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Um 13 Uhr am Donnerstag, vier Stunden vor der üblichen Feierabendzeit, schickte Amory Cromwell, der Hausmanager des Purcell-Anwesens in Tiburon, den 14-köpfigen Mitarbeiterstab bis um acht Uhr morgens am nächsten Montag nach Hause.
Der Große Mann hatte in letzter Minute beschlossen, für das Wochenende hierherzukommen, und er würde früh eintreffen. Alle mussten tun, was der Große Mann wollte, und zwar ohne Widerworte, selbst wenn es die Arbeit eines halben Tags zunichtemachte. Cromwell hatte die Angestellten gedrängt, rasch in ihre Autos zu steigen und abzufahren, als würde er ein Rudel Wildkatzen vertreiben. Dem Großen Mann gefiel es nicht, irgendjemanden, der hier arbeitete, grüßen oder auch nur zur Kenntnis nehmen zu müssen, abgesehen von seinem Hausmanager.
Cromwell benutzte den Spitznamen »Großer Mann« nur in Gedanken, niemals in Anwesenheit der Bediensteten, die er nicht dazu ermutigen wollte, sich über ihren Arbeitgeber lustig zu machen. Cromwell war in London geboren, hatte seine Ausbildung in England erhalten und auf einigen der schönsten Anwesen in Boston, New York und Philadelphia gearbeitet, wo man zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen unterschiedliches antikes Silbergeschirr aufgetragen hatte und seine Arbeitgeber aus alten, reichen Familien gestammt hatten. Sie hatten als Zweitsprache fließend Französisch gesprochen und waren bis ins kleinste Detail mit den unzähligen Regeln der Etikette vertraut gewesen. Vor diesem Hintergrund war Cromwell der Ansicht, dass er nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht hatte, sich über einen Angeber wie Dorian Purcell lustig zu machen. Vielleicht hatte der Große Mann mehr Geld als alle Familien, für die Cromwell zuvor gearbeitet hatte – na und?
Vor zwei Jahren hatte Cromwell in Boston gekündigt, um diese Stelle anzunehmen und 350.000 Dollar pro Jahr plus Zusatzleistungen zu verdienen, doppelt so viel wie zuvor. Unglücklicherweise hatte er nicht vorausgesehen, dass ein Mann, der so viele Milliarden besaß und für seine Technikzaubereien so berühmt war wie Purcell, eine unterentwickelte Persönlichkeit besitzen und ein Grobian sein konnte. In Tiburon schmiss der Große Mann niemals Partys, lud nie Gäste ein. Er aß nichts außer Tiefkühlpizzen, Tiefkühlwaffeln und Eiscreme, obwohl ein ganzes Kühlfach voller Frühstücksfleisch, Käse und Sandwich-Beilagen für ihn bereitstand. Es gab so viele große Fernseher im Haus, dass dieses wie ein äußerst elegantes Best-buy-Geschäft wirkte. In den 34 Räumen waren 20 Videospielkonsolen verteilt. In einer Spielhalle standen 46 Flipperautomaten. In einem begehbaren Tresor fanden sich beinahe 1000 Hardcore-Porno-DVDs, die Cromwell nur entdeckt hatte, weil Purcell an einem Sonntag hastig aufgebrochen war und versehentlich die Tresortür offen gelassen hatte.
Cromwells derzeitige Absicht war es, hier noch drei Jahre zu bleiben, bevor er sich einen anderen Job suchte. Er war erst 48, und er war sicher, Purcell nicht bis ins Rentenalter ertragen zu können.
Jetzt eilte er durchs Erdgeschoss des weitläufigen Anwesens und vergewisserte sich, dass alle Türen verriegelt waren. Er hätte sie alle über den Hauscomputer verriegeln können, aber manche Mitarbeiter brachen hin und wieder die Regeln und setzten bei der Arbeit das automatische Riegelsystem außer Kraft, indem sie eine Tür mit einem Keil offen hielten, weil sie zu oft ausgesperrt worden waren von einem Gesichtserkennungssystem, das sich standhaft weigerte, sie zu erkennen. Manchmal schaltete sich das Musiksystem von selbst ein und spielte laut Taylor Swift ab – ausgerechnet. Ab und zu begann sich in der Garage das Karussell mit den Autos, die Purcell sammelte, aber nie fuhr, von allein zu drehen, als hätten die Fahrzeuge, die tagein, tagaus dort herumstanden, Langeweile bekommen. Bei manchen Gelegenheiten reagierte die weibliche Stimme des Hausmanagementprogramms auf das Geräusch eines Staubsaugers mit der wieder und wieder gestellten Frage: »Benötigen Sie medizinische Hilfe?« Keines dieser Systeme war ein Produkt von Parable oder einer der Tochterfirmen, aber Cromwell fragte sich, ob die Hersteller, die gewusst hatten, wohin die Geräte geliefert würden, sie entsprechend manipuliert hatten, um den Großen Mann zu verspotten. Dieser Gedanke bereitete ihm Freude.
Weil die Mitarbeiter ohne Umschweife davongejagt worden waren, fand Cromwell vier mit Keilen offen gehaltene Türen. Gerade als er die letzte verriegelte, verkündete das Rattern eines Helikopters die bevorstehende Ankunft des Großen Mannes.
Er ging zur hinteren Terrasse hinaus, um dem Fluggerät bei der Landung zuzusehen und seinen Arbeitgeber mit mehr Würde zu empfangen, als dieser zu schätzen wusste. Danach würde er sich in ein langes Wochenende verabschieden, um Golf zu spielen, sich in einem Spa verwöhnen zu lassen und gutes Essen in Pebble Beach zu genießen. Er hatte ein Zimmer in einem Fünf-Sterne-Resort gebucht, das vielleicht genug ausgezeichneten Wein vorrätig hatte, um die seelischen Wunden zu heilen, die fünf Minuten in Dorian Purcells Gesellschaft hinterließen.