Samstag, 20. Juli
1
Der Zug der London North Eastern Railway hatte London King’s Cross pünktlich um neun Uhr verlassen und nahm nun den Weg Richtung Norden. Draußen wechselten Städte mit Dörfern und mit Wiesen, Wäldern und Feldern ab. Das Land lag unter hochsommerlicher Sonne. Keine Wolke war am tiefblauen Himmel zu sehen. Es war ein Tag, um auf dem Balkon zu sitzen oder mit dem Fahrrad an einen See zu fahren oder sich mit Handtuch und Picknickkorb bewaffnet ans Meer zu begeben.
Xenia Paget seufzte, weil sie wusste, dass ihr nach der Ankunft in Leeds keine dieser Möglichkeiten offenstehen würde. Das lag nicht nur daran, dass es in der Nähe von Bramhope, wo sie wohnte, weder Meer noch See gab; immerhin hatte sie einen Garten und eine Terrasse. Leider aber auch einen Ehemann, der es als einen unverzeihlichen Ausbruch schlimmster Faulheit ansehen würde, wenn sie sich nach fast drei Tagen Abwesenheit auch noch ein paar gemütliche Stunden im Liegestuhl gönnte. Während sie fort gewesen war, hatte er mit Sicherheit weder den Staubsauger betätigt noch die Waschmaschine angeschaltet oder die Blumen gegossen. Das hatte er für sie aufgehoben. Und würde erwarten, dass sie sofort mit der Arbeit anfing.
Xenia lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Besser, sie genoss die Reise. Immerhin war es ein kleiner Ausflug in die Freiheit gewesen. Es würde sehr lange dauern, ehe sie eine solche Gelegenheit erneut bekam.
Wenn nur der Kerl, der ihr jenseits des Ganges in diesem Großraumwagen schräg gegenübersaß, nicht dauernd zu ihr hinschauen würde. Die ganze Zeit über starrte er sie an. Seit London. Sie blickte zum Fenster hinaus, sie blickte zur Decke, sie schaute in das Buch, das sie dabeihatte, sie schickte WhatsApp-Nachrichten an ihre Freundin Maya, bei der sie zu Besuch gewesen war … aber wann immer sie dann wieder den Blick nach vorne richtete, begegnete sie seinen Augen. Schwarze Augen. Sehr dunkel, sehr leer. Absolut unheimlich. Der Mann war ziemlich jung, höchstens Mitte zwanzig, und er war bestimmt nicht an ihr interessiert. An einer siebenunddreißigjährigen, stark übergewichtigen Frau in einem wallenden Hippiekleid, mit dessen Stofffülle sie ihre üppigen Formen zu kaschieren versuchte. Es waren auch keineswegs begehrliche Blicke, die er ihr zusandte. Dafür waren sie viel zu starr.
Bedrohlich.
Wer war das, und was wollte er?
Sie hatte sich überall im Wagen umgeschaut, aber es gab keinen freien Platz, auf den sie hätte ausweichen können. Sie war zur Toilette gegangen und hatte auch dabei nach einer Alternative gesucht, aber nichts entdeckt. Der Zug war voll besetzt. Sie traute sich nicht zu weit von ihrem Koffer weg, daher ging sie nicht durch alle Wagen bis nach vorne. Sie wagte auch nicht, ihren Koffer einfach mitzunehmen. Das wäre zu auffällig gewesen. Irgendetwas sagte ihr, dass der Typ ihr folgen würde, wenn er begriff, dass sie den Platz wechseln wollte.
Okay, nicht mehr weit bis York. Dort würde sie umsteigen in den Zug nach Leeds. Unwahrscheinlich, dass der seltsame Mann auch dorthin wollte. Und wenn doch, dann würde sie sich diesmal geschickter platzieren. Es war heller Tag, es konnte ihr nichts passieren. In Leeds würde Jacob, ihr Mann, sie am Bahnhof abholen. Nicht, dass sie sich darüber normalerweise gefreut hätte, aber diesmal kam es ihr entgegen.
Sie klappte ihr Buch zu und schob es in ihre Handtasche. Sie konnte sich ohnehin nicht konzentrieren. Vorsichtig hob sie den Blick. Der Typ glotzte. Er sah verschlagen aus. Lauernd. Aggressiv. Und irgendwie krank. Total gestört.
Sie fröstelte. Hätte sie nur mehr Selbstbewusstsein. Dann würde sie so lange zurückstarren, bis es ihm zu blöd wurde. Oder sie würde ihn ganz offensiv ansprechen. Aber ihr fehlte der Mut. Wie immer.
Sie schaute an die Decke, da hörte sie, wie die Frau, die neben ihr saß, erschrocken seufzte. Instinktiv sah Xenia sofort zu dem Fremden hin.
Er hielt eine Pistole in der Hand. Plötzlich.
Xenia zweifelte keinen Moment daran, dass er sie benutzen würde. Und dass sie das Opfer war.
Sie griff noch ihre Handtasche, sprang auf und rannte los.
So ein schöner Sommertag, dachte Kate, und da muss ich Stunden in diesem klimatisierten Zug sitzen!
Sie war müde, und sie hatte schlechte Laune, aber sie wusste, dass sie bei alldem etwas ungerecht war. Die Fahrt nach Leeds dauerte, einschließlich des Umsteigens in York, zweieinhalb Stunden, sie würde also keineswegs den ganzen Tag im Zug verbringen. Und das Wellnesswochenende in den Yorkshire Dales, das ihr die Kollegen von Scotland Yard zum Abschied geschenkt hatten, war im Grunde nichts, was ein Drama darstellen müsste, zumindest nicht für einen normalen Menschen. Kate hatte, selbstkritisch, wie sie war, allerdings manchmal den Verdacht, nicht ganz normal zu sein. Müsste sie denn nicht Lust auf ein Wochenende in einem schönen Hotel haben, immerhin nur den Samstagnachmittag und den halben Sonntag, mit gutem Essen, mit Massagen und Schlammpackungen und Gurkenscheiben auf dem Gesicht? Mit Heubädern und sonstigen seltsamen Anwendungen, die ihr alle guttun würden? Sie hatte so etwas noch nie gemacht. Sie hatte die Befürchtung, dass sie es keine halbe Stunde lang ertragen würde.
Am Donnerstagabend hatte sie für die Kollegen eine kleine Abschiedsfeier gegeben, mit zwei Kisten Sekt und einem Buffet vom Caterer. Sie wusste, dass man sie in ihrer Abteilung immer für eigenartig gehalten hatte und dass Attribute wie verschlossen, introvertiert, undurchschaubar noch zu den netteren gehörten, mit denen man über sie sprach. Tatsache war, zwanzig Jahre bei Scotland Yard hatten sie bis zuletzt eine Außenseiterin sein lassen, und trotz ihrer beachtlichen Erfolgsquote hatte sie es nur bis zum Detective Sergeant gebracht. Es war üblich, dass der Vorgesetzte seine Mitarbeiter für die Prüfung zum nächsthöheren Rang vorschlug und ihnen auch Mut machte, sich anzumelden. Ihr Vorgesetzter hatte das nie getan. Ihre Prüfungen hatte Kate auf eigene Initiative in die Wege geleitet, sich entsprechend unsicher gefühlt und auch das Gefühl gehabt, dass sich die anderen über sie mokierten. Nach dem Motto Ganz schön überheblich. Ohne Rückendeckung vom Chef. Dabei war Kate nicht überheblich, nicht im Mindesten, und gerade ihr mangelhaftes Selbstbewusstsein wurde ihr andererseits auch oft genug angekreidet.
Ein ewiger Kreislauf. Unlogisch und ohne Ausweg.
Sie atmete tief und schaute zum Fenster hinaus. Das Kapitel lag hinter ihr. Ein neues vor ihr. Die Frage war, ob nun alles besser würde.
»In Scarborough hat es gestern ein scheußliches Verbrechen gegeben. Ganz schlimm.«
Sie zuckte zusammen, wandte sich ihrem Sitznachbarn zu. Colin Blair. Er war vielleicht der einzige Freund, den sie hatte, wobei der Begriff Freundschaft fast schon zu hoch gegriffen war. Eigentlich waren sie eine Art Notgemeinschaft, zwei Menschen, die das Problem mit den sozialen Kontakten nicht richtig in den Griff bekamen und sich nun gelegentlich an den Wochenenden trafen, um nicht völlig alleine zu sein. Sie hatten sich zwei Jahre zuvor beim Onlinedating getroffen. Es hatte nicht gefunkt zwischen ihnen, sie waren kein Paar geworden, aber irgendwie waren ihre einsamen Seelen doch in eine Beziehung getreten. Kate wusste nicht einmal, ob sie wirklich Sympathie für Colin empfand. Zumindest aber verstand sie ihn. Und hatte den Eindruck, dass es ihm umgekehrt genauso ging.
Das Abschiedsgeschenk der Kollegen war für zwei Personen vorgesehen. Kate fragte sich die ganze Zeit, ob das Unbedarftheit war oder eine perfide Form, ihr das Alleinsein noch einmal deutlich unter die Nase zu reiben. Allgemein wusste man, dass es keine engen Beziehungen in Kates Leben gab. Keine Freunde und schon gar keinen Partner oder Ehemann. Woher sollte sie jemanden nehmen, der sie zu einem Wochenende in einem Wellnesshotel begleitete? Tatsächlich war ihr bloß Colin eingefallen, und letztlich hatte sie ihn dann nur gefragt, um die Kollegen zu überraschen. Es gab doch jemanden! Sie würde insgeheim einen Zuschlag bezahlen, damit Colin sein eigenes Zimmer bekam, aber das brauchte niemand zu erfahren. Tatsächlich war ihre Kollegin Christy McMarrow, der sie am Vorabend ihre Katze Messy für die zwei Tage ihrer Abwesenheit gebracht hatte, ausgesprochen überrascht gewesen.
