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Nach ein paar Stunden Schlaf traf Ben Hawkins sich mit Megan Bookman, um die Vorbereitungen auf ihre unerwünschten, aber unvermeidlichen Besucher noch einmal durchzugehen. Obwohl sie sich vor dem fürchtete, was vielleicht passieren würde, brannte sie dennoch darauf zurückzuschlagen. Ben hatte erwartet, dass sie darauf bestehen würde, Woody zu verstecken und aus der Kampfzone herauszuhalten. Aber sie verstand, dass die Anwesenheit des Jungen notwendig war, um die Killer davon zu überzeugen, dass sie sich der ihr drohenden Gefahr nicht bewusst war, egal wie sehr Shacket sie traumatisiert hatte. Wenn sie den Jungen nicht sahen, würden sie Verdacht schöpfen, ihre Waffen ziehen und es würde zu Blutvergießen kommen.

Einige Minuten später war Ben in der Küche. Carson Conroy war gerade von seinem dritten Ausflug zur verlassenen Wohnwagensiedlung zurückgekehrt. Er brachte die letzten zwei Taschen und stellte sie neben einen Stapel anderer.

»Wir haben nicht genug Zeit, um noch eine Fahrt zu riskieren«, sagte Ben.

Carson schüttelte den Kopf. »Nicht nötig. Das war der größte Teil davon.«

»Wenn Sie auf das aufpassen« – Ben deutete auf die Taschen –, »dann verstecke ich den Fleetwood, wie geplant.«

»Glauben Sie wirklich, dass die heute kommen? Die haben Woody doch erst gestern zu seinem Computer zurückverfolgt. Aber ich schätze, die denken, es wäre Megan gewesen.«

»Die werden so schnell wie möglich zuschlagen wollen. Sie kommen, da bin ich sicher. Sie werden nicht bis zum Abend warten, weil sie damit rechnen, dass wir misstrauischer sind, wenn sie im Dunkeln aufkreuzen. Bei dieser dichten Wolkendecke bleiben ihnen nur noch ein paar Stunden brauchbares Tageslicht. Sie werden bald hier sein. Vielleicht in einer Stunde.«

Carson warf einen Blick zum Fenster, hinter dem sich der Tag unter dem düsteren, wolkenschweren Himmel immer mehr verdunkelte. »Und sie werden dreist sein und sich als etwas ausgeben, das sie nicht sind?«

»Das werden sie für ihre beste Chance halten, hereinzukommen und die Kontrolle zu übernehmen. Leute wie die halten alle anderen für Idioten.«

»Das sind wir ja oft auch.«

»Ja, aber nicht dieses Mal.«

Der Wind war rau, aber nicht mehr so heftig wie zuvor. Er brauste nur noch, statt zu kreischen, und er schien sich an der Wut zu verschlucken, die er nicht mehr zum Ausdruck bringen konnte.

Der Zündschlüssel des Wohnmobils lag im Getränkehalter neben dem Fahrersitz. Ben fuhr zum Highway und bog nach Norden ab.

Nach weniger als einer Meile erreichte er einen Parkplatz mit Picknicktischen, der eine gute Aussicht auf die Berge bot. Wegen des Winds und der hohen Regenwahrscheinlichkeit nutzte im Moment niemand diesen Platz. Ben parkte das Wohnmobil, schloss es ab und ging mit schnellen Schritten zum Haus der Bookmans zurück.

Als er sich dem Grundstück näherte, beobachtete er die Fenster. Alle Rollläden heruntergelassen, alle Vorhänge zugezogen. Eine Ausnahme bildeten die Fensterscheiben in der Haustür sowie die beiden Seitenfenster, von denen eines über eine Glasscheibe und die andere nur über die halbdurchsichtige Plastikplane verfügte, die er in der letzten Nacht mit Megan dort festgenagelt hatte.

Als er wieder im Haus war, fand er alle im Wohnzimmer vor, wo sie wie verabredet warteten. Carson und Rosa saßen auf Lehnstühlen. Megan hatte auf einem der Sofas Platz genommen, mit Woody an ihrer linken Seite. Unter einem Zierkissen rechts von ihr lag eine Pistole.

Ben stellte sich vor den Kamin und wandte den Keramik-Holzscheiten, an denen Gasflammen emporzüngelten, den Rücken zu. Seine Pistole war hinter der Uhr auf dem Kaminsims versteckt.

