Mittwoch, 24. Juli
1
»Ich möchte wirklich mal wissen, wie du dir und uns eine solche Geschichte einbrocken konntest!«, sagte Jacob Paget missmutig. Er hatte gerade ein Gespräch beendet und das Telefon wütend auf den Tisch geknallt. »Das war dieser Jenkins von der North Yorkshire Police. Er will nachher noch mal kommen und mit uns sprechen.«
Xenia stand in der Küche und schälte Kartoffeln. Sie sah ihren Mann unglücklich an. »Ich weiß es doch nicht. Ich weiß nicht, warum das alles passiert ist.«
»Wenn auf einen geschossen wird, dann hat man doch eine Vorstellung, weshalb das so ist«, sagte Jacob, so, als sei das etwas, was jedem immer mal wieder passierte, was aber andere Menschen einordnen konnten, anstatt wie Xenia in Schrecken und Ahnungslosigkeit zu verharren.
»Ich weiß es nicht, Jacob.«
»Du bist sicher, dass du mit dem Typ kein Verhältnis hattest?«, fragte Jacob und schaute sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Und weil du Schluss gemacht hast, will der dich jetzt abknallen?«
Xenia hätte fast gelacht. Wann und wie hätte sie ein Verhältnis haben sollen, so scharf wie sie bewacht wurde? Zum Glück gelang es ihr rechtzeitig, das Lachen in ein Räuspern zu verwandeln. Jacob mochte es gar nicht, wenn man ihm das Gefühl gab, ihn nicht ernst zu nehmen.
»Auf jeden Fall war das das letzte Mal, dass du zu Maya nach Southend gefahren bist«, sagte er. »Ich war ja von Anfang an dagegen. Von denen kommt nichts Gutes!«
»Also, Maya war es jedenfalls nicht. Und ihr Mann auch nicht. Die können nichts dafür.«
»Trotzdem«, knurrte Jacob. Unvermittelt setzte er hinzu: »Und diese andere Frau, nach der die immer fragen – Sophia Lewis. Die kennst du wirklich nicht?«
»Nein. Ich schwöre es, Jacob. Ich habe den Namen noch nie gehört. Ich habe keine Ahnung.«
»Hm«, machte Jacob. Es klang so, als glaube er ihr kein Wort, allerdings klang er meistens so.
»Also, jedenfalls kommt dieser Jenkins gegen halb drei und kaut noch einmal alles mit uns durch. Ich weiß nicht, was der sich davon verspricht, wir haben doch alles gesagt. Ich meine, das kann ja wohl nur bedeuten, dass die Polizei glaubt, du hältst noch irgendetwas zurück.«
»Was soll ich denn zurückhalten?«
»Das weißt du«, sagte Jacob. »Das weißt du genau.«
»Du meinst …?«
»Tu nicht so. Tu nicht so, als hättest du nicht genau daran
auch schon gedacht!«
»Aber nach all der Zeit … Und ich schwöre, ich kannte diesen Mann nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.«
»Er könnte sich verändert haben. Gerade nach all der Zeit.«
Sie schüttelte den Kopf. »Die Augen. Das waren einfach nicht seine Augen.«
Jacob zuckte die Schultern. »Auf jeden Fall bist du schuld, dass wir jetzt den ganzen Ärger am Hals haben.«
Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, an sein Mitgefühl zu appellieren – er besaß einfach keine Warmherzigkeit, er wusste wohl nicht einmal, was das sein könnte –, aber dennoch sagte sie leise: »Du könntest ja auch einfach mal froh sein. Dass ich noch am Leben bin. Ich hätte sterben können!«
»Froh sein? Froh über diesen ganzen Mist? Polizei und das alles?«
»Froh, dass ich noch da bin.«
Er schnaubte verächtlich. »Du bist nicht unersetzlich, Xenia, wirklich nicht.«
Sie merkte, dass Tränen in ihr aufstiegen, und drängte sie mühsam zurück. Wieso schaffte er es eigentlich noch, sie zu verletzen? Nach all den Jahren hätte ihr, was ihn betraf, längst eine meterdicke Hornhaut auf der Seele gewachsen sein müssen. Aber wahrscheinlich lag es daran, dass er einfach ihre einzige Bezugsperson war. Sie hatte nur ihn. Egal, wie oft er sie trat, sie hing an ihm wie ein Hund an dem Menschen, zu dem er gehört und zu dem es keine Alternative gibt.
