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Bereits um 14:05 Uhr am Donnerstagnachmittag hatte Sheriff Hayden Eckman seine gute Laune wiedergefunden. Tio Barbizon hatte recht: Es war eine Erleichterung, jemandem zu gehören und keine andere Pflicht zu haben als zu tun, was einem gesagt wurde. Wenn Barbizons Männer um 18 Uhr kamen, um die Leichen und die Beweismittel abzuholen und Hayden die Nacherzählung der Ereignisse unterschreiben zu lassen, die man fabriziert hatte, um den Generalstaatsanwalt zufriedenzustellen, konnte sein neues Leben beginnen.
Er saß auf einem Lehnsessel im Wohnzimmer und hatte sein zweites Glas Scotch zu einem Drittel ausgetrunken, als sein persönliches Telefon klingelte. Der Anrufer war Deputy Reed Hannafin, einer der loyalen Mitarbeiter, die Hayden eingestellt hatte.
»Sheriff, ich habe gerade von einem unserer Leute erfahren, dass Dr. Conroy gestern Abend im Haus der Bookmans war, während wir es bewacht haben.«
Hayden nahm eine aufrechtere Haltung ein. »Vorher konnten wir Carson nicht finden. Jim Harmon musste sich um die Morde in der Heiz- und Kühlanlage kümmern. Was zum Teufel macht Carson denn bei den Bookmans?«
»Das weiß niemand. Sein Explorer stand vor dem Haus. Vor Tagesanbruch ist er wieder abgefahren. Wollen Sie, dass ich ihn suche? Soll ich vielleicht in seinem Haus nachsehen?«
Nach einem Zögern erwiderte Hayden: »Ich werde erst fragen müssen.«
Verwirrt gab Hannafin zurück: »Fragen, wen denn?«
»Ich meine, ich muss erst darüber nachdenken, wie wir die Sache angehen. Er hätte dort nicht auftauchen sollen, weder offiziell noch inoffiziell. Aber er ist ein eigensinniger Kerl. Reizbar. Überlassen Sie mir die Sache.«
»Ich dachte mir nur, Sie sollten Bescheid wissen.«
»Jetzt weiß ich Bescheid.« Hayden legte auf.
Eine halbe Minute später klingelte das Telefon wieder. Rita Carrickton.
»Ich habe ein bisschen geschlafen«, sagte sie. »Du auch?«
»Nein. Ich werde vielleicht nie wieder schlafen. Ich bin total angespannt.«
»Ich komm zu dir und sorg dafür, dass du dich entspannst. Ich bin verflucht geil. Diese ganze Action, die Gewalt – ich weiß nicht, das törnt mich einfach an.«
Hayden warf einen Blick auf die Armbanduhr. Er hatte noch fast vier Stunden Zeit, bis Barbizons Männer auftauchen würden. Ein Techtelmechtel mit Rita war vielleicht der einzige Weg, sich so zu beruhigen, dass er vielleicht wenigstens noch zwei Stunden Schlaf bekam, bevor die Leute aus Sacramento kamen. Er musste sich etwas ausruhen, um ihnen gewachsen zu sein. »Komm rüber.«
»Bin in 20 Minuten da.«
Der Sheriff eilte ins Badezimmer und kippte eine 50-Milligramm-Viagra mit einem Schluck Scotch hinunter.
Er schaltete die Alarmanlage ab und ging in die Garage. Aus dem Kofferraum seines Streifenwagens holte er das Bargeld und die Jacke mit den in das Innenfutter eingenähten Diamanten.
Als er wieder in der Küche war, hängte er die Jacke über einen Hocker und warf das Bargeld auf die Kücheninsel.
Er hatte nicht vor, Rita zu sagen, dass er Tio und höchstwahrscheinlich auch Purcell gehörte. Jemandem zu gehören war eine gute Sache. Er wusste, dass es so war. Aber bei Rita würde etwas Überzeugungsarbeit nötig sein. Sie würde es endlos ausdiskutieren wollen. Im Moment wollte Hayden nicht reden; er wollte nur, dass sie ihm das Hirn herausfickte. Sie war bereits in Stimmung, und wenn sie all das Geld sah, würde es sein, als hätte er ihr ein halbes Kilogramm eines starken Aphrodisiakums verabreicht.
Beinahe hätte er die Alarmanlage wieder eingeschaltet, aber wenn er das getan hätte, hätte sie sich nach dem Grund erkundigt. Er wollte nicht, dass sie glaubte, er habe Angst vor Lee Shacket.
Statt nach 20 Minuten traf sie schon nach 15 ein. Sie parkte in der Garage und kam durch die Verbindungstür in die Küche. Sie trug Freizeitkleidung, keine Uniform, und als sie das auf dem Tresen aufgehäufte Geld sah, schwollen ihre Brustwarzen an und begannen sich deutlich unter ihrem weißen T-Shirt abzuzeichnen.
»Was ist das, sind das Beweismittel für irgendeinen Fall oder so?«
»Nein, Baby, das ist gerechte Beute.«
Staunend fragte sie: »Ist das deins?«
»Unseres. War in Shackets Auto versteckt.«
Sie hatte eine Flasche guten Rotwein mitgebracht. Diese stellte sie nun auf der Kücheninsel ab, vergrub ihr Gesicht in den Geldscheinen und atmete tief ein. Als sie wieder aufblickte, verkündete sie: »Du wirst heute so was von durchgebumst.«
»Ich muss noch schnell duschen.«
»Beeil dich. Ich warte im Bett mit zwei Gläsern Wein auf dich, Mr. Big.«
Er liebte es, wenn sie ihn Mr. Big nannte. Wie erstaunlich es doch war, dass er noch vor kurzer Zeit in Embryonalhaltung auf dem Küchenboden gelegen hatte und überzeugt gewesen war, dass sein Leben vorbei war oder dass seine Zukunft zumindest so finster aussah, dass er nichts mehr hatte, für das es sich zu leben lohnte! Jetzt war ihm eine strahlende Zukunft sicher, und bald würde er von Rita ausgepumpt werden, die eine sagenhafte Reiterin war. Sie würde sogar noch sagenhafter sein, wenn er sich vorstellte, sie sei Megan Bookman.