»Ach, du nimmst wirklich jemanden mit?«, hatte sie perplex gefragt.
»Ja«, hatte Kate erwidert, »einen Freund.« Und hatte Christy mit offenem Mund stehen gelassen.
Dafür hatte sie nun Colin am Hals, aber vielleicht ließen sich Heubäder zu zweit tatsächlich besser ertragen.
Colin verbrachte die Fahrt mit dem Smartphone vor der Nase und war nun offensichtlich auf eine interessante Meldung gestoßen.
»Ein Verbrechen?«, fragte Kate. »In Scarborough?«
»Ein Mann hat seine ganze Familie erschossen. Seine Frau und seine zwei noch ziemlich kleinen Kinder. Die Polizei war von Nachbarn gerufen worden, die Schüsse gehört hatten. Zu dem Zeitpunkt lebten aber noch alle, der Mann hatte einfach an die Decke geschossen. Dein neuer Chef hat dann mit ihm über Handy verhandelt.«
»Caleb Hale?« In seiner Abteilung hatte sie sich beworben und war angenommen worden. Was natürlich niemand in ihrem Umfeld verstand: Beamtin bei Scotland Yard, bei einer der berühmtesten Behörden der Welt. Und dann ging sie zur North Yorkshire Police, zum CID Scarborough. In den strukturschwachen Nordosten Englands und zu einer Behörde, die kein Mensch kannte. Egal. Kate wusste, warum sie es tat. Sie und Caleb hatten zwei Fälle zusammen gelöst. Er war vielleicht der einzige Mensch im gesamten Polizeiapparat Großbritanniens, der Kate für eine geniale Ermittlerin hielt.
»Ja. DCI Caleb Hale. Aber er hat es nicht verhindern können. Der Typ hat das Gespräch abgebrochen und dann unmittelbar die beiden Kinder und seine Frau erschossen. ›Geradezu hingerichtet‹, schreibt die Daily Mail. « Colin schüttelte den Kopf. »Echt krass.«
»Hat er sich selbst auch erschossen?«, fragte Kate. Die Geschichte war schrecklich, aber es handelte sich um ein nicht allzu seltenes Phänomen. Männer, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sahen, die sich von der Last ihrer Probleme erdrückt fühlten und allem ein Ende setzen wollten, neigten dazu, ihre Familien in ihren Selbstmord mitzunehmen. So wie es auch eher Männer waren, die ihren Abgang als Geisterfahrer auf einer Autobahn inszenierten und dabei Unbeteiligte mit in den Tod rissen. Tatsächlich geschah dies bei Frauen äußerst selten: Im Allgemeinen beschränkten sie ihren Suizid ausschließlich auf sich selbst.
»Nein«, sagte Colin, »hat er nicht. Hier steht, er wurde festgenommen und habe erklärt, dass er sich selbst auch töten wollte, aber es dann doch nicht fertiggebracht habe. Du liebe Güte. Was für ein Feigling!«
»Grauenhaft«, sagte Kate, »ganz grauenhaft.«
»Für die Presse ist das alles natürlich ein gefundenes Fressen«, meinte Colin. »Eine tote Frau. Zwei tote Kinder. Und die Polizei stand die ganze Zeit vor dem Haus. ›Wurde zu spät eingegriffen?‹, wird hier gefragt. Dein Caleb Hale dürfte jetzt einigen Ärger am Hals haben.«
Kate nickte. Das fürchtete sie auch. In Fällen wie diesen brauchte man einen Schuldigen. Das war natürlich der Familienvater, aber mit Sicherheit würden sich mildernde Umstände für ihn finden lassen. Viel besser und dramatischer ließ sich auf die Polizei einschlagen. Problemlos konnte in jede Richtung spekuliert werden. Und natürlich war die Beurteilung einer Situation im Rückblick immer wesentlich einfacher. Hätte die Polizei die Wohnung gestürmt und es hätte tote Kinder gegeben, wäre ein Sturm der Kritik losgebrochen. Im vorliegenden Fall hatte Caleb Hale als der Einsatzleiter offensichtlich auf Verhandlung gesetzt, und es hatte trotzdem tote Kinder gegeben. Nun würde er ebenfalls in einem Kritikhagel stehen. Immer wieder wurde in Fällen wie diesem eine Tatsache negiert, die Kate für ebenso traurig wie zutreffend und unveränderbar hielt: dass es Situationen im Leben gab, die eine gute Lösung ausschlossen. Egal, was man tat und wie man es tat.
»Caleb wird einiges aushalten müssen«, meinte Kate. »Aber er schafft das. Es gehört zu seinem Job, mit Kritik und Anfeindungen umgehen zu müssen.«
Schlimmer würden für ihn die Vorwürfe sein, die er sich selbst machte. Eine wehrlose Familie, grausam ermordet im eigenen Schlafzimmer. Er, wenige Meter entfernt mit seinen Leuten, hatte ihnen nicht helfen können. Sie kannte ihn, und sie wusste, wie sehr ihn die Bilder verfolgen, wie sehr ihn die Frage nach möglichem eigenem Versagen quälen würde. Leider kannte sie auch die Art, wie er auf Stress, auf Krisen, auf Selbstzweifel reagierte: Er war Alkoholiker. Seit vielen Jahren. Zwischendurch hatte er einen Entzug in einer Klinik gemacht und bezeichnete sich seitdem als trockenen Alkoholiker. Was er nicht war, wie Kate wusste. Er war längst rückfällig. Die Frage war, wie lange er damit noch durchkommen würde.
»Er bekommt ja jetzt dich an seine Seite«, meinte Colin. »Da kann nichts mehr schiefgehen.«
Sie lächelte ihn an. Manchmal konnte Colin durchaus charmant sein.
Sie blickte auf die Uhr. In wenigen Minuten würden sie den Bahnhof in York erreichen, wo sie umsteigen mussten. Sie stand auf.
»Ich gehe noch ganz schnell zur Toilette. Passt du auf meine Tasche auf?«
»Klar.« Colin nickte.
Kate ging den Gang zwischen den rot gepolsterten Sitzen im Großraumwagen entlang und dann durch einen Wagen mit geschlossenen Abteilen. Sie hatte die Toilettentür fast erreicht, als sie hinter sich Schritte vernahm, schnelle Schritte. Jemand kam den Gang entlanggerannt. Kate drehte sich um.
Eine Frau stürzte auf sie zu. Sie keuchte. Ihr Gesicht glänzte von Schweiß. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Sie stolperte, als sie Kate fast erreicht hatte, und konnte sich nur auf den Beinen halten, weil Kate blitzschnell ihren Arm griff und sie stützte.
»Oh Gott. Helfen Sie mir. Bitte helfen Sie mir!«
»Was ist denn los?«
»Er … er ist da hinten!« Sie wies in die Richtung des Ganges, aus der sie gekommen war. Kate folgte mit den Augen ihrem ausgestreckten Zeigefinger. Der Gang war leer.
»Wer denn? Beruhigen Sie sich doch.«
»Ich weiß es nicht«, flüsterte die Frau. »Ich habe keine Ahnung. Er hat eine Waffe.«
Kate wollte schon zu einer beschwichtigenden Rede ansetzen und sich nach möglichen Angehörigen oder Freunden der Frau im Zug erkundigen, weil sie glaubte, es mit einer Psychotikerin zu tun zu haben, da ging die gläserne Automatiktür auf, die zum Großraumwagen führte. Ein Mann erschien. Und in der nächsten Sekunde peitschte ein Schuss haarscharf an den beiden Frauen vorbei.
Die Fremde schrie. »Nein! Nein!«
Kate, die immer noch den Arm der Frau hielt, drückte mit der Schulter die Tür zur Toilette auf, stieß die Frau hinein, drängte hinter ihr her, zog die Tür zu und schob den Riegel vor. Draußen fiel ein zweiter Schuss. Die Frau begann wie eine Irre zu schreien.
Kate schob sie in den toten Winkel hinter der Tür und platzierte sich vor ihr. Sie hatte richtig vermutet: Im nächsten Moment durchschlug eine Kugel die Tür.
»Ruhig, ganz ruhig.« Kate hielt die Hand der Frau. »Wie heißen Sie?«
Die Frau starrte sie aus panischen Augen an. »Xenia.«
»Okay, Xenia. Ich heiße Kate. Wir sind hier drinnen in Sicherheit. Beruhigen Sie sich.«
Die nächste Kugel kam durch die Tür. Der Täter konnte die beiden Frauen in der Ecke, in der sie kauerten, nicht direkt treffen, aber es musste nur eine Kugel von den gegenüberliegenden Wänden abprallen, dann rettete sie nichts mehr.
Wieder zwei schnell aufeinanderfolgende Schüsse.
