Freitag, 26. Juli
Es sah noch alles andere als wohnlich aus in ihrem Haus, aber Kate hatte zumindest ihr Bett bezogen und die Handtücher im Bad aufgehängt; sie würde schlafen und am nächsten Morgen duschen können. Die meisten Dinge, die sie besaß, steckten noch in den Kisten, die sich überall im Haus verteilt stapelten. Im Wohnzimmer standen zwei kleine Sofas einander gegenüber, dazwischen ein Tisch, und auch der Fernseher war angeschlossen, funktionierte aber nicht. Kate gab es nach einigem Herumprobieren mit der Fernbedienung genervt auf.
Die Küchentür, die zur Terrasse und zum Garten hinausführte, stand offen, die Hitze, die selbst jetzt am Abend noch anhielt, strömte ins Haus. Sie vertrieb den etwas modrigen Geruch in den Räumen, die monatelang geschlossen gewesen waren. Kate, der der Stress des Umzugstages noch in allen Knochen steckte, begann sich langsam zu entspannen. Dazu mochte auch der Sekt beigetragen haben, den die Nachbarin mit ihr über den Gartenzaun hinweg zur Begrüßung getrunken hatte. Die Nachbarin war eine einsame, manchmal etwas aufdringliche Frau, von deren neugieriger Wachsamkeit Kate jedoch immer wieder einen Nutzen gehabt hatte: Die Nachbarin hatte damals entdeckt, dass die Mieter Kates Haus verlassen und zuvor völlig verwüstet hatten. Und die Nachbarin war es auch gewesen, die fünf Jahre zuvor Kates Vater gefunden hatte. Er war mitten in der Nacht in seinem eigenen Haus ermordet worden.
»Noch ein paar Tage, und es wird hier ganz gemütlich aussehen«, sagte Kate laut. Es war ein Trost für sich selbst. Denn das wirklich Traurige an diesem Umzug und an diesem Neuanfang war: Sie war immer noch alleine. Es würde wie gehabt nur ein Zahnputzbecher im Bad stehen, und sie würde nach wie vor nur ihre eigene Wäsche waschen. Sie hätte gerne darüber gestritten, wer den Müll rausbrachte, wenn nur jemand zum Streiten da gewesen wäre. Sie war vierundvierzig Jahre alt und hatte noch nie eine längere Beziehung gehabt. Sie vermutete, dass der Zug endgültig abgefahren war.
Sie warf einen Blick in den Garten: Messy saß mitten auf dem Rasen in der Abendsonne und schien äußerst zufrieden. Immerhin. Kate begann den ersten Küchenkarton auszupacken. Der Kaffeeautomat stand schon auf der Anrichte, aber sie brauchte für den nächsten Morgen einen Becher, einen Löffel und die Zuckerdose.
Es klingelte an der Haustür.
Wahrscheinlich wieder die Nachbarin, dachte sie etwas genervt. Die Frau war nett und fürsorglich, aber Kate ahnte schon, dass sie deutliche Grenzen würde setzen müssen, wollte sie von ihr nicht ständig vereinnahmt werden.
Sie öffnete die Haustür. Vor ihr stand Caleb Hale. Er hielt zwei Pizzakartons in den Händen.
»Ich dachte mir, Sie haben vielleicht Hunger nach diesem Tag«, sagte er.
Sie lächelte und öffnete weit die Tür. »Das kommt wie gerufen«, antwortete sie.
Sie saßen auf der Terrasse, aßen die Pizza direkt aus den Kartons und hatten eine Flasche Rotwein zwischen sich stehen, die Kate aus London mitgebracht hatte. Früher hatte sie Caleb nie Alkohol angeboten, da sie sein Problem kannte, aber ohne dass sie beide es ausgesprochen hatten, waren sie sich stillschweigend einig: In diesem Punkt musste niemand mehr eine Show abziehen.
»Sie fangen nächste Woche Donnerstag bei uns an?«, fragte Caleb, nachdem sie beide eine Weile einfach nur gegessen hatten – Kate hungriger, als es ihr bewusst gewesen war.
