Dienstag, 30. Juli
1
Der Anruf hatte Kate nachts um ein Uhr aus dem Schlaf gerissen. Sie hatte auf der anderen Seite jemanden wirr und unzusammenhängend reden und schluchzen hören, und sie hatte zunächst keine Ahnung gehabt, um wen es sich handelte. Die im Display angezeigte Nummer war ihr unbekannt. Erst nach einer Weile gelang es ihr, den Namen des nächtlichen Anrufers herauszubekommen.
»Xenia?«, fragte sie erstaunt. »Xenia Paget?«
»Kann ich zu Ihnen kommen? Bitte. Bitte lassen Sie mich zu Ihnen kommen!«
»Wo sind Sie denn?« Kate richtete sich im Bett auf. »Und was ist passiert?«
»Ich bin in einem Polizeiauto. In Leeds.«
»Was machen Sie denn in einem Polizeiauto? Um diese Zeit?« Kate war jetzt hellwach und alarmiert.
Mist. Sie hatte es befürchtet. Xenia war erneut in das Visier des Unbekannten geraten.
Immerhin lebte sie ganz offensichtlich. Und die Kollegen aus Leeds waren auch bereits eingeschaltet.
Xenia begann in abgehackten und ziemlich zusammenhanglosen Sätzen zu berichten, aber am Ende verstand Kate, was an jenem Abend passiert war und dass Xenia schließlich bei dem erstbesten Haus einer Siedlung am Stadtrand von Leeds geklingelt und die Bewohner gebeten hatte, die Polizei zu verständigen. Sie war von einer Streife abgeholt worden und hatte auf dem Revier alles berichtet. Ihr Fall war bekannt, daher hatte man sie sehr ernst genommen. Zwei Beamte waren mit ihr zusammen zu der Stelle gefahren, an der ihr Auto stand. Auch das quer stehende Fahrzeug befand sich noch immer dort, das dritte Auto und der ominöse Mann hingegen waren verschwunden. Handtasche, Schlüssel, Geldbeutel und Handy von Xenia lagen unangetastet auf dem Beifahrersitz von Xenias Auto.
»Als ich neulich in York von Ihrem Handy aus telefonieren durfte, habe ich schnell noch mein eigenes Handy angerufen, dadurch hatte ich Ihre Nummer«, sagte Xenia. »Und Sie sind der einzige Mensch, mit dem ich reden will. Zu dem ich hinwill.«
Dumm gelaufen, dachte Kate, aber was hätte ich tun sollen? Sie musste ja damals irgendwie telefonieren.
»Kann ich mit einem der Beamten sprechen?«, fragte sie.
Xenia reichte ihr Handy weiter, und Kate hatte Constable Wilson am Ohr, der ziemlich genervt wirkte. »Wir lassen das quer stehende Fahrzeug abschleppen, Sergeant. Und wir durchkämmen die Gegend. Klären, wem es gehört. Mrs. Paget würden wir jetzt gerne nach Hause fahren, aber dort will sie nicht hin. Sie will zu Ihnen.«
»Was ist mit ihrem Auto?«
»Das hat ein Kollege erst einmal zurück bis zu einer Parkbucht gefahren und dort korrekt abgestellt. Es blockiert nicht mehr die Straße. Wir werden es spurentechnisch untersuchen lassen, obwohl ich mir nicht viel davon verspreche. Wäre jemand am Auto gewesen, hätte er alles mitnehmen können, was Mrs. Paget liegen gelassen hatte. Portemonnaie, Handy. Schlüssel. Es fehlt aber gar nichts. Ich würde vermuten, dass sich niemand dort zu schaffen gemacht hat, aber wir überprüfen das.«
»In Ordnung. Ich werde mich morgen mit Sergeant Jenkins in Verbindung setzen. Bitte geben Sie mir noch einmal Mrs. Paget.«
Sie versuchte Xenia zu überzeugen, sich nach Hause fahren zu lassen, aber diese wurde geradezu hysterisch. »Nein. Nein, auf keinen Fall! Bitte! Ich habe eine riesige Delle in mein Auto gefahren beim Wenden. Vielleicht ist auch das Fahrgestell kaputt. Und ich bin viel zu spät. Jacob wird toben. Ich kann auf keinen Fall nach Hause. Bitte lassen Sie mich zu Ihnen kommen!«
Kate willigte schließlich ein, alles andere als begeistert, aber sie hatte den Eindruck, dass Xenia jeden Moment vollkommen durchdrehen würde. Sie ermittelte in dem Fall und würde jetzt eine der beteiligten Personen bei sich zu Hause haben. Das war nicht gut, konnte alles verkomplizieren. Sie nahm sich vor, dass es eine Stippvisite bleiben würde. Xenia musste möglichst schnell wieder nach Hause.
Es sei denn, dachte sie unbehaglich, es war wirklich gerade erneut ein Anschlag auf sie versucht worden. Wenn das quer stehende Auto kein Zufall gewesen war. Und der plötzlich auftauchende Mann auch nicht. Dann reichte es unter Umständen nicht, dass jede Stunde eine Streife bei ihr zu Hause vorbeifuhr.
Die Beamten, in deren Auto Xenia saß, hatten ziemlich genervt und verärgert auf die Aufforderung reagiert, Xenia mitten in der Nacht bis nach Scarborough zu fahren, anstatt sie einfach in einem Vorort von Leeds abzusetzen, aber sie hatten sich Kates Anordnung zähneknirschend gefügt. Gegen drei Uhr waren sie angekommen. Xenia wirkte verfroren, hungrig, völlig erschöpft und zugleich überschwemmt von Adrenalin. Sie wollte auf keinen Fall schlafen. Also kochte Kate einen heißen Tee, verarztete Xenias blutigen, aufgerissenen Fuß, wickelte sie in eine Wolldecke und setzte sie auf das Sofa im Wohnzimmer. Messy kam herbei, sprang auf Xenias Schoß und begann laut zu schnurren. Xenia streichelte die Katze und brach dabei in Tränen aus.
»Es ist alles so schrecklich«, schluchzte sie, »so entsetzlich.«
Es war nicht klar, was sie genau meinte, den vermeintlichen Anschlag, das kaputte Auto, ihren Ehemann. Kate vermutete, dass es alles auf einmal war. Sie hatte sich ihre Joggingsachen angezogen, den Gedanken an Schlaf für diese Nacht abgehakt und sich Xenia gegenübergesetzt.
»Wir wissen nicht, was los war«, sagte sie beruhigend. »Die Geschichte mit dem Auto – das muss überhaupt nichts mit Ihnen zu tun haben.«
»Aber warum sollte jemand sein Auto so seltsam parken?«
»Keine Ahnung, aber überlegen Sie doch mal, wenn das Ihnen galt: Dann müsste jemand von Ihrem Sprachkurs gewusst haben. Er müsste auch gewusst haben, dass Sie später nach Hause gefahren sind, weil eine Schülerin Geburtstag feierte. Niemand konnte davon ausgehen, dass Sie als Erste die Straßensperre erreichen, da hätten genauso gut bereits eine ganze Reihe von Autos stehen können. Das alles erscheint mir wenig planbar.«
Xenia schien ein wenig ruhiger zu werden. Sie trocknete sich mit einem Taschentuch, das ihr Kate gegeben hatte, die Tränen ab.
»Ich will trotzdem nicht nach Hause«, wiederholte sie.
»Solange wir nicht geklärt haben, was genau da gestern Nacht passiert ist, sollten Sie auch nicht nach Hause«, sagte Kate beruhigend.
»Kann ich bei Ihnen bleiben?«
»Xenia …«
»Bitte. Ich kann nicht zurück. Es geht einfach nicht.«
»Sie können sich doch nicht Ihr Leben lang verstecken.«
Xenia starrte zum Fenster hinaus. Es war die dunkelste Zeit der Nacht. Nur die Straßenlaternen spendeten ein wenig Licht.