Wenn es zum Einsatz von Schusswaffen kommen würde, wären sie ohnehin so gut wie tot. Aber weder er noch Megan fühlten sich ohne eine Waffe in Reichweite wohl.

Der Kaffee war serviert worden. Auf einem Sideboard standen hausgemachte Kuchen und Plätzchen bereit, als hätten die Bookmans und ihre Gäste die Angewohnheit, zu dieser Uhrzeit eine britische Teestunde abzuhalten, und würden sich nicht einmal von der Erinnerung an den kürzlich erfolgten gewalttätigen Einbruch davon abhalten lassen.

Nach allem, was hier passiert war, war es eine aberwitzige Szene. Aber ihr Plan beruhte auf präzisem Timing. Ein wichtiger Teil davon erforderte, dass diejenigen, die mit bösen Absichten hierherkamen, nicht sofort handelten, sobald sie eingetreten waren, sondern dass sie zuerst ins Wohnzimmer kamen und für eine oder zwei Minuten unsicher waren, wie sie vorgehen sollten. Der beste Weg, dies sicherzustellen, war es, sie ohne erkennbares Misstrauen zu begrüßen und sie in eine Situation zu bringen, die sie überraschte und ein wenig desorientierte.

»Sieht gut aus«, wandte sich Ben an die anderen. »Aber Sie sehen so angespannt aus, als ob Ihnen eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung bevorsteht. Täuschen Sie ein bisschen Gelassenheit vor. Sehen Sie sich Rosa an. Sie hat die richtige Einstellung.«

»Ich hab mir was in den Kaffee gekippt«, gestand Rosa.

Grinsend erwiderte Ben: »Das ist keine Lösung, die bei uns allen funktioniert.«

»Sind Sie sicher, dass wir nicht die Polizei rufen können?«, fragte Rosa.

»Jemand hat bereits Eckman angerufen«, sagte Megan. »Für diese Person, nicht für uns, arbeitet er wirklich. Wir sind auf uns allein gestellt.«

Carson stimmte zu. »So viel zur sicheren, friedlichen Stadt Pinehaven.«

Der Junge hatte eine ungewöhnliche Haltung eingenommen. Er beugte sich nach vorn, neigte den Kopf nach rechts, starrte mit leerem Blick an die Decke und atmete durch den offenen Mund.

»Woody«, sprach Ben ihn an, »stimmt irgendwas nicht?«

»Ich kann nicht sprechen. Ich bin Autist.«

Megan legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Jetzt übertreib nicht so, Schätzchen.«

Woody sah Hilfe suchend zu Ben. »Finden Sie, dass ich übertrieben habe? Ich meine, ich kenne diese Figur.«

»Das war schon ziemlich dick aufgetragen«, bestätigte Ben. »Vielleicht solltest du einfach alle anlächeln.«

»Wie wär’s damit?« Woody setzte ein süßliches Einer flog über das Kuckucksnest- Grinsen auf, das an den frühen Danny DeVito erinnerte.

»Perfekt«, sagte Ben.

»Hab keine Angst«, wandte Rosa sich an den Jungen. »Ich dachte, ich würde mich fürchten, aber das tue ich nicht. Na ja, ein bisschen. Vielleicht auch ein bisschen mehr, aber nicht viel.«

Woody schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Angst. Nicht mehr. Seit Kipp.«

Ben Hawkins hoffte, dass das nicht der Wahrheit entsprach. Furchtlosigkeit sorgte dafür, dass Menschen ums Leben kamen.

Er verspürte Angst, eine Schwere in seinem Herzen, einen Knoten der Furcht im Bauch. Er begegnete Megans Blick und sah, dass Zweifel sie plagten. Jede der Personen in diesem Raum hatte so viel zu verlieren: nicht nur einander, nicht nur ihr Leben, sondern eine ganze Welt, die kurz vor einem Wunder stand.

Das Geräusch eines Fahrzeugs, das in die Einfahrt fuhr, lenkte seine Aufmerksamkeit auf die von Vorhängen bedeckten Fenster.

Er ging in die Diele, zur Haustür, und spähte durch das intakte Seitenfenster.

Vier Männer in dunklen Anzügen stiegen aus einem schwarzen Suburban, der mit den Buchstaben ›FBI‹ markiert war.

»Sie sind da«, verkündete er.