Sie schüttelte den Kopf. »Regulär wäre es so gewesen, aber ich habe beschlossen, am Montag zu beginnen. Ich hänge in dem aktuellen Fall sowieso schon drin, und ich vermute, DI Stewart kann jede Unterstützung brauchen.«
Caleb nickte. »Das stimmt. Er wird Ihnen die Füße küssen, Kate. Sergeant Helen Bennett hält mich treu auf dem Laufenden – was bitte unter uns bleibt –, und sie sagte, dass Stewart ziemlich schwimmt. Zu wenig Personal.«
»Caleb, ich wünschte …«, begann Kate, aber er winkte ab. »Ich weiß. Ich bin ein Trottel. Ich hätte mir das auch anders gedacht. Ganz anders.«
»Wer hat Sie dem Superintendenten gemeldet?«
»Stewart. Angeblich war die Situation nicht mehr tragbar für ihn.«
»Nicht ganz von der Hand zu weisen.«
»Nein. Aber ich hätte es fairer gefunden, wenn er zuerst mit mir gesprochen hätte.«
Sie schwieg. Sie verstand seine Verbitterung. Sein Gefühl, verraten worden zu sein von einem Menschen, dem er vertraute.
Sehr heftig sagte er plötzlich: »Ich habe keinen benennbaren Fehler gemacht, Kate. Bei der Sache mit dem Typen, der seine Familie erschossen hat. Ich bin die Situation wieder und wieder durchgegangen, jeden einzelnen Moment – in nüchternem Zustand. Ich sehe keine Stelle, an der ich anders gehandelt hätte. Ich sehe keine Stelle, an der ich anders hätte handeln können
.«
Kate nickte. »Nach allem, was ich darüber gelesen habe, sehe ich die auch nicht.«
Er starrte sie verzweifelt an und fügte dann leise hinzu: »Und doch gibt es Augenblicke … Wissen Sie, ich habe nicht gelallt und geschwankt oder alles doppelt gesehen. Ich habe unter der Hitze gelitten und darunter, dass es keinen Schatten gab, und das hing in dieser Heftigkeit sicher mit dem Alkohol in meinem Körper zusammen. Aber ich war klar im Kopf. Doch ich frage mich …«
»Was?«
»Als ich mit ihm sprach. Mit Jayden White. Als ich ihn am Handy hatte. Habe ich eben doch den entscheidenden Fehler gemacht, als ich ihn auf sein Problem ansprach? Diese Geldgeschichte. Ich habe versucht, ihm Mut zu machen, aber es war der Moment, in dem er ausgestiegen ist. Als ich das Geld erwähnte.«
»Das hätte ich auch gemacht, Caleb. Auch Helen Bennett hätte es angesprochen, und sie ist ausgebildet für so etwas. Die einzige Chance, ihn zur Umkehr zu bewegen, war die, ihm die Panik zu nehmen und das Gefühl der Ausweglosigkeit. Man musste versuchen, ihm klarzumachen, dass es Möglichkeiten für ihn gibt, aus der Misere rauszukommen, und zwar andere als die, seine Familie und sich selbst zu erschießen. Dazu mussten Sie es ansprechen, Caleb. Es ging nicht anders.«
»Ich weiß. Aber wäre ich nüchtern gewesen, hätte ich feinere Schwingungen aufnehmen können? Ein guter Verhandler weiß in einer solchen Situation, wann er das Thema anspricht und wann er es wieder verlässt, um die Spannung rauszunehmen. Er muss empfänglich sein für nahezu unmerkliche Veränderungen in der Atmosphäre. Ich weiß einfach nicht, Kate, ob ich, nicht alkoholisiert, gespürt hätte, dass Jayden zunehmend in Stress geriet. Ob ich gespürt hätte, dass er mich jeden Moment aus der Leitung werfen und dann durchdrehen würde. Vielleicht gab es Hinweise. Vielleicht hätte ich reagieren können, wenn ich sie wahrgenommen hätte.«
Es war schwierig, etwas darauf zu sagen. Kate wusste, dass er recht hatte: Es konnte sein, dass er nicht klar genug gewesen war, die kurz bevorstehende Katastrophe zu erkennen, um sie möglicherweise noch abzuwenden. Es konnte genauso gut sein, dass es keinerlei Anzeichen gegeben hatte, dass die Geschichte denselben dramatischen Verlauf genommen hätte, ganz gleich, wer Whites Verhandlungspartner gewesen wäre. Es war unmöglich, die Situation im Nachhinein objektiv zu beurteilen, jeder Gedanke dazu war reine Spekulation. Das Schlimme für Caleb war: Durch seinen Promillegehalt war er schuldig. Einfach nur dadurch. Es musste sich niemand mehr die Mühe machen, weitere Faktoren ins Feld zu führen oder komplexe Überlegungen anzustellen. Detective Chief Inspector Caleb Hale hatte versagt.
