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Amory Cromwell, der Verwalter des Anwesens auf dem 20-Quadratkilometer-Grundstück in Tiburon, war nicht dumm, ganz im Gegenteil, und ein Feigling war er auch nicht.
Als er am Montagmorgen nach vier Nächten in einem ausgezeichneten Resort in Pebble Beach zum Haus zurückkehrte, traf er dort um sieben Uhr ein, eine Stunde vor der restlichen Belegschaft, worauf er großen Wert legte. Er hielt hinter dem großen Rolltor, stieg aus dem BMW, der zu seinem Arbeitsplatz gehörte, und deaktivierte die Alarmanlage über das Crestron-Bedienfeld in der Wand. Während das Tor herabglitt, parkte er in dem Teil der weitläufigen Garage, der für die Angestellten vorgesehen und von dem Bereich getrennt war, in dem sich die Karussells mit den Sammlerautos befanden. Als er diesmal aus dem BMW stieg, hörte er die weit entfernte, aber dennoch lärmende Musik der 46 Flipperautomaten. Die Spielhalle befand sich in derselben Etage wie die unterirdische Parkgarage, das Kino und die Bowlingbahn.
Wenn Dorian Purcell ein Wochenende hier verbrachte, verließ er das Haus für gewöhnlich am Sonntagabend wieder. Wenn sich niemand im Haus befand, waren die Lampen, Fernseher und Stereoanlagen so programmiert, dass sie in einem bestimmten Muster an- und abgeschaltet wurden, sodass jeder Einbrecher, der das Anwesen ausspähte, zu dem Schluss kam, dass sich drei oder vier Personen darin aufhielten. Aber die Automaten in der Spielhalle waren kein Teil dieses Täuschungsmanövers.
Amory Cromwell schloss daraus, dass Purcell noch da sein musste.
Und diese Abweichung von den Gewohnheiten des Großen Mannes verriet Cromwell außerdem, dass etwas nicht stimmte.
Als Teil seiner Vorbereitung auf diesen Posten hatte er ein Nahkampf- und Waffentraining absolviert, und ihm war bewusst, dass er nicht nur für seine Expertise, sondern auch für seine Diskretion bezahlt wurde. Deshalb war es nicht Cromwells erster Gedanke, die Polizei zu rufen. Die Steinreichen bezahlten Männer wie Cromwell auch, damit sie verhinderten, dass ihre Verrücktheiten öffentlich bekannt wurden, wenigstens so lange, wie aus diesen Verrücktheiten keine Verbrechen wurden. Er ging zu einem Waffensafe, der in den Schränken der Autowerkstatt verborgen war, die zur Garage gehörte, und griff nach einer Kaliber-12-Schrotflinte, die Flintenlaufgeschosse abfeuern konnte. Er lud eine Patrone in den Verschluss, drei weitere ins Magazin und ließ zwei zusätzliche in eine seiner Manteltaschen fallen.
In der Spielhalle fand er Dorian Purcells Leiche in einem sehr unvorteilhaften Zustand vor. Zusätzlich zu anderen Spuren von extremer Gewalt und Kannibalismus fehlte der Kopf des Milliardärs.
Zu diesem Zeitpunkt hätte Cromwell vielleicht die Polizei gerufen, wenn er nicht ein Mann gewesen wäre, der eine gute Gelegenheit erkannte, wenn er sie sah.
Mit gehobener Schrotflinte folgte er einer Spur aus blutigen Fußabdrücken und unbeschreiblichen Überresten, die die Treppe hinauf zur Bibliothek im Erdgeschoss führte.
Der Mann, der kaum noch wie ein Mann, sondern eher wie etwas aus einer Geschichte von H. P. Lovecraft wirkte, das in einen Tim-Burton-Film geraten war, saß in einem Gang zwischen zwei Bücherregalen, einen Bücherstapel im Rücken, einen vor seinen Füßen. Purcells Kopf lag auf seinem Schoß.
