverfolgt. Es ist die Witwe.«
»Wollen Sie mich verarschen?«
»Irgendwie ist sie an die Gordius-Identität und an Ihr Tragedy-Passwort gekommen. Jetzt ist sie dabei, Beweise zu sammeln.«
»Dieses undankbare Miststück.«
»Vielleicht hätten Sie ihr dieses Aktienpaket lassen sollen.«
»Nach meiner Rechnung war diese Option noch nicht unverfallbar. Ich bin doch nicht der verdammte Weihnachtsmann. Was hält Sie davon ab, den Job zu Ende zu bringen?«
»Dieser zukünftige Hundefänger hat Wachleute zu ihrem Schutz aufgestellt, für den Fall, dass Ihr unartiger Junge wiederkommt. Sechs Mann. Die müssen da weg, die müssen abhauen und ein paar Donuts essen gehen.«
»Ich kümmere mich gleich darum. Und was ist mit Mr. 93?«
»Der hat irgendeinem Unglücksraben den Kopf abgehackt und ihm den Pick-up geklaut, so ein aufgemotzter Hot-Rod-Truck, leicht zu erkennen. Jetzt sind sie der Ansicht, dass er schon lange aus dem Gebiet verschwunden ist, wollen aber nicht riskieren, dass der Witwe was zustößt. Mit diesem Kerl geht was ziemlich Akte X- Mäßiges vor. Haben Sie eine Ahnung, was das ist?«
Dorian starrte auf die zerlaufenen Eier, Avocados und Krabben auf seinem Teller und erwiderte: »Nein. Keinen blassen Schimmer.«