Das war alles.
»Caleb, ich …«, begann sie, aber erneut ließ er sie nicht zu Ende sprechen.
»Nein, Kate. Ich weiß, Sie wollen mich trösten, aber Sie wissen genauso gut wie ich, dass mir nicht mehr zu helfen ist. Sie müssen sich nicht das Hirn zerbrechen, um irgendetwas zu finden, was mich freispricht, denn das gibt es nicht. Das wissen wir beide. Entschuldigen Sie. Ich musste es nur einmal loswerden. Lassen Sie uns über den aktuellen Fall sprechen. Ich weiß, in welche Gefahr Sie in dem Zug geraten sind. Ich bin wirklich froh, dass Sie noch am Leben sind.«
Sie war dankbar, dass er das Thema wechselte. »Und ich erst. Auf einer Zugtoilette meine letzten Atemzüge zu tun war nicht das, was mir je vorgeschwebt hat. Aber der Fall ist bizarr, nicht wahr? Vor allem durch dieses Attentat auf die Lehrerin aus Stainton Dale.«
Er musterte sie interessiert. »Was ist Ihre Einschätzung?«
»Sind Sie auf dem Laufenden?«
Er nickte. »Wie ich sagte, bin ich ziemlich gut informiert dank Helen. Ich weiß natürlich nicht, ob Sie überhaupt mit mir über das alles reden wollen.«
Sie musste plötzlich lachen. »Warum nicht? Wir haben eine Umkehrung der Situation, nicht wahr? Ich ermittle offiziell, und Sie assistieren vom Rand aus.«
Sie spielte auf die beiden anderen Fälle an, die sie in Scarborough gelöst hatte. Caleb war der leitende Ermittler gewesen, sie hatte sich ohne Legitimation eingemischt.
Auch er musste lachen. »Aber Sie scheinen entgegenkommender zu sein, als ich es war. Sie sprechen mit mir darüber. Ich war ziemlich abweisend.«
»Nicht nur. Manchmal haben Sie auch mit mir gesprochen.« Sie überlegte. »Ich tappe, ehrlich gesagt, mit meiner Einschätzung noch sehr im Dunkeln«, sagte sie dann. »Ich habe mit Xenias Freundin gesprochen, bei der Xenia zu Besuch war, ehe im Zug auf sie geschossen wurde. Die Freundin hat weder eine Idee, was der Grund dafür sein könnte, noch ist ihr ansonsten etwas aufgefallen während des Besuches. Sie ist aufrichtig ahnungslos. Allerdings hat sie mir bestätigt, dass Xenia in einer ziemlich unglücklichen Ehe mit einem übellaunigen Despoten lebt. Jedoch zögerte, sich zu trennen. Ihre Freundin meint, sie habe vor irgendetwas Angst. Ob das die nachvollziehbare Furcht vor einem schwierigen Schritt ist oder ob mehr dahintersteckt, konnte sie mir nicht sagen.«
»Vielleicht hat sie Angst, als gebürtige Russin in einem fremden Land alleine zu leben?«
»Xenia spricht perfekt Englisch, sie gibt sogar Sprachkurse für Ausländer. Sie käme mit Sicherheit gut zurecht – wahrscheinlich besser als mit diesem Mann, der sie tyrannisiert und einengt.«