Irgendwo auf dem Weg hierher hatte der bizarre Einbrecher seine Kleidung abgeworfen. Sein blasser Leib war mit grässlichen Knoten und Verfärbungen übersät. Aus nässenden Wunden drangen graue hauchdünne Fäden hervor, die sich über einigen Körperteilen zu Netzen zusammenfügten, die in Strahlen und Spiralen zu den Regalen hinaufführten, zwischen denen er zusammengesunken war, und ihn dort verankerten. Es waren nicht die eleganten, präzisen, geometrisch geformten Netze einer Spinne. Ihnen fehlte jedes Muster, und sie waren so hässlich wie das groteske Individuum, das sie zum Teil eingesponnen hatten.
Der Einbrecher bewegte sich kein bisschen. Amory Cromwell nahm an, dass er eine Leiche vor sich hatte, aber er blieb trotzdem auf Distanz und fragte: »Sir?«
Der Mann hatte das Gesicht abgewandt. Nun drehte er langsam den Kopf, bis Cromwell es sehen konnte.
Trotz der verzerrten Züge und des trüben Glanzes der Augen, die an eine Katze in der Nacht denken ließen, blieb doch genug Ähnlichkeit übrig, dass Cromwell fragen konnte: »Mr. Shacket?«
Der ehemalige CEO von Refine, von dem man glaubte, er sei in Utah ums Leben gekommen, setzte eine Miene auf, die er vielleicht für ein Lächeln hielt. Er sprach, aber seine Stimme war schwach, nur ein Murmeln, und was er sagte, ergab keinen Sinn. Die Worte sprangen aus ihm hervor wie die mit Zahlen beschrifteten Kugeln aus einem Bingotrichter. Wie um noch die letzte Hoffnung auf intelligente Kommunikation zu zerschlagen, gab Shacket abgesehen von Worten auch noch klickende, klagende, zwitschernde Laute von sich, die an Insekten erinnerten, dazu ein animalisches Quäken oder Maunzen sowie ein Zischen, als hätte er eine Schlange in sich.
Offensichtlich war der Mann am Ende seiner Kräfte, geistig nicht mehr präsent und lag im Sterben.
Im Laufe seiner Karriere hatte Cromwell seine Klienten immer gewissenhaft vor schlechter Publicity geschützt, aber auch vor einem groben Eindringen von Medienleuten und anderem Pöbel in ihre Privatsphäre. Er hatte stets ihre Würde und den ihnen zustehenden Respekt im Sinn gehabt.
Bei Dorian Purcell war es ein wenig anders, vor allem jetzt, da der Große Mann tot war.
Cromwell legte seine Schrotflinte zur Seite und benutzte sein Smartphone, um Shacket zwei Minuten lang zu filmen. Die erbärmliche Kreatur murmelte unverständliche Worte, klickte, zwitscherte und winselte nicht wie ein Mann, sondern wie ein Tier, dessen Bein in einer Falle steckte.
Er machte ein paar Fotos, stellte sicher, dass er mehrere Aufnahmen hatte, auf denen Purcells abgetrennter Kopf deutlich zu sehen war.
Dann holte er die 12-Kaliber-Flinte und kehrte in die Spielhalle zurück, wo er die kopflose Leiche und das Gemetzel um sie herum fotografierte. Danach ging er durch das Haus, machte Fotos von seinen großartigsten, luxuriösesten Merkmalen, von allem, das die Leser der schlechtesten Klatschzeitungen und die Zuschauer der kitschigsten Fernsehprogramme interessieren würde.
Als er für eine Familie in Boston gearbeitet hatte, hatte Cromwell Bekanntschaft mit Vaughn Larkin gemacht, einem Anwalt und lizenzierten Privatdetektiv. Larkin hatte von Zeit zu Zeit Aufträge für dieselbe Familie übernommen, bei denen es um einen der Söhne ging, der eine Neigung zu Kokain, Pornostars, Bagatelldiebstahl und revolutionärer Politik an den Tag gelegt hatte.
Nun rief er Larkin an, beschrieb ihm, was er vorgefunden hatte, und bat ihn um eine Einschätzung des Wertes des Videos und der Fotos, die er aufgenommen hatte. Die genannte Zahl beeindruckte Cromwell so sehr, dass er Larkin als seinen Agenten einstellte und ihm alle Daten schickte, bevor er die 911 wählte.
Als die Polizei eintraf, war das Ding, das einmal Lee Shacket gewesen war, genauso tot wie Dorian Purcell.