»Schau dich bloß einmal an«, fuhr Jacob fort. »Als ich dich kennenlernte, warst du ja noch ganz ansehnlich, aber inzwischen bist du nur noch fett, trägst unmögliche Klamotten, und man schämt sich, mit dir auf die Straße zu gehen.«
Jetzt konnte sie die Tränen doch nicht mehr zurückhalten. »Ich mache gerade eine Diät.«
»Die wievielte? Nummer eintausend? Es hat doch nie Erfolg. Du wirst immer dicker. Du hast einfach nicht die geringste Willenskraft!«
»Ich habe nicht genug Abwechslung. Jacob, ich bin so oft alleine. Ich sitze hier herum. Wenn ich arbeiten könnte, dann …«
»Dann würdest du genauso viel fressen. Das sind doch bloß dumme Ausreden.«
»Aber ich …«
Er machte eine drohende Bewegung auf sie zu, und sie verstummte. »Ich habe dich aus dem Dreck geholt, Xenia, vergiss das nicht«, sagte er leise. »Und wenn ich dich fallen lasse, bist du ganz schnell wieder ganz unten.«
Sie schluckte.
Er starrte sie an. »Ich weiß, was damals passiert ist. Und du weißt, dass du ins Gefängnis gehst, wenn ich damit rausrücke. Bei diesem Sergeant Jenkins heute Nachmittag zum Beispiel?«
Sie gab einen leisen Schreckenslaut von sich. Jacob grinste. »Keine Lust auf den Knast, wie? Dann lege dich nicht mit mir an, okay? Ich bin fast sicher, dass der Typ im Zug mit der Geschichte damals zu tun hat. Du kannst froh sein, wenn jetzt nicht alles auffliegt. Denn die Polizei wird stochern und stochern. Provoziere mich nicht, Xenia. Sonst mache ich vielleicht einen Fehler im Gespräch heute. Sage etwas, das nicht gesagt werden darf. Das passiert so schnell. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit reicht aus.«
»Jacob …«
»Sei vorsichtig«, sagte er lächelnd. »Sei einfach verdammt vorsichtig. Tu nichts, was mich ärgert. Hast du das verstanden?«
»Ja.« Sie hauchte es.
»Ich hoffe für dich, du vergisst es nicht«, sagte Jacob.
2
Sophia Lewis, das hatte DI Stewart in gestrigen wie heutigen Gesprächen mit ihren Kollegen festgestellt, war ein äußerst beliebter Mensch, durchaus gesellig, aber dabei offenkundig nicht freigiebig mit Informationen über sich selbst. Robert hatte die Liste, die Helen ihm gegeben hatte, gewissenhaft abgeklappert: Lehrerinnen und Lehrer der Graham School in Scarborough, soweit sie die großen Ferien zu Hause verbrachten und daher greifbar waren. Allzu viele waren das leider nicht.
Ausnahmslos stieß Robert Stewart auf Fassungslosigkeit und Entsetzen bei Sophias Kollegen. Eine junge Lehrerin war während des Gesprächs immer wieder in Tränen ausgebrochen. »Entschuldigen Sie bitte«, hatte sie geschluchzt, »aber ich kann nur noch an Sophia denken, seitdem ich es erfahren habe. Es ist so furchtbar. Wissen Sie, sie war so lebenslustig. Sport und Bewegung gingen ihr über alles. Sich vorzustellen, dass sie vielleicht für den Rest ihres Lebens im Rollstuhl sitzen muss …«
Wer kann sich das schon vorstellen, dachte Robert, bis es knallharte Realität für einen Menschen wird, ist niemand fähig, sich dieses Schicksal wirklich auszumalen.
Er wartete, bis die junge Frau sich beruhigt hatte, und stellte dann die Frage, die er auch an alle anderen richtete: »Hat Sophia Lewis Feinde? Unter den Schülern vielleicht? Sie unterrichtet Mathematik und Physik. Nicht gerade Fächer, die jedem liegen. Sehr anspruchsvoll. Mit Sicherheit gibt es Schüler, die ihr persönliches Versagen der Lehrerin zugeschoben haben?«
Alle dachten gründlich über diese Frage nach.