»Gerade wenn sie bisher unterdrückt wurde, kann es sein, dass sie Angst vor der Freiheit hat. Das ist ein Phänomen, das einem immer wieder bei eingeschüchterten Menschen begegnet. Das Selbstbewusstsein ist auf dem Nullpunkt.«
»Kann sein. Ich glaube aber, dass mehr dahintersteckt. Xenia hält mit irgendetwas hinter dem Berg, das wichtig sein könnte. Ob es mit ihrem Mann zu tun hat, ist allerdings fraglich.«
»Mit Sophia Lewis?«
»Sowohl sie als auch ihr Mann erklären, sie nicht zu kennen, nie den Namen gehört zu haben. Jenkins sagt, sie klingen dabei überzeugend. Ich habe gestern noch mit ihm telefoniert. Er hat versucht herauszufinden, ob es eine Verbindung Xenias oder ihres Mannes nach Manchester gibt, weil Sophia Lewis dort längere Zeit gelebt und unterrichtet hat. Fehlanzeige. Beide waren nie in Manchester, kennen dort auch niemanden.«
»Zumindest behaupten sie das.«
»Unter diesem Vorbehalt ist das natürlich alles zu sehen: Wir wissen nicht, ob sie die Wahrheit sagen.«
»Xenia Paget anscheinend nicht in jedem Punkt, wenn Ihr Gefühl stimmt.«
»Ja.«
»Sie haben den Mann im Zug gesehen. Würden Sie ihn wiedererkennen?«
Kate zuckte die Schultern. »Ich weiß es nicht. Es ging alles so schnell. Ich habe ihn auch nur ganz kurz gesehen. Ich fürchte, ich würde ihn nicht erkennen. Aber es gibt ein Phantombild. Xenia konnte ihn gut beschreiben, weil er ihr ja lange Zeit gegenübersaß. Das Bild war in mehreren Zeitungen der Region. Es gab wie immer etliche Meldungen, aber es scheint nichts Brauchbares dabei zu sein.«
»Wie werden Sie jetzt vorgehen, Kate?«
»Ich möchte mir selbst einen Eindruck von Jacob Paget verschaffen und werde deshalb ihn und Xenia noch einmal aufsuchen. Aber vor allem werde ich im Leben von Sophia Lewis graben. Es ist sehr schwierig, weil sie nicht vernehmungsfähig ist, aber es muss einen Schnittpunkt in ihrem Leben mit Xenia Paget geben, und vermutlich habe ich den Täter, wenn ich diesen Schnittpunkt finde.«
»Irgendeine Vermutung?«
Sie schüttelte den Kopf. »Keine. Nichts. Es gibt da auch etwas, was ich überhaupt nicht verstehe: Warum hat der Täter Sophia Lewis nicht erschossen? Es wäre so einfach gewesen. Er schießt ein großes Stück daneben. Weshalb? Im Zug schoss er sehr gezielt und mehrfach auf Xenia, er schien keine Hemmschwelle zu haben. Weshalb war das bei Sophia Lewis anders?«
»Weil es zu nah gewesen wäre? Blut, Gehirnmasse … Das muss man aushalten können.«
»Vielleicht. Tatsache ist …« Sie zögerte.
