Freitag, 19. Juli 2019
Die Mieterin eines der Ferienappartements hatte die Polizei verständigt.
»Hier im Haus wird geschossen. Ich glaube, es war in der Wohnung nebenan. Bitte kommen Sie ganz schnell!«
Unmittelbar nach dem Telefonat war ein weiterer Schuss gefallen, wie andere Hausbewohner den eintreffenden Streifenbeamten mitteilten. Die Wohnung in dem Appartementhaus direkt am Strand der Nordbucht von Scarborough, in der geschossen wurde, war von einem Mr. Jayden White für zwei Wochen gemietet worden.
Alle Feriengäste im Haus wurden von den Beamten nach draußen gebracht, ebenso wurden Läden und Cafés im Erdgeschoss des Gebäudekomplexes geräumt, die Promenade oberhalb des Strandes sowie der vor dem Haus befindliche Strandabschnitt weiträumig gesperrt. Da der Tag heiß war und außerdem die Ferien begonnen hatten, wimmelte es von Badegästen, obwohl es erst elf Uhr am Vormittag war. Es war schnell alles getan worden, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten, dennoch war ein bewaffneter und möglicherweise zu allem entschlossener Mann inmitten eines Ferien- und Strandgebietes ein Alptraum für jeden Polizisten. Vorsichtshalber wurde der CID, die Kriminalabteilung, verständigt. Niemand wusste, welchen Verlauf diese Geschichte noch nehmen würde. Niemand wollte später eines Versäumnisses schuldig sein.
Detective Chief Inspector Caleb Hale traf gemeinsam mit seinem engsten Mitarbeiter ein, Robert Stewart, der erst zwei Wochen zuvor zum Detective Inspector befördert worden war und seitdem eine stolzgeschwellte Attitüde zur Schau trug. Caleb fand, dass er seit dem Karrieresprung plötzlich arroganter auftrat als vorher, aber manch anderer hätte vielleicht gesagt: selbstbewusster. Caleb hatte jedenfalls den Eindruck, dass sich irgendetwas zwischen ihnen beiden geändert hatte, geringfügig und schwer in Worte zu fassen. Irgendwann in den nächsten Tagen wollte er mit Robert darüber reden.
Jetzt war allerdings ein absolut ungeeigneter Moment.
Er starrte an der Hauswand hinauf. Die Anlage bestand aus zwei großen Gebäuden, wovon das erste halb rund gebaut war. Es gab dort Ferienappartements in den verschiedensten Größen und Ausführungen zu mieten, ein Zimmer, Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnungen, Meeresblick oder auch die preiswertere Variante zur Rückseite hin. Balkon reihte sich an Balkon. Von der Vorderseite aus hatte man den direkten Blick auf das Meer und auf Scarborough Castle, das stolz auf der Landzunge thronte, die die Stadt in eine Süd- und in eine Nordbucht teilte. Allerdings saß man direkt über einer Vielzahl an Läden, Cafés, einem Diner, einem Eissalon. Und über der wogenden Menge an Badegästen. Zumindest im Sommer. Im Winter war es hier gähnend leer.
Einer der Streifenbeamten, der ganz zu Anfang am Ort des Geschehens gewesen war, stand neben Caleb und Robert und erstattete Bericht.
»Die Schüsse sind nach übereinstimmenden Zeugenaussagen in einer Wohnung im dritten Stock gefallen. Es ist die Wohnung, die wir von hier direkt sehen können, über dem Fish ’n’ Chips gelegen.« Er wies nach oben.
Caleb folgte seinem ausgestreckten Finger. Eine Wohnung wie jede andere, ein Balkon wie jeder andere. Allerdings waren an den Fenstern die Jalousien hinuntergelassen worden. Nichts regte sich. Auf dem Balkon befand sich niemand. Caleb kniff die Augen zusammen. Nur ein Tisch und drei Stühle.
»Der Mieter des Ferienappartements heißt Jayden White«, führte der Beamte weiter aus. »Er verbringt dort zwei Wochen mit seiner Frau Yasmin und zwei kleinen Töchtern. Wie alt die Kinder genau sind, wusste der Vermieter nicht zu sagen. Er schätzt sie auf sechs und sieben Jahre.«
»Die Familie ist zum ersten Mal hier?«, erkundigte sich Caleb.