»Natürlich gibt es die«, sagte ein Kollege, der dieselben Fächer wie Sophia unterrichtete, »aber ich kenne niemanden, dem ich zutrauen würde, dass er oder sie deswegen einen Mordanschlag verüben würde.«
Das war der Punkt. Der Schuss aus der Pistole. Bei dem Draht räumten die meisten der Befragten ein, dass es Schüler geben mochte, die eine solche Aktion entweder witzig fanden oder sogar meinten, ein schmerzhafter Sturz geschähe einer Lehrerin recht, die einem das Zeugnis vermasselt hatte.
»Sie war ja erst seit einem Jahr bei uns. Aber natürlich gibt es Schüler, die größte Schwierigkeiten in ihren Fächern haben. Aber …«
Dass jemand auf sie geschossen hatte, blieb für alle unerklärlich. Es war eine Sache, einen Draht über den Weg zu spannen. Eine Schusswaffe zu benutzen war etwas anderes.
Zumal sie zwei Tage zuvor bereits in dem Zug von London nach York eingesetzt wurde, dachte Robert düster. Nach den Aussagen von DS Linville und Xenia Paget sowie der etlichen inzwischen vernommenen Reisenden hatte es sich bei dem Täter um einen zwar jungen Mann, aber keinesfalls mehr um einen Schüler gehandelt. Wobei er natürlich ein ehemaliger Schüler sein konnte. Weshalb sollte er dann auf Xenia Paget geschossen haben, einer aus Russland eingewanderten Hausfrau aus Leeds?
Auch die Frage stellte Robert jedem. »Sagt Ihnen der Namen Xenia Paget etwas? Oder hat Sophia Lewis je erwähnt, dass sie jemanden mit diesem Namen kennt?«
Alle dachten angestrengt nach, alle schüttelten nach einer Weile den Kopf. »Nie gehört. Wer soll das sein?«
Auch auf die Frage nach einem Mann in Sophias Leben bekam Robert keine Antwort, die ihn hätte weiterbringen können.
»Im Moment gibt es keinen«, sagte die junge Kollegin, die ständig mit den Tränen kämpfte. »Das wüsste ich. Sie war Single.«
Robert hatte Fotos von Sophia gesehen. Eine sehr hübsche Frau. »Aber es muss doch Männer in ihrem Leben gegeben haben, oder?«
»Seit sie hierhergezogen ist, war sie alleine. Und das ist ja noch nicht lange her. Wahrscheinlich gab es früher den einen oder anderen. Sie sprach manchmal von Freunden,
die sie früher hatte, aber es wurde nie ganz klar, ob das Liebesbeziehungen oder einfach nur Freundschaften waren. Ich glaube, sie lebt sehr eigenständig.«
Es war zum Verzweifeln. Eine Frau, die jeder kannte und mochte, die viele Kontakte hatte, deren Leben dennoch irgendwie undurchsichtig blieb. Anhand von Unterlagen, die Beamte in Sophias Haus gefunden hatten, wussten sie, dass sie an der Chorlton Highschool in Manchester unterrichtet hatte, ehe sie nach Scarborough gekommen war. Manchester war ein problematisches Pflaster. Militante Gangs beherrschten ganze Stadtteile, trieben auch in Schulen ihr Unwesen. Sie würden Befragungen dort vornehmen müssen. Und prüfen, ob es eine Verbindung von Xenia Paget in diese Stadt gab.
Am Mittag dieses Tages begab Robert sich in die Klinik, in der Sophia Lewis noch immer auf der Intensivstation lag, und bat um ein kurzes Gespräch mit dem behandelnden Arzt. Dr. Dane wirkte übernächtigt, gehetzt und gestresst, aber er führte Robert in sein Zimmer, ein winzig kleines Büro, und ließ ihn jenseits des Schreibtisches Platz nehmen. Er selbst blieb ans Fenster gelehnt stehen.
