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Die Scheibenwischer schienen einen Trauermarsch zu spielen und die Dunkelheit ließ an das Innere eines Grabes denken. Verbotski fuhr vom Haus der Bookmans zu Oxleys Haus, wo sie ihr Gepäck und Charles Oxleys Leiche zurückgelassen hatten.
Er hatte gewollt, dass Rodchenko auf dem Beifahrersitz mitfuhr, damit er ihn im Auge behalten konnte. Aber das hatte dieser Dreckskerl abgelehnt. Ganz offensichtlich war er besorgt, dass er von hinten erwürgt oder auf andere Weise umgebracht werden könnte.
Speer war der Beifahrer, und Rodchenko saß mit Knacker auf der Rückbank.
»Wenn die unsere Computer angezapft und den ganzen Scheiß irgendwem geschickt haben, können wir nicht zurück nach Reno, sonst sind wir erledigt«, sagte Knacker, denn er war der Dümmste von ihnen.
»Wir sind nicht erledigt«, widersprach Verbotski. »Jeder von uns hat sein Geldversteck, dazu noch Konten im Ausland, andere Identitäten. Wir fliegen von Sacramento aus in vier verschiedene Städte. Verändern unser Aussehen. Treffen uns in genau einem Monat in Miami. Dann fangen wir neu an und bauen was auf, das größer und besser ist als das, was wir verloren haben.«
»Und ob«, pflichtete Speer ihm bei. »Und in einem Jahr, wenn niemand mehr damit rechnet, gehen wir zurück nach Pinehaven und machen diese Schlampe und ihren Rotzjungen kalt.«
»Da ging irgendwas Merkwürdiges vor sich, mit all diesen Hunden, irgendwas stimmte da nicht«, grübelte Verbotski. »Besser, wir gehen da nie wieder hin.«
Speer sagte nichts. Rodchenko ebenso wenig.
Knacker fuhr fort: »Ich mag Miami. Sonne, Strand, Sex.«
Rodchenko versuchte, zu klingen, als wäre er immer noch ein gleichwertiger Partner der anderen vier Atropos-Mitglieder. »Wir sollten lieber die Leute in Reno warnen, damit sie sich auch aus dem Staub machen können.«
Verbotski entgegnete: »Scheiß auf die. Wir brauchen nur vier Mann, um neu anzufangen. Die sind doch eh alle erst später dazugekommen.«
»Man kann kein neues Unternehmen starten«, wandte Speer ein, »wenn man sich die Profite mit zu vielen Leuten teilen muss.«
»Genau«, stimmte Verbotski zu. »Zu Anfang werden uns die Gründungskosten und die monatlichen Fixkosten auffressen. Wir müssen erst mal regelmäßige Einnahmen haben, die die Kosten decken und eine angemessene Vergütung für sechs Personen möglich machen, bevor wir auch nur dran denken, einen fünften Partner an Bord zu holen.«
Speer seufzte. »Man hat’s nicht leicht. Ist euch klar, wie viel schwerer das alles wäre, wenn wir auch noch Steuern zahlen würden?«
»Dann würden wir unser Leben lang nur für die da oben schuften«, sagte Verbotski.
Sie parkten in der Einfahrt des Oxley-Hauses und betraten es durch die Vordertür. Auf dem Weg durch das Haus vergewisserte Verbotski sich, dass alle Thermostate – in Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche – auf Heizen und nicht auf Kühlen eingestellt waren und dass die Temperaturregler auf vier Grad Celsius standen, um eine verfrühte Explosion zu vermeiden. Gegenwärtig betrug die Temperatur im Haus 20 Grad.
In der Küche sagte Verbotski: »Rodchenko, wir beide holen unsere Ausrüstung. Knacker, Speer, geht in den Keller und bereitet den Ölofen vor, damit er in die Luft fliegt wie geplant.«
Knacker verzog das Gesicht. »Wieso denn? Der alte Furz ist tot, zweimal umbringen können wir ihn nicht. Nach dem, was passiert ist – je schneller wir verschwinden, desto besser.«
»Speer«, sagte Verbotski, »kannst du’s ihm erklären?«
Er war besorgt, dass Speer Knacker zustimmen würde. Aber auf dessen schlangenhafte Verschlagenheit war Verlass. »Wir sind vielleicht auf der Flucht, Bradley, aber nicht weil wir den alten Mann da unten umgebracht haben. Also belassen wir’s dabei und fügen das nicht der Liste der Dinge hinzu, wegen denen wir gesucht werden. Wir hauen hier ab, der Ofen geht hoch, das Haus brennt bis auf die Grundmauern nieder. Von dem alten Sack sind nur noch Knochen übrig und es gibt keine Beweise.«
»Okay, in Ordnung«, lenkte Knacker ein. »Dann gehen wir’s an. Aber ich werd dem alten Mistkerl noch ein paar Tritte verpassen.«
»Der ist doch schon tot«, wandte Speer beim Öffnen der Kellertür ein. »Wozu willst du ihn jetzt noch treten?«
»Weil ich mich dann besser fühle.« Knacker folgte Speer die Treppe hinunter.