»Nein. Das fünfte Jahr in Folge. Immer im Sommer. Der Vermieter sagt, es gab ein Problem mit Mr. Whites Kreditkarte, aber da er ihn so gut kennt, hat er sich darauf eingelassen, dass White erst am Ende des Urlaubs bezahlt ohne vorherige Kartenabsicherung.«
»Wo leben die Whites?«
»In der Nähe von Sheffield. Mr. White betreibt dort ein Café.«
»Was sagen andere Gäste über die Familie? Falls es da Kontakte gibt?« Es war wichtig, sich ein Bild zu machen, aber Caleb wusste auch, dass er rasch irgendetwas unternehmen musste. Jemand schoss in der Wohnung. Es gab dort zwei kleine Kinder.
»Es gab wohl nicht viel Kontakt mit ihnen, aber nach bisherigen Zeugenaussagen fielen sie jedenfalls nicht unangenehm auf. Eine ruhige Familie. Höflich und sehr zurückhaltend. So beschreibt sie auch der Vermieter.«
»Sie sagten, mit der Kreditkarte von Mr. White stimmte etwas nicht?«, mischte sich Robert Stewart ein.
Der Beamte zögerte. »Nicht direkt. Der Vermieter berichtete, dass in den Jahren davor immer die Kreditkarte hinterlegt worden sei, dass Mr. White jedoch diesmal sagte, es gebe da ein Problem. Welcher Art dieses Problem war, erläuterte er nicht näher. Er werde zum Ende der Ferien in bar bezahlen. Da es nie Schwierigkeiten mit ihm gegeben hatte, ließ sich der Vermieter darauf ein.«
»Ich würde den Vermieter gerne selbst sprechen«, sagte Caleb.
»Er muss hier noch irgendwo herumschwirren«, meinte der Beamte vage, und Caleb verbiss sich den Hinweis, dass es sinnvoll gewesen wäre, den Mann festzuhalten.
»Gibt es eine Möglichkeit, Kontakt mit Mr. White aufzunehmen?«, fragte Robert. »Oder mit seiner Frau?«
Der Beamte hob resigniert die Schultern. »Es gibt einen Festnetzanschluss in dem Appartement. Wir haben mehrfach durchklingeln lassen, aber niemand meldet sich.«
»Wie sicher ist es denn, dass überhaupt jemand in der Wohnung ist?«, erkundigte sich Caleb. Es war so absolut still dort oben. Der ganze Auflauf hier von Polizeieinsatzkräften – am Ende nur, um eine leere Wohnung zu beobachten, deren Bewohner irgendwo schwimmen gegangen waren.
»Zwei Schüsse«, sagte der Beamte. »Das haben wirklich mehrere Hausbewohner unabhängig voneinander ausgesagt. Sie werden definitiv dem dritten Stock zugeordnet. Die Wohnung der Whites war die einzige, in der niemand öffnete. Alle anderen Wohnungen wurden evakuiert und von uns gesichert. Wenn dort oben geschossen wurde, kann es nur dort gewesen sein.«
»Hm«, machte Caleb. Er wusste, dass man sich manchmal vertat, was die Zuordnung von Geräuschen anging. Wieder blickte er angestrengt nach oben, als könnten die glatte Fassade und der schweigende Balkon ihm irgendwelche Erkenntnisse bringen. Was ging hinter jenen gut verschlossenen Jalousien vor sich?
»Sir«, sagte Robert Stewart, »was tun wir als Nächstes?«
Caleb wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er fand es entsetzlich heiß, und es gab hier unten auf der Promenade keinerlei Schatten. Sehnsüchtig blickte er hinüber zu den Sonnenschirmen vor einer Bar am Ende der Häuserzeile. Er wünschte, das ganze Drama würde sich dort zutragen, dann hätten sie alle den Schatten aufsuchen können. Allerdings hatte er nicht den Eindruck, dass irgendjemand so stark schwitzte wie er. Robert Stewart wirkte beneidenswert kühl und ungerührt, obwohl er einen dunkelgrauen Anzug und eine förmliche Krawatte trug. Caleb hatte sein Jackett längst abgelegt und zerfloss trotzdem. Er hätte den Whisky nicht trinken sollen, heute früh um neun Uhr, als er am Schreibtisch gesessen und irgendwann an nichts anderes mehr als an die Flasche im gut verschlossenen Fach rechts unten hatte denken können. Bei der Hitze … Generell sollte man allerdings wohl nicht morgens um neun den ersten Whisky des Tages zu sich nehmen. Er hoffte, dass Robert nichts roch. Er stand so dicht neben ihm.