»Zehn Minuten«, sagte er, »höchstens, Inspector, so leid es mir tut. Hier reicht die Zeit nie.«
Robert nickte. »Ich weiß, ich bin lästig. Aber wir haben ein wirklich scheußliches Verbrechen aufzuklären …«
Dr. Dane nickte. »Selbstverständlich. Unfassbar, was dieser Frau angetan wurde. Ihr Leben wird nie wieder dasselbe sein. Nicht einmal annähernd.«
»Das Problem ist«, sagte Robert, »dass wir im Moment einfach nicht weiterkommen. Wir durchforsten Sophia Lewis’ Leben, aber es findet sich einfach kein Anhaltspunkt. Aber das Schlimmste ist, dass uns gleichzeitig die Zeit wegrennt. Die ersten Tage nach einem Verbrechen sind die wichtigsten, und sie verstreichen, weil wir mit der einzigen Person, die uns weiterhelfen könnte, nicht sprechen können. Mit Sophia Lewis.«
»Verstehe«, sagte Dane. »Aber Sophia Lewis ist nicht vernehmungsfähig. Sie hat bei dem Sturz einen Schlaganfall und dadurch eine Aphasie erlitten.«
»Ja, meine Kollegin hat mir das bereits berichtet, aber wieso löst ein Sturz denn einen Schlaganfall aus?«
»Das ist durchaus nicht ungewöhnlich. Durch den harten Aufprall ist es zu einer Dissektion der Arteria carotis gekommen. Das bedeutet, die innere Schicht der Gefäßwand ist eingerissen. Durch so etwas gelangt Blut in die Gefäßwand, und daraus kann sich ein Blutgerinnsel bilden. Das ist bei Sophia Lewis geschehen und hat zu einer Embolie im Gehirn geführt. Dabei wurde das Sprachzentrum in Mitleidenschaft gezogen.«
»Das klingt entsetzlich.«
»Ich bin sehr sicher, dass sie irgendwann wieder sprechen kann. Sehr viel problematischer ist die Fraktur des siebten Halswirbels.«
»Die Querschnittslähmung? Sind Sie sicher, dass keinerlei Hoffnung besteht?«
»Aller Wahrscheinlichkeit nach ja. Sie wird weder Arme und Beine je wieder bewegen können, davon ist leider auszugehen.«
»Du liebe Güte«, murmelte Robert. Er spürte das dringende Bedürfnis, den Knoten seiner Krawatte zu lockern, versagte es sich jedoch. Er wollte vor diesem Arzt, der mit all diesen unangenehmen Dingen, von denen er gerade sprach, jeden Tag zu tun hatte, nicht wie ein Weichei dastehen. »Aber wie geht es weiter? Gibt es derzeit überhaupt keine Möglichkeit für mich, mit ihr zu kommunizieren?«
»So sehr ich es bedaure: nein. Sie kann weder sprechen noch schreiben noch sonstige Signale senden. Ihre Vitalparameter sind schlecht. Ich könnte zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Vernehmung, wie auch immer sie aussieht, nicht verantworten.«
Das sah Robert ein. Er stand auf. »Vielen Dank, Doktor. Es tut mir leid, dass ich mich so aufdränge. Ich würde nur so gerne denjenigen schnappen, der ihr das angetan hat.«
»Das verstehe ich absolut«, sagte Dr. Dane. »Auch ich wäre froh, wenn Ihnen das gelänge. Wer immer das getan hat – er hätte das Leben eines anderen Menschen nicht konsequenter zerstören können.«
Höchstens dadurch, dass er den Schuss besser platziert hätte, dachte Robert, während er das Krankenhaus verließ, was sehr einfach gewesen wäre, völlig hilflos, wie sie dagelegen haben muss. Dann wäre sie jetzt tot. Weshalb ging dieser Schuss daneben?
Er stand in der Hitze auf dem Parkplatz und überlegte.
Weil der Täter wusste, dass er sie härter trifft, wenn er sie zu einem Leben im Rollstuhl verurteilt, als wenn er sie einfach tötet?
Warum schießt er oder sie dann überhaupt?
Schwierigkeiten, jemanden einfach in den Kopf zu schießen?
Wenn es sich um den Täter aus dem Zug handelt, ist es ein Mann. Er zeigte im Zug keine Hemmungen.
Allerdings macht es einen Unterschied, aus ein paar Schritt Entfernung zu schießen oder jemandem die Waffe direkt an die Schläfe zu halten und dann abzudrücken.
Robert musste an die tote Frau und ihre Kinder in der Wohnung über der Nordbucht denken. Jayden White jedenfalls hatte kein Problem mit Kopfschüssen gehabt.