»Ich mache mir Sorgen«, sagte sie dann. »Es hat zwei Mordanschläge auf zwei Frauen gegeben. In beiden Fällen ist der Täter nicht zum Ziel gekommen. Beide Frauen sind am Leben. Sie könnten eine Gefahr für den Täter darstellen. Xenia Paget dann, wenn sie sich entschließt zu sagen, was sie bislang zurückhält. Und Sophia Lewis, wenn sie wieder kommunizieren kann.«
»Sie meinen, er wird es wieder versuchen?«
»Ich meine, er muss
es womöglich wieder versuchen. Zu seiner eigenen Sicherheit.«
»Sophia Lewis braucht Polizeischutz im Krankenhaus«, sagte Caleb. »Sie ist ja vollständig wehrlos.«
Kate nickte. »Ich habe schon mit Stewart gesprochen. Sie postieren einen Beamten vor ihrer Tür. Sie können sich denken, wie er jammert, bei dem Personalmangel. Es ist unmöglich, auch für Xenia jemanden rund um die Uhr abzustellen, aber Jenkins lässt stündlich eine Streife an ihrem Haus vorbeifahren. Er hat ihr eingeschärft, vorsichtig zu sein. Aber wir beide wissen …«
»… dass ein entschlossener Täter an sein Ziel kommt«, ergänzte Caleb. »Die einzige Hoffnung ist, dass Sie ihn schnell fassen, Kate.«
Sie seufzte. Der Abend war warm und golden, es war schön, zu Hause zu sein, es war schön, dass Caleb da war. Dieser Abend hätte einer der seltenen Momente sein können, in denen sich in ihrem Leben alles gut anfühlte, selbst wenn ihr auch dann bewusst gewesen wäre, dass es sich um einen Moment
und keinesfalls um einen länger andauernden Zustand handelte. Aber sie war nicht entspannt, trotz des schönen Abends. Sie hatte Angst.
»Hätte ich nur irgendeinen Anhaltspunkt«, sagte sie.
Februar 2001
Mit dem kleinen Jungen stimmte etwas nicht. Den Eindruck hatten wir beide sofort, Alice und ich. Er war drei Jahre alt, aber zu klein für sein Alter. Sein Kopf schien besonders klein zu sein, selbst in Relation zu diesem schmächtigen Körper. Der Ausdruck seiner Augen war
… vorsichtig gesagt: fremd. Irgendwie war etwas Unklares in seinem Blick.
»Das ist vielleicht nur, weil die Augen ein ganz kleines bisschen schräg sind«, sagte Alice leise, »ein asiatischer Einschlag.«
»Ja, aber es ist, glaube ich, nicht die Form«, flüsterte ich. »Er hat einen verschwommenen Blick.«
Wir mussten vorsichtig sein, auch wenn wir uns mitten in Russland befanden und die Menschen, die sich mit uns in dem überheizten kleinen Raum aufhielten, kein Englisch sprachen – soweit wir wussten. Aber unsere Dolmetscherin stand hinter uns. Sie sprach sehr gut Englisch und verstand uns immer sogar dann, wenn wir sehr schnell redeten.
»Aber wie die Kinder hier leben
…« Alice ließ den Blick entlang der niedrigen Decke, in deren Ecken Schimmel wuchs, schweifen. »Er ist einfach verstört. Außerdem sind wir völlig unbekannt für ihn.«
Später bekannten wir wechselseitig, dass wir ein ganz ungutes Gefühl gehabt hatten, aber dass wir entschlossen gewesen waren, es durch Schönrederei möglichst noch im Keim zu ersticken.
»Der kleine Sascha ist einfach entzückend«, sagte Tatjana, die Dolmetscherin. »Ein besonders hübsches Kind, finde ich.«
Hübsch war er. Dunkle Haare, dunkle Augen, ein leicht olivfarbener Teint. Er hätte ein Südeuropäer sein können, Italiener oder Spanier, wären nicht die schrägen Augen gewesen. Vermutlich hatte er Mongolen unter seinen Vorfahren. Wir befanden uns in Slobodskoj, fast achthundert Meilen nordöstlich von Moskau, nicht mehr allzu weit entfernt vom Ural. Der europäische Kontinent ging dort in den asiatischen über. Wir hatten in den letzten Tagen oft Menschen auf der Straße gesehen, die dieselben schrägen Augen hatten wie unser zukünftiger Sohn.
Der er sein würde, wenn wir ja zu ihm sagten.
Wir hatten alles versucht während der vergangenen fünf Jahre. Wir hatten versucht, auf natürlichem Weg ein Kind zu bekommen. Wir hatten In-vitro versucht. Wir hatten es mit Spendersamen versucht. Mit Spendereizellen. Mit Spenderembryonen. Wir wohnten damals in einem Dorf bei Nottingham, in einem alten Landhaus, das Alice von ihren Eltern geerbt hatte, und es war nicht allzu weit nach Cambridge und nach Bourn Hall, der Kinderwunschklinik, die der Universitätsklinik Cambridge angeschlossen war. Sie war fast zu einer Art zweitem Zuhause geworden. Wir kannten die meisten Schwestern und Ärzte sehr gut. Man mochte uns. Man trauerte mit uns, wenn wieder ein Versuch fehlgeschlagen war.