Verbotski deutete auf einen Stapel Ausrüstung – Aktentaschen, Sporttaschen – und wies Rodchenko an: »Pack das alles in den Suburban. Du und Speer habt ihn hergefahren, ihr könnt ihn auch wieder zurückfahren. Ich hole Knackers und mein Zeug und verstaue es im Escalade.«
Nachdem Rodchenko zwei halb leere Sporttaschen sowie eine Aktentasche genommen hatte und damit durch den Flur zur Vorderseite des Hauses gegangen war, durchsuchte Verbotski rasch die Küchenschubladen, bis er ein paar interessante Schneidwerkzeuge fand. Er entschied sich für ein Fleischerbeil.
Er eilte durch den Flur mit der Absicht, sich neben der Haustür zu verstecken und die russische Ratte in Stücke zu hacken, wenn sie vom Suburban zurückkehrte.
Aber Rodchenko war nicht nach draußen gegangen. Als Verbotski aus dem Flur ins Wohnzimmer kam, stürzte sich dieser Hunde fürchtende Kotzbrocken von links auf ihn, wobei er mit einem Springmesser zustieß wie mit einem Dolch. Er rammte seinem älteren Partner die Klinge in die Seite, versenkte 15 Zentimeter rasiermesserscharfen Stahl in dessen Dick- und Dünndarm.
Schock und Schmerz hielten Verbotski nicht davon ab, mit der rechten Hand das Fleischerbeil zu schwingen. Der Stahl traf auf einen Hals und trug den Sieg davon. Beim Zusammenbrechen spritzte Blut aus Rodchenkos Wunde hervor wie aus einem höllischen Feuerwehrschlauch, aber schon als er auf dem Boden aufschlug, verebbte der Strahl, denn er war so tot, wie er es verdiente.
Als Verbotski das Beil auf die Leiche fallen ließ und vorsichtig das Springmesser aus seiner Seite zog, verdunkelte sich der Rand seines Sichtfelds, aber er fiel nicht in Ohnmacht. Der Stich war klein, aber tief. Ein scharfer, aber erträglicher Schmerz ließ ihn leicht schwitzen. Weniger Blut, als er erwartet hatte. Er hielt das Loch mit einer Hand zu. Er brauchte ärztliche Hilfe. In ein paar Stunden würde eine akute Bauchfellentzündung einsetzen. Er war zuversichtlich, dass es ihm gelingen würde, im Escalade nach Sacramento zu fahren und sich dort in einem erstklassigen Krankenhaus behandeln zu lassen, unter dem Schutz von Tio Barbizon.
Er ging in die Küche zurück. Vor der offenen Kellertür atmete er tief durch und rief mit fester Stimme zu Knacker und Speer hinunter: »Seid ihr da unten fertig?«
»Fertig!«, rief Speer. Gleichzeitig war ein dumpfer Aufprall zu hören.
»Nur noch ein Tritt«, versprach Knacker. Speer kam am Fuß der Treppe zum Vorschein.
Verbotski schloss die Kellertür und schob den Riegel vor. Er ging zum Thermostat, der auf Heizen gestellt war, und schob den Temperaturregler von vier Grad auf 27 Grad. Der Thermostat war im Prinzip der Auslöser für die Sprengvorrichtung, die sie im Ofen installiert hatten. Bei einer Standard-Klimaanlage wie dieser gab es eine etwa fünf bis sechs Sekunden lange Verzögerung zwischen der Aktivierung der Heizung und dem Anspringen der Zündflamme. Dann würde um den ölgetränkten Runddocht des Ofens sofort Feuer ausbrechen, die Zündschnur würde abbrennen und der Sprengstoff würde explodieren.