Trotz der Hitze fröstelte er. Plötzlich vermisste er den Chef. So nannte er ihn insgeheim immer noch. DCI Caleb Hale. Der Chef. Obwohl er selbst jetzt der Chef in dieser Ermittlung war. Aber so fühlte er sich nicht. Aus irgendeinem Grund hatte er geglaubt, allein die Tatsache, in der ersten Reihe zu stehen und den Ton anzugeben, würde ihn mit der gelassenen Souveränität ausstatten, die man in dieser Position brauchte. Aber das funktionierte nicht, er fühlte sich stattdessen unsicher und ratlos, und er hätte etwas darum gegeben, Caleb jetzt neben sich zu haben und sich mit ihm zu beraten, so wie früher. Eigentlich waren sie ein sehr gutes und eingespieltes Team gewesen.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er sehnte sich plötzlich sogar nach dieser Kate Linville, die am ersten August anfangen würde, obwohl er sie kaum kannte und als so unscheinbar empfand, dass er sich ihr Gesicht nicht merken konnte. Er hätte sie nicht eingestellt, aber der Chef hatte in den höchsten Tönen von ihr geschwärmt. Okay, sie hatte zwei Fälle hier in Scarborough gelöst, allerdings ohne ermächtigt gewesen zu sein und mit ausgesprochen eigenwilligen Methoden. Egal, sie würde seine Mitarbeiterin sein, und in jedem Fall war selbst eine in seinen Augen zweifelhafte Mitstreiterin besser als gar keine. Auf Helen Bennett konnte er nicht richtig zählen, sie hatte sich inzwischen so sehr auf die Psychologie verlegt, dass sie den Bezug zur alltäglichen Ermittlungsarbeit ein Stück weit verloren hatte.
Er atmete tief ein. Es half nichts, er musste jetzt einfach erst mal alleine klarkommen. Er zückte sein Handy. Er würde DS Jenkins in York anrufen. Er wusste, dass er heute noch einmal zu Xenia Paget ging. Er sollte überprüfen, ob es eine Verbindung zu Manchester gab.
3
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Constable Mia Cavendish freundlich. Sie war fast glücklich, dass jemand in die Polizeiwache in Camborne kam. Es war absolut nichts los an diesem Tag. In London erklärte die Premierministerin ihren Rücktritt, aber was immer das an Auswirkungen haben würde: Bei Mia Cavendish kam nichts davon an. Cornwall lag unter einer Hitzeglocke, so wie der größte Teil des Landes, und es waren jede Menge Touristen unterwegs, aber eigentlich brütete alles nur vor sich hin. Vielleicht war es einfach zu heiß.
Die etwa fünfzigjährige Frau trat zögernd näher. »Ja … vielleicht …«
»Was führt Sie denn zu mir?«
»Vielleicht ist es lächerlich, aber meine Lebensgefährtin ist verschwunden. Seit Sonntag.«
»Seit Sonntag? Und was heißt genau verschwunden?«
»Sie hat am Sonntagmittag unser Haus verlassen. In Redruth.«
Redruth war die nächste Kleinstadt. PC Cavendish nickte. »Wohin wollte sie?«
»Sie wollte nach Barnstaple. Sie hatte dort einen dreitätigen Workshop gebucht. Familienaufstellung, Selbsterfahrung … solches Zeugs.«
Aus der Art, wie ihr Gegenüber solches Zeugs
sagte, schloss Cavendish, dass die Lebensgefährtinnen unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Sinnhaftigkeit von Selbsterfahrungsgruppen hatten.
Sie nahm einen Stift zur Hand. »Sagen Sie mir doch bitte erst einmal Ihren Namen.«
»Munroe. Constance Munroe.«
»Sie leben in Redruth?«
Constance Munroe nannte ihre genaue Anschrift.
