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Sheriff Hayden Eckman zog sich in sein Haus am Sierra Way zurück, der schönsten Straße in Pinehaven.

Das Haus bot reichlich Platz für nur einen Mann, war mit hübschen Möbeln und dem neuesten Komfort ausgestattet, aber der Sheriff war nicht stolz darauf. Weil er wusste, dass er einmal in einem viel größeren und großartigeren Haus wohnen würde, schämte er sich für dieses. Es lag nicht daran, dass irgendetwas daran unzureichend war, doch wenn er endlich den Status erreicht hätte, den er verdiente, würde er nicht behaupten können, schon immer auf diesem hohen Niveau gelebt zu haben, schon immer zur Elite gehört zu haben.

Bis zu einem gewissen Grad konnte man seine Wurzeln fälschen, die Vergangenheit mit Lügen zupflastern, aber einige Leute würden sich erinnern, dass der große Mann einmal hier gewohnt hatte, damals, als er noch eine Uniform getragen hatte und den einfachen Leuten viel zu nahe gewesen war.

Nun musste er sich mit der Aussicht abfinden, dass dies vielleicht die großartigste Behausung war, die er je haben würde. Und das war so unfair. Er hatte alles richtig gemacht. Er hatte seinen Jura-Abschluss dazu eingesetzt, zum Sheriff aufzusteigen, hatte das Department mit seinen treuen Anhängern besetzt, die sicherstellen sollten, dass alles, was sich im Zuständigkeitsbereich der Polizei in Pinehaven County abspielte, seinem Ruf zugutekam, ihm sogar Ruhm einbrachte. Er knüpfte beharrlich Kontakte zu den Regierenden angrenzender Countys und in Sacramento. Dabei gab er weit weniger von seinen Wahlkampfgeldern für persönliche Zwecke aus, als ihm lieb gewesen wäre. Er hatte die 300.000 Dollar in bar, die er aus Shackets Dodge Demon genommen hatte, obwohl er auch gierig werden und noch die anderen 100.000 hätte mitnehmen können, die er im Wagen gelassen hatte. Und obwohl er alles richtig gemacht hatte, stand er nun am Rande einer Katastrophe, kurz vor dem Ruin.

Seine Abmachung mit Barbizon verlangte von ihm, den Generalstaatsanwalt über sämtliche Entwicklungen in diesem Fall zu informieren. Aber er hatte dieser Bedingung nur deshalb zugestimmt und den Mord an Spader und Klineman nach Sacramento abgegeben, weil er der Ansicht gewesen war, der Mörder wäre schon lange aus Pinehaven County verschwunden und es würde innerhalb seines eigenen Zuständigkeitsbereichs keine neuen Entwicklungen mehr geben.

Dann war das Chaos gekommen. Eine Gewalttat nach der anderen bis zu dem Desaster im Krankenhaus. Aber der Sheriff glaubte, die Situation noch für sich zum Guten wenden zu können. Er beabsichtigte, eine brillante Pressemitteilung herauszugeben, in der er sich die alleinige Verantwortung für die Festnahme des verrückten Geflohenen zuschrieb – und dieser war nicht nur ein mörderischer Psychopath, sondern noch dazu der ehemalige CEO von Refine, der für die Katastrophe in Springville verantwortlich war. Bei diesem öffentlichen Auftritt plante Hayden, den Irren dem Generalstaatsanwalt zu übergeben, den er erst wenige Augenblicke vor seiner Erklärung davon in Kenntnis setzen würde, um sicherzustellen, dass Tio den Ruhm nicht selbst einheimste.

Aber jetzt. Oh, jetzt. Jetzt gab es zwei weitere Tote, Shacket war auf der Flucht und der Sheriff hatte den Generalstaatsanwalt nicht davon in Kenntnis gesetzt. Die Kacke war nicht nur am Dampfen; es war noch viel schlimmer. Die Kacke würde explodieren wie eine Bombe, und Hayden Eckman würde im Zentrum dieser Explosion sitzen.

Eigentlich war er nach Hause gekommen, um eine Pressemitteilung zu schreiben. Aber das konnte er nicht tun, denn diese wäre einem Abschiedsbrief gleichgekommen.

In Wahrheit war er nach Hause gekommen, weil er sich nirgendwo in Pinehaven sicher fühlte, solange Lee Shacket auf freiem Fuß war. Das Haus war mit einem erstklassigen Sicherheitssystem ausgestattet. In jedem Zimmer hatte er eine Pistole versteckt. Außerdem war er noch in Uniform und trug eine Waffe an der Hüfte. Er ließ alle Jalousien herunter, zog alle Vorhänge zu.