Speer rannte die letzten Stufen der Kellertreppe hinauf und stieß wütende Rufe aus. Verbotski lief durch die Küche zur Hintertür. Ihm blieben noch vier oder fünf Sekunden, genug Zeit.
Knacker schrie ebenfalls, und Speer hämmerte an die Kellertür. Sie waren nie die Art von Partnern gewesen, die Verbotski brauchte, um in seinem Beruf ganz nach oben zu kommen. Knacker war einfach zu dumm, und Speer war unheimlich mit seinen Schlangentattoos, die er Gerüchten zufolge nicht nur an den Armen hatte. Da draußen gab es bessere Partner; sie mussten nur gefunden werden.
Verbotski war nur noch eine Sekunde von der Außentür entfernt, mindestens zwei oder drei Sekunden vor dem Zeitpunkt der Detonation, eine ausreichende Zeitspanne – als etwas in ihm zerriss. Ein Schmerz, wie er ihn noch nie verspürt hatte, raubte seinen Beinen alle Kraft. An der Schwelle der Hintertür brach er zusammen.
Säure und noch Schlimmeres stieg in seiner Kehle auf, und er würgte es wieder hinunter. Der Ofen flog in die Luft, der Boden wölbte sich schlagartig unter ihm, das ganze Haus wackelte, ein Teil des Dachs brach ein. Es schien, als wäre das Schicksal – Atropos selbst – zu dem Schluss gekommen, dass seine Lähmung nicht ausreichte, um sein Verbrennen zu garantieren. Um ganz sicherzugehen, ließ es Deckenbalken und andere Trümmer auf ihn fallen, die ihn an Ort und Stelle festhielten.
Während er dort lag und auf die Flammen wartete, dachte er an den heftigen Regen in dieser Nacht, aber er konnte keine Hoffnung daraus schöpfen. Er kannte die Intensität, die dieses absichtlich gelegte Feuer schnell erreichen würde; es würde sich nicht leicht löschen lassen. Er hörte die Flammen dort unten, wie sie aufwärtsrauschten, er fühlte, wie der Boden unter ihm sich aufheizte.
In einem seiner Psychologieseminare hatte er erfahren, dass das Gehirn sterbender Personen Hormone produzierte, die eine Art Wohlbefinden auslösten. Dies erklärte angeblich, warum manche Menschen auf dem Totenbett Halluzinationen von Engeln hatten und weshalb Personen, die kurzzeitig klinisch tot waren und wieder ins Leben zurückkehrten, oft von einem Tunnel sprachen, der in ein einladendes Licht und eine wunderbare Welt dahinter führte.
Er sah keine Engel und keinen Tunnel, der ins Licht führte. Aber als Rauchfäden durch den Raum zu kriechen begannen, stieg eine lange unterdrückte Erinnerung wieder in John auf. Sein Herz raste vor unerwarteter Freude, als Bilder aus der Vergangenheit durch seinen Geist strömten. Er war sechs Jahre alt gewesen, als sein Vater Daisy mit nach Hause gebracht hatte, eine zwei Jahre alte Golden-Retriever-Hündin, die er nur für den Jungen aus dem Tierheim gerettet hatte. Daisy und der junge John hatten viele Abenteuer miteinander erlebt, und eine Zeit lang hatte es eine verlässliche Quelle der Freude in diesem Haus gegeben, das ansonsten von Argwohn, Disputen und lauten Streitereien erfüllt gewesen war. Die Ehe hatte nicht gehalten, und genau ein Jahr, nachdem Daisy in das Haus der Verbotskis gekommen war, war sie in den Armen des jungen John gestorben. Für seine alkoholabhängige Mutter war Daisy eine Inkarnation ihres verhassten Mannes gewesen, und das war für sie Grund genug gewesen, die Hündin zu vergiften. Was bis dahin ein wundervolles Jahr gewesen war, war durch Daisys Tod zu einem schmerzhaften Teil seiner Vergangenheit geworden, an den zu denken er vermied. Nun griff das Feuer nach ihm, und mit ihm kamen Erinnerungen, die heller strahlten als die Flammen, Erinnerungen, die sich nicht mehr unterdrücken ließen, Gedanken an Zärtlichkeit, Lachen und Liebe, die er vor diesem lange vergangenen Jahr nie gekannt und auch in der Zeit danach nie mehr erfahren hatte.