Montag, 22. Juli
Das Schönste am Sommer waren die hellen Morgen. Das Zweitschönste die großen Ferien.
Sophia Lewis, die seit frühester Kindheit zu den frühen Vögeln gehörte und winterliche Dunkelheit als eine Last empfand, die nur dazu diente, sie in ihrem Tatendrang zu bremsen, stieg wie immer in der warmen Jahreszeit pünktlich um sechs Uhr morgens auf ihr Fahrrad. Es gehörte einfach für sie dazu, es gab keinen besseren Start in den Tag. Eine große Runde fahren, die frische Luft einatmen, ihren Körper richtig anstrengen – und dann nach Hause kommen, eine prickelnd heiße Dusche, ein großer Becher Kaffee. Das war für sie der Inbegriff des guten Lebens.
Sophia war einunddreißig Jahre alt, sehr schlank und fit, eine Frau, die sich gerne bewegte. Sport war ihr Lebenselixier. Sie unterrichtete als Lehrerin für Mathematik und Physik an der Graham School in Scarborough. Bei den Schülern war sie beliebt, unter den Kollegen trotz ihres noch jungen Alters überaus geschätzt.
Als sie an diesem herrlichen Morgen, der wieder einen heißen Tag versprach, auf ihr Fahrrad stieg, dachte sie plötzlich inbrünstig: Es ist schön. Mein Leben ist schön.
Stainton Dale war ein Dorf, das aus weit verstreut liegenden Gehöften auf einer Hochebene über dem Meer bestand. Dazwischen dehnten sich Wiesen, von Weidezäunen, Hecken und Steinmauern durchzogen. Kleine Waldstücke, schmale Feldwege, sprudelnde Bäche. Ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten. Für Sophia einfach das Paradies.
Wenn es überhaupt so etwas wie einen Dorfkern gab, dann war es das kleine Postamt in der Prior Wath Road, um die Ecke der Kirche gelegen. Man konnte dort Briefmarken, Busfahrkarten und ein paar wenige Lebensmittel kaufen. Unweit entfernt stand eine rote Telefonzelle, die zudem die ansonsten nicht gekennzeichnete Bushaltestelle darstellte. Sophia wohnte ein Stück die Prior Wath Road hinauf, somit gewissermaßen im Zentrum des Ortes. An ihren Garten voller Blumen und Apfelbäume schlossen sich Wiesen und Felder an.
Sophia radelte die Straße hinunter, am Postamt vorbei, und bog auf die Landstraße. Hier fuhren selten Autos, um diese Uhrzeit und noch dazu in den großen Ferien überhaupt keine. Sophia trat kräftig in die Pedale. Es war noch frisch, die kühle Luft vom Meer lag über dem Boden. Sophia trug nur ein T-Shirt zu ihrer engen schwarzen Radlerhose, und sie hatte am Anfang etwas gefröstelt, aber das war in Ordnung. Sie wusste, wie schnell ihr warm werden würde.
Nach einigen Minuten verließ sie die Straße und bog nach rechts in einen breiten Feldweg ein. Er war voller Schottersteine, das Fahrrad rumpelte und hüpfte. Es ging an einer Farm vorbei, die etwas geduckt in einer Talsenke lag. Der Bauer stand draußen und betrachtete versonnen die Hühner, die zu seinen Füßen im Gras pickten.
»Hallo, Mrs. Lewis!«, rief er und winkte. »Sie sind wieder pünktlich auf die Minute!«
»Typisch Lehrerin eben!«, rief Sophia und winkte zurück. Die meisten Leute hier kannten sie. Obwohl sie in einem Vorort von Birmingham aufgewachsen war und dann in Manchester studiert und zunächst dort an einer Schule unterrichtet hatte, war sie bei ihrem Umzug ein Jahr zuvor hier in dieser ländlichen Abgeschiedenheit mit offenen Armen aufgenommen worden. Man mochte sie. Und man bewunderte ihre Sportlichkeit.
»Sie ist immer in Bewegung!«, sagten die Leute.
Und eigentlich stimmte das auch.
Sophia tauchte jetzt in ein Waldstück ein. Hier war der Weg sehr schmal und ging eine Weile recht steil bergauf. Die Belohnung wartete aber, denn vom höchsten Punkt an ging es dann ebenso steil wieder hinunter, dann öffnete sich der Wald, und der Weg führte durch eine Wiese, von der aus man über das Meer schauen konnte. Diese Stelle liebte Sophia am meisten.
Sie strampelte den Hang hoch, jetzt wurde ihr richtig warm, und die Anstrengung verursachte ein angenehmes Ziehen in den Beinmuskeln. Genau so, wie sie es gerne mochte. Das letzte Stück stellte sie sich in den Pedalen auf, jetzt musste sie mit aller Kraft treten. Das lag auch an dem unebenen Boden, auf einer asphaltierten Straße wäre es viel einfacher gewesen. Aber dann hatte sie den Hügelkamm erreicht, und vor ihr lag der Abhang, den sie gleich hinuntersausen würde. Um sie herum Bäume und der Frieden eines noch ganz frühen Sommermorgens. Ein paar Vögel zwitscherten, in der Ferne vernahm sie das Pochen eines Spechts. Sonst war alles still. Es war ein Gefühl, als sei man, bis auf die Tiere, alleine auf der Welt.
Sie stieß noch einmal kräftig in die Pedale, beugte sich etwas nach vorne und schoss los.
Es gab hier Wurzeln und Steine, aber Sophia kannte den Weg so gut, war vertraut mit jeder Erhebung, mit jedem Hindernis. Sie konnte es sich erlauben, in diesem Tempo den ziemlich steilen Hang hinunterzujagen. An einer ihr weniger bekannten Stelle hätte sie das nicht riskiert, aber hier gab sie sich ganz dem Rausch der Geschwindigkeit hin.
Es war herrlich. So herrlich.
Im Bruchteil einer Sekunde, ehe sie stürzte, sah sie den Draht, der über den Weg gespannt war. Er war dünn, aber dennoch zu erkennen. Zudem fielen frühe Sonnenstrahlen durch die dichten Baumwipfel, und in einem von ihnen blitzte es silbern auf.
Zu spät. Sie konnte nicht mehr reagieren. Nicht mehr bremsen. Schon gar nicht bei dieser Geschwindigkeit.
Sophia flog durch die Luft. Sie sah in schneller, wild wirbelnder Abfolge Bäume, kleine Stücke blauen Himmels, Sonne, Waldweg, Farn. Sie drehte einen Salto und dachte noch, dass es besser gewesen wäre, einen Helm anzuziehen. Dann krachte sie auf den Weg. Sie fühlte einen kurzen Schmerz, der sich weit weniger schlimm anfühlte, als sie gefürchtet hatte, eigentlich war er harmlos, alles nicht so tragisch … Dann war alles schwarz, und sie war weg.
Den Schuss hörte sie schon nicht mehr.