»Und Ihre Lebensgefährtin?«
»Alice Coleman. 57 Jahre alt. Sie wohnt unter derselben Adresse wie ich.«
PC Cavendish notierte alles sorgfältig. »Und Mrs. Coleman fuhr also am Sonntag los in Richtung Barnstaple?«
»Ja. Nach einem heftigen Streit.«
»Verstehe. Sie halten nichts von solchen Seminaren?«
Constance Munroe biss sich auf die Lippen. »Ehrlich gesagt … nicht so viel. Vor allem macht Alice ständig so etwas. Sie ist ganz selten zu Hause, weil sie immerzu auf solchen Seminaren herumhängt. Wenn ich Glück habe, dann ist es eines, das halbwegs in der Nähe stattfindet, so wie diesmal in Barnstaple. Aber sie ist auch schon bis nach Schottland hinaufgefahren, dann kommt auch noch die lange Reise dazu. Eigentlich haben wir kaum noch ein gemeinsames Leben.«
»Was macht Mrs. Coleman denn beruflich? Offenbar ist sie zeitlich flexibel?«
»Sie hat in einem medizinischen Labor gearbeitet. Aber sie ist vor zwei Jahren in Frührente gegangen, weil sie körperlich nicht mehr in der Lage war, ihren Beruf auszuüben. Sie hat diese zitternden Hände …«
»Parkinson?«, fragte Mia anteilnehmend.
»Nein. Es ist eher psychosomatisch bei ihr. Wissen Sie, Alice leidet unter Depressionen, zeit ihres Lebens schon, aber es wurde mit den Jahren immer schlimmer. Sie nimmt regelmäßig Medikamente deswegen, aber es wird nicht wirklich besser.«
»Daher auch die vielen Selbstfindungsseminare«, schlussfolgerte Mia. Sie hoffte, dass Alice Coleman einfach nur nach einem Streit abgetaucht war und sich nichts angetan hatte. Bei Depressiven war das leider nicht auszuschließen.
»Was machen Sie denn beruflich, Mrs. Munroe?«, fragte sie.
»Ich bin Lehrerin an einer Gehörlosenschule in Truro. Ich verdiene wirklich nicht viel, aber inzwischen finanziere ich alles bei uns. Alices winzige Rente geht für ihre Seminare und die Reisen drauf. Ich kann mir persönlich überhaupt nichts mehr leisten, weil ich die Miete bestreite und überhaupt unseren Lebensunterhalt.« Constance Munroe schien den Tränen nahe. »Aber das Schlimmste ist, dass sie immer weg ist und ich immer alleine bin. Und diesmal …«
»Ja?«
»Also wir hatten Streit und sie brach nach Barnstaple auf. Mit meinem Auto.«
»Großzügig von Ihnen. Unter diesen Umständen.«
»Na ja, Alice leidet in öffentlichen Verkehrsmitteln unter Klaustrophobie, und ich will nicht kleinkariert sein, obwohl es bedeutet, dass ich dann zur Arbeit den Bus nehmen muss. Jedenfalls hörte ich dann nichts mehr von ihr. Normalerweise gibt sie Bescheid, wenn sie angekommen ist. Ich dachte aber, das liegt an dem Streit. Ich schrieb ihr am Montag eine WhatsApp und fragte, ob alles okay ist, aber sie hat sie nicht mal gelesen. Ich war dann auch sauer und habe mich nicht mehr gemeldet. Aber heute hätte sie zurückkommen müssen. Nach dem Frühstück wollte sie aufbrechen. Von Barnstaple aus ist sie zwei Stunden unterwegs, höchstens drei bei sehr schlimmem Verkehr. Deshalb war ich sicher, dass sie da ist, wenn ich um ein Uhr aus der Schule komme. Aber sie war nicht da. Auch das Auto nicht.«
»Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen, aber das ist doch kein Grund, eine Vermisstenmeldung aufzugeben«, meinte Mia. »Vielleicht hat sich Mrs. Coleman in Barnstaple mit einer anderen Teilnehmerin verquatscht. Vielleicht hat sie noch einen Ausflug an die Küste unternommen. Ehrlich gesagt – ich
täte das bei der Hitze, wenn ich die Zeit dazu hätte!«
Constance schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe nämlich vorhin bei der Leiterin des Seminars angerufen. Die Handynummer habe ich auf Alices Schreibtisch in ihren Unterlagen gefunden. Und da habe ich erfahren, dass Alice überhaupt nicht in Barnstaple aufgetaucht ist. Am Sonntag. Sie ist nicht erschienen und hat an dem Seminar nicht teilgenommen.«
»Ohne sich abzumelden?«
Constance nickte. »Ohne sich abzumelden. Die Dame hat mehrfach versucht, Alice auf ihrem Handy zu erreichen, aber sie ist immer nur auf der Mailbox gelandet. Unsere Festnetznummer hatte sie nicht.«
»Hm«. Das verkomplizierte alles. Alice Coleman schien sehr an dem Seminar gelegen gewesen zu sein – so sehr, dass sie einen Riesenkrach mit ihrer Lebensgefährtin deswegen in Kauf genommen hatte. Und dann sprang sie plötzlich ab? Fuhr irgendwohin, sagte niemandem ein Wort und tauchte einfach unter? Andererseits – manchmal taten Menschen genau das
nach einem heftigen Streit.
