112

Das Zentrum des Geschehens befand sich jetzt im Obergeschoss. Woodys Mom brauchte sich keine Sorgen zu machen, weil er und Kipp dort oben allein waren, wie sie es getan hatte, als die Deputys abgezogen worden waren.

Mit Kipp an seiner Seite hatte Woody in seinem Zimmer gerade eine halbe Stunde mit Bella in der Leitung verbracht, der Golden-Retriever-Hündin, die in Santa Rosa bei der Familie Montell lebte. Von allen Mitgliedern des Mysteriums hatte sie am meisten Erfahrung mit dem Gebrauch der Leitung, denn sie war jahrelang freiwillig rund um die Uhr auf Empfang geblieben, sieben Tage in der Woche, auch wenn die anderen sich ausklinkten. Wenn sie auf wichtige neue Nachrichten stieß, erzwang sie Verbindungen mit allen von ihrer Art und implantierte die Neuigkeiten in ihrem Geist. Woodys Bewusstsein der Leitung war zuerst unterschwellig gewesen. Sein erster Gebrauch dieser Verbindung war unabsichtlich gewesen, und so hatte er Kipp auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt musste er alles darüber wissen, wie man sie einsetzte. Bella beriet ihn nicht nur, sie schickte ihm auch ein Datenpaket, das ihn innerhalb von Minuten zu einem ebenso versierten Sender machte wie all die anderen Mysterier.

Als Resultat dieser Anleitung öffneten sich weitere Türen in seinem Geist, von denen er nicht einmal gewusst hatte, dass sie verschlossen gewesen waren. Ein Gefühl von Freiheit und Vollständigkeit stieg in ihm auf wie ein heliumgefüllter Ballon mit der Aufschrift ›Happy Birthday‹. Seine Metamorphose hatte mit seiner Zusammenkunft mit Kipp begonnen, als sie sich am vorigen Abend auf dem Bett gegenseitig in die Augen geblickt hatten, und nun war sie vollendet, dank Bella.

Als es getan war, kniete er sich mit Kipp auf den Boden und drückte seinen Gefährten für einen langen, schönen Moment an sich, Wange an Wange, Fell an Haut. Der Junge sprach nicht und der Hund konnte nicht sprechen, aber sie beide feierten auf diese Weise Tausende Jahre des gegenseitigen Vertrauens und der Liebe zwischen ihren Arten. Sie feierten außerdem die Reifung dieser Verbindung zu etwas Großartigem und Wunderbarem, das sie sich beide noch vor zwei Tagen nicht hätten vorstellen können.

Sie standen an der Schwelle einer radikalen Transformation der Welt, die schon vor den frühesten historischen Aufzeichnungen begonnen hatte, als die erste Allianz zwischen einem Hund und einem primitiven Menschen geschmiedet worden war, auf irgendeiner lebensfeindlichen Steppe oder in einem Wald voller Gefahren. Bis dahin war der einzige Schutz gegen Unwetter und die tödliche Bedrohung durch die Bestien der Natur eine Höhle und ein aufmerksam in Gang gehaltenes Feuer gewesen. Aber mit dieser Allianz war aus zwei Raubtieren – Hunden und Menschen, die über Jahrtausende zusammenarbeiteten – mehr geworden als Raubtiere, durch die Liebe, die zwischen ihnen herangewachsen war. Diese Liebe war nicht nur der Instinkt einer Spezies gewesen, die ihren wertzuschätzen, sondern eine Liebe, durch die Mensch und Hund einen langen Weg in ein gemeinsames Schicksal begonnen hatten. Manche nannten es Evolution, dass die Hunde nach und nach immer intelligenter wurden, bis sie einen plötzlichen Quantensprung ihrer Entwicklung erlebten. Andere nannten es vielleicht eine geplante Entwicklung, aber was auch immer diese Veränderung antrieb – keine der beiden Arten war vollständig ohne die andere. Die Hunde brauchten die Hände und Stimmen der Menschen, und die Menschen brauchten – dringend sogar – die Unschuld der Hunde, ihre Unduldsamkeit gegenüber aller Täuschung, ihre Loyalität.

Es war eine Ironie, die Woody sogar in seinem früheren Zustand erkannt hätte, dass ausgerechnet ein stummer, autistischer Junge zum Vermittler zwischen den beiden Spezies wurde. Die Verantwortung, die auf ihm lastete, war einschüchternd. Er sagte: »Komm, Kipp. Ich muss mit Mom reden.«