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Woody führte seine Mutter aus der Küche in ihr Atelier, wo sie sich neben dem unfertigen Gemälde von ihm und den Hirschen auf ihren Hocker setzte.

Hinter den hohen Fenstern wiegten sich die Bäume nicht mehr so heftig im Wind wie vorher. Der Wind schien endlich ein wenig nachzulassen, obwohl die Wolkendecke dunkler wurde.

Er stellte sich vor seine Mom und nahm ihre Hände in seine. Er sah, dass seine Bereitschaft, sich nicht nur berühren zu lassen, sondern auch selbst zu berühren, sie immer noch überraschte und bewegte.

»Etwas wirklich Großes passiert gerade«, teilte er ihr mit.

»Es ist doch schon etwas ganz Enormes passiert, Schatz.«

»Es ist was viel Größeres als ich.« Sie wusste natürlich vom Mysterium und von der Leitung. Sie wusste, dass die Hunde nicht die Gedanken ihrer Artgenossen lesen konnten, sondern dass die Leitung im Grunde etwas wie ein telepathisches Telefon war. Nun erzählte Woody ihr von Bella in Santa Rosa und von dem, was Bella für ihn getan hatte. »Ich bin noch dabei, das zu lernen, was Bella macht, wie sie zu ihnen allen spricht, zu ihnen allen durchdringt, egal ob sie im Moment in der Leitung sind oder nicht. Das ist cool. Das ist wie irgendwas, das Heinlein geschrieben hat. Aber ich werde noch einige Stunden üben müssen, bevor ich vielleicht … den nächsten Schritt gehen kann.«

Ihre langen, geschmeidigen Finger schlossen sich fester um seine Hände. »Welchen nächsten Schritt, Woody?«

»Nichts Schlimmes«, beruhigte er sie. »Ich brauche nur ein bisschen Zeit zum Üben, um sicherzugehen, dass ich es richtig kann. Ich werde ganz intensiv üben. Aber vorher wollte ich es dir noch sagen.«

In sein Schweigen hinein fragte sie: »Mir was sagen, Spatz?«

Er kannte die Worte, die er ihr mitteilen wollte, weil er sie ausgesprochen hatte, als er nach seinem langen Schweigen zum ersten Mal fähig gewesen war zu sprechen. Aber Worte waren nur ein Teil davon, der kleinere Teil. Woody schloss die Augen und sammelte in sich alle Gefühle, die er für sie empfand: seine Erkenntnis ihrer Liebe zu ihm, ihrer Trauer über den Verlust seines Vaters, ihrer Güte und tiefen Zärtlichkeit, ihrer Hingabe und Aufopferung ihm gegenüber, der Opfer, die sie für ihn gebracht hatte, ihres Talents als Künstlerin und Pianistin, ihres großen Herzens und der Reinheit ihrer Absichten. Er nahm all diese hellen Wahrheiten über sie und alle Emotionen, die diese in ihm hervorriefen, verwob sie zu einem strahlenden Stoff und wickelte diesen um 13 Wörter: Du bist ein Engel auf Erden, und ich liebe dich von ganzem Herzen. Das alles sendete er mit der gleichen sanften, aber unaufhaltsamen Kraft an sie, die Bella einsetzte, wenn sie ihre Bellagramme verschickte.

Die Leitung existierte bereits seit Tausenden von Jahren. Niemand wusste genau, wie lange schon. Noch bevor sie ein Wort dafür kannten, ohne auch nur darüber nachzudenken, hatten die Hunde sie benutzt, lange bevor diese rapide Erweiterung ihrer Intelligenz begonnen hatte. Sie hatten sie auf primitive Weise benutzt: um ihr Revier zu markieren, sich gegenseitig vor Gefahren zu warnen, sich auf reichhaltige Beute aufmerksam zu machen. Die Leitung, die man auch einfach als »Telepathie« bezeichnen konnte, stammte aus dem Fundus des Wissens, den man »Instinkt« nannte. Es gab vier Arten von Wissen: was gelehrt wurde, was aus Erfahrung stammte, was intuitiv erfasst wurde sowie in den Genen angelegte Instinkte.

Weil sie weit mehr Vertrauen in ihren Instinkt gesetzt hatten als die Menschen, waren die Hunde darauf vorbereitet gewesen, die Leitung auf eine viel fortgeschrittenere Art einzusetzen, als ihre Intelligenz ein Niveau erreichte, auf dem sie verstanden, wie diese Gabe besser angewandt werden konnte. Woody hingegen hatte nicht gewusst, dass die Leitung in ihm wartete und sein Leben verbessern konnte, und er hatte unbewusst über sie gesendet, als seine Unfähigkeit zu sprechen ihm in diesen Stunden der Verzweiflung, des Entsetzens und der blinden Panik keine andere Möglichkeit gelassen hatte. Aber da die Leitung zu seinem genetischen Vorrat instinktiven Wissens gehörte, besaß sicherlich auch jeder andere Mensch auf der Welt dieses telepathische Potenzial.

Und so benutzte er also die Leitung, um seiner Mutter diesen Valentinsgruß im September zu schicken. Er sah, wie sie große Augen bekam, größer als er sie je gesehen hatte, und er hörte, wie ihr Atem stockte, fühlte, wie sie die Hände um seine schloss, und sah, wie ihr die Tränen kamen. Sie hatte auch geweint, als sie seine Stimme zum ersten Mal gehört hatte und er ihr mitgeteilt hatte, dass er sie liebte. Doch die Macht der Leitung traf sie tiefer, durch all das, was diese zusätzlich zu Worten vermitteln konnte. Dieses Mal war es auch deshalb anders, weil auch Woody weinte, erhoben von der Botschaft unsterblicher Liebe, die sie über die Leitung zu ihm zurückschickte, durch die Verbindung, die er für sie eröffnet hatte.

Während der 164 Wochen seit dem Tod seines Vaters hatte seine Mom ihn gelegentlich beim Weinen ertappt. Er hatte immer gelächelt, das Daumen-hoch-Zeichen gemacht und ihr auf andere Weisen vorgespielt, dass es Freudentränen seien. Aber keine Lüge, egal wie gut die Absicht hinter ihr war, konnte in der telepathischen Kommunikation Bestand haben, denn die Wahrheit über die Motive des Senders war unlösbar mit den Emotionen verbunden, die gemeinsam mit den Worten übermittelt wurden. Jetzt wusste Woodys Mutter, dass die Tränen, die er zuvor vergossen hatte, Tränen der Trauer gewesen waren, doch diese, die er jetzt weinte, waren wirklich Freudentränen.

Plötzlich begriff sie alles, was passiert war, begriff, was es bedeutete und was schließlich geschehen musste, und sie sendete ihm die Botschaft: OMG, Kleiner, du hast mir gerade eine Heidenangst eingejagt.

Er wusste genau, was sie meinte. Sie meinte keine schlimme Art von Angst. Sie meinte eine Angst, die eine bettelarme Person verspüren mochte, die gerade eine Milliarde Dollar im Lotto gewonnen hatte und begriff, dass nun nichts mehr so sein würde wie vorher.