Kate blickte auf die Uhr. Noch zwei Minuten bis York. Der Zug fuhr schon langsamer. Menschen würden in die Gänge strömen, um die Türen zu erreichen. Sie konnte nur hoffen, dass man die Schüsse bereits gehört hatte und dass niemand den Gang vor der Toilette betreten würde. Es konnte sich um einen Amokläufer handeln, der wahllos auf alles schießen würde, was sich bewegte. Kate fingerte in den Taschen ihrer Jeans herum und stöhnte, als ihr aufging, dass sich ihr Handy in ihrer Handtasche befand. Und die hatte sie auf dem Sitz neben Colin stehen gelassen. Sie konnte sich mit niemandem in Verbindung setzen.
Wieder ein Schuss. Xenia zitterte wie Espenlaub.
»Xenia, haben Sie ein Handy?«
»Ich habe meine Handtasche verloren, als ich durch den Zug gerannt bin. Ich war ja ganz hinten in einem der Wagen … Ich weiß nicht, wo sie ist.« Sie begann zu weinen.
»Kein Problem. Bleiben Sie ruhig.« Natürlich war es ein Problem. Sie saßen jetzt in dieser Zugtoilette fest, und vor der Tür stand ein Mann mit einer Waffe. Hilfe konnten sie nicht herbeitelefonieren. Allerdings würde der Zug jeden Moment zum Stehen kommen. Und andere Reisende mussten die Schüsse gehört haben. Vielleicht war die Polizei längst verständigt.
Kates Blick glitt zu dem Schiebefenster an der Zugaußenwand hin. Sie wusste nicht, ob es sich öffnen ließ, aber es wäre einen Versuch wert. Während sie daran herumrütteln würde, wäre sie allerdings die perfekte Zielscheibe für den Verrückten draußen. Wenn er schoss, konnte er sie direkt in den Rücken treffen. Sie musste es trotzdem probieren.
»Bleiben Sie ganz still«, flüsterte sie Xenia zu. »Er soll nicht mitbekommen, dass ich unsere Ecke hier verlasse. Ich versuche, das Fenster zu öffnen.«
Xenia umklammerte sofort ihre Hand. »Bitte nicht. Bleiben Sie hier. Bitte.«
»Ich öffne nur das Fenster. Und dann klettern wir beide nach draußen.«
Xenias Zittern verstärkte sich, aber sie nickte. So tief geduckt, wie sie konnte, bewegte sich Kate zu dem Fenster hinüber. Mehr als knappe zwei Schritte waren es nicht in dem winzigen Raum. Links von ihr befand sich jetzt das Waschbecken aus Edelstahl mit dem kleinen Spiegel darüber. Direkt vor ihr die Toilettenschüssel. Darüber das Fenster. Hinter ihr, in direkter Linie, die Tür mit dem Schützen dahinter. Kate spürte, dass ihr der Schweiß ausbrach. Zum Glück dröhnte das Rattern der Räder laut genug, um mögliche Geräusche des Fensters zu übertönen. Kate griff in die Halterungen und zog daran. Tatsächlich glitt die Scheibe geräuschlos und ohne größere Schwierigkeiten nach unten. Allerdings nur ein Stück weit. Dann war Schluss.
Warme Sommerluft strömte herein. Weich.
Ich will nicht sterben, dachte Kate, ich will auf keinen Fall sterben.
Sie musterte die schmale Fensteröffnung. Sie selbst würde möglicherweise mit einiger Anstrengung hindurchpassen, sie war relativ klein und sehr dünn. Aber Xenia hätte keine Chance. Sie war ziemlich mollig, und das war freundlich formuliert. Hoffnungslos, sie nach draußen schieben zu wollen.
Xenia erkannte das Problem ebenfalls. »Bitte lassen Sie mich nicht allein. Bitte!«
»Natürlich nicht.« Das war klar. Kate war Polizistin, auch wenn sie gerade nicht im Dienst war: Bei Scotland Yard hatte sie zwei Tage zuvor aufgehört. Und in Scarborough würde sie im August beginnen. Sie befand sich im Augenblick in einer Art beruflichem Niemandsland. Dennoch hätte sie nie im Leben eine Frau in Xenias Situation zurückgelassen und sich selbst in Sicherheit gebracht. Das war vollkommen ausgeschlossen.
In diesem Moment fiel der nächste Schuss, und fast gleichzeitig kam der Zug mit kreischenden Bremsen und quietschenden Rädern im Bahnhof von York zum Stehen.
Kate spürte einen Schmerz an ihrer rechten Wade, scharf und durchdringend, aber nur kurz, und sie dachte eine Sekunde später schon, sie habe sich das nur eingebildet. Sie kroch zu Xenia zurück in die Ecke. Er war noch da. Immer noch.
Durch das geöffnete Fenster drangen Lautsprecheransagen. Ein weiterer Zug fuhr dröhnend ein. Man hörte das Rattern von Rollkoffern auf Bahnsteigen. Entfernt Stimmen.
Bahnhofsgeräusche.
»Er ist noch vor der Tür«, hauchte Xenia.
»Ja, offensichtlich. Aber inzwischen müssen andere Leute etwas mitbekommen haben. Mit Sicherheit ist die Polizei schon verständigt. Die werden uns hier rausholen. Keine Angst.«
Sie fragte sich, was Colin jetzt tat. War es ihm schon komisch vorgekommen, wie lange sie auf der Toilette blieb? Hatte er die Schüsse gehört? Er musste nervös sein. Sie mussten hier umsteigen, ihr Zug nach Leeds ging knappe zwanzig Minuten später. Sie hoffte, dass er nicht kam, um nach ihr zu schauen. Er würde dem Täter direkt vor die Waffe laufen.
Xenia stieß plötzlich einen Schreckenslaut aus und deutete auf Kates Beine. »Sie bluten da!«
Kate sah, dass sich der Stoff ihrer Jeans an ihrer rechten Wade rotbraun verfärbt hatte. Der Fleck schien auch ständig größer zu werden. Sie entsann sich des scharfen Schmerzes. Sie war getroffen worden. Es tat seltsamerweise nicht weh. Der Schock, die Überflutung mit Adrenalin.
»Ein Streifschuss«, flüsterte sie, obwohl sie keine Ahnung hatte, »nicht weiter schlimm.«
»Er wird uns töten. Oh Gott, er wird uns töten!«
»Haben Sie irgendeine Ahnung, wer er ist? Und warum er hinter Ihnen her ist?«
»Nein. Ich saß im letzten Großraumwagen im Zug. Er saß mir schräg gegenüber, zwischen uns der Gang. Er starrte mich die ganze Zeit an, es war absolut unangenehm und unheimlich.«
»Und Sie haben den Mann nie zuvor gesehen?«
»Nein.«
»Hm. Das ist sehr merkwürdig.« Es gab Amokläufer. Die schossen dann aber meist wild um sich, egal, wen sie trafen, Hauptsache, sie erwischten viele Opfer. Dieser Mann jedoch hatte ausschließlich Xenia ins Visier genommen. Das wies darauf hin, dass es irgendeine Verbindung zwischen ihnen gab.
»Ich höre gar nichts mehr«, hauchte Xenia. »Aus dem Zug.«
Tatsächlich waren da die Geräusche des Bahnhofs. Aber der Zug klang wie ausgestorben.
»Glauben Sie, er ist noch da?«
»Ich weiß nicht. Ich möchte ungern meinen Kopf da rausstrecken. Es müssten eigentlich neue Passagiere einsteigen, und das würden wir mitbekommen. Da das nicht der Fall ist, hat die Polizei wohl schon die Kontrolle über die Situation übernommen.«
Xenia entspannte sich ein wenig. Sie zitterte nicht mehr so heftig, ihr Atem ging etwas ruhiger. Dann schraken sie beide heftig zusammen, als plötzlich an die Tür gehämmert wurde.
»Polizei! Wer ist da drinnen?«
Kate hielt Xenia, die sofort zur Tür stürzen wollte, zurück. »Detective Sergeant Kate Linville. Und eine Passagierin.«
Xenia blickte fassungslos drein. »Sie sind …?«
»Hier ist Detective Sergeant Jenkins von der North Yorkshire Police. Können Sie öffnen? Es ist alles unter Kontrolle.«
»Und wenn er es ist?«, fragte Xenia leise.
»Das hätte er dann schon längst auf diese Weise versucht«, meinte Kate. Sie humpelte zur Tür. Ihr Bein fing jetzt an zu schmerzen, und sie konnte kein Gewicht darauf verlagern. Sie schob den Riegel zurück. Vor ihr erschien ein Mann in dunklem Anzug.
»DS Linville?«
»Ja.«
»Ist jemand verletzt?«
»Ich habe einen Streifschuss am Bein«, erklärte Kate. »Sonst sind wir beide in Ordnung.«
»Sie sind also eine Kollegin?«, fragte Jenkins.
»Ja. Aber nicht im Dienst. Ich bin zufällig in diese Situation geraten.« Sie schaute den Gang auf und ab. Überall Polizei. Auch draußen auf dem Bahnsteig.
»Mehrere Passagiere haben Notrufe abgesetzt. Im Zug werde geschossen. Sekunden nachdem der Zug eingelaufen war, trafen auch wir zur Unterstützung der Bahnhofspolizei ein.« Er zögerte. Kate ahnte, was kam.
»Sie haben ihn nicht?«
»Nein. Es stürzten massenweise Menschen raus und liefen davon, die beiden Beamten der Bahnhofspolizei waren völlig überfordert. Wir haben dann versucht, die Lage zu kontrollieren, aber viele Passagiere waren bereits auf und davon. Einige werden in einem Raum des Bahnhofsgebäudes betreut. Andere sind über alle Berge. Wir mussten erst mal Gleise absperren, den Bahnhof sichern. Den Zug durchsuchen.« Er wischte sich über die Stirn. Es war nicht optimal gelaufen. Da draußen war ein Mann mit einer Waffe. Er war flüchtig. Er hatte sein Ziel nicht erreicht.