Ein weiterer Beamter trat heran, streckte Caleb einen Zettel hin. »Sir, ein junges Mädchen, die Tochter des Betreibers vom Eissalon, hat die Handynummer von Mrs. White. Sie hat in der letzten Woche einmal auf die Kinder aufgepasst, als die Whites abends noch etwas trinken gingen. Sie erwähnte, dass sie das vereinbarte Geld nicht bekommen habe. Mrs. White habe gerade kein Bargeld gehabt, ihr jedoch zugesagt, sie am nächsten Tag zu bezahlen. Das sei bisher nicht geschehen.«
»Ein Problem mit der Kreditkarte, kein Geld für das Kindermädchen«, sagte Robert. »Seltsame Häufung, oder? Geldprobleme bei den Whites?«
»Könnte sein«, meinte Caleb. Das alles klang nicht gut. Leider waren es häufig finanzielle Schwierigkeiten, die Männer, und gerade auch Familienväter, völlig durchdrehen ließen. Er griff den Zettel. »Ich versuche es mal.«
Er holte sein Handy hervor, tippte die Nummer ein. Stellte auf Lautsprecher, damit Robert das Gespräch ebenfalls hörte. Täuschte er sich, oder betrachtete ihn sein Mitarbeiter tatsächlich irgendwie lauernd?
Nicht der Moment, darüber nachzudenken, entschied er.
Es dauerte so lange, dass er schon fast aufgegeben hätte, aber dann meldete sich plötzlich ein zittriges Stimmchen. »Ja?«
»Mrs. White?«
»Ja.« Es klang wie ein Hauchen.
»Mrs. White, hier spricht Detective Chief Inspector Caleb Hale vom CID Scarborough. Befinden Sie sich im Moment in einem Ferienappartement der Scarborough Beach Chalets am Peasholm Gap?«
»Ja.«
»Ihre beiden Kinder auch?«
»Ja.«
»Und Ihr Mann?«
Von Yasmin White kam ein ersticktes Schluchzen. »Er … ist auch hier …«
»Mrs. White, werden Sie und die Kinder bedroht?«
»Ja.«
»Ist Ihr Mann bewaffnet?«
»Ja.«
Caleb wischte sich erneut den Schweiß von der Stirn. Er wünschte, Sergeant Helen Bennett, die eine Zusatzausbildung als Polizeipsychologin hatte, träfe endlich ein. Sie war für Gespräche der Art, wie er sie nun führen musste, besser geeignet als er. Sie hatte sich freigenommen, weil sie ein langes Wochenende mit ihrer Mutter verbringen wollte, die in Saltburn-by-the-sea lebte. Sie hatten Helen erreicht, und sie hatte versprochen, so schnell wie möglich zu kommen, aber sie hatte zum Zeitpunkt des Telefonats mit ihrer Mutter in einem Café gesessen und musste die ältere Frau nun zuerst in deren Wohnung zurückbringen. Wenn sie anschließend schnell durchkam, wäre Helen dann nach ungefähr einer Stunde Fahrzeit in Scarborough. Meist dauerte es länger, weil man auf dieser Landstraße entlang der Küste immer wieder hinter langsam dahinschleichenden Fahrzeugen festhing.
Er würde diese Situation hier allem Anschein nach alleine durchstehen müssen.