»Mrs. Munroe«, begann sie, aber Constance unterbrach sie: »Ich habe solche Angst, dass sie einen Unfall hatte. Schon am Sonntag. Aber das wüsste ich, oder? Sie hatte jede Menge Unterlagen dabei, auf denen auch unsere gemeinsame Adresse vermerkt ist. Ihr Handy, mit vielen eingespeicherten Nummern, vor allem auch meiner. Man hätte mich verständigt, oder?«
»Mit Sicherheit.« Davon war Mia überzeugt. »Dennoch, ich notiere mir jetzt das Kennzeichen. Ich prüfe, ob es möglicherweise einen Unfall gegeben hat. Ich halte das allerdings auch für ziemlich unwahrscheinlich.«
Constance diktierte ihr das Kennzeichen. Sie sah noch immer sorgenvoll und bekümmert aus. »Wenn ihr an einer einsamen Stelle etwas zugestoßen ist? Mit dem Auto? Und es hat sie einfach niemand gefunden?«
Mia schüttelte den Kopf. »Wären wir hier in den Weiten der kanadischen Wildnis … Aber in Cornwall und Devon gibt es so einsame Stellen praktisch gar nicht mehr. Leider. Schon überhaupt nicht in der Hauptreisezeit des Jahres.«
»Ja, aber dann bleibt nur ein Verbrechen?«
Mia setzte ein beruhigendes Lächeln auf. »Daran würde ich nun gar nicht denken. Wirklich. Sie hatten Streit, Ihre Lebensgefährtin war wütend. Fing aber vielleicht auch an, die Seminare in Frage zu stellen, nachdem es ja darum in der Auseinandersetzung ging. Sie hat sich irgendwohin zurückgezogen und überdenkt manches. Das halte ich für die allerwahrscheinlichste Erklärung. Natürlich ist das nicht gerade fair Ihnen gegenüber, aber das macht sie sich vielleicht einfach nicht klar.«
Constance seufzte tief. »Nein, Constable«, sagte sie, »das halte ich ganz und gar nicht für eine wahrscheinliche Erklärung. Alice hat große psychische Probleme und Schwierigkeiten, mit dem Leben klarzukommen, und ja, ihre Depressionen lassen sie manchmal rücksichtslos gegenüber anderen agieren, weil sie dann nur noch sich selbst sieht. Aber sie würde mich nicht tagelang größten Sorgen aussetzen, egal, wie sauer sie auf mich ist. Sie würde mir auch nicht über die geplante Absprache hinaus mein Auto vorenthalten, weil sie weiß, dass alles, auch Einkäufe und so weiter, für mich ohne Auto sehr schwierig werden. Ich denke einfach, so weit würde sie nicht gehen.«
»Ich gehe der Frage nach einem Unfall nach«, versprach Mia.
Constance kramte in ihrer Handtasche und reichte Mia ein Foto über den Tisch. »Das ist Alice.«
Mia betrachtete die Aufnahme. Ein Schnappschuss am Meer. Der Wind spielte in Alice Colemans schulterlangen Haaren. Die Sonne schien, das Wasser glitzerte. Alice lächelte. Es wirkte angestrengt und nicht echt.
»Ich behalte das Bild erst einmal«, versprach Mia. Eine Großfahndung konnte sie nicht veranlassen. Bislang gab es keinen Anhaltspunkt für ein Verbrechen.
Constance starrte sie aus großen, angstvollen Augen an. »Es ist etwas passiert. Ganz sicher. Es gibt keine andere Erklärung. Alice ist nicht in der Lage, sich mit mir in Verbindung zu setzen, und das bedeutet, dass ihr etwas zugestoßen ist. Ich bin hundertprozentig sicher, Constable. Und ich habe furchtbare Angst!«