Als er in seiner Funktion als Anwalt Scharlatane vertreten hatte, die Verletzungen vorgetäuscht oder die Auswirkungen tatsächlicher Verletzungen extrem übertrieben hatten, waren seine gefährlichsten Klienten diejenigen gewesen, die schnell bereit waren, ihn vor Gericht oder durch ein Schlichtungsverfahren auf Schadenersatz zu verklagen, sobald sie herausfanden, dass er auf die eine oder andere Weise mehr von der Vergleichssumme eingesteckt hatte, als die Vertragsbedingungen zuließen. Als ob das nicht jeder so machte. Aber keiner von ihnen hatte je versucht, ihn umzubringen.

Nachdem er mit großer Geste Shackets Eintreffen am Krankenhaus und seine Einlieferung in die psychiatrische Abteilung überwacht hatte, wobei Rita Carrickton mit ihren Smartphones die Schlüsselmomente gefilmt hatte, beschlich den Sheriff nun das Gefühl, dass er dadurch vielleicht in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit dieses Wahnsinnigen gerückt war. Er war nur ein Polizeibeamter gewesen, der seine Arbeit machte. Aber wer wusste schon, was für einen irrationalen Groll ein mordender Irrer wie Shacket vielleicht auf ihn hegte?

Thad Fentons Gehirn war nicht mehr da gewesen.

Eric Norsemans Kopf war mitgenommen worden. Shackets Lunchpaket.

Rastlos lief der Sheriff in seinem Haus auf und ab, nach oben und wieder nach unten, wieder und wieder, und glaubte beinahe, nicht allein zu sein. Weil alle Vorhänge zugezogen waren, musste er alle Lampen einschalten, und doch waren die Räume von Schatten durchzogen, die sich am Rand seines Sichtfelds zu bewegen schienen, sodass er erschrocken herumwirbelte, die Hand am Pistolengriff.

Jeder Laut, den der Wind dem Haus abrang, jedes Knarren, Pochen und Rattern schien nicht nur das Gebäude zu sein, das dem Wind standhalten musste, sondern ließ Hayden glauben, dass einen oder zwei Räume entfernt jemand herumschlich.

Er hatte schreckliche Angst davor, um eine Ecke zu biegen und mit Shacket zusammenzustoßen, der ihn mit blutigem Gebiss angrinste. Er sagte sich, dass diese Angst nicht realistisch war, dass er sich beruhigen musste. Aber war es wirklich so unrealistisch, damit zu rechnen, dass dieser ganz besondere Entflohene Dinge bewerkstelligte, die man für unmöglich hielt? Wenn Shacket fähig gewesen war, als unzerreißbar geltenden Fixiergurten zu entkommen und aus einem Fenster im zweiten Stock zu springen, als ob er fliegen könnte – wer konnte dann schon sagen, ob es ihm nicht auch gelingen konnte, in ein verriegeltes, mit einer Alarmanlage ausgestattetes, vollständig abgesichertes Haus einzubrechen, so leicht, wie eine Ameise durch ein Schlüsselloch krabbeln konnte?

Der Sheriff war zwar kein großer Trinker, aber er bekam seine Beklemmung erst unter Kontrolle, als er sie mit einem Macallan Scotch behandelte. Zuerst trank er ihn auf Eis, dann pur, weil es ihm nicht gefiel, wie das Eis im Glas klapperte, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Vielleicht hätte er sich Sorgen darüber machen sollen, dass der Alkohol seine Sinne trübte und ihn zu einem leichteren Angriffsziel machte, aber die Angst hatte seinen Stoffwechsel so beschleunigt, dass der Whiskey keinerlei Wirkung zu haben schien.

Sein persönliches Smartphone, das zusammen mit dem vom Department bereitgestellten Telefon an seinem Utensiliengürtel hing, klingelte, während er ziellos die Kücheninsel umkreiste. Die fünf Deputys, mit denen er am engsten zusammenarbeitete, hatten ebenfalls persönliche Smartphones, die der Sheriff ihnen gegeben hatte. Er hatte ihnen die Anweisung gegeben, ihn unter bestimmten Umständen auf seinem persönlichen Telefon anzurufen, um sicherzustellen, dass gewisse empfindliche Themen nicht in den offiziellen – und öffentlich einsehbaren – Aufzeichnungen erschienen. Auf dem Bildschirm stand ›Anrufer unbekannt‹, was bedeutete, dass es keiner dieser Deputys sein konnte.