»Mrs. White, Hausbewohner haben Schüsse gehört. Hat Ihr Mann geschossen?«
»Ja.«
»Ist jemand verletzt?«
»Nein. Aber …« Sie senkte die Stimme, sprach noch leiser. Caleb musste sich sehr anstrengen, um noch etwas zu verstehen. »Sie müssen uns helfen. Bitte. Er ist … er ist nicht er selbst. Er will uns alle töten.«
»Mrs. White, bleiben Sie auf jeden Fall ganz ruhig und verlieren Sie nicht die Nerven. Wir sind alle hier, um Ihnen zu helfen. Können Sie mir sagen, wo in der Wohnung Sie sich befinden? In dem vorderen Zimmer zum Balkon hinaus?«
»Nein. Ich bin in einem der Schlafzimmer. Es geht nach hinten. Zum Hof.«
»Okay. Sind Ihre Kinder bei Ihnen?«
»Ja.«
»Und wo ist Ihr Mann?«
»Ich weiß nicht. Ich glaube, im Wohnzimmer.«
»Gibt es irgendeine Möglichkeit für Sie, mit den Kindern die Wohnung zu verlassen?«
»Nein. Das Fenster ist zu hoch. Wir können nicht springen.«
»Verstehe.« Caleb bedeutete mit einigen Handbewegungen, dass Robert Stewart auf die Rückseite des Hauses wechseln sollte. Dort waren bereits Beamte positioniert, aber Robert sollte sich selbst ein Bild von den Gegebenheiten dort machen. Caleb spürte, wie er sofort leichter atmen konnte, als sein Mitarbeiter nicht mehr unmittelbar neben ihm stand.
»Haben Sie die Tür des Schlafzimmers abgeschlossen?«
»Er hat den Schlüssel abgezogen.«
»Können Sie etwas unter die Türklinke schieben? Eine Kommode? Einen Stuhl?«
Er vernahm ihr leises Weinen. »Nein. Das würde er hören.«
»Könnten Sie mit den Kindern das Bad erreichen? Und sich dort einschließen?«
»Nein. Nein, das ist zu gefährlich. Da müssten wir über den ganzen Flur.« Sie war ganz offenbar wie paralysiert vor Angst. Caleb konnte sie sich vorstellen, wie sie irgendwo in dem Schlafzimmer kauerte, beide Mädchen eng an sich gepresst, mit angehaltenem Atem, ohne die geringste Bewegung.
»Wir werden Sie da rausholen. Bitte bleiben Sie ruhig.«
Ein Klicken, und das Gespräch war beendet. Yasmin White hatte aufgelegt. Vielleicht hatte sie ihren Mann kommen hören. Oder einfach die Nerven verloren.
Robert Stewart tauchte wieder auf. »Sir, es geht nach hinten um die Tiefgarage herum und dann durch ein Hoftor. Alles schön bepflanzt, und es gibt auch Balkone. Aber nicht bei dem Appartement der Whites, denn die haben ihren Balkon ja nach vorne.«
»Was ist mit den Wohnungen nebenan? Balkone, von denen aus man das Schlafzimmerfenster erreichen könnte?«
Robert schüttelte den Kopf. »Nein. Zu weit weg. Wenn wir jemanden in die Wohnung schicken, sollten wir es von oben machen. Mit einem Seil vom Dach. Das ist meiner Ansicht nach etwas weniger gefährlich und deutlich realistischer.«
»Wenn wir auf diese Weise wenigstens die Kinder rausbekämen, dann …«
Sein Handy klingelte. Das Display zeigte die Nummer von Yasmin White. Er meldete sich sofort. »Mrs. White?«
»Hier ist Jayden White. Sie haben mit meiner Frau gesprochen.«
»Ja. Mr. White, hier ist DCI Caleb Hale. Ich bin froh, dass Sie sich bei mir melden. Sehr froh.« Er hatte sich selten so sehr nach Helen gesehnt. Sie würde das einfach besser können als er.
»Was wollten Sie von meiner Frau?«
»Ich wollte wissen, wie es ihr geht. Und den Kindern. Den beiden kleinen Mädchen.«
»Es geht allen gut.« Jayden White hatte eine monotone Sprechweise ohne Höhen und Tiefen. Zumindest hatte er sie jetzt. Caleb vermutete, dass er für gewöhnlich ganz anders sprach. Er wirkte wie jemand, der völlig neben sich stand. Oder in einen Schockzustand geraten war. Er legte die Hand auf den Apparat und zischte Robert zu: »Wir brauchen einen Psychologen. Der Mann kommt mir wie in Trance vor.«
»Helen ist auf dem Weg.«
»Das dauert zu lange. Versuchen Sie, jemand anderen zu bekommen!«
Robert verdrehte ganz leicht die Augen. Caleb verstand die Botschaft sofort: Das müssen Sie auch so schaffen, Chef!
