118

John Verbotski klingelte an der Tür. Hinter ihm auf der Veranda standen Knacker, Speer und Rodchenko. Die letzteren beiden hatten Aktenkoffer bei sich, die aussahen wie diejenigen, die FBI-Agenten trugen. In ihnen befanden sich alle nötigen Drogen und Verhörinstrumente.

Verbotski erschrak, als Blitze am Himmel zuckten, als wäre die Sonne explodiert und hätte augenblicklich die Wolkendecke verbrannt. Krachender Donner folgte und hallte in seinen Zähnen und Knochen nach.

Heftiger Regen prasselte plötzlich auf das Verandadach, durchsetzt mit eisigen Hagelkörnern. Die Tür wurde geöffnet und ein Mann ragte auf der Türschwelle vor ihnen auf. Neben ihm stand ein Junge.

Dieser Kerl musste der Unbekannte sein, der in einem Range Rover eingetroffen war. Er war groß und gut trainiert, und er strahlte etwas aus, das Verbotski nicht gefiel. Kompetenz? Unerschütterlichkeit? Was immer es war, es war nicht gut.

Seine Intuition sagte ihm, dass er diesen Wichser sofort erschießen sollte. Aber Verbotski hatte einen Universitätsabschluss – ob er ihn verdient hatte oder nicht – in Psychologie. Seine deutschen Lieblingsautoren auf diesem Gebiet hatten geschrieben, dass die Intuition nichts als ein Mythos sei, dass dieses Konzept seine Wurzeln in der Folklore abergläubischer Bauern habe, die an Unsinn wie das Naturrecht glaubten.

Ein aufgeklärter Mann musste sich von der kalten Vernunft leiten lassen, basierend auf nüchterner Beobachtung und harten Fakten. Wenn er seiner Intuition Glauben schenkte, war er ebenso dem Untergang geweiht wie all diese mythengläubigen Idioten. Also hielt er sich zurück.

Der Junge an der Seite des Mannes musste der Geistesgestörte sein, der Sohn von Megan Bookman. Er war klein für sein Alter. Seine blauen Augen schienen in den Höhlen zu schwimmen, als ob er sich auf nichts konzentrieren könnte. Sein Lächeln war wie das einer seltsamen Puppe oder Marionette, unheimlich, weil es nie aufhörte und offensichtlich nicht mit Emotionen einherging.

»Was kann ich für Sie tun, meine Herren?«, fragte der Mann.

Verbotski hielt bereits seinen gefälschten FBI-Ausweis bereit und zeigte ihn mit einem Lächeln vor, von dem er sicher war, dass es echter wirkte als das des beschränkten Jungen. »Special Agent Lewis Erskine.« Er deutete auf seine Begleiter, die ebenfalls ihre gefälschten Ausweise vorzeigten, und stellte sie vor: »Special Agents Jim Rhodes, Tom Colby und Chris Daniels. Wir sind hier, um mit Mrs. Bookman über ihre unangenehme Begegnung mit Lee Shacket zu sprechen, der nun auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher des FBI steht.«

All das hörte sich in Verbotskis eigenen Ohren irgendwie nicht ganz richtig an, während er es aussprach, und er wünschte, er hätte sich mehr Zeit genommen, um seinen Text einzuüben. Aber der Junge behielt sein idiotisches Grinsen, und der Mann wirkte erleichtert. »Ich bin Ben Hawkins, ein Freund von Mrs. Bookman. Wir hatten uns schon gefragt, warum noch nicht auf Bundesebene ermittelt wird, da Shacket ja Menschen in mindestens zwei Staaten umgebracht hat. Kommen Sie, kommen Sie, Agent Erskine, meine Herren. Wir sind alle im Wohnzimmer.«

Hawkins überließ es ihnen, die Tür zu schließen, und drehte ihnen den Rücken zu, offenbar nicht im Geringsten misstrauisch. Er ging die Diele entlang. Als er bemerkte, dass der ewig grinsende Junge immer noch in der Tür stand und durch Verbotski und seine Truppe hindurchstarrte , blieb Hawkins stehen und sagte: »Komm mit, Woody. Holen wir uns einen Keks, Junge.« Als der Junge sich immer noch nicht in Bewegung setzte, kam er zurück und nahm ihn bei der Hand. »Entschuldigung«, wandte er sich an Verbotski. »Woody ist ein sehr guter Junge, und normalerweise gehorcht er, aber er ist … Sie wissen schon, anders.« Mit diesen Worten führte er das Kind sanft zum Türbogen, der ins Wohnzimmer führte.