Er spürte die Versuchung, den Anruf nicht anzunehmen, aber seine Intuition sagte ihm, wer hier versuchte, ihn zu erreichen. Er wusste, wenn er diesem Anrufer auswich, würde das nur dazu führen, dass er noch mehr Dreck abkriegen würde, sobald die Schlammschlacht einmal begonnen hatte.

Nachdem er seinen Drink abgestellt hatte, ging er rückwärts, bis er den Kühlschrank berührte, und ließ sich herabsinken, bis er auf dem Boden saß. Er traute sich nicht zu, dieses Gespräch stehend zu führen.

Seine Intuition stellte sich als zutreffend heraus: Der Anrufer war Tio Barbizon, auch wenn dieser seinen Namen nicht nannte. Er wusste, dass Shacket festgenommen worden und wieder entkommen war. Er wusste von den zwei zusätzlichen Morden. Er war nicht derselbe Tio, der er einmal gewesen war. Er behandelte den Sheriff nicht mehr als gleichrangig, sondern wie einen Untergebenen, und er war wütend.

»Ist Ihnen klar, wie tief Sie sich in die Scheiße geritten haben?«, fragte Tio.

»Ja.«

»Glauben Sie, dass es noch einen Ausweg gibt?«

»Nein.«

»Denn zu diesem Zeitpunkt gibt es keinen Ausweg mehr für Sie.«

»Ich verstehe.«

»Wir hatten einen Deal. Sie haben drauf gepisst. Sie haben entschieden, dass Sie eine große Show veranstalten und der Star sein müssen, und Sie haben ihn entwischen lassen. Damit haben Sie nicht nur mich verarscht. Es gibt noch einen Interessenten, den Sie nicht kennen, jemand, der Sie zerquetschen würde wie eine Ameise und Spaß dabei hätte. Ihn haben Sie auch verarscht. Wenn das Schlimmste, das Ihnen passiert, ist, dass Sie eines Morgens aufwachen und feststellen, dass Ihnen jemand die Eier abgeschnitten hat, dann sollten Sie für den Rest Ihres Lebens Gott dafür danken, dass Ihnen nichts Schlimmeres angetan wurde. Aber weil Sie noch für etwas gebraucht werden, gibt es einen Ausweg, nur einen einzigen, einen harten.«

Hayden Eckman stiegen Tränen in die Augen. »Sagen Sie’s mir.«

»Ein paar Männer aus meinem Büro werden um sechs Uhr heute Abend zu Ihnen kommen. Sie werden sämtliche Beweismittel an sie abgeben, auch die Leichen der Opfer.«

»Ja, natürlich.«

»Die werden eine lange Mitteilung dabeihaben, die Sie unterschreiben müssen und in der alles erklärt wird, was passiert ist. Die Namen Nathan Palmer und Lee Shacket werden darin nicht auftauchen. Es wird darin heißen, der Täter sei ein unter Drogen stehendes Gangmitglied der MS-13 gewesen.«

»Welches MS-13-Mitglied?«

»Einen wahrscheinlichen Kandidaten werden wir später vorstellen. Geht Sie nichts an.«

»Aber Shacket ist immer noch da draußen.«

»Wir finden ihn. Und er wird sich sowieso selbst zerstören.«

»Ich glaube nicht, dass er sich umbringen wird«, wandte der Sheriff ein.

»Das habe ich auch nicht gesagt. Ich sagte, er wird sich selbst zerstören. Er wird es nicht aufhalten können. Also, wollen Sie nun diese eine Chance, oder sind Sie wirklich entschlossen, Ihr Leben an die Wand zu fahren?«

Dicke, warme Tränen flossen über Hayden Eckmans Gesicht, und er erwiderte: »Werde ich dann der Sheriff bleiben dürfen?«

»Solange ich weiß, dass Sie mir gehören, gehören Sie auch dem vorhin erwähnten Interessenten, gehören Sie allen.«

»In Ordnung«, sagte der Sheriff ohne Zögern. Er saß jetzt nicht mehr auf dem Boden. Er lag auf der Seite, in der Embryonalhaltung. »Wäre es möglich … Wird man mir erlauben, später für ein höheres Amt zu kandidieren?«