Xenia war noch bleicher geworden. »Wenn er es wieder versucht?«, flüsterte sie. »Was mache ich, wenn er es wieder versucht?«
2
DS Paul Jenkins wirkte ein wenig überfordert, aber er gab sich Mühe, eine erste Ordnung in die ganze Angelegenheit zu bringen. Er saß mit Kate Linville und mit Xenia in einem kleinen Raum, den ihnen die Bahnhofsaufsicht zur Verfügung gestellt hatte. Seine Mitarbeiter befragten draußen andere Reisende, die in dem Zug von London nach York gesessen hatten. Zumindest die, die noch da waren. Etliche hatten das Durcheinander genutzt und das Weite gesucht, vor allem, um ihre Anschlüsse zu bekommen und die eigentliche jeweilige Planung des Tages zu retten. Kate war, gestützt auf einen Sanitäter, aus dem Zug gehumpelt und auf dem Bahnsteig auf Colin gestoßen, der so sichtlich erleichtert war, sie lebendig anzutreffen, dass es sie rührte. Er hielt ihre Handtasche umklammert und war sogar geistesgegenwärtig genug gewesen, ihre beiden kleinen Rollkoffer mit nach draußen zu nehmen.
»Gott sei Dank, du bist in Ordnung!«, rief er. »Ich hatte schon Angst. Du warst kaum in Richtung Toilette entschwunden, da kam eine Frau durch den Waggon gerannt. Und kurz darauf ein Mann. Dann fielen Schüsse. Ich dachte … oh Gott …« Er fand nicht die Worte für das, was er gedacht hatte. Ein Polizist berührte ihn an der Schulter und schob ihn zur Seite. »Ich würde Ihnen gerne auch ein paar Fragen stellen«, sagte er.
»Natürlich. Natürlich!« Auf nichts war Colin erpichter. Kate vermutete, dass er eine sehr weitläufig ausgeschmückte Variante dessen, was er erlebt hatte, präsentieren würde.
Sie bat ihn, sich keinesfalls vom Bahnhof fortzubewegen und die beiden Koffer im Auge zu behalten. Ihre Handtasche nahm sie an sich. Sodann verarztete der Sanitäter ihr Bein. Es handelte sich tatsächlich um einen Streifschuss.
»Glück gehabt«, meinte der Sanitäter. »Viel Blut, dadurch sieht es schlimmer aus, als es ist. Ich desinfiziere das jetzt, Sie bekommen einen Verband, und ich gebe Ihnen etwas gegen die Schmerzen. Sie sollten aber trotzdem noch einmal einen Arzt aufsuchen.«
»Mach ich«, versprach Kate.
DS Jenkins hatte sich schon mit Xenia zur Vernehmung begeben wollen, aber Xenia hatte vollkommen hysterisch reagiert. »Nicht ohne Kate! Ich gehe nirgendwohin ohne Kate!« Kate hatte ihr das Leben gerettet. Kate war Polizistin. Xenia schien in ihr den einzigen sicheren Felsen inmitten der Brandung dieses alptraumhaften Tages zu sehen.
Daher saßen sie nun beide in dem heißen, kleinen Raum. Die Julisonne knallte durch das Südfenster, offenbarte den Staub auf der Scheibe und hatte das Zimmer mit den Aktenschränken aus Metall und dem sehr aufgeräumten Schreibtisch in einen Backofen verwandelt. Es gab keine Jalousien, keine Vorhänge. Kate fühlte sich nach wenigen Minuten wie ein Spiegelei auf einer glühenden Herdplatte. Großartig, das alles. Der Zug nach Leeds war weg. Das Wellnesswochenende würde mit einiger Verspätung beginnen. Wenn überhaupt. Am liebsten wäre sie nach Hause gefahren, hätte sich mit einem kühlen Getränk auf ihren Balkon gesetzt und das schmerzende Bein hochgelegt. Die blutverkrustete Jeans endlich ausgezogen.
Aber DS Jenkins musste seinen Job machen. Wer wüsste das besser als sie.
Er nahm Xenias Daten auf. Xenia Paget. Wohnhaft in Leeds-Bramhope, Yorkshire. Verheiratet. Keine Kinder. Geboren am 10. Mai 1982.
»Wo sind Sie geboren?«, fragte Jenkins.
Xenia zögerte. »Kirov. Russland. Damals Sowjetunion.«
Jenkins richtete sich auf. »Sie sind Russin?«
»Ich habe die britische Staatsbürgerschaft.« Xenia griff neben sich, dorthin, wo sie wohl für gewöhnlich ihre Handtasche stehen hatte. Dann fiel ihr ein, dass sie sie im Zug auf der Flucht vor ihrem Verfolger verloren hatte. »Meine Tasche! Sie ist noch im Zug. Meine Papiere sind da drinnen. Mein Pass. Ich habe einen britischen Pass!«
»Keine Sorge, der Zug ist abgesperrt, er wird von meinen Leuten durchsucht. Man wird Ihre Tasche finden, und Sie werden alles wiederbekommen«, sagte Jenkins beschwichtigend. Er zog ein Taschentuch hervor, fuhr sich damit über die Stirn, lockerte dann seine Krawatte. »Gott, ist das heiß hier drinnen.«
»Ich habe einen Engländer geheiratet«, erklärte Xenia. »Jacob Paget. Ich konnte deshalb die Einbürgerung beantragen.«
Es war ihr wichtig, sehr wichtig, wie Kate feststellte. Auf keinen Fall wollte sie den Verdacht aufkommen lassen, illegal in England zu leben. Kate fand, dass sie ein wirklich perfektes Englisch sprach. Wenn man wusste, dass sie aus Russland stammte, fiel ein kaum hörbarer Akzent auf; wusste man es nicht oder achtete nicht darauf, hätte man nicht gemerkt, dass sie keine Engländerin war.
»Seit wann leben Sie in England?«, fragte Jenkins.
»Seit 2006. Ich habe im Juni 2006 geheiratet.«
»Ihr Mann und Sie haben sich …«
»Wir haben uns über eine Agentur kennengelernt«, erklärte Xenia. »Mein Mann wollte eine Frau aus Russland finden. Er hatte mit den Engländerinnen kein Glück, da wollte er es eben anders probieren.«
»Sie hießen damals …?«
»Xenia Petrowa Sidorowa.«
Jenkins notierte den Namen, die ungewohnte Buchstabenfolge leise buchstabierend.
»Nun, Mrs. Paget«, sagte er dann, »was mich natürlich am meisten interessiert, ist das, was heute in diesem Zug passiert ist. Ein Mann hat auf Sie geschossen. Können Sie mir den Verlauf der Geschichte bitte ganz genau schildern?«
Xenia wiederholte, was sie bereits Kate berichtet hatte: Wie der Fremde sie unablässig angestarrt hatte, von London King’s Cross an.
»Mir wurde immer unheimlicher zumute. Aber weit und breit gab es keinen freien Platz, ich konnte mich nicht umsetzen. Und dann, kurz vor York, hatte er plötzlich eine Pistole in der Hand. Da bin ich aufgesprungen und losgelaufen. Meine Reisetasche habe ich im Gepäcknetz gelassen.« Sie unterbrach sich. »Meine Reisetasche …«
»Auch die bekommen Sie zurück«, beruhigte Jenkins.