»Mr. White, wollen Sie mir erzählen, was geschehen ist?«
»Es ist nichts geschehen.«
»Nachbarn haben gehört, dass …«
»Einen Scheiß haben die gehört!« Jayden sagte auch dies völlig monoton. »Einen Scheiß! Die sollen sich um ihren eigenen Kram kümmern.«
»Mr. White, ich verstehe sehr gut, wenn Sie keine Lust haben, Ihre privaten Angelegenheiten mit Ihrer Nachbarschaft zu teilen. Deshalb schlage ich Ihnen ja ein Gespräch mit mir vor. Nur wir beide. Unter vier Augen.«
»Was soll das bringen?«
»Es bringt immer etwas, wenn man redet. Dinge sortieren sich.«
»Mir kann niemand helfen.«
»Ich bin sicher, dass wir Ihnen helfen können.«
Es kam keine Erwiderung. Caleb fragte: »Sind Sie noch da, Mr. White?«
»Ich bin noch da.«
»Wie wäre es, wenn Sie Ihre Frau und die Kinder nach draußen schicken würden? Es ist herrliches Wetter, sie könnten sich am Strand aufhalten. Ich komme dann zu Ihnen. Nur ich, sonst niemand. Wir können in aller Ruhe miteinander sprechen.«
»Meine Familie verlässt nicht diese Wohnung!«
»Okay. Aber darf ich reinkommen?«
Wieder ein langes Schweigen.
»Es hat keinen Sinn«, sagte Jayden schließlich. Sein Atem ging schwer.
»Was immer Ihr Problem ist, wir werden einen Ausweg finden«, sagte Caleb. Ihm war bewusst, wie drängend er klang. Er musste vorsichtig sein. Wenn Jayden das Gefühl bekam, dass Druck auf ihn ausgeübt wurde, konnte die Situation eskalieren. Menschen, die sich und ihre Familie in eine Lage wie die brachten, die sich gerade in diesem Haus abspielte, standen bereits wahnsinnig unter Druck, vollkommen mit dem Rücken zur Wand.
»Wenn Sie das möchten«, fügte er daher hinzu. Ihm klang im Ohr, was Helen einmal über einen Geiselnehmer gesagt hatte – und in gewisser Weise war White ein Geiselnehmer: Geben Sie ihm das Gefühl, eine Wahl zu haben. Geben Sie ihm einen Handlungsspielraum. Schnüren Sie ihm um keinen Preis die Luft ab.
»Es gibt keinen Ausweg«, sagte Jayden.
Es schien das zu sein, was sich in seinem Kopf, in seinem Bewusstsein verfestigt hatte und was er von nun an auf alles erwidern würde, was Caleb vorschlug oder sagte oder fragte: Dass es keine Lösung gab, keinen Ausweg, dass nichts mehr Sinn machte, dass alles zu Ende war.
»Ich weiß, dass ich Sie jetzt mit nichts, was ich sage, wirklich erreiche«, sagte Caleb. »Aber bitte glauben Sie mir, das Leben ist auch in schwierigen Situationen nicht einfach zu Ende. Geben Sie sich und Ihrer Frau und vor allem Ihren Kindern die Chance weiterzuleben. Sie sind nicht der Mann, der so etwas tut. Der eine Frau und zwei kleine Mädchen einfach erschießt.«
»Sie haben keine Ahnung«, sagte Jayden.
Caleb hoffte, dass er keinen Fehler machte, aber er beschloss, das einzige Thema, das er sich aufgrund seiner Informationslage vorstellen konnte, anzusprechen. »Wenn es möglicherweise um finanzielle Schwierigkeiten geht, Mr. White, so denke ich …«
»Ich habe keine finanziellen Schwierigkeiten«, entgegnete Jayden.
»Nun, umso besser, dann …«
»Ich stecke in einer finanziellen Tragödie«, sagte Jayden.
Dann legte er auf.
Eine halbe Minute später fielen mehrere Schüsse.