Als Lewis Erskine betrat Verbotski das Haus. Seine Leute folgten ihm, und Speer schloss die Tür.

Die Regenschwälle prasselten so heftig herab, dass sie sogar dieses robuste Haus mit einem leisen, trommelnden und rauschenden Laut anfüllten, der seltsam beruhigend war. Vielleicht hörten ungeborene Kinder in der Fruchtblase ähnliche flüsternde Laute – das Geräusch des lebenserhaltenden Blutes der Mutter, das unablässig durch den Körper zirkulierte, der das Kind umfing und ernährte.

Immer wenn Verbotski solche Gedanken kamen, fragte er sich, ob mit ihm etwas nicht stimmte. Wenn er seine Ausbildung fortgesetzt und mit einem Master in Psychiatrie abgeschlossen hätte, hätte er sich selbst einer Psychoanalyse unterziehen müssen, um zu lernen, wie solche Sitzungen durchgeführt wurden. Das wäre vielleicht interessant gewesen. Aber bald darauf war er erst ein hoch bezahlter Söldner in ausländischen Krisengebieten, dann ein außerordentlich hoch bezahlter, spezialisierter Auftragsmörder im eigenen Land geworden, und eine Karriere in der Psychiatrie war ihm nicht mehr lukrativ genug erschienen.

Als er Ben Hawkins und dem Jungen ins Wohnzimmer folgte, hörte er den Mann sagen: »Megan, ihr alle, unsere Gebete sind erhört worden. Diese Herren sind vom FBI, und sie sind wegen Lee Shacket hier.«

Die Leute im Wohnzimmer tranken Kaffee. Das Sideboard war mit Törtchen, Plätzchen und Teesandwiches beladen. Hawkins ging zum Kamin, wo er seine Tasse auf dem Sims abgestellt hatte. Megan Bookman stellte ihre Tasse auf einen Tisch neben dem Sofa und stand auf, um ihre Gäste zu begrüßen. John Verbotski war beeindruckt, dass sie nach allem, was sie kürzlich erlebt hatte, noch so frisch, liebenswürdig und psychologisch stabil wirkte.

Sie hatte etwas Majestätisches an sich, eine Ausstrahlung der Unbezähmbarkeit. Sie würden vielleicht eine Menge Thiopental und andere Drogen benötigen, um ihren Willen zu brechen, aber es würde Spaß machen, sie zu verhören. Und wenn das Verhör vorbei war, würde es Spaß machen, sie zu benutzen, zu sehen, wie viele Demütigungen sie ertragen konnte, ohne psychisch zu zerbrechen.

Eine Latina saß in einem Lehnstuhl, ein schwarzer Mann in einem anderen. Sie hielten Kaffeetassen in den Händen, und keiner von ihnen stand auf, was Verbotskis Arbeit erleichterte. Er steckte seinen gefälschten FBI-Ausweis weg und sagte: »Mrs. Bookman, ich bin Special Agent Lewis Erskine.« Während er zu sprechen begann, verteilten seine drei Mitarbeiter sich im Raum, brachten sich in Position, jeder nahe genug an einen der Erwachsenen, um zuzuschlagen. Um das Kind konnten sie sich kümmern, sobald alle anderen mit den Tasern ausgeschaltet, mit Chloroform betäubt und gefesselt waren. Rodchenko und Speer stellten ihre Aktentaschen ab. »Und das«, fuhr Verbotski fort, »sind die Special Agents …«

Er hatte vor, sie in dieser Reihenfolge vorzustellen: Rhodes, Colby und Daniels. Rodchenko war Daniels, und wenn sein Name genannt wurde, wäre dies das Signal, die Taser zu ziehen.

Aber dann zögerte Verbotski, weil er sah, wie das idiotische Grinsen aus dem Gesicht des Jungen verschwand. Er sah Intelligenz in diesen blauen Augen, sah Verachtung in der Miene des Schwarzen, sah, wie Ben Hawkins eine Hand an die Uhr auf dem Kaminsims legte, als wollte er dahintergreifen. Plötzlich wurde ihm klar, dass Intuition doch nicht nur Folklore war, dass er Hawkins schon an der Tür hätte erschießen sollen, dass er den Mistkerl jetzt erschießen musste, dann den Schwarzen, die Latina-Schlampe und den Jungen. Er musste sie alle erschießen, bevor sie handeln konnten, und er musste Megan gefangen nehmen. Sie war die Einzige, die sie wirklich brauchten.