»Ich lief immer schneller. Im nächsten Waggon wagte ich, mich umzusehen. Er folgte mir. Ich lief noch schneller. Er auch.«
»Sie liefen praktisch durch den ganzen Zug hintereinander her?«
»Ja. Ich war ja sehr weit hinten eingestiegen. Kurz bevor ich den Wagen erreichte, in dem ich dann Kate traf, sah ich mich noch einmal um. Der Typ war etwa eine halbe Waggonlänge hinter mir. Er hielt immer noch die Pistole in der Hand. Ich geriet total in Panik, weil ich wusste, ich muss jetzt bald am Ende des Zuges sein, und dann kann ich nicht weiter. Ich rannte. Dann traf ich Kate. Und dann schoss er auch schon.«
»Mrs. Paget, wenn ich Sie richtig verstanden habe, saßen Sie dem Mann eine ganze Zeit lang gegenüber. Er starrte Sie an, das heißt, wann immer Sie Ihren Blick hoben, sahen Sie ihn. Ich nehme an, Sie können uns eine gute Personenbeschreibung liefern?«
Xenia seufzte. »Ich war so ängstlich und verwirrt, aber … Er war ziemlich jung, das fiel mir auf. Mindestens zehn Jahre jünger als ich. Also eher nicht der Typ Mann, der mich anschauen würde, weil er mich als Frau interessant findet.«
»Diesen Schluss halte ich nicht für zwingend«, meinte Jenkins. »Aber in diesem Fall scheint er definitiv nicht an einem Kennenlernen interessiert gewesen zu sein.«
»Nein. Er wollte mich umbringen.«
»Sie schätzen ihn also auf Mitte zwanzig. Können Sie etwas zu seiner Statur sagen? Augenfarbe? Haarfarbe?«
»Er war sehr groß. Kräftig. Dichte schwarze Haare. Lockig. Kein erkennbarer Haarschnitt. Er wirkte verwahrlost.«
»Nur wegen der Haare? Oder auch sonst?«
»Seine Jeans waren ausgeleiert und ziemlich verbeult. Ich glaube, er trug ein Sweatshirt. Grau. Fleckig.«
»Seine Augenfarbe?«
»Ich weiß nicht. Ich glaube, dunkelbraun. Es kann aber auch sein, dass einfach die Pupillen riesig und dunkel waren. Ein ganz starrer Blick. Absolut nicht normal.«
»Wir müssten bitte versuchen, mit Ihrer Hilfe ein Phantombild zu erstellen.«
»Ja, sicher. Ich helfe Ihnen, so gut ich kann.«
»Das ist gut«, sagte Jenkins. Er überlegte. »Sie wohnen in Leeds, sagen Sie. Was machen Sie beruflich?«
»Nichts. Im Moment. Ich gebe einmal die Woche ehrenamtlich einen Sprachkurs für Flüchtlinge, aber ansonsten mache ich nichts. Mein Mann meint, ich muss nicht arbeiten.«
»Was ist Ihr Mann von Beruf?«
»Er arbeitet als Hausverwalter. Für mehrere Wohnungseigentumsgesellschaften in Leeds und Umgebung.«
»Ich verstehe. Aber Sie haben sicher irgendwann einmal einen Beruf ausgeübt?«
»Ich habe in Russland begonnen, Sprachen zu studieren. Asiatische Sprachen. Ich spreche recht gut Chinesisch und Koreanisch.«
»Sie sind wohl ein echtes Talent«, bemerkte Jenkins. »Auch Ihr Englisch ist hervorragend.«
Xenia errötete vor Freude. »Vielen Dank.«
»Sie haben Ihr Studium aber nicht abgeschlossen?«
»Nein. Meine Familie verarmte völlig. Mein Vater war in der Rüstungsindustrie tätig, und nach dem Ende des Kalten Krieges hielt er sich nur noch mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Meine Mutter auch. Irgendwann verloren beide auch diese Jobs. Ich habe noch vier jüngere Geschwister, wissen Sie. Also habe ich mein Studium abgebrochen und die Familie unterstützt. Ich habe als Kellnerin gearbeitet und auch geputzt. Aber es kam der Moment, da wollte ich …«
»Ja?«
»Ich wollte nur noch weg aus meinem Land. Ich habe da einfach keine Zukunft für mich gesehen. Ich war damals jung und hübsch. Ich habe mich bei einer englischen Agentur beworben, die Frauen aus dem Osten nach England vermittelt. Ich habe das als meine einzige Chance gesehen.«
»Sie müssen sich überhaupt nicht rechtfertigen«, sagte DS Jenkins beruhigend.
Kate betrachtete Xenia von der Seite. Was für eine tragische Geschichte, dachte sie. Eine intelligente Person, die mehrere Sprachen vermutlich fließend spricht, trotzdem putzen und kellnern musste, und nun mit einem Mann verheiratet ist, der nicht möchte, dass sie arbeitet. Ob sie deshalb so dick ist? Kompensiert sie ihren Frust, ihre Leere auf diese Weise?
Aber dann rief sie sich zur Ordnung. Sie spekulierte. Sie wusste nicht genug über Xenia, um sich ein Urteil über ihr Leben erlauben zu können.
»Was hatten Sie in London zu tun?«, fragte Jenkins.
Xenia schien einen Moment verwirrt. »In London?«
»Nun ja, Sie sind heute früh in London King’s Cross in den Zug gestiegen.«
»Ach so. Ja. Ich hatte eine Freundin besucht. Ich bin am Donnerstag zu ihr gefahren und heute zurück. Mein Mann will mich in Leeds vom Bahnhof abholen.« Sie schien plötzlich erschrocken. »Oh Gott. Ich komme ja jetzt viel später an. Ich muss ihm unbedingt Bescheid sagen.«
»Wollen Sie mein Handy dafür benutzen?«, bot Kate an.
»Ja, bitte.« Xenia sprang auf. »Kann ich kurz nach draußen gehen?«
»Natürlich«, sagte Jenkins.
Xenia verließ mit Kates Handy, nachdem diese es entsperrt hatte, den Raum.
Als sie draußen war, fragte Jenkins: »Wie beurteilen Sie die Situation? Als Kollegin?«
Kate überlegte. »Ich finde, das ist im Augenblick schwer zu durchschauen. Der Mann im Zug war nicht einfach ein Amokläufer, sonst hätte er wahllos ein Blutbad unter den Fahrgästen angerichtet. Er hatte es eindeutig auf Xenia abgesehen. Ich geriet nur in die Schusslinie, weil ich mich mit ihr zusammen verbarrikadiert hatte. Das spricht für eine Beziehungstat – in dem Sinne, dass es irgendeine Art von Beziehung zwischen ihm und Xenia geben muss.«
»Könnte es mit Russland zu tun haben? Glauben Sie, es wäre sinnvoll, ihre Geschichte zu überprüfen?«
»Ich fürchte, das wären sehr teure und langwierige Untersuchungen. Zumindest, was den russischen Teil angeht. Vielleicht wäre ein Gespräch mit der Agentur sinnvoll, die sie damals an ihren heutigen Mann vermittelt hat.«
»Möglicherweise ist sie Geld schuldig geblieben. Die Russen sind bekannt für drastische Inkassomaßnahmen.«
»Aber es handelte sich um eine englische Agentur.«
»Trotzdem könnte ein Geschäftspartner in Russland beteiligt gewesen sein. Beteiligt an der Abwicklung, damit auch an der Provision.«
»Das alles liegt dreizehn Jahre zurück. Sie hat 2006 geheiratet, nach eigenen Angaben zumindest. Angenommen, die Provision wurde nicht bezahlt oder nicht vollständig und irgendjemand in Russland fühlt sich übers Ohr gehauen – hätte derjenige nicht früher interveniert?«
»Hat er vielleicht. Ohne Erfolg. Und deshalb wurde die Methode nun etwas drastischer.«
»Das klingt schon sehr nach einem Film über die Russen-Mafia«, meinte Kate.
Jenkins zuckte die Schultern. »Xenia Paget ist nun einmal gebürtige Russin.«
»Aber so eine Partnervermittlung kann ja nicht ein Vermögen kosten. Wenn Jacob Paget seit dreizehn Jahren aufgefordert worden wäre, seine Schuld zu begleichen, und wenn nun der Druck erhöht worden wäre … Meinen Sie nicht, er hätte dann, in Gottes Namen, inzwischen gezahlt, ehe er sich mit solchen Leuten dauerhaft anlegt?«
»Ich weiß nicht, was für ein Typ Mensch er ist«, sagte Jenkins. »Vielleicht verlangen die seiner Ansicht nach zu viel, und eher lässt er sich vierteilen, als dass er nachgibt.«
Kate überlegte. »In jedem Fall würde es Sinn machen, mit Mr. Paget zu sprechen. Ich würde zumindest vermuten, dass hier ein Problem liegt. Ob es allerdings relevant für die Geschichte heute im Zug ist, weiß ich nicht.«
»Inwiefern sehen Sie ein Problem?«
»Ich weiß nicht, ob ich so weit gehen würde zu sagen, dass Xenia Paget Angst vor ihrem Mann hat. Sie wirkt zumindest eingeschüchtert.«
Jenkins war überrascht. »Woran machen Sie das fest? Weil er nicht will, dass sie arbeitet?«
»Könnte ein Indiz sein. Wenn es stimmt, was sie erzählt, dann ist sie eine äußerst sprachenbegabte junge Frau, die als Übersetzerin oder Dolmetscherin möglicherweise sehr erfolgreich wäre. Warum lässt sie sich in dieser Hinsicht völlig kaltstellen?«
»Dafür mag es Gründe geben. Vielleicht will sie Kinder, vielleicht nimmt sie deshalb Stress raus. Keine Ahnung.«
»Okay. Aber fanden Sie nicht, dass sie fast panisch reagierte, als ihr plötzlich aufging, dass sie nicht rechtzeitig in Leeds ankommen und ihr Mann vergeblich am Bahnhof warten würde?«
»Ich hatte den Eindruck, sie will nicht, dass er sich Sorgen macht.«
»Möglich«, sagte Kate.
Xenia kehrte zurück, reichte Kate das Handy. »Vielen Dank.« Sie setzte sich. Sie schien nicht erleichterter, sondern noch bedrückter als zuvor. »Mein Mann wollte wissen, wann ich heimkomme. Dauert das hier noch lange?«
»Nein«, sagte Jenkins. »Ich kann verstehen, dass Sie nach Hause möchten. Sagen Sie mir aber bitte noch, wie Ihre Freundin in London heißt? Und woher Sie sie kennen?«
»Maya Price. Sie hat früher in Leeds neben uns gewohnt. Wir haben uns angefreundet. Dann, vor zwei Jahren, zog sie nach London. Genauer gesagt, nach Southend-on-Sea, nahe London. Ich vermisse sie sehr. Manchmal besuche ich sie.«
»Warum besuchen Sie sie an einem Donnerstag und Freitag, und fahren am Samstag zurück? Warum besuchen Sie sie nicht über das komplette Wochenende?«
Xenia zögerte. »Mein Mann möchte gerne, dass ich am Wochenende zu Hause bin. Damit wir Zeit für uns haben.«
Kate und Jenkins tauschten Blicke. Na bitte, sagte der von Kate.
Na und?, sagte der von Jenkins.
