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Das Haus in Tiburon. Im dritten, am tiefsten verborgenen Schutzraum, demjenigen, von dem Dorian jetzt wusste, dass er ihn mit dem unbewussten Verlangen geschaffen hatte, sich einem Ausmaß sexueller Freiheit hinzugeben, das diese Gesellschaft aufgrund ihrer Rückständigkeit noch nicht zulassen konnte, hatte er seinen Schokoladenwodka nun ausgetrunken. Er hatte in einer Ecke des fensterlosen Zimmers auf dem Boden gesessen und davon geträumt, welche Begierden hier erfüllt werden konnten, bis das Eis im Glas geschmolzen war, und auch diesen Rest hatte er ausgetrunken.
Er war nicht über die Ereignisse in Springville oder Pinehaven besorgt. Jede Krise würde schließlich überstanden sein, so wie auch jede Krise in der Vergangenheit sich in Luft aufgelöst hatte. Um den Erfolg sicherzustellen, musste man lediglich verstehen, wie die Welt funktionierte: Die Natur gab die einzigen Regeln vor, auf die es ankam. Es gab Räuber und Beute, und die Verlierer waren die Schwachen. Dazu zählten sowohl Beutetiere, die sich nicht selbst verteidigen konnten oder wollten, als auch Raubtiere, die nicht in der Lage waren, die Tatsache vollständig anzuerkennen, dass das Gewinnen die einzige Tugend, das Verlieren das einzige Laster war.
Manche sagten, dass der Lauf der Geschichte schließlich zu Gerechtigkeit führen werde, aber das war eine Dummheit. Es gab keine Gerechtigkeit, oder nur sehr wenig davon. Das Wort war zu stark politisch aufgeladen, um eine stabile Bedeutung zu haben; die Definition von Gerechtigkeit änderte sich ständig. Die Personen, die sich für Verfechter der Gerechtigkeit hielten, hatten alle einen Preis – sie liebten Geld, Ansehen, die Bewunderung der Menge, die Bestätigung ihres Egos. Wenn Dorian ihnen gab, was sie wollten, opferte jeder Einzelne von ihnen dafür seine Ideale.
Mit der Wahrheit war es anders. Falls es je dazu kommen sollte, dass eine große Anzahl von Menschen unbedingt die Wahrheit erfahren wollte, nicht nur ein paar starrköpfige Fanatiker, sondern ein Großteil der Menschheit – dann würde Dorian in Schwierigkeiten stecken. Aber dazu würde es nie kommen.
Weil sich gehen zu lassen der Zweck des Hauses in Tiburon war, beschloss er, sich noch einen Drink zu genehmigen. Diesmal würde er Wodkas mit Vanillen- und Orangenaromen zu einem süßen Cocktail mischen.
Er verließ den versteckten Raum, ließ die 360-Kilogramm-Tür zuschwingen, verließ den Vorraum, schloss die getarnte Bücherregal-Tür und stieg die Treppe zum Erdgeschoss hinauf.
Rechts von ihm, am Eingang zum versteckten Korridor hinter der Bibliothek, befand sich die Tür, die als Spiegel getarnt war, der die gesamte Breite und Höhe der Wand einnahm. Sie stand offen. Das überraschte ihn, denn es war seine Gewohnheit, jede Tür hinter sich zu schließen, selbst wenn sie sich innerhalb eines ohnehin geheimen Bereichs wie diesem befand.
Dorian trat in den Korridor, ließ den großen Spiegel wieder einrasten und begab sich dann zur Bücherregal-Tür auf der gegenüberliegenden Seite.
Er sagte »Ochus Bochus«, sie öffnete sich und er ging in die Bibliothek, wo die Worte »Hoc est corpus meum« die auf Scharnieren sitzenden Regale wieder an ihren Ausgangspunkt zurückschwingen ließen, sodass eine Bücherwand ohne Unregelmäßigkeiten entstand.
Cool. Dieses Haus würde ihn nie langweilen.
In der Küche stellte er sich mit zwei Wodkaflaschen vor die Kücheninsel aus Quarzit und goss Vanille- und Orangenwodka in gleichen Mengen über Eiswürfel. Plötzlich nahm er einen Geruch wahr, der aus keiner der beiden Flaschen stammte. Obwohl es ein unangenehmer Geruch war, wirkte er eher merkwürdig als stechend. Er war nicht chemischer Natur, ließ einen weder an Fäulnis noch an Schmutz denken. Irgendwie erinnerte es ihn an diesen sonderbaren Duft in der Bibliothek, auch wenn dieser hier stärker war.
Er lief durch die riesige Küche, um den Ursprung dieser Ausdünstung ausfindig zu machen, öffnete Schränke, aber der Geruch blieb flüchtig, er kam und ging. Als er zur Vorratskammer kam, zögerte er vor dem Öffnen der Tür und fragte sich, ob er darin eine tote Ratte finden würde.
Nein. Unmöglich. Das Haus war zu robust gebaut, um anfällig für Nagetierbefall zu sein.
Er öffnete die Tür, und das Licht in der Vorratskammer schaltete sich automatisch ein. Zuerst wirkte der schlechte Geruch in diesem engen Raum stärker. Aber dieser Eindruck ließ rasch nach, als wäre die Ursache schon verschwunden. Dorian betrachtete die Regale mit Lebensmitteln, aber ihm fiel nichts auf, das zu beanstanden wäre.
Nun ließ der Geruch nach und er roch nichts Ungewöhnliches mehr.
Er zuckte die Achseln, ging in die Küche zurück und fuhr mit der Zubereitung seines süßen Cocktails fort.