»Erlauben? Mein Gott, man wird es von Ihnen verlangen. Sobald Sie den richtigen Leuten gehören und das auch bestätigen, zugeben, dass Sie nur im Spiel sind, um zu tun, was man Ihnen sagt, sind Sie ein idealer Kandidat. Aber es gibt noch eine Sache, die Sie tun müssen, um sich das alles zu verdienen.«

»Sagen Sie’s mir.«

»Diese sechs Deputys, die Wache stehen. Ziehen Sie sie ab. Schicken Sie sie nach Hause. Die werden nicht mehr gebraucht.«

»Aber was, wenn …«

»Sie werden nicht mehr gebraucht.«

»Was, wenn Shacket … Was, wenn dieser MS-13-Gangster wieder dort auftaucht?«

»Es wird nichts Schlimmes passieren. Nichts, für das man Ihnen die Schuld geben kann. Es gibt elegante Arten, mit solchen Problemen umzugehen. Also, gehören Sie mir jetzt oder nicht? Es ist bequem, jemandem zu gehören, Hayden. Es macht alles so viel einfacher. Sie werden zum wertvollen Gut, und es wird Ihnen an nichts fehlen. Ihr Aufstieg wird sicher sein.«

»Das hört sich gut an.«

»Es ist auch gut.«

»Na ja, wenn die Männer dort nicht mehr gebraucht werden …«

»Werden sie nicht.«

»Dann ziehe ich sie ab.«

»Willkommen zu Hause, Hayden.«

»Das hört sich auch gut an.«

»Ist es auch.« Tio legte auf.

Sheriff Hayden Eckman blieb weiter in der Embryonalhaltung auf dem Küchenboden liegen, vielleicht noch eine Viertelstunde lang. Er hatte das Gefühl, durch einen schmalen Durchgang zu rutschen, von Kontraktionen durch einen Geburtskanal gepresst zu werden, in ein neues Leben hinein. Aber es waren keine Kontraktionen seines Gewissens, denn dieses war dafür nicht muskulös genug. Es waren Kontraktionen der Begierde, derselben Gier nach Macht und Status, die ihn schon so lange antrieb, wie er zurückdenken konnte. Selbst wenn der erhabene Status, den er vielleicht eines Tages erreichen würde, nicht sein Verdienst war, wenn er ihm übertragen wurde aufgrund seines Gehorsams gegenüber den Vorlieben und Vorurteilen der herrschenden Klasse … Nun, er wäre trotzdem in der Lage, in dem Ansehen zu schwelgen, das seine Position mit sich brachte. Er wäre damit nicht allein; wahrscheinlich hatten drei Viertel derer, die Beifall und Ruhm genossen, nichts getan, um sie sich zu verdienen, abgesehen davon, dass sie sich sklavisch an die Ideologie gehalten hatten, die derzeit von den Auserwählten erwartet wurde. Und wenn die Macht, die er erlangte, keine wahre Macht war, wenn er anderen nur das antat, was man ihm befahl, war es doch immer noch viel besser, die Peitsche in der Hand der Mächtigen zu sein, als zu denen zu gehören, die gepeitscht wurden.

Ich bin lieber ein Hammer als ein Nagel.

Zudem eignete er sich gut für das neue Leben, das Tio Barbizon ihm bot, weil er ein hervorragender Lügner war. Er konnte so überzeugend die Unwahrheit sagen, dass er mit der Zeit selbst begann, die von ihm erfundene Wahrheit zu glauben, und hin und wieder mit Überraschung feststellte, dass er sich erfolgreich selbst belogen hatte. Es war durchaus möglich, dass er glauben würde, dass seine Macht ihm selbst gehörte, dass sie echt und wohlverdient war, sobald seine neuen Meister ihn auf der Karriereleiter emporgehoben hatten. Wenn man etwas von ganzem Herzen glaubte, dann genügte diese Art von Wahrheit als Basis für das Leben, jedenfalls für den jeweils nächsten Tag.

Schließlich stand er vom Küchenboden auf, ein vollständig bekleideter Neugeborener ohne blutige Nachgeburt.

Er trank den Scotch aus, den er auf der Kücheninsel stehen gelassen hatte.

Dann nahm er sein persönliches Telefon, rief die persönliche Nummer von einem der Deputys am Haus der Bookmans an und befahl die Beendigung der Schutzmaßnahmen für die Witwe und ihr Kind, die er angeordnet hatte.