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An einem in die Küchenwand eingelassenen Crestron-Bildschirm – diese Geräte waren überall im Haus verteilt – aktivierte Dorian Purcell das Sicherheitssystem, das nicht nur alle Türen und Fenster, sondern die gesamten 20.200 Quadratmeter des Grundstücks umfasste. Falls jemand versuchte, über das Tor oder die spitzenbewehrte Grundstücksmauer zu klettern, würden die kombinierten Hitze- und Bewegungsmelder einen menschlichen Umriss erkennen. Der Alarm würde ausgelöst, segmentierte Rollläden aus Stahl würden vor allen Fenstern heruntergelassen und die Polizei würde gerufen. Über seine Stiftung spendete Dorian 30.000 Dollar monatlich an den Wohltätigkeitsfonds der Polizei, sodass die lokalen Polizeibehörden auf einen Alarmruf von seinem Grundstück sechsmal schneller reagierten als auf jeden anderen. Er hatte es ausprobiert.

Er kam nicht nur hierher nach Tiburon, um sich tiefgründige Gedanken über Technik und Kultur zu machen, nicht nur um darüber nachzugrübeln, welche sexuellen Abenteuer er sich an diesem Ort ungestraft herausnehmen könnte, sondern auch, um sich zu entspannen, ohne lästige Menschen um sich zu haben. Er goss Wodka mit Schokoladenaroma über ein paar Eiswürfel. Mit dem Drink in der Hand machte er eine Tour durch seinen schnittigen, ultramodernen Palast. Er war nicht sicher, ob er Flipper oder ein Videospiel spielen, ob er in seinem Virtual-Reality-Flugsimulator einen F-18-Kampfjet fliegen oder mit einem Luftgewehr auf die Dachterrasse gehen und auf fliegende Krähen schießen sollte, oder Tauben, falls welche dort waren.

Als Nächstes gelangte er zur Bibliothek. Ein gewaltiger, antiker Kaschanteppich mit einem komplizierten Muster aus Schattierungen von Saphirblau, Korallenrot und Bernsteingelb schien über dem bleichen Kalksteinboden zu schweben, als ob er auf einen Geist wartete, der ihn mit einem Zauberspruch zum Fliegen bringen konnte. Die Bücherregale waren aus wagenschott geschnittenem Anigre-Holz gefertigt, ein Holz, das durch seinen kräftigen Goldton zu leuchten schien. Dorian hatte einen Bücherscout beauftragt, ihm 6000 wichtige Erstausgaben zu beschaffen, zu einem achtstelligen Preis.

Er hatte vorgehabt, zwischen den Regalen spazieren zu gehen und seine Schätze zu bewundern. Aber als er in den nächsten Gang einbog, nahm er einen leichten, störenden Geruch wahr. Er konnte dessen Ursprung nicht feststellen und fragte sich, ob es Schimmel oder irgendein anderes Anzeichen für Papierverfall war. Sein Büchermann würde der Sache nachgehen müssen. Dorians Begeisterung für einen Bücherspaziergang ließ nach.

Er hatte noch keine Zeit gehabt, irgendeinen der Bände in seiner Weltklasse-Sammlung zu lesen, aber das spielte keine Rolle. Die Bibliothek hatte zwei Hauptzwecke. Erstens, sie verlieh dem Anwesen mehr Klasse. Zweitens, und noch wichtiger: Sie ermöglichte es ihm, eine als Bücherregal getarnte Geheimtür zu haben wie in den alten Gruselfilmen, die er cool fand, seit er sich als Kind für alte Filme interessiert hatte – Karloff, Lugosi!

Als er »Ochus Bochus« sagte, den Namen eines mythischen nordischen Zauberers und Dämons, entriegelte ein Stimmenerkennungsprogramm die Tür und ließ sie auf elektrisch betriebenen Scharnieren aufschwingen. Dorian trat in einen geheimen Korridor, der zu einem ganzen Netz solcher Gänge hinter den Mauern des Hauses gehört, und sagte »Hoc est corpus meum«, was den Bücherschrank dazu veranlasste, sich zu schließen und zu verriegeln.

Am Ende des Geheimgangs lag eine Geheimtür, die als großer Spiegel getarnt war, der von Wand zu Wand und vom Boden bis zur Decke reichte. Keiner der Mitarbeiter wusste von diesen versteckten Durchgängen. Dorian selbst reinigte diesen Spiegel von Zeit zu Zeit. Für einen Moment blieb er stehen und bewunderte sein Spiegelbild. Er war der Ansicht, dass er wunderbar mysteriös aussah. Dann griff er nach dem im Spiegelrahmen verborgenen Riegel und öffnete die Tür.

Hinter ihr lagen Geheimtreppen, die nach oben und nach unten führten. Er stieg zu einer dreieinhalb Quadratmeter großen Fläche hinab, die auf drei Seiten mit den teuersten Büchern seiner Sammlung gesäumt war. Eine weitere versteckte Tür schwang auf, als er das Wort »Abrakadabra« aussprach. Er betrat einen Vorraum, der so abgeschieden war wie vergessene Katakomben, die man vor tausend Jahren versiegelt hatte.