»Okay. Mrs. Paget, können Sie sich an irgendetwas erinnern, was Ihnen in London seltsam vorkam? Oder sogar schon auf der Fahrt dorthin?«
»Seltsam?«
»Dass Sie sich bereits beobachtet gefühlt haben vielleicht. Nicht so deutlich und direkt wie im Zug. Aber manchmal spürt man doch, dass man angeschaut wird. Oder irgendetwas anderes. Irgendetwas, dem Sie keine Beachtung schenkten. Was aber jetzt im Zusammenhang mit den heutigen Geschehnissen doch befremdlich erscheint?«
Xenia schien aufrichtig bemüht, sich zu erinnern. »Nein«, sagte sie dann. »Da war nichts. Absolut nichts.«
»Und dieser Mann: Sie sind sicher, dass Sie ihn nie zuvor gesehen haben?«
»Ich bin sicher.«
»Und könnte es etwas geben, irgendetwas, in Ihrer Vergangenheit? Hier oder in Russland. Könnte es da irgendetwas gegeben haben, weshalb jemand sich veranlasst gefühlt hat, Sie heute durch den halben Zug zu jagen und dann auf Sie zu schießen?«
»Nein«, sagte Xenia. In der nächsten Sekunde flackerte etwas in ihren Augen. Ganz kurz nur. Kate sah es, weil sie Xenia fixierte. Jenkins schien es nicht zu bemerken.
Eben, dachte Kate, ist ihr etwas eingefallen. Aber sie will nicht darüber sprechen.
3
Das Ergebnis der Blutprobe war eindeutig gewesen: 0,7 Promille.
Caleb war gefragt worden, ob er sich freiwillig Blut abnehmen ließe. Nach dem Einsatz in der Nordbucht. Der so schrecklich geendet hatte: eine tote Frau. Zwei tote Kinder. Ein Täter, der haltlos schluchzend im Schlafzimmer der Ferienwohnung auf dem Fußboden saß, die Waffe noch in der Hand.
»Ich konnte es nicht«, hatte er gewimmert, »ich konnte es nicht tun.« Damit meinte er sein eigentliches Vorhaben: am Ende sich selbst zu erschießen.
Caleb hatte eine Stunde später beim DCS, dem Detective Chief Superintendent antreten müssen.
»Was ist da schiefgegangen?«, hatte der gebellt. »Drei Tote. Die beiden Kinder sind sechs und sieben Jahre alt. Großer Gott! Ihre Leute stehen die ganze Zeit um das Haus herum, Schüsse sind bereits gefallen, es ist klar, dass da drinnen ein durchgeknallter Typ seine Familie bedroht. Und Sie tun … nichts. Sie warten seelenruhig ab, bis der eine Frau und zwei Kinder buchstäblich exekutiert. Dann erst stürmen Sie die Wohnung!«
Das war ungerecht. Caleb wusste es, und sein Vorgesetzter wusste es auch. Aber er stand unter dem Druck der Öffentlichkeit. Er würde die Wogen der Entrüstung in den Medien aushalten müssen, und es war klar, dass sie heftig ausfallen würden. Tote Kinder. Das war das Schlimmste. Auch deshalb, weil die Zeitungen damit Auflage machen konnten, umso mehr, je dramatischer sie darauf herumritten.
»Sir, so wie sich die Situation darstellte, hielt ich das Stürmen der Wohnung für viel zu riskant«, erklärte Caleb. »Es hätte mit absoluter Sicherheit zu einem Blutbad geführt.«
»Ach, und so hat es das nicht?«
»Doch. Leider. Aber es war die einzige Chance, diesen Mann zu erreichen, um an sein Gewissen appellieren zu können. Er hatte zuvor in die Decke und in eine Wand geschossen. Nicht sofort auf seine Familie.«
»Soll man ihn dafür loben?«
»Es sagt etwas aus. Er war zunächst nicht hundertprozentig entschlossen. Im Gegenteil, in dem Moment, in dem er in einem Mehrfamilienhaus ziellos herumschießt, riskiert er, dass jemand die Polizei verständigt.«
»Und?«
»Ich glaube, dass er reden wollte. Dass er eigentlich Hilfe suchte.«
»Das ist dann aber gründlich schiefgegangen. Offenbar haben Sie, als Sie ihn am Handy hatten, irgendetwas gesagt, was seine Sicherungen von einem Augenblick zum nächsten durchbrennen ließ.«
»Ich habe …«
Der DCS blickte auf eine Notiz, die vor ihm auf seinem Schreibtisch lag. »Mir wurde berichtet, dass Sie ihn offensiv auf seine finanziellen Sorgen ansprachen. Und da drehte er durch.«
»Ich wollte ihm klarmachen, dass es einen Ausweg gibt. Dass auch finanzielle Probleme lösbar sind.«
»Nun, offenbar konnten Sie ihm das nicht überzeugend vermitteln. Im Gegenteil. Sie haben praktisch in dem Moment den Auslöser für alles Weitere betätigt. Großartige Leistung, Hale!«
Das kam beißend. Wütend. Vernichtend.
Wer hat ihm den Wortlaut meines Gesprächs mit Jayden White berichtet?, fragte sich Caleb. Der Einzige, der direkt neben ihm gestanden und zugehört hatte, war DI Robert Stewart gewesen. Sein engster Mitarbeiter und Vertrauter. Andererseits, wenn der Superintendent ihn gefragt hatte, war Robert gar keine Wahl geblieben, als wahrheitsgetreu zu berichten. Dennoch, irgendetwas ließ Caleb frösteln.
»Sir, ich weiß nicht …«, setzte er an, wurde jedoch unterbrochen.
»Wo war eigentlich Sergeant Helen Bennett?«
»Sie hatte sich freigenommen. Sie besuchte ihre Mutter in Saltburn. Sie war verständigt und bereits auf dem Weg zurück nach Scarborough.«
»Und Ihnen gelang es nicht, Jayden White wenigstens so lange hinzuhalten, bis Sie an eine kompetente Mitarbeiterin übergeben konnten?«
»Nein«, sagte Caleb.
Der DCS musterte ihn aus schmalen Augen. »Mir ist noch mehr zu Ohren gekommen, Hale. Nämlich, dass Sie ziemlich betrunken waren, als Sie den Einsatz leiteten.«
Caleb hatte geglaubt, nicht richtig gehört zu haben. »Wie bitte?«
Sein Vorgesetzter hatte sich verlegen geräuspert. »Inspector, ich darf Ihnen sagen, dass man es riecht. Ich wusste in dem Moment, dass es stimmt, als Sie hier in mein Zimmer kamen.«
»Sir, ich …«
»Herrgott!« Der DCS schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich dachte, wir wären da durch. Ich dachte, Sie wären durch. Sie haben damals den Entzug gemacht und glaubhaft versichert, alles sei in Ordnung. Sie gehen auf die fünfzig, verdammt, und schaffen das einfach nicht ? Sie schaffen es nicht, dieses blöde Problem zu lösen?«
Bis Caleb fünfzig war, dauerte es noch ein paar Jahre, aber er war natürlich nicht mehr wirklich jung. Wobei das nicht in einem Zusammenhang stand, Sucht war Sucht, in jedem Alter.
»Ich habe mich für Sie eingesetzt, als es darum ging, Ihnen die Rückkehr in Ihre alte Position zu ermöglichen«, fuhr der DCS fort. »Ich habe an Sie geglaubt. Und jetzt höre ich, dass Sie längst rückfällig sind. Dass Sie bereits ein halbes Jahr nach Ihrem Entzug zum ersten Mal wieder abgestürzt sind. Dass Sie regelmäßig und viel trinken. Im Dienst!«
»Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Das spielt keine Rolle. Die Frage ist, stimmen Sie einer Blutprobe zu? Sie müssen das nicht, ich weiß.«
»Sir, ich …«
»Wenn Sie es nicht tun, finde ich Mittel und Wege, Sie aus dem Weg zu räumen, Hale. Sie sind nicht mehr tragbar. Ich werde das jedem erzählen, der meinen Weg kreuzt, und ich werde jeden darauf ansetzen, Sie zu melden, wenn Sie getrunken haben. Wenn Sie aber jetzt kooperieren …«
»Dann?«
»Sie werden vom Dienst suspendiert, wenn der Alkoholtest positiv ist, wovon ich ausgehe. Ich werde Ihre Suspendierung aber als Folge dieses letzten Einsatzes, bei dem zwei Kinder starben, kommunizieren. Dass Sie betrunken waren, bleibt unter uns. Sie haben dann die Gelegenheit, dieses Problem in den Griff zu kriegen. Endlich. Hoffentlich.«
»Und dann?«
»Ich kann Ihnen nichts versprechen. Aber es ist eine Chance.«
»Es bleibt unter uns«, sagte Caleb bitter. »Da draußen ist aber jemand, der das Thema offenbar ganz gerne unter die Leute bringt.«
»Da kann ich Ihnen nicht helfen.«
»Verstehe.«
»Sie willigen in den Bluttest ein?«
»Ja«, sagte Caleb. Erschöpft. Resigniert.
»In Ordnung.« Der DCS wirkte erleichtert. »Übrigens, die Ermittlungen im Fall White übernimmt DI Stewart. Er leitet auch die Pressekonferenz, die wir für morgen Vormittag zehn Uhr angesetzt haben. Sie treten dort bitte nicht in Erscheinung.«
Robert, hatte Caleb gedacht. Er war nicht wirklich erstaunt. Aber tief verletzt. Robert Stewart. Er ist endlich da, wo er immer hinwollte.