Kate schenkte Tee nach. »Xenia, sind Sie sicher, dass Sie absolut keine Ahnung haben, was es mit dem Mann in dem Zug auf sich haben könnte? Dass es nichts gibt in Ihrer Vergangenheit, was möglicherweise mit dieser Geschichte zu tun hat?«
Wieder war da einen Moment lang diese Unruhe in Xenias Augen, die Kate schon im Bahnhof von York aufgefallen war. Sie war sicher, dass sie etwas vor ihr verbarg.
»Xenia?«, hakte sie nach.
»Da ist nichts«, sagte Xenia. »Jedenfalls nicht, dass ich es wüsste.«
Was immer geschehen war, es musste etwas Schlimmes sein. So schlimm, dass Xenia nicht einmal in einer Situation größter Angst bereit war, davon zu erzählen.
Ich muss unbedingt noch einmal mit Jacob Paget sprechen, notierte sich Kate im Kopf.
Apropos Jacob.
»Welche Probleme gibt es nun also mit Ihrem Ehemann? Weshalb wollen Sie auf keinen Fall nach Hause?«
Xenia betupfte erneut ihre Augen. »Er verhält sich einfach nur schrecklich mir gegenüber. Beleidigend und verletzend. Er findet mich fett und unattraktiv, und er sagt mir das bei jeder Gelegenheit. Und jetzt habe ich noch eine riesige Delle in das Auto gefahren. Das entspricht genau dem, was er immer sagt, dass ich völlig unfähig bin und nichts richtig hinbekomme. Wissen Sie, ich schlucke ständig Antidepressiva, um das Leben mit ihm auszuhalten.« Sie begann wieder zu weinen.
Kate neigte sich vor. »Es steht mir nicht zu, mich in Ihre Ehe einzumischen«, sagte sie vorsichtig. »Aber wenn es so schlimm ist, wie Sie sagen – warum trennen Sie sich nicht von ihm? Sie haben die britische Staatsbürgerschaft. Niemand kann Sie mehr des Landes verweisen. Sie sind eine ungeheuer sprachbegabte Frau. Ich bin sicher, dass Sie daraus einen Beruf machen können. Sie sind in der Lage, für sich selbst zu sorgen.«
»Ja, vermutlich«, murmelte Xenia.
»Aber Sie haben Angst vor diesem Schritt?«
»Ja.«
»Angst vor dem Alleinsein?« Das hätte Kate nachvollziehen können. Wenn sie etwas entsetzlich fand in ihrem Leben, dann war es die Tatsache, dass es niemanden gab, der zu ihr gehörte. Der auf sie wartete, wenn sie nach Hause kam, und dem sie hätte erzählen können, wie der Tag gewesen war. Der mit ihr am Sonntagmorgen im Bett einen Cappuccino trank, am späten Abend noch einen Spaziergang zum Meer machte. Der ihr ab und zu Blumen schenkte und endlich das Problem, was, um Himmels willen, sie an Weihnachten machen sollte, ein für alle Mal auflöste. Ganz zu schweigen von sonstigen Feiertagen, verlängerten Wochenenden oder Urlauben. Alle diese Dinge stellten Furcht einflößende Hürden in Kates Leben dar. Noch dazu solche, deren Vorhandensein sie niemandem gegenüber zugeben konnte. Man hatte als Frau, insbesondere als Single, stark und selbstbewusst und unabhängig zu sein. Nach Kates Auffassung konnte man das sein und sich dennoch nach einem Partner sehnen, das eine schloss das andere nicht aus, aber man geriet allseits gerne in den Verdacht, nicht richtig auf eigenen Füßen zu stehen, wenn man den Wunsch nach einer festen Beziehung zu oft äußerte. Vor allem Frauen in stabilen Ehen betonten gerne, wie wichtig es sei, jederzeit auch alleine klarkommen zu können. Kate hatte immer wieder Weisheiten der Art »Wenn du dich nicht selbst lieben kannst, wird dich auch niemand sonst lieben« oder »Du musst lernen, alleine klarzukommen, erst dann kann das etwas werden mit einem Partner« zu hören bekommen. Kate hasste Plattheiten und diese besonders. Natürlich hatte sie gelernt, in ihrem Leben alleine klarzukommen. Hunderttausende Frauen und Männer lernten das zwangsläufig. Was viele jedoch nicht schafften, war: dabei glücklich zu sein. Und wollte man sich für diese Unfähigkeit nicht auch noch schämen müssen, redete man am besten einfach nicht darüber.
Xenia schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe keine Angst vor dem Alleinsein. Ich meine, ich stelle es mir nicht immer angenehm vor, aber es wäre besser, als mit Jacob zu leben.«
»Wovor haben Sie dann Angst?«
Xenia drehte den Kopf weg. »Ich weiß es nicht.«
»Dass er Sie verfolgt? Stalkt?«
»Das ist es nicht.«
»Was ist es dann?«
»Ich weiß es nicht. Es ist einfach Angst.«
Kate war überzeugt, dass Xenia ihr auswich, aber offenbar konnte sie im Moment nichts weiter aus ihr herauslocken. Sie stand auf. »Kommen Sie. Legen Sie sich noch ein bisschen hin. Ich werde als Erstes morgen früh nachforschen, was es mit diesem Vorfall heute Nacht auf sich hatte. Vielleicht kann ich Sie wenigstens in diesem Punkt beruhigen.«
Xenia schien nicht überzeugt, dass überhaupt irgendetwas sie würde beruhigen können, aber sie erhob sich. »Darf ich Messy mitnehmen?«
»Natürlich«, sagte Kate.
Xenia und die Katze verschwanden im Gästezimmer.
Kate machte sich einen starken Kaffee und setzte sich in ihre Küche, zwischen lauter Kisten, die noch immer nicht ausgepackt waren. Draußen wurde die schwarze Nacht langsam grau. Kate wünschte, auch bei ihren Ermittlungen würde eine erste Dämmerung die Finsternis ablösen. Und wäre es nur ein Hauch. Wenn Xenia doch endlich reden würde …
Vielleicht läge hier eine Chance, wenn sie sie ein paar Tage bei sich wohnen ließe. Sie selbst war tagsüber im Büro, aber es gab die Abende. Gemeinsames Essen, Zusammensitzen. Nach Kates Erfahrung wollten alle Menschen irgendwann über das reden, was sie bedrückte. Xenia brauchte einen Menschen, dem sie sich anvertrauen konnte, das war zu spüren.
Sie hatte dabei sicher nicht an eine Ermittlerin der Polizei gedacht.
Aber wenn sie niemanden sonst hatte?
2
»Betrunkene Jugendliche«, sagte Inspector Robert Stewart. »Ich habe gerade mit dem Police Constable drüben in Leeds telefoniert. Ein paar junge Leute, die sich bei einer Geburtstagsfeier in einem Pub komplett haben zulaufen lassen. Dann wollten sie mit dem Auto nach Hause, obwohl keiner von ihnen mehr fahrtauglich war. Irgendwo auf halber Strecke haben sie das begriffen und den Wagen geparkt – nach ihrer vernebelten Vorstellung. Tatsächlich stand das Auto ja quer auf der Fahrbahn, aber das checkte keiner von denen mehr. Sie sind ausgestiegen, weil ihnen schlecht war, haben sich ein Stück weit auf eine Wiese geschleppt, sich dort – Entschuldigung – ausgekotzt und sind liegen geblieben. Ohne irgendetwas von der Aufregung auf der Straße mitzubekommen. Xenia Paget hätte über sie stolpern können, ist aber an ihnen vorbeigelaufen. Die Kollegen aus Leeds haben sie schnell gefunden und zum Ausnüchtern erst einmal mitgenommen.«
»Da wird Xenia ein Stein vom Herzen fallen«, sagte Kate. Sie saß in Roberts Büro, ziemlich übernächtigt. Sie war nicht sicher, ob sie diese Erkenntnisse auch positiv bewerten sollte. Natürlich war es gut, dass in der vergangenen Nacht niemand erneut einen Anschlag auf Xenia verübt hatte, aber immerhin hätte sich daraus ein neuer Ermittlungsansatz ergeben können. So wie die Dinge lagen, tappten sie nach wie vor im Dunkeln.