So lange, wie er zurückdenken konnte, hatten ihn Worte wie geheim, versteckt, abgeschieden, mysteriös und vertraulich insgeheim fasziniert. Und er empfand immer noch so, wie er als Junge empfunden hatte.

An der Wand gegenüber der geheimen Tür, durch die er eingetreten war, befand sich eine isolierte Stahltür, die 360 Kilogramm wog. Sie konnte entweder mit einer Zahlenkombination oder durch die Worte Hola Nola Massa geöffnet werden, eine Zauberformel, die dunkle Magier des Mittelalters benutzt hatten, um den Erfolg ihrer Mühen sicherzustellen.

Er sprach die Worte, die Tür öffnete sich und er ging durch ein kleines Apartment, das im Moment noch unmöbliert war. Der erste Raum war sechs mal neun Meter groß. Hinter ihm lag ein vollständig ausgestattetes Badezimmer, in dem sich außerdem ein Kühlschrank und eine Mikrowelle befanden.

Wände und Decke bestanden aus 90 Zentimeter dickem, stahlverstärktem Beton, der mit 2,5 Zentimeter dicken Schallschutzplatten und Gipskartonplatten bedeckt war. Hätte er einen iPod hier hereingebracht und den ohrenbetäubendsten Heavy-Metal-Song in der höchstmöglichen Lautstärke abgespielt, hätten sich die krachenden Akkorde auf der anderen Seite der 360-Kilogramm-Tür, dort draußen im Vorraum, wie ein weit entferntes, nicht ganz identifizierbares Geräusch angehört. Noch weiter weg wären sie völlig unhörbar gewesen.

Dies war einer von drei Sicherheitsräumen, die an verschiedenen Punkten des Anwesens versteckt waren. Hierher konnte er sich zurückziehen, falls Terroristen oder Einbrecher ins Haus kamen, und abwarten, bis die Polizei sich um sie gekümmert hatte. Die anderen beiden Kammern waren nicht so gut verborgen und gründlich gesichert wie diese. Keine von ihnen tauchte in den Aufzeichnungen des städtischen Baudezernats auf.

Erst ein paar Wochen nach der Fertigstellung des Hauses hatte Dorian langsam begriffen, dass dieser spezielle Sicherheitsraum auf eine andere Weise benutzt werden konnte als die anderen zwei. Er hatte einen weiteren Monat gebraucht, um sich eingestehen zu können, dass er unterschwellig bereits gewusst hatte, für welchen anderen Zweck er diesen Raum verwenden konnte. Dieser Einfall stammte weder von seinem inneren Kind, das alte Gruselfilme mochte, noch von dem sicherheitsbewussten Milliardär, zu dem dieses Kind geworden war. Er stammte von einem skrupelloseren Aspekt seiner Persönlichkeit, den er sich nie ganz eingestanden hatte, eine vollkommen freie, allmächtige Version von Dorian Purcell, ein ultimatives Ich, das sich nach Selbstverwirklichung sehnte.

Jetzt sprach er die zwei Gedichtzeilen aus, die er einmal gehört hatte und die ihn fasziniert hatten, aus Gründen, die er sich nicht ganz erklären konnte. Er kannte weder den Dichter noch den Rest des Gedichts, und es war ihm auch gleichgültig.

»›Ich hätte ein zerklüftetes Scherenpaar sein sollen und über die Böden stiller Meere krabbeln.‹«

Durch die Raumakustik schienen die Worte in der Luft zu sterben, noch bevor sie die gegenüberliegende Wand erreichten, obwohl er nicht geflüstert hatte.

Um aus dieser verdorbenen Zeit in die transhumanistische Zukunft zu gelangen und sich über die Beschränkungen der menschlichen Art zu erheben, um wie ein Gott zu werden, war es nötig, auch wie ein Gott zu denken.

Und Götter kannten keine Grenzen.

Während er seinen Wodka mit Schokoladenaroma auf Eis trank, betrachtete er das Zimmer und überlegte, wie es auf ansprechende Weise altersgerecht zu dekorieren wäre, malte sich aus, welche ultimative Macht ihm hier zukommen konnte.

Es war eine gewaltige Herausforderung: in diesem Allerheiligsten ein geheimes Leben voll verbotener Freuden zu führen, ohne zuzulassen, dass diese Freuden ihn beherrschten oder in irgendeiner Weise Spuren in seinem Gesicht oder der Persönlichkeit hinterließen, die er der Welt dort oben präsentierte.

Langsam formte sich ein bedächtiges Lächeln auf seinen Lippen, während er sich vorstellte, welchen Spaß es ihm machen würde, sich dieser Herausforderung zu stellen, wie er sich so vielen anderen gestellt hatte mit stets zunehmendem Erfolg.