106

Dorian Purcell im Transferbereich auf dem Dach des Gebäudes auf dem Nob Hill. Am Fenster, den ungeduldigen Blick auf einen Helikopterlandeplatz gerichtet. Er wartete auf sein Lufttaxi.

Die beiden Bodyguards, einer am Fahrstuhl und einer neben Dorian, würden nicht mit ihm auf die Reise gehen. Sein Zielort war geheim.

Zusätzlich zu dem großen Apartment in der Parable-Firmenzentrale in Sunnyvale, dem größeren Anwesen in Palo Alto und dem noch größeren, zweistöckigen Penthouse hier im Herzen von San Francisco hatte Dorian noch ein Grundstück in seinem Bay-Area-Wohnportfolio. Sein Haus in Tiburon am Nordufer der San Francisco Bay war 12.000 Quadratmeter groß und stand auf 20.200 Quadratmetern erstklassigen Bodens. Die Villa bot einen Südsüdwest-Blick auf die Golden Gate Bridge und die sagenumwobene Stadt, die in einer ästhetisch wohlgefälligen Distanz lag. Das Haus war durch beinahe fünf Meilen Wasser von ihr getrennt. Bei Nacht bot die Stadt einen überwältigenden Anblick, ohne dass ihr Geruch hierher durchdringen konnte.

Seine Verlobte Paloma Pascal, die mit ihm in Palo Alto wohnte und manchmal mit ihm im Nob-Hill-Penthouse war, wenn ein besonderes kulturelles Ereignis in der Stadt stattfand, hatte kein einziges Kleidungsstück, nicht einmal eine Zahnbürste in dem Haus in Tiburon. Saffron »Sunny« Ketterling, die Turnerin und kunstfertige Schlangenfrau, die mit Dorian im Penthouse wohnte, abgesehen von den seltenen Gelegenheiten, wenn Paloma zu Besuch kam, hatte ebenfalls noch keine Zeit in Tiburon verbracht.

Dorian hatte dort drei nebeneinanderliegende Grundstücke gekauft, die dort stehenden Villen abgerissen und das jetzige, ultramoderne Anwesen in Auftrag gegeben, das vor 16 Monaten fertiggestellt worden war. Es war ein Wunderwerk aus Stahl, Granit, Quarzit und Glas, mit geheimen Treppen, versteckten Räumen und anderen spektakulären Vorrichtungen, die jeder 13-jährige Fantasy- und Science-Fiction-Fan in seine Villa eingebaut hätte, wenn er über 80 Millionen Dollar für ein Haus verfügt hätte.

An vier Tagen in der Woche kümmerte sich eine Mannschaft aus 14 Mitarbeitern um die neue Villa und das Grundstück, aber von 17 Uhr am Donnerstag bis um acht Uhr morgens am Montag war niemand dort. Obwohl Dorian nur an einem oder zwei Wochenenden im Monat nach Tiburon aufbrach, wusste er das Anwesen als Rückzugsort zu schätzen. Die absolute Privatsphäre, die er dort genoss, gab ihm die Freiheit von Ablenkungen und die gedankliche Klarheit, die er brauchte, um darüber zu spekulieren, in welche Richtung die Kultur und die Hochtechnologie sich entwickeln würden. Sie erlaubte ihm, sein einzigartiges Genie als Futurist zur Erfindung neuer Geschäftsideen und technologischer Innovationen einzusetzen, die dafür sorgen würden, dass Parable weiterhin wuchs.

Er sah sich als den Thomas Edison seiner Zeit, wenn auch ohne Edisons primitiven Moralismus und mit einem kühnen Sinn für Profitmaximierung, von dem der viel gerühmte Zauberer aus Menlo Park nur hätte träumen können.

Obwohl es ihm nichts ausmachte, in Tiburon allein zu sein, hatte er das Haus mit der Erwartung gebaut, dass es irgendwann mit einer Ehepartnerin ausgestattet sein würde, die anders war als Paloma oder Sunny. Er war eine sehr sexuelle Person und betrachtete sich als das menschliche Äquivalent zu einem erstklassigen Zuchtbullen, wenn auch nur in dem Sinne, dass er immer bereit war. Der Gedanke, ein Kind zu zeugen, ließ ihn bis ins Mark erschauern, und er tolerierte in dieser Hinsicht keinerlei intrigantes Verhalten von Paloma, Sunny oder irgendeiner anderen.

In all den Monaten seit der Fertigstellung der Villa hatte er sich nicht auf eine Frau festgelegt, die zu ihren vielen Annehmlichkeiten gehören sollte. Während das Haus entworfen und errichtet wurde, hatte er nie bewusst über dieses Thema nachgedacht.

Doch als der beauftragte Bauunternehmer ihm die Schlüssel überreicht hatte, war Dorian bewusst geworden, dass er diesen Ort unterbewusst nicht nur als Zuflucht vor den Ablenkungen seines ereignisreichen Alltags, sondern auch vor den erdrückenden Regeln und kleinkarierten sozialen Normen einer Welt betrachtete, die sich rasch veränderte, wenn auch nicht schnell genug für seinen Geschmack. Bei seinen monatlichen Besuchen in Tiburon hatte er einige Möglichkeiten erdacht, wie er in sexueller Hinsicht auf aufregendes, neues Territorium vorstoßen könnte.

Er hatte sich noch nicht auf eine Vorgehensweise festgelegt. Als ambitionierter, doch vorsichtiger Mann war er noch dabei, seine Optionen abzuwägen und sich darüber klar zu werden, mit welchem Ausmaß von Schändlichkeit er ungestraft davonkommen konnte.

Der vom Himmel herabschwebende Helikopter trug das Logo von Parable. Es war eine zweimotorige Maschine mit weit oben angebrachten Haupt- und Heckrotoren und einem modernen Glascockpit. In 15 Minuten würde Dorian in Tiburon sein.