An diesem Samstag nun hatte die Lawine zu rollen begonnen. Die Presse überschlug sich. Eine tote Mutter. Zwei tote Kinder. Die Polizei, die frühzeitig verständigt worden war und sodann untätig auf der Straße vor dem Wohnblock herumgestanden hatte. »Warum habt ihr nichts getan?«, fragte die Yorkshire Post in der Schlagzeile auf ihrer Titelseite.
Darunter die Bilder der Opfer: Yasmin White, eine junge, zerbrechlich wirkende Frau mit großen dunklen Augen in einem sehr ernsten Gesicht. Ava White, sieben Jahre. Sina White, sechs Jahre. Fröhliche kleine Mädchen mit braunen Locken und dunklen Augen.
»Mussten sie sterben, weil die Polizei zu lange zögerte?«, ging es darunter weiter im Text. Die Abwesenheit der Polizeipsychologin wurde thematisiert (»Hätte sie den verzweifelten Vater von seiner schrecklichen Tat abhalten können?«), um dann auf den Einsatzleiter, DCI Caleb Hale, überzuleiten: »An ihm klebt das Blut der kleinen Mädchen«, hieß es, und zwei Sätze weiter wurde behauptet, Hale sei bei dem Telefonat mit dem Familienvater so offensiv und ungeschickt vorgegangen, dass er damit die Eskalation überhaupt erst herbeigeführt habe. Alkohol wurde nirgends erwähnt. Noch nicht. Caleb wusste, dass sich das jeden Moment ändern konnte.
Caleb Hale und Robert Stewart waren einander am Freitagnachmittag nicht mehr begegnet, jeder war mit ganz anderen Dingen beschäftigt gewesen, Caleb vor allem damit, Vorwürfe schweigend hinzunehmen und seine berufliche Laufbahn in Stücke zersplittern zu sehen, aber jetzt, an diesem Samstagabend, in seinem leeren, schweigenden Haus, hatte Caleb den Eindruck, keine weitere Stunde zu ertragen, ohne mit Robert Stewart gesprochen zu haben. Er musste wissen, ob er es gewesen war, der ihm so in den Rücken gefallen war.
Bevor er ging, hörte er den Anrufbeantworter ab. Das Telefon hatte am Nachmittag ein paar Mal geklingelt, aber er war nicht drangegangen, weil er einfach keine Lust hatte, mit irgendjemandem über die ganze verfahrene Situation zu sprechen. Die Stimme von Kate Linville erklang. »Hallo, Caleb. Ich habe von dem erweiterten Selbstmord gestern in Scarborough gehört und gelesen. Na ja, erweiterter Selbstmord trifft es ja nicht, der Mann hat sich ja nicht umgebracht. Ich hoffe, Sie haben nicht zu viele Probleme deswegen.« Zögern. »Die Yorkshire Post äußert sich ja nicht allzu freundlich. Wenn Sie reden wollen, rufen Sie mich einfach jederzeit an. Ich bin auf meinem Handy erreichbar. Ich muss ein grässliches Wellnesswochenende in den Dales absitzen, Abschiedsgeschenk der Kollegen im Yard. Ich bin, fürchte ich, nicht der Typ für Schlammpackungen und solches Zeug. Na ja, dafür hatte ich eine ausgesprochen aufregende Anreise. Steht morgen bestimmt in der Zeitung.« Wieder eine Pause. »Also«, sagte sie dann, »bis später.«
Es folgten zwei Nachrichten von seiner Exfrau, aber die hörte Caleb sich gar nicht an, sondern löschte sie sofort. Sie hatte die Yorkshire Post natürlich gelesen und würde wissen wollen, ob Caleb während des Einsatzes nüchtern gewesen sei. Seine Sucht war der Grund gewesen, weshalb sie ihn vor vielen Jahren verlassen hatte.
Kurz überlegte Caleb, ob er Kate zurückrufen sollte. Aber dann dachte er, dass das Gespräch mit Robert Stewart Vorrang haben musste. Er brauchte Klarheit.
Robert wohnte mitten in der Stadt, in einer kleinen Wohnung im dritten Stock eines Hauses, das sich in einer verkehrsberuhigten Parallelstraße zur vielbefahrenen Victoria Road befand. Er traf zufällig gleichzeitig mit Caleb ein, sie parkten sogar direkt hintereinander am Straßenrand. Stiegen aus. Robert kam offenbar gerade aus dem Büro, denn er trug trotz der Wärme Anzug und Krawatte. Angesichts der Geschehnisse hatte er den Gedanken an ein geruhsames Wochenende abhaken müssen. Am Vormittag hatte er die Pressekonferenz geleitet. Den Nachmittag, wie Caleb annahm, mit der Vernehmung Jayden Whites verbracht. Er sah müde aus.
Einen Moment lang schien er sich nach einer Fluchtmöglichkeit umzusehen, aber dann straffte er die Schultern und reckte den Kopf. Ein Ausweichen war ohnehin nicht möglich. Robert Stewart war bereit, sich der Situation zu stellen.
»DI Stewart«, sagte Caleb förmlich.
»Sir«, sagte Robert.
Sie standen einander gegenüber im Schein der Abendsonne. Es roch nach warmem Asphalt und nach den Rosen, die in einem der Vorgärten blühten. Ein wenig nach Salz und Meer. Sommerabendgeruch. Die Stadt war von einem Drama erschüttert worden, über das nun alle sprachen, aber dieser milden Abendstimmung war nichts davon anzumerken.
»Warum?«, fragte Caleb, nachdem sie beide einige Momente geschwiegen hatten.
Robert wusste, was er meinte.
»Es ist nicht mehr tragbar«, antwortete er. Und nach einem Augenblick des Zögerns fügte er hinzu: »Sie sind nicht mehr tragbar.«
»Sind Sie der Meinung, dass ich betrunken war gestern? Und deswegen der Lage nicht gewachsen?«
»Ich habe gerochen, dass Sie getrunken hatten. Und ich habe bemerkt, dass es Ihnen körperlich nicht gut ging. Sie waren schweißüberströmt und haben sich ständig verzweifelt nach einem schattigen Platz umgesehen. Sie wirkten wie jemand, der sich recht mühsam auf den Beinen hält.«
Dem war schwer zu widersprechen. Caleb erinnerte sich nur zu gut, wie stechend er die Sonne empfunden hatte. Und dieses Gefühl, dass die Zunge am Gaumen festklebte. Seine körperliche Befindlichkeit hatte ihn gequält – aber trotzdem war er zu hundert Prozent sicher, dass nichts anders gelaufen wäre, hätte er nicht getrunken. Er hätte dieselben Entscheidungen getroffen, auch wenn er nüchtern gewesen wäre.
»Es ging mir nicht gut, ja. Aber bitte erklären Sie mir, an welcher Stelle ich deswegen einen gravierenden Fehler gemacht habe? Oder überhaupt einen Fehler?«
»Sie haben keinen Fehler gemacht, Sir.«
»Aber …«
»Nichts aber. Sie haben keinen Fehler gemacht. Sie haben nicht zu lange gewartet, und es war völlig richtig, zunächst auf eine telefonische Verhandlung zu setzen, anstatt die Wohnung in dieser unklaren Situation sofort stürmen zu lassen. Dass der Typ plötzlich abbrechen und dann durchdrehen würde, war natürlich eine tragische Entwicklung, aber das war nicht vorhersehbar.«
»Dennoch hielten Sie es für nötig, mich dem Superintendenten als betrunken zu melden. Ich verstehe das nicht.«
Robert blickte auf die Spitzen seiner makellos blank polierten schwarzen Schuhe, dann hob er den Kopf, sah seinen Chef an, und es brach aus ihm heraus: »Es ist nicht mehr tragbar. Für mich. Ich habe es immer mitbekommen, immer. Die Flasche in Ihrem Schreibtisch. Das hastige Trinken. Ihr ganzes Büro roch danach. Ihr Atem roch danach. Und immer musste ich gute Miene machen. So tun, als wäre nichts. Ich war Mitwisser von etwas, was ich eigentlich sofort hätte melden müssen. Das hat Sie nie gestört. Dass ich etwas decken musste, was ich vollkommen unmöglich fand. Wie es mir damit ging – danach haben Sie doch nie gefragt.«
Caleb war zusammengezuckt unter Roberts heftig geführter Rede. Das Schlimme war: Er konnte nicht widersprechen. Nichts von dem, was Robert Stewart sagte, war absurd oder übertrieben oder an den Haaren herbeigezogen. Er konnte ihn … verstehen.
»Ich konnte nicht …«, begann er, aber Robert unterbrach ihn. »Natürlich konnten Sie nicht. Es gab das Thema ja nicht. Offiziell gab es ja das ganze Problem nicht. Wie hätten Sie da mit mir reden sollen? Der unausgesprochene Deal war ja der, dass ich nichts sehe, nichts höre, nichts rieche. Damit haben Sie sich glänzend arrangiert.«
Die Formulierung, dass er sich glänzend arrangiert habe, hätte Caleb nicht gewählt. Er hatte sich ständig unter Druck gesetzt gefühlt. Schuldig gefühlt. Seiner Sucht ausgeliefert und manchmal zutiefst gestresst in seinen Bemühungen, seinen Zustand vor seiner Umgebung zu verbergen. Jetzt, da er endlich loslassen konnte, weil es passiert war – sein Vorgesetzter wusste Bescheid, er war suspendiert, es gab nichts mehr zu beschönigen –, merkte er erst, wie angestrengt er sich gefühlt hatte. Wie schwer die Last gewesen war.