»Dieser andere Mann«, fuhr Robert fort, »der aus dem Auto stieg, das hinter Xenia angehalten hatte, konnte nicht ermittelt werden. Aber der Gedanke, dass es sich um den Schützen aus dem Zug handeln könnte, erscheint mir extrem weit hergeholt, um nicht zu sagen: höchst unwahrscheinlich. Es war bestimmt irgendjemand, der zufällig vorbeikam, nicht weiterkonnte und nachsehen wollte, was los ist. Vermutlich hat er schließlich gewendet und ist zurückgefahren.«
»Ja, das glaube ich auch«, stimmte Kate zu. Sie erhob sich, nahm ihre Tasche. Sie war so müde, dass sich ihr ganzer Körper wie Blei anfühlte. »Ich werde jetzt zu Jacob Paget fahren. Ich will ihm noch einmal auf den Zahn fühlen. Er weiß irgendetwas über Xenia, womit er sie unter Druck setzt, und zwar so sehr, dass sie es nicht wagt, sich von ihm zu trennen, obwohl sie das Leben mit ihm bis obenhin satthat. Keine Ahnung, ob das mit unserem Fall zu tun hat, aber vielleicht kann ich das herausfinden.«
Robert sah sie interessiert an. »Sie meinen, Xenia Paget und ihr Mann teilen irgendein schmutziges Geheimnis?«
»Ich meine, dass es da etwas geben muss in Xenias Vergangenheit. Irgendetwas, wovor sie riesige Angst hat, dass es ans Tageslicht kommen könnte. Da sie es sogar jetzt, in größter Bedrohung, nicht der Polizei anvertrauen will, nehme ich an, dass sie irgendwann mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Vielleicht weiß Jacob davon.«
»Das ist zumindest ein Ansatzpunkt«, meinte Robert. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ganz schön heiß, finden Sie nicht? Normalerweise hätte gestern mein Urlaub begonnen, aber unter den Umständen kann ich nicht weg. Wenn ich mir vorstelle, ich würde jetzt auf Mallorca am Pool sitzen …«
Du hättest ja Caleb nicht anschwärzen müssen, dachte Kate. Sie sagte nichts, sah ihn nur an. Als ahnte er, was sie dachte, fragte er unvermittelt: »Haben Sie Kontakt zu Caleb Hale?«
»Ich habe ihn letzte Woche gesehen.«
»Sprechen Sie mit ihm über den Fall?«
Sie blieb auf der Hut. »Eigentlich nicht. Nein, gar nicht.« Das entsprach nicht wirklich der Wahrheit, aber Caleb gehörte ja jetzt in den Bereich ihres Privatlebens, und das ging Stewart nichts an. »Wir haben über die andere Geschichte gesprochen. Den Fall White.«
»Ja, verstehe. Inspector Hales Einschätzung unseres aktuellen Falls hätte mich interessiert, aber natürlich konnten Sie mit ihm nicht darüber reden.«
Du schwimmst ganz schön, dachte Kate. Sie wusste, dass jeder Mensch eine gewisse Eingewöhnungszeit in eine neue Position brauchte, aber sie hatte schon jetzt das Gefühl, dass Robert Stewart überfordert war und es bleiben würde. Er war für Caleb ein guter und verlässlicher Mitarbeiter gewesen, aber einer, dem man sagen musste, was als Nächstes zu tun war. Anweisungen führte er zuverlässig und durchaus auch mit dem Mut zur Eigeninitiative, wenn es erforderlich wurde, durch, aber verantwortlich zu führen war eine ganz andere Sache. Vermutlich hätte er eine Menge dafür gegeben, sich jetzt mit seinem einstigen Chef beraten zu können.
»Ja, stimmt, ich kenne seine Einschätzung nicht«, sagte Kate mitleidslos.
»Ja, hm, natürlich. War auch nur so ein Gedanke.« Robert räusperte sich. »Und Xenia Paget ist im Moment bei Ihnen zu Hause?«
»Sie war nicht zu überzeugen, zu ihrem Mann zurückzukehren.«
»Aber es ist im Grunde sehr fragwürdig, dass eine der Hauptpersonen in einem Fall bei einer ermittelnden Beamtin im Haus wohnt«, sagte Robert.
Kate nickte. »Das kann nicht so bleiben. Wenn sie absolut nicht zu ihrem Mann zurückwill, muss ich mir etwas überlegen. Andererseits könnte uns die Situation in die Hände spielen. Wenn sich die Krise bei den Pagets zuspitzt, rückt Jacob vielleicht mit den Informationen heraus, die Xenia uns verschweigen will.« Sie nickte Robert zu. »Ich bin dann weg. Bei Jacob Paget.«
Knappe zwei Stunden später kam Kate vor dem Reihenhaus der Pagets in Bramhope an. Sie hatte Jacob von ihrem Kommen nicht unterrichtet, weil sie ihn möglichst ohne Vorwarnung erwischen wollte. Sie hoffte, dass er zu Hause war, nahm es jedoch stark an. Er war wahrscheinlich außer sich wegen Xenias Verschwinden und rührte sich schon deshalb nicht vom Fleck, um bloß ihre Rückkehr nicht zu verpassen.
Tatsächlich riss er die Haustür auf, kaum dass sie geklingelt hatte. Wie Kate vermutet hatte, lag er ständig auf der Lauer. Er sah schrecklich aus: ungewaschen, die Kleidung zerknittert und zerdrückt, so, als habe er darin geschlafen. Er roch unangenehm. Seine Haare standen in alle Richtungen zu Berge. Seine Augen wirkten verquollen und übernächtigt.
»Ja?«, bellte er.
Kate zückte ihren Ausweis. »Detective Sergeant Kate Linville. North Yorkshire Police. CID Scarborough. Darf ich reinkommen?«
Jacob starrte sie an. »Linville? Kate? Sie waren das im Zug. Meine Frau spricht ständig von Ihnen. Sie hatten sich mit ihr in der Zugtoilette verschanzt!«
»Das ist richtig.«
»Wo ist sie? Wo ist meine Frau?«
»Darf ich reinkommen?«, wiederholte Kate.
Jacob trat einen Schritt zurück. »Wo, verdammt noch mal, ist sie? Ich habe einen Anruf von Ihren Kollegen bekommen. Danach hatte sie vergangene Nacht eine Art Unfall. Und wurde an einen unbekannten Ort gebracht. Das Auto wird spurentechnisch untersucht. Verflucht noch mal, ich habe keine Ahnung, was eigentlich los ist!«
»Ich bin hier, um mit Ihnen darüber zu sprechen«, sagte Kate.
Widerwillig führte Jacob sie ins Wohnzimmer, eine Symphonie aus Braun und Gelb, Usambaraveilchen am Fenster und nirgendwo ein Staubkorn oder irgendein Gegenstand, der nicht an dem für ihn vorgesehenen Platz stand. Kate ahnte, dass es Xenia war, die diese akribische Ordnung und Sauberkeit aufrechterhielt. Ebenso ahnte sie, dass sie das auf Befehl ihres Mannes tat.
»Und?«, blaffte Jacob. Er blieb am Fenster stehen, während sich Kate auf einen der Sessel setzte, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Den Gedanken an ein Glas Wasser oder gar an einen Kaffee hakte sie innerlich seufzend ab. Es war deutlich, dass es Jacob nicht im Traum einfallen würde, sie zu bewirten.