Zwei Jahre zuvor, an einem eisigen Januarmorgen, an dem Schneeflocken vor unserem Schlafzimmerfenster wirbelten, hatte Alice plötzlich gesagt: »Ich kann nicht mehr, Oliver. Ich kann einfach nicht mehr.«
Sie spritzte zu dieser Zeit wieder einmal Hormone, um sich bereit für die nächste anstehende Eizellentnahme zu machen, die elfte oder zwölfte mittlerweile. Sie hatte Wasser im Körper, geschwollene Beine und einen aufgequollenen Bauch, der paradoxerweise so aussah, als sei sie bereits schwanger. Ihr Blut wurde zähflüssig durch die Hormone, sie musste sechs Liter Wasser am Tag trinken, um das Risiko einer Thrombose zu senken. Wenn sie sich vom Bett erhob, stöhnte sie vor Schmerzen. Ich hatte mich schon lange gefragt, wie sie das durchhielt. Wieder und wieder von Neuem. Und immer am Ende die Enttäuschung.
»Okay, mein Liebes«, sagte ich. Ich lag neben ihr im Bett, wir hatten beide eine ganze Weile schweigend den Schneeflocken zugeschaut. »Das ist eine gute Entscheidung. Dein Körper hat genug mitgemacht. Es muss ein Ende haben.«
Sie begann zu weinen. »Aber ich möchte ein Kind.«
Ich seufzte. »Es funktioniert doch aber einfach nicht. Vielleicht muss man einfach irgendwann das Schicksal annehmen.«
»Wir könnten ein Kind adoptieren.«
Sie hatte schon öfter davon gesprochen. Ich hatte sehr verhalten darauf reagiert. Eine endlose, teure Prozedur – und wir hatten schon Schulden gemacht, um die vielen Versuche künstlicher Befruchtung zu bezahlen –, und wer wusste, wen und was man am Ende eines Adoptionsverfahrens in den Armen hielt? Wir reden von Kindern, ich weiß, nicht von Autos, die man kauft, oder Immobilien. Aber, du lieber Gott, gerade deshalb hatte ich Angst. Woher würde das Kind kommen, was hatte es durchgemacht? Wie sah die Vorgeschichte aus, und was hatte sie vielleicht psychisch angerichtet? Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade fünfundvierzig geworden, ich war acht Jahre älter als Alice. Wir waren beide nicht mehr ausgesprochen jung, ich schon gar nicht. Wir würden kein Baby bekommen, sondern ein Kleinkind. Wahrscheinlich nicht einmal in England, sondern im Ausland. Ein Kind, zu dem man uns Informationen liefern würde, natürlich. Die stimmen konnten oder auch nicht.
Es war ein Risiko.
Das Ende vom Lied war, dass wir im Februar 2001 in Slobodskoj standen, in diesem gruseligen Waisenhaus, das mich an einen Roman von Charles Dickens erinnerte, und vor uns stand dieser kleine, spindeldürre Junge mit dem seltsamen Kopf und blickte uns aus verschleierten Augen an. Man hatte seinen Namen in der Datenbank in Moskau aus dem Berg von 700 000 jährlich zur Adoption stehenden Kinderschicksalen gefischt und uns als Vorschlag unterbreitet – nachdem wir nach schier endlos anmutenden Prozeduren vom Jugendamt für geeignet erklärt worden waren und in das Adoptionsverfahren einsteigen konnten. Wie erwartet, hatte man uns erklärt, dass vergleichsweise wenige englische Kinder zur Adoption standen und jüngere Eltern dann bevorzugt berücksichtigt würden, dass wir also eine Ewigkeit warten müssten und der Ausgang ungewiss sei.