»Die Situation gestern war für uns alle grauenhaft«, fuhr Robert fort. »Ein bewaffneter Mann, der die Nerven verliert und in einem Ferienappartement herumschießt. Der ganz offensichtlich seinem Leben ein Ende setzen und seine völlig wehrlose Familie mitnehmen will. Der schließlich Frau und Kinder per Kopfschuss tötet. Mich hat in all meinen Dienstjahren noch selten ein Fall so mitgenommen. Diese beiden toten Mädchen zu sehen …«
»Ich weiß«, sagte Caleb.
Robert wies anklagend mit dem Zeigefinger auf ihn. »Und wir stehen draußen mit einem alkoholisierten Einsatzleiter. Woher sollen wir denn die Kraft nehmen, solche Einsätze durchzuziehen, schwere Entscheidungen zu treffen, die Wut der Medien auszuhalten, wenn es, so wie gestern, komplett schiefgeht? Das geht doch nur, wenn wir selbst uns zumindest im Dienst einwandfrei benehmen. Wenn wir selbst uns nichts vorwerfen müssen.«
Caleb nickte langsam. Es ließ sich schwer etwas entgegnen.
Dennoch sagte er schließlich: »Ich hätte es fairer gefunden, Sie hätten mit mir gesprochen. Zuerst. Mich vorgewarnt. Mir noch irgendeinen Weg ermöglicht. Wenn Sie all das, was Sie mir gerade gesagt haben, gestern gesagt hätten. Als letzte Warnung meinetwegen. Einfach als eine Chance.«
Robert blickte an ihm vorbei. »Die ganze Zeit über«, sagte er, »seit Jahren schon, habe ich mit dem Gedanken gespielt. Aber ich habe es nicht gewagt. Sie waren mein Vorgesetzter. Eine Instanz, an der ich nicht zu kratzen wagte.«
»Nun ja«, sagte Caleb. »Das hat sich ja nun erledigt. Ich bin nicht mehr Ihr Vorgesetzter. Mal sehen, wer die Abteilung nun leiten wird. Vielleicht bekommen ja sogar Sie den Posten!«
Robert Stewart versuchte etwas zu schnell, eine unbeteiligte Miene aufzusetzen. Caleb wusste Bescheid.
»Verstehe. Sie haben den Posten schon. Dann hat es sich ja gelohnt. Sind Sie ganz sicher, dass der Gedanke an eine Beförderung nicht mitspielte, als Sie beschlossen, die Moral der Truppe herzustellen und von dem störenden Element, nämlich meiner Person, zu befreien?«
Robert wollte etwas erwidern, aber Caleb gab ihm nicht die Gelegenheit dazu. Er stieg in sein Auto, drehte den Zündschlüssel um, ließ den Motor aufheulen. Vielleicht war er nicht ganz gerecht gewesen.
Aber er hatte sich jetzt auch einfach Luft machen müssen.
Vielleicht werde ich langsam etwas wunderlich. Davor habe ich schon lange Angst. Ich bin fünfundsechzig geworden im Januar, und ich lebe seit zwölf Jahren alleine. Meinen Beruf als Steuerberater habe ich vor einem halben Jahr an den Nagel gehängt. Ich hatte einfach keine Lust mehr, und ich habe ein Alter erreicht, in dem andere auch aufhören. Finanziell komme ich über die Runden. Keine großen Sprünge, aber dafür bin ich sowieso nicht der Typ.
Ich habe nicht bedacht, dass ich noch viel einsamer sein werde ohne meine Arbeit.
Mir fehlen Freunde und ein Hobby. Komisch, dass ich es nicht geschafft habe, entweder Menschen für mich zu gewinnen oder etwas auf die Beine zu stellen, was mir nun Halt geben würde. War ich immer so? So kontaktarm? So antriebslos?
In jüngeren Jahren nicht, so viel weiß ich. Es war diese Geschichte damals, diese schreckliche Geschichte. Ich bin aus der Bahn gefallen. Weder ich noch mein Leben haben auf die alten Gleise zurückgefunden.
Ich bin ein fünfundsechzigjähriger, sehr einsamer Mann. Wenn ich allzu lange über meine Lebensbilanz nachdenke, werde ich schwermütig. Am besten lenke ich mich ab. Nur womit? Ich stehe morgens auf und frühstücke, und wenn ich das Geschirr gespült und die Küche gewischt habe, frage ich mich schon, weshalb ich eigentlich aufgestanden bin.
Dann liegt der Tag vor mir. Wie eine Ewigkeit.
Keine Struktur mehr. Der einzige Mensch, den ich regelmäßig sehe, ist meine Putzfrau. Isla. Sie kommt jeden Dienstag und bringt die Wohnung auf Hochglanz. Sie ist ziemlich einfältig, aber nett. Eigentlich würde ich gar keine Putzfrau brauchen, ich habe mehr als genug Zeit, meine Wohnung alleine sauber zu halten. Aber wenn ich Isla kündige, kommt überhaupt kein Mensch mehr zu mir, und alles wäre noch schrecklicher.
So weit ist es gekommen: Ich fiebere meiner Putzfrau entgegen.
Ich bin seit zwölf Jahren geschieden. Meine Ehe mit Alice hat die Tragödie, die uns zugestoßen ist, nicht überstanden. Es heißt oft, Schicksalsschläge schweißen Paare zusammen. Wir sind ein Beispiel dafür, dass das keineswegs immer der Fall ist. Der Kummer, die Schuldgefühle, die Vorwürfe … das alles hat uns, jeden Einzelnen von uns beiden, nach und nach aufgefressen. Und unsere Liebe getötet. Alice hat sich nicht ein einziges Mal mehr blicken lassen oder sich gemeldet, nachdem wir geschieden waren. Entfernte Bekannte haben mir einmal erzählt, sie hätten gehört, Alice lebe zusammen mit einer Frau in Cornwall. Ob als Paar oder nur als Freundinnen, wusste niemand zu sagen. Fand Alice die Ehe mit mir so schwierig, dass sie den Männern gleich ganz abgeschworen hat? Ich weiß es nicht.
Ich glaube, dass ich zu einem sehr wehleidigen Menschen geworden bin. Ich finde, das Leben hat mich nicht gut behandelt. Vielleicht noch bis in meine Vierziger hinein. Aber später lief dann alles aus dem Ruder, und es ist nie wieder gut geworden.
Aber da ist noch etwas. Etwas, das mich sehr beunruhigt. Seit vielleicht drei Wochen geht das so. Ich fühle mich irgendwie beobachtet. Mehrfach, als ich aus dem Fenster meiner Küche, die zur Straße hinausgeht, geblickt habe, sah ich einen Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen. Es gibt dort nichts, keine Bushaltestelle, keinen Taxistand, eigentlich nichts, weshalb man dort herumstehen müsste. Erst dachte ich, er warte auf irgendjemanden. Aber dann fiel mir auf, dass er mein Haus anstarrte. Er schaute nicht die Straße auf und ab, wie man es tut, wenn man auf jemanden wartet. Nein, er fixierte das Haus.
Am nächsten Tag sah ich ihn wieder. Dann war er zwei Tage lang verschwunden, und ich lachte über mich und darüber, dass ich mir Gedanken gemacht hatte. Aber am Tag darauf stand er wieder da. Und am nächsten und übernächsten. Dann wieder nicht, aber das ließ mich diesmal nicht mehr aufatmen. Denn natürlich, er tauchte wieder auf. Stand da und starrte.
Ich überlegte, ob ich rausgehen und ihn ansprechen sollte, aber ich verwarf den Gedanken. Was hätte ich sagen sollen? »Warum stehen Sie hier herum? Schauen Sie etwa mein Haus an?« Ich fürchtete, mich lächerlich zu machen. Er tat ja nichts Verbotenes. Man darf rumstehen und schauen. Es gibt kein Gesetz dagegen.
Ich blieb also, wo ich war. Beobachtete ihn durch die Küchenvorhänge. Ich hatte den Mann noch nie im Leben gesehen, konnte ihn allerdings auf die Entfernung vielleicht auch nicht genau erfassen. Jedenfalls lösten seine Physiognomie, seine schwarzen Haare, seine Körpergröße, seine breiten Schultern keinerlei Erkennen in mir aus.
Was will er?
Wahrscheinlich gibt es eine ganz harmlose Erklärung.
Ich werde mit Isla reden, wenn sie am Dienstag kommt. Vielleicht fällt ihr etwas dazu ein. Wie gesagt, Isla ist etwas einfältig, aber sie steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie ist immer sehr unaufgeregt.
Allerdings weiß sie nicht alles aus meinem Leben. Zum Glück nicht. Wahrscheinlich würde sie sonst nicht mehr für mich arbeiten. Aber dadurch kann sie natürlich auch nicht beurteilen, ob dieser Mann da draußen … ob er etwas mit den Ereignissen von damals zu tun hat. Aber gerade deshalb wird sie auf mich beruhigend wirken. Sehr paradox. Ein einziger Selbstbetrug. Ich lasse mich von jemandem beruhigen, der die Faktenlage nicht kennt. Der mich nicht beruhigen würde, wenn er sie kennen würde.
So bin ich. Ich drehe die Dinge, bis sie passen. Oder zu passen scheinen. Das ist der tiefere Grund für die Katastrophen in meinem Leben.