In kurzen Worten umriss Kate die Ereignisse der vergangenen Nacht. Es war Jacob anzusehen, dass er über dem Zuhören immer wütender wurde.
»Was ist denn das für eine hysterische Reaktion? Ich fasse es nicht! Da steht ein Auto quer, weil ein paar junge Leute zu tief ins Glas geschaut haben, und meine Frau wittert ein Mordkomplott! Typisch Xenia. Überspannt und abgehoben.«
»Nun, der Mann im Zug, der auf sie geschossen hat, ist sicher nicht mit Hysterie oder Überspanntheit zu erklären«, sagte Kate. »Der war leider höchst real. Ich kann die Ängste Ihrer Frau nach diesem Vorkommnis durchaus verstehen, Mr. Paget.«
Jacob knurrte irgendetwas. Dann fragte er: »Und das Auto ist also kaputt?«
»Eingedellt. Weil sie beim Rangieren an eine Mauer gekommen ist. Wie groß der Schaden ist, wird sich erst in der Werkstatt zeigen.«
»Großartig. Das alles bringt mir jetzt noch Reparaturkosten ein. Ich fasse es einfach nicht, wie jemand so blöd sein kann!«
»Ihre Frau war in Panik. Und, wie gesagt, für mich ist das durchaus nachvollziehbar.«
»Für mich nicht. Aber das spielt auch keine Rolle. Wo ist sie?«
»Xenia?«
»Wer denn sonst? Wo ist sie? Ich warte schließlich schon seit Stunden.«
»Xenia möchte im Augenblick nicht nach Hause.«
Jacob sah perplex drein. »Was heißt das?«
»Sie hat Angst, Mr. Paget. Vor Ihnen.«
»Vor mir? Wieso hat sie Angst vor mir? Das gibt’s doch gar nicht. Ist die verrückt geworden?«
»Sie fürchtet genau die Reaktion, die Sie an den Tag legen, seitdem ich Ihnen die ganze Geschichte erzählt habe. Völliges Unverständnis, Vorwürfe, wie hysterisch und übersteigert sie angeblich reagiert. Dann Ihre Wut wegen der Autoreparatur. Das alles bedrückt sie sehr.«
Jacobs Gesicht verfärbte sich. »Das kann ja wohl nicht wahr sein! Was erwartet die denn? Dass ich in Jubelstürme ausbreche, weil ich eine Nacht lang hier sitze und mir Sorgen mache? Ich habe ihr ungefähr hundertmal auf die Mailbox gesprochen. Sie hatte mir eine WhatsApp geschrieben, als sie losfuhr in der Schule, und dann kommt sie über Stunden nicht an! Verdammt, ich habe gedacht, ihr ist etwas Ernstes passiert!«
»Ich verstehe das«, sagte Kate beruhigend.
Er begann auf und ab zu laufen. »Nichts verstehen Sie, gar nichts! Xenia ist meine Frau! Und sie wird das auch bleiben!«
»Geben Sie ihr Zeit«, sagte Kate. »Sie braucht jetzt etwas Abstand. Und vielleicht tut der Ihnen auch gut.«
Er blieb stehen. »Ich brauche Sie nicht, um zu wissen, was mir guttut!«
»Mr. Paget …«
»Wo ist sie? Wo ist Xenia?«
»Darüber kann ich Ihnen momentan keine Auskunft geben.«
»Das müssen Sie!«
»Nein, das muss ich nicht.« Kate erhob sich. Offenbar hatte Jacob nicht vor, sich zu setzen, und sie mochte nicht ständig zu ihm hochschauen. Viel brachte ihr das Aufstehen allerdings nicht. Er war sehr groß. Sie musste trotzdem zu ihm aufblicken.
»Mr. Paget, ich will offen sein, ich glaube, dass es im Leben Ihrer Frau etwas gibt, worüber sie aus irgendwelchen Gründen beharrlich Stillschweigen wahrt. Sie behauptet, absolut keine Ahnung zu haben, wer der Schütze aus dem Zug sein könnte und weshalb er es auf sie abgesehen hat, und ich glaube ihr das nicht recht. Da ist etwas. Sie hat große Angst, darüber zu sprechen, offenbar hat sie mehr Angst davor, sich zu offenbaren, als ermordet zu werden.«
Jacob bekam schmale Augen. »Ja, und?«
»Vielleicht wissen Sie etwas darüber?«
»Woher sollte ich etwas wissen?«
»Sie sind seit dreizehn Jahren mit Xenia verheiratet. Könnte doch sein, dass sie Ihnen aus ihrem Leben erzählt hat.«
»Wo ist Xenia?«
»Das erfahren Sie von mir nicht. Und ich möchte Sie bitten, meine Frage zu beantworten.«
»Keine Ahnung, wovon Sie sprechen«, behauptete Jacob. Kate hätte nicht sicher sagen können, ob er log oder die Wahrheit sagte. Xenias Miene offenbarte immer alle Gefühle deutlich: Angst, Verunsicherung, Bedrängnis. Jacob hatte ein böses und starres Gesicht. Es blieb böse und starr, zumindest in diesem Moment. Keine Veränderung.
»Wo ist Xenia?«, wiederholte er die Frage nach seiner Frau.
Kate ignorierte ihn. »Über welche Agentur haben Sie Xenia kennengelernt?«
»Muss ich das sagen?«
»Ich kann Sie auch vorladen lassen.«
Jacob überlegte. »HappyEnd« , sagte er schließlich widerstrebend.
Namen gibt es, dachte Kate.
»Wo sitzt diese Agentur?«
»In Liverpool.«
Kate notierte sich den Namen. »In Ordnung.«
»Was wollen Sie denn da herausfinden?«
»Ich versuche, an Informationen über Ihre Frau zu kommen. Ich muss wissen, was in ihrem Leben geschehen ist, dass sie heute von jemandem verfolgt wird. Wir können das ja nicht einfach auf sich beruhen lassen.«
»Ich denke, der Vorfall in der letzten Nacht hatte gar nichts mit ihr zu tun?«
»Der Vorfall im Zug aber schon.«
»Vielleicht hatte der Typ sie sich ausgeguckt«, meinte Jacob. »Ein Irrer, der sich willkürlich Opfer sucht. Könnte doch sein.«
»Könnte sein. Aber es könnte auch ganz anders sein, und deshalb muss ich Nachforschungen anstellen.«
»Ich glaube nicht, dass man Ihnen bei der Agentur etwas über meine Frau sagen kann. Die wissen selbst nichts über ihre Kunden. Nach so vielen Jahren haben die Xenia wahrscheinlich nicht mal mehr im System.«
»Ich werde das herausfinden.« Bildete sie es sich ein, oder wirkte er nun doch etwas nervös? Es war wirklich schwer, aus ihm schlau zu werden.
Sie reichte ihm ihre Karte. »Sie können mich jederzeit anrufen. Wenn Ihnen etwas einfällt, das ich wissen sollte. Bedenken Sie bitte, es geht uns darum, Ihre Frau zu beschützen. Das ist jetzt das Wichtigste – und nicht die Frage, ob sie vielleicht irgendwann einmal in ihrem Leben mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist.«
Er nahm die Karte. »Ich könnte mir vorstellen, dass sie bei Ihnen ist«, sagte er. In seinen Augen stand Hass. »Sie sieht in Ihnen ihre große Retterin, weil Sie offenbar in dem Zug beeindruckend reagiert haben. Warum sollte sie dann jetzt nicht zu Ihnen flüchten?«
»Sie werden von mir nicht erfahren, wo Ihre Frau ist«, sagte Kate. »Und sie kommt dann zu Ihnen zurück, wenn sie sich dazu entscheidet. Sie ist ein freier Mensch, Mr. Paget.«
»Sie ist meine Frau. Und ich werde sie zurückholen.«
Sie unterließ es, darauf etwas zu erwidern, und ging zur Haustür. Jacob begleitete sie nicht, sondern blieb im Wohnzimmer. Sie fühlte sich bloß von seinem bohrenden Blick verfolgt. Sie atmete auf, als sie draußen stand.