Deshalb Russland. Slobodskoj. Sascha.
Wir sollten sofort den Antrag auf Adoption unterschreiben, noch in diesem Zimmer und ohne die Möglichkeit, unter vier Augen miteinander zu sprechen. Wir könnten den Antrag allerdings auch wieder zurückziehen, versicherte man uns.
Abends im Bett, im Hotelzimmer, konnten wir endlich offen reden.
»Der Junge ist nicht in Ordnung«, sagte ich. »Irgendetwas stimmt nicht.«
»Er kommt mir entwicklungsverzögert vor«, sagte Alice. »Vielleicht ernähren sie die Kinder schlecht. So etwas ist aber aufzuholen.«
»Ich glaube nicht, dass die Kinder schlecht ernährt werden. Die meisten sehen ganz normal aus«, gab ich zu bedenken.
»Aber er wurde als Baby vernachlässigt. Das wirkt noch nach«, sagte Alice beharrlich.
Was wir von Sascha wussten: Er war das Kind einer siebzehnjährigen Prostituierten, die nicht aufgepasst hatte und von einem Freier schwanger geworden war. Ein Jahr lang hatte sie mehr schlecht als recht versucht, den Kleinen bei sich zu behalten und für ihn zu sorgen, aber irgendwann war das Jugendamt aufmerksam geworden und eingeschritten. Sascha sei unterernährt und entwicklungsverzögert gewesen, hieß es in dem Bericht, den wir in Übersetzung vorliegen hatten. Er konnte nichts von dem, was einjährige Kinder normalerweise konnten, was darauf hinwies, dass sich niemand mit ihm beschäftigt hatte. Letztlich kam es zu einem gerichtlichen Sorgerechtsentzug. Die Mutter hatte sich mit der Freigabe zur Adoption einverstanden erklärt, sehr erleichtert, wie uns die Dolmetscherin gesagt hatte. Wenn uns Sascha zugesprochen würde, stand nicht zu erwarten, dass sie das Urteil anfechten würde, ehe es rechtskräftig wurde. Eigentlich war die Sache ziemlich sicher: Wir standen kurz vor dem Ziel unserer Wünsche. Wir würden ein Kind haben.
Wir wussten auch, dass wir uns gegen Sascha entscheiden konnten, dann würden wir einen anderen Kindervorschlag bekommen. Man würde uns das nicht negativ auslegen, jedem war klar, dass es besser war, man sagte gleich, wenn man Probleme sah, als man quälte sich für die nächsten Jahre innerhalb einer völlig dysfunktionalen Familie herum. Aber wer konnte das schon mit einiger Sicherheit vorhersehen? Zudem konnte es mit dem nächsten Kindervorschlag dann dauern. Und es gab häufig Adoptionsstopps. Russland verhängte sie gnadenlos, wann immer es Probleme in einem der Zielländer gab. Die konnten schon darin bestehen, dass Eltern die vertraglich vereinbarten regelmäßigen Kontrollberichte der ersten drei Jahre nicht ablieferten. Niemand konnte sie deswegen ernstlich mehr zur Rechenschaft ziehen, aber man konnte denjenigen, die noch in der Warteschlange standen, das Leben schwermachen. Das war das Druckmittel. Vielleicht verständlich. Tatsächlich aber führte es auch dazu, dass man nahm, was man bekam, und zusah, dass man das Verfahren schnell durchlief – auch wenn es warnende Stimmen in einem selbst gab.
Ich hörte einen ganzen Chor warnender Stimmen, und Alice hörte ihn auch. Aber wir waren ausgelaugt und erschöpft. Um an diesen Ort in Russland zu kommen, waren wir sehr weit gegangen, über unsere Kräfte hinaus und noch weiter. Wir hatten beide keine Energie mehr. Wir wollten endlich den Kampf hinter uns lassen und das Leben beginnen, das Leben als Familie.
Im Juli 2001 wurde uns Sascha von einem russischen Gericht zugesprochen. Zwei Wochen später wurde das Urteil rechtskräftig.
Wir reisten mit unserem Sohn nach England zurück und hofften auf das Glück.