»Wie hält Xenia das nur aus?«, murmelte sie. Mehr denn je war sie überzeugt, dass da etwas in ihrer Vergangenheit war, irgendetwas. Freiwillig würde keine Frau bei einem solchen Tyrannen bleiben. Kate hatte den Eindruck, dass man kaum atmen konnte in seiner Gegenwart.
Sie schaute auf ihr Handy und entdeckte eine Whatsapp-Nachricht von Colin.
Habe frei diese Woche, schrieb er. Wie ist es, soll ich heute nach Scarborough kommen, und wir verbringen den morgigen Tag zusammen? Du fängst ja erst am Donnerstag an zu arbeiten!
Sie lächelte. Er ging ihr oft auf die Nerven, aber er war irgendwie auch sehr treu. Seitdem er es aufgegeben hatte, ihr unbedingt imponieren zu wollen, war er zu einem umgänglichen Menschen geworden. Kate wäre nicht so weit gegangen, ihn als Freund zu bezeichnen, aber sie hatte sich an ihn gewöhnt und ihn in ihrem Leben akzeptiert. Er half ihr gegen ihre Einsamkeit – und sie ihm gegen seine. Es gab weniger gewichtige Gründe, weshalb Menschen Zeit miteinander verbrachten.
Tut mir leid, das wird nichts, schrieb sie zurück. Es geht gerade drunter und drüber, daher habe ich schon angefangen zu arbeiten. Ein anderes Mal!
Sie drückte auf Senden , schaute dann auf ihre Uhr. Sie war bereits auf halber Strecke nach Manchester. Sie könnte weiterfahren. Vielleicht ließe sich ein Treffen mit der Direktorin von Sophias alter Schule organisieren. Sie wählte die Nummer von Sergeant Helen Bennett. Helen sollte versuchen, einen Termin zu machen. Und bei HappyEnd anrufen und sich die Vermittlung Xenias an Jacob Paget bestätigen lassen. Würde man dort eine telefonische Auskunft verweigern, konnte Kate auch noch zu der Agentur fahren, es war von Manchester dann nicht mehr allzu weit bis Liverpool.
Jetzt musste sie sich erst einmal von der Begegnung mit Jacob erholen. Sie bekam Gänsehaut, wenn sie nur an ihn dachte.
Single zu sein ist keineswegs die schlechteste aller Lösungen, dachte sie.
3
Die Kinder schlichen sich vorsichtig an das Auto heran. Tommy, mit seinen acht Jahren der Jüngste, hielt sich im Hintergrund. Rebecca und Neil, seine älteren Geschwister, wagten sich etwas entschlossener vorwärts, aber sie waren auch schon zwölf und vierzehn Jahre alt. Sie waren mit ihren Fahrrädern unterwegs, hatten West Monkton an der südlichen Ausfahrt verlassen, vorbei an der Bäckerei, in der sie sich noch mit Tüten voller Muffins und Bagels eingedeckt hatten. Sie wollten irgendwo picknicken und den Tag vertrödeln. Ferien, Hitze, und fast alle ihre Freunde waren verreist. Sie selbst konnten nicht wegfahren, weil wie üblich das Geld fehlte. Es war ungerecht, und es war langweilig. Verzweifelt hatten sie die ganze Zeit über Ausschau nach irgendetwas gehalten, das ein wenig Abwechslung versprach. Ausgerechnet der kleine Tommy hatte das Auto entdeckt.
»Schaut mal! Das steht da schon seit Tagen!«
Ein weißer Peugeot. Er parkte in einer kleinen Haltebucht an der Landstraße, direkt vor dem Gatter zu einer Kuhweide. Wegen der hohen, wild wuchernden Büsche ringsum sprang er nicht sofort ins Auge.
»Wird einem Bauern gehören«, meinte Rebecca.
»Er stand da schon letzte Woche«, sagte Tommy, »und vorgestern habe ich ihn auch gesehen. Er steht immer ganz genauso da wie jetzt.«
»Du meinst, er wird gar nicht bewegt?«, fragte Neil stirnrunzelnd.
Tommy nickte eifrig. »Genau!«
Tommy sauste viel öfter in der Gegend herum als seine Geschwister, er war mit seinem Rad förmlich verwachsen. Er konnte nicht still sitzen und war ständig unterwegs. Er bekam viel von dem mit, was ringsum passierte.
»Seltsam«, sagte Rebecca. Sie hatten angehalten und waren abgestiegen, in sicherer Entfernung zu dem Fahrzeug.
»Sitzt da jemand drin?«, fragte Neil.
»Ich glaube nicht«, meinte Rebecca. »Obwohl …« Sie kniff die Augen zusammen. »Könnte sein, oder?«
»Eine Leiche?«, fragte Tommy aufgeregt.
»Quatsch«, sagte Neil. »Wenn überhaupt jemand da drin ist, dann macht er wahrscheinlich einen Mittagsschlaf.«
»Seit über einer Woche?«
»Vielleicht arbeitet er hier irgendwo«, sagte Neil. »Und fährt mittags hierher, um sich auszuruhen.«
»Wir können ja mal hingehen und nachschauen«, schlug Rebecca vor.
Irgendetwas Brisantes zu entdecken war genau das, was sie sich alle für diesen langweiligen Tag erhofft hatten, aber trotzdem war ihnen jetzt mulmig zumute. Sie waren völlig alleine zwischen Wiesen und Feldern. Kein anderer Mensch, kein anderes Fahrzeug weit und breit in Sicht. Nur dieser seltsame Peugeot, von dem Tommy behauptete, dass er sich seit Tagen nicht bewegte … Die Sonne spiegelte sich in den Scheiben seiner Fenster. Sie erzeugten verwirrende Schatten. Eben gerade hatte es kurz so ausgesehen, als sei wirklich jemand in dem Wagen. Nun wieder schien er leer zu sein.
»Los, kommt!«, bestimmte Neil.
Sie ließen ihre Fahrräder im Gras am Straßenrand liegen und bewegten sich langsam zu Fuß auf das Auto zu. Warum sie das taten, hätten sie nicht zu sagen vermocht, es geschah wie auf eine unausgesprochene Verabredung hin: Irgendwie kamen sie sich ohne die Räder kleiner, leiser, unauffälliger vor.
Neil erreichte den Wagen als Erster, dicht gefolgt von Rebecca. Die Schwester war es dann auch, die einen Schritt an ihm vorbei tat, als er zögernd stehen blieb, und mit einiger Selbstüberwindung ins Innere des Fahrzeugs spähte.
»Da ist niemand!«, sagte sie enttäuscht.
Jetzt drängelte sich auch Neil mutig nach vorne. »Echt nicht?«
»Nein.«
Insgeheim waren die Kinder erleichtert, aber natürlich wäre es schon toll gewesen, wenn sie etwas wirklich Schreckliches entdeckt hätten. Etwas, womit sie nach den Ferien in der Schule so richtig hätten angeben können.
Probeweise bewegte Rebecca den Griff an der Fahrertür. Die Tür ging auf.
»Es ist nicht abgeschlossen«, sagte sie erstaunt.
»Und da steckt sogar noch der Zündschlüssel!«, rief Neil.
»Wir können damit fahren!«, sagte Tommy begeistert.
Neil bremste ihn sofort. »Unsinn. Keiner von uns kann schließlich Auto fahren. Wir dürfen das nicht.«
»Irgendwie ist das schon seltsam«, meinte Rebecca. »Ein offenes Auto, das seit Tagen hier herumsteht, der Schlüssel steckt … Da ist nicht einfach nur jemand kurz zum Pinkeln gegangen.«
»Glaubst du, der Fahrer ist ermordet worden?«, fragte Tommy mit weit aufgerissenen Augen.
Alle schwiegen.
»Wir sollten die Polizei anrufen«, sagte Rebecca schließlich.
4
Xenia zuckte zusammen, als ihr Handy klingelte. Ihr war das iPhone erst am späten Nachmittag gebracht worden, zusammen mit ihrer Handtasche, ihren Schlüsseln und den Schulbüchern. Die Spurensicherung hatte die Sachen freigegeben, und ein ziemlich missmutiger Beamter aus Leeds hatte alles nach Scarborough fahren und ihr aushändigen müssen – ähnlich begeistert wie die Polizisten in der Nacht, die den weiten Weg zurückgelegt hatten. Jedem, so schien es, wäre es lieber gewesen, sie wäre in Leeds geblieben, einfach nach Hause zurückgegangen, wie es sich für eine anständige Frau gehörte. Vermutlich wäre es auch Kate lieber gewesen, die nicht besonders glücklich über den unerwarteten Logiergast schien.
Definitiv wäre es Jacob lieber.
Sie hatte massenhaft verpasste Anrufe von ihm auf ihrem Handy gefunden und unzählige Sprachnachrichten auf der Mailbox. Irgendwann gestern am späten Abend hatte er offenbar ihre WhatsApp mit der Ankündigung, nun loszufahren, gelesen und sich dann gewundert, dass sie nicht eintraf. Von aufrichtiger Sorge war jedoch wenig zu spüren, er klang zunehmend gereizt, wütend, zornig. Schließlich wurde er so ausfallend, dass Xenia es nicht länger aushielt und die weiteren Nachrichten kurzerhand löschte, anstatt sie abzuhören. Warum sollte sie sich sein Fluchen und seine wilden Drohungen weiter antun?
Ich kann nicht zurück, dachte sie verzweifelt, ich kann einfach nicht zu ihm zurück. Ich ertrage es nicht.
Um sich die Zeit in Kates Haus zu vertreiben, hatte sie begonnen, die vielen Umzugskisten, die noch immer entlang der Wände gestapelt standen, auszupacken. Sie hoffte, dass Kate erfreut und nicht verärgert reagieren würde. Sie hatte mit den Küchensachen angefangen und räumte nun Teller, Tassen, Schüsseln und Besteck in die Einbauschränke. Kate konnte sich ja später ein anderes System überlegen, aber wenigstens wären erst einmal die Kisten aus dem Weg. Sie faltete sie zusammen, wenn sie leer waren, und stapelte sie auf der Terrasse vor der Küchentür. Es war wunderbar warm und sonnig draußen, der Garten lag friedlich und blühend vor ihr. Messy hatte einen Apfelbaum erklommen und thronte stolz, gleichzeitig etwas ängstlich, auf einem der krummen Äste. Xenia empfand den Frieden des Tages, den Frieden des kleinen Stückchens Erde geradezu körperlich. Als würde sich etwas entspannen in ihrem Inneren, das schon allzu lange nur verkrampft gewesen war. Sie hatte gar nicht mehr gewusst, wie es sich anfühlte, keinen Druck zu spüren. Wie es sich anfühlte, frei zu atmen. Die Angst und der Druck lauerten natürlich noch gleich hinter der nächsten Ecke. Aber sie hatte für den Moment eine Insel gefunden. Den Frieden von Kates Haus.
Etliche Anrufe, die Jacob auf dem Display anzeigten, ignorierte sie. Bei diesem Anruf nun, der sie unwillkürlich schon wieder zusammenschrecken ließ, las sie jedoch Kates Namen. Sie meldete sich sofort.
»Sergeant Linville? Kate?«
»Hallo, Xenia. Alles in Ordnung bei Ihnen?«
»Ja. Alles gut. Es ist so wunderschön hier in Ihrem Haus.«
»Das freut mich«, sagte Kate, aber es klang ein wenig angestrengt.
Sie will nicht, dass ich mich zu wohl fühle, dachte Xenia.
»Wo sind Sie?«, fragte sie. »Wann kommen Sie nach Hause? Ich könnte etwas für uns kochen.«
»Das klingt verlockend«, sagte Kate, »aber leider wird daraus nichts. Ich bin in Manchester. Ich werde hier übernachten und morgen früh weiterfahren nach Birmingham. Es wäre umständlich, erst nach Hause zu kommen.«
»Ach«, sagte Xenia enttäuscht. Sie fand es schwierig, alleine zu sein. Kates Gegenwart hätte ihr Ruhe vermittelt.
»Aber nehmen Sie sich aus dem Kühlschrank, was Sie mögen, und kochen Sie sich etwas«, sagte Kate. »Und könnten Sie bitte Messy füttern? Die Dosen stehen in einem der Küchenregale. Und etwas frische Milch in ihre Schüssel. Das wäre sehr nett.«
»Natürlich, gar kein Problem«, versicherte Xenia. Sie merkte, dass sich das Inselgefühl aufzulösen begann. Noch war es früher Abend, es war hell draußen. Aber irgendwann würde es dunkel werden, und dann wäre sie alleine. Nur mit einer Katze.
Aber niemand weiß, dass ich hier bin, dachte sie.
»Morgen Abend bin ich zurück«, versicherte Kate.
Eine Nacht schaffe ich, dachte Xenia.
Sie verabschiedeten sich, Xenia setzte sich auf die Terrasse, versuchte, den Frieden wiederzufinden, den sie gerade noch gespürt hatte. Er war nicht mehr da. Der Zauber war verflogen. Die Furcht hatte sie wieder gepackt. Mit harten, kalten Fingern.
Wann würde das je vorbei sein?
Nie, dachte sie, nie.
Und wenn ich alles sage? Wenn ich Kate anvertraue, was geschehen ist?
Sie würde im Gefängnis landen. Das hatte Jacob ihr wieder und wieder prophezeit. Und sie war ziemlich sicher, dass er recht hatte.
Manchmal dachte sie über die Möglichkeit nach, England zu verlassen. Zurückzugehen nach Russland. Sie hatte noch ihre Familie dort, Freundinnen von früher. Sie hatte Kirov in seiner Kälte und Trostlosigkeit und Armut immer gehasst, aber sie war zumindest frei gewesen. Niemand hatte sie eingeschüchtert, bedrängt und bedroht. Sie hatte Angst gehabt, irgendwann verheiratet zu sein, in einer der winzigen Plattenbauwohnungen mit einem Mann und drei Kindern zu leben und ihre Ehe über der Enge und der Perspektivlosigkeit scheitern zu sehen. Aber was hatte sie stattdessen erreicht? Sie saß in einem düsteren Reihenhaus in einem Vorort von Leeds, zusammen mit einem Mann, den sie hasste und der nur deshalb mit ihr zusammen war, weil sie die erste Frau in seinem Leben war, die ihm nicht davonlaufen konnte – so wie es alle ihre Vorgängerinnen getan hatten. In dem Haus durfte kein Staubkorn herumliegen und im Garten kein Grashalm zu hoch wachsen. Sie erfüllte den Kontrollzwang eines Mannes und putzte, wischte und vernichtete Unkraut von morgens bis abends. Sie lebte damit völlig gegen ihre eigene Natur. Sie fragte sich, wann sie darüber körperlich krank werden würde.
Sie stieß einen leisen Schrei aus, als es plötzlich an der Haustür klingelte. Sie sprang so schnell von ihrem Stuhl hoch, dass ihr einen Moment lang schwindelig wurde. Dann riss sie sich zusammen. Vielleicht war es die Nachbarin. Oder ein Paketbote. Kein Grund, in Panik zu geraten.
Sie ging durch die Küche und den Flur nach vorne und versuchte, durch das kleine Fenster neben der Tür zu spähen, aber der Besucher musste zu weit rechts stehen, sie konnte ihn nicht sehen.
»Hallo?«, fragte sie.
Keine Antwort.
»Hallo?«, wiederholte sie etwas lauter.
Wieder blieb alles still.
Vielleicht hatte es nicht geklingelt. Vielleicht hatte sie sich getäuscht.
Dennoch beschlich sie ein ungutes Gefühl. Sie wandte sich um, lief zurück, weil ihr plötzlich einfiel, dass die Terrassentür offen stand und es sicher besser war, sie zu schließen.
Sie betrat die Küche und prallte gegen Jacob, der gerade von draußen hereinkam.
»Ach, sieh an«, sagte er. »Ich dachte mir doch, dass du hier bist.«
Sie starrte ihn entsetzt an. »Was machst du hier?«, fragte sie schließlich mit zittriger Stimme.
Er schwenkte seinen Autoschlüssel. »Ich bin gekommen, um dich abzuholen.«
Woher wusste er, wo sie war? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Kate sie verraten hatte.
Als ahne er, was sie dachte, sagte er: »Diese Linville war heute Nachmittag bei mir. Hat mich mit Fragen gelöchert wegen deiner Vergangenheit. Die ist nicht blöd. Die wittert, dass da etwas ist. Und ich fürchte, sie wird nicht so schnell Ruhe geben.«
»Aber …«
»Und als sie weg war, dachte ich nach. Darüber, wie du von ihr gesprochen hast nach der Geschichte in dem Zug. Sie war ja fast eine Heilige für dich. Deine Retterin, deine Beschützerin. Und ich überlegte, dass es doch sein könnte, dass du zu ihr geflüchtet bist. Nach dem schrecklichen Drama in der letzten Nacht.«
»In der letzten Nacht, das war …«
»Ich weiß. Das war gar nichts. Deine übliche hysterische Art, auf Dinge zu reagieren. Du hast alle wahnsinnig gemacht, und dein Auto ist auch noch kaputt.«
»Es tut mir leid.«
»Ja. Dir tut es hinterher immer leid.« Er musterte sie mit kalter Verächtlichkeit. »Dir tut es leid, wenn du Sachen kaputtmachst. Dir tut es leid, dass du so fett bist, dass ich dich nicht mehr anfassen mag. Dir tut es leid, dass du mir jeden Tag einen Fraß servierst, den kein normaler Mensch herunterbekommt. Alles tut dir immer leid. Aber weißt du, was mich an dir so ärgert? Dass es immer bei den Beteuerungen bleibt. Es tut mir leid, es tut mir leid. Aber du änderst nichts. Du bist einfach nicht bereit, dich zu ändern.«
»Ich versuche …«
»Du versuchst gar nichts. Aber das können wir später besprechen. Ich will jetzt nach Hause.«
»Woher wusstest du, wo Kate wohnt?«, fragte sie. Ihre Stimme zitterte heftiger. Bei der Vorstellung, mit ihm fortgehen zu müssen, wurde ihr fast übel.
Er grinste. Er kam sich schlau und sehr cool vor. »Wie gesagt, sie war heute bei mir. Hat sich als Beamtin vom CID Scarborough vorgestellt. Also dachte ich mir, die wohnt bestimmt da irgendwo in der Nähe. In Scarborough oder zumindest in der Gegend. Ich habe das Telefonverzeichnis im Internet angeschaut. Es gab zweimal den Namen Linville, einmal in der Stadtmitte von Scarborough und dann Linville, R. hier unter dieser Adresse in Scalby. In der Innenstadt war ich zuerst, da machte mir eine Frau auf, die mindestens achtzig Jahre alt war und niemanden mit Vornamen Kate kannte. Dann bin ich hierhergefahren, obwohl ich das R. nicht richtig einordnen konnte. Ist diese Polizistin verheiratet? Es soll ja Männer mit komischem Geschmack geben.«
»Ist sie nicht«, sagte Xenia. »R. ist ihr Vater, der hier gewohnt hat.« Kate hatte ihr erzählt, dass sie von ihm das Haus geerbt hatte.
Ihre Gedanken flatterten in ihrem Kopf wie verzweifelte, eingesperrte Vögel. Sie konnte nicht mitgehen. Sie würde sterben, wenn sie zu ihm zurückkehrte. Sie würde sterben, weil es sie innerlich zerbrechen würde.
»Ist auch egal«, sagte Jacob, »ich habe dich jedenfalls gefunden. Beeil dich. Ich will nach Hause, und ich habe Hunger.«
»Ich kann nicht mitkommen«, hörte sie sich sagen.
Er starrte sie an. »Wie bitte?«
»Ich kann nicht.«
»Du kannst nicht?«
»Nein. Ich kann nicht mehr.«
Er kniff die Augen zusammen. »Du bist völlig verrückt geworden.«
»Mag sein. Aber ich kann nicht mehr.«
Seine Miene gefror zu Eis. »Du weißt, was ich dann tun muss? Ich habe es dir immer gesagt.«
Sie blieb stumm.
»Ich muss dann zur Polizei gehen«, sagte er.
Sie sagte immer noch nichts. In ihrem Inneren fühlte sie sich gespannt wie eine überdrehte Feder.
»Tja«, sagte er. »Wenn du unbedingt ins Gefängnis willst … Und auch die Presse wird dich zerlegen. Das war eine unfassbare Geschichte damals. Du bist erledigt, wenn das rauskommt.«
Zum zweiten Mal an diesem Abend klingelte es an der Haustür.
»Verdammt«, sagte Jacob, »wer, zum Teufel, ist das?«
Xenia rannte aus der Küche zur Haustür, noch ehe Jacob reagieren konnte.
Sie riss die Tür auf. Ein fremder Mann stand vor ihr.
Er starrte sie ebenso erstaunt an wie sie ihn.
»Wer sind Sie denn?«, fragte er nach ein paar Sekunden.
»Xenia Paget.«
»Aha. Ich bin Colin Blair.« Er spähte an ihr vorbei ins Haus hinein. »Wo ist Kate?«
5
Kate saß in einem kleinen Pub in der Innenstadt von Manchester, gleich neben dem Hotel, in dem sie ein Zimmer ergattert hatte. Hotel und Zimmer waren an Schäbigkeit kaum zu überbieten, dafür jedoch unerhört billig, und Kate wollte nicht gleich zu Beginn ihrer Laufbahn beim CID Scarborough mit überzogenen Übernachtungskosten aufwarten. Gegen diese Absteige konnte Inspector Stewart jedoch kaum etwas haben. Es war von Manchester nach Birmingham, Sophia Lewis’ Heimatort, so viel näher als von Scarborough aus, dass es Unsinn gewesen wäre, am Abend noch nach Hause zu fahren und am nächsten Tag von dort wieder aufzubrechen. Immerhin hatte sie gerade Besuch, der sich um Messy kümmern konnte. Insofern trafen sich die Dinge recht gut.
Helen Bennett war es am Mittag tatsächlich gelungen, die Schulleiterin der Chorlton Highschool in Manchester zu ermitteln, zu kontaktieren und einen Termin für Kate mit ihr auszumachen. Mitten in den Ferien war dies kein leichtes Unterfangen gewesen, aber die Dame, Lydia Myers, war glücklicherweise nicht verreist und hatte sich bereit erklärt, Kate in ihrer Wohnung zu empfangen. Allerdings hatte die Spur eher ins Leere geführt. Lydia Myers erinnerte sich zwar an den Fall jenes Schülers mit den erbosten Eltern, hielt es aber für ausgeschlossen, dass irgendjemand aus dieser Familie zu kriminellen Methoden greifen würde, um seinem Ärger Luft zu machen.
»Außerdem«, hatte sie hinzugefügt, »wohnt die Familie schon lange nicht mehr in England.«
»Nein?«
»Die sind schon bald darauf nach Dubai ausgewandert. Der Vater macht da irgendetwas in der Gastronomie.«
»Und sie sind bis heute dort? Der Sohn auch?«
»Soviel ich weiß, ja. Aber ich kann das auch noch einmal überprüfen. Eine unserer Kolleginnen hatte immer Kontakt.«
»Ja, das wäre nett.« Es war vertrackt. Es schien einfach nichts zu geben, wonach Kate hätte greifen können. »Gibt es noch irgendeinen anderen Fall, an den Sie sich erinnern? Dass Sophia jemandem den Abschluss vermasselt hat. Dass sie jemanden schlecht bewertet hat und dann von ihm bedroht wurde? Sophia soll Angst gehabt haben. Sie hat wohl nicht darüber gesprochen, aber ihr Exfreund meint, da sei etwas gewesen. Etwas, weshalb sie dann Hals über Kopf nach Scarborough gegangen ist und dort an einer anderen Schule angefangen hat.«
Lydia Myers hatte gegrübelt und überlegt und sich sichtlich angestrengt, aber ihr war kein Fall eingefallen, der prägnant genug gewesen wäre, um ihn mit den Geschehnissen in Stainton Dale in Verbindung zu bringen. Sie hatte versprochen, deswegen auch noch einmal mit Kollegen zu reden, hatte aber bereits angedeutet, dass dies erst nach den Ferien möglich sei.
Kate hatte dann nur noch die Frage gestellt, die sie immer stellte: »Sagt Ihnen der Name Xenia Paget etwas? Oder hat Sophia ihn je erwähnt?«
»Nein. Nie gehört. Wer ist das?«
»Eine mögliche Verbindung. Aber offenbar führt sie ins Nichts.« Kate hatte sich dankend von der hilfsbereiten Frau verabschiedet, sich das Hotel gesucht und sich in das Pub begeben, um zum ersten Mal seit dem Frühstück eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Sie bestellte Chips und dunkles Bier.
Wahnsinnig gesund, dachte sie belustigt.
Der Kellner hatte kaum das Essen gebracht, da klingelte ihr Handy. Es war Helen Bennett. Sie schien aufgeregt zu sein.
»Sergeant, ich habe eben mit der Geschäftsführerin von HappyEnd telefoniert. Dieser Partnervermittlungsagentur.«
»Ich weiß«, sagte Kate. »Und?«
»Tja«, sagte Helen, »wie es scheint, sagen Jacob und Xenia Paget nicht die Wahrheit. Sie haben sich nicht über diese Agentur kennengelernt.«
»Nicht?«, fragte Kate perplex.
»Nein. Jacob ist schon ziemlich lange dort im System. Ihm wurden seinerzeit etliche Frauen vorgestellt. Er ist zweimal nach Russland gereist und hat Frauen getroffen, aber es wurde nichts daraus, weil er so mäkelig war. Diese Geschäftsführerin erinnert sich an ihn. Sie seufzte tief, als ich den Namen nannte. ›Ein äußerst schwieriger Klient‹, so waren ihre Worte.«
»Und?«
»Also, eine Frau ist wohl dann nach England gekommen, aber nicht namens Xenia Paget. Ich habe ihr vorsichtshalber noch ein Foto von Xenia gemailt, aber sie sagte, sie war es definitiv nicht. Die andere Frau ist auch nur zwei Wochen geblieben, dann ist sie wieder abgereist. Sie hat es mit ihm nicht ausgehalten.«
»Kein Wunder«, sagte Kate.
»Ja, und dann folgten wohl etliche weitere Angebote seitens der Agentur, aber Jacob lehnte immer gleich ab. Er reiste auch nicht mehr nach Russland. Irgendwann reagierte er gar nicht mehr. Die Agentur hörte dann auf, ihm noch Bilder und Lebensläufe von heiratswilligen Russinnen zu schicken. Es kam nie zu einer Vermittlung.«
»Das ist ja ein Ding«, sagte Kate. Sie überlegte. »Er achtet sehr auf sein Geld, glaube ich. Jacob Paget. Könnte es sein, dass er eine Frau in Russland getroffen und abgelehnt, sie aber später auf eigene Faust kontaktiert hat? Um die Vermittlungsgebühr zu sparen? So etwas kann eine Agentur vermutlich nicht verhindern.«
»Das wäre denkbar«, meinte Helen. »Ich habe es nicht gefragt, aber ich könnte mir vorstellen, dass das ginge.«
»Wenn er Xenia auf diese Weise kontaktiert hätte …«
»… müsste sie aber vorher im System der Agentur gewesen sein. Xenia Sidorowa aus Kirov. Die Dame hat das überprüft. Xenia war nie dort registriert.«
»Vielleicht unter anderem Namen?«
»Nein. Sie lassen sich die Papiere zeigen, beziehungsweise beglaubigte Kopien schicken. Die Agentur scheint recht seriös zu sein. Xenia hätte sich unter falschem Namen auf der Internetplattform präsentieren können, falls sie vermeiden wollte, dass Leute aus ihrem Umfeld darauf aufmerksam werden, was sie vorhat – wobei das natürlich schon wegen des Fotos schwierig gewesen wäre. Aber die Agentur hätte in jedem Fall den richtigen Namen gewusst. Und der taucht nirgends auf.«
»Warum lügen die Pagets an dieser Stelle?«, fragte Kate.
»Weil sie sich auf eine Art und unter Umständen kennengelernt haben, über die sie keinesfalls sprechen möchten«, sagte Helen. »Das könnte der entscheidende Punkt sein.«
»Die Angst«, sagte Kate. »Xenia Pagets Angst. Das könnte der Punkt sein, an dem sie ihren Ursprung hat.«
Die Affäre mit dem Planschbecken, in dem unser Sohn angeblich ein kleines Mädchen zu ertränken versucht hatte, wurde sowohl von den Mitarbeitern des Kindergartens als auch von den Eltern unglaublich hochgespielt. Meiner Ansicht nach sah man vor allem von Seiten der Leitung des Kindergartens aus endlich eine Chance, den unbeliebten Sascha loszuwerden. Es wurde eine Sondersitzung einberufen, an der auch Alice und ich teilnehmen sollten, dazu die Eltern des kleinen Mädchens, der Elternbeirat und die Leiterin der Tagesstätte. Alice weigerte sich jedoch mitzukommen.
»Das ist ein Tribunal. Von denen lasse ich mich nicht fertigmachen.«
Das wäre ohnehin schwer möglich gewesen, denn sie war schon völlig fertig. Mehr ging eigentlich nicht. Gerade war sie psychisch ein klein wenig auf dem aufsteigenden Ast gewesen, in Ansätzen zumindest, aber diese Geschichte nun hatte sie wieder völlig auf den Boden geworfen.
Was war eigentlich passiert?
Wegen der Hitze hatten die Betreuerinnen im Garten der Tagesstätte ein paar Planschbecken aufgestellt. Sehr klein, sehr flach. Es war eigentlich unmöglich, dass ein Kind darin ertrinken konnte, den meisten reichte das Wasser gerade über die Fußknöchel. Man konnte einfach ein wenig herumplanschen, sich abkühlen, kleine Plastiktiere schwimmen lassen. Andere Kinder nass spritzen. Solche Dinge. Zudem, so wurde von der Leitung des Kindergartens betont, waren natürlich ständig Erzieherinnen anwesend, die alles sorgfältig im Auge behielten.
Sascha war, den Schilderungen zufolge, völlig begeistert von den Wasserbecken gewesen, hatte sich in eines hineingesetzt und es überhaupt nicht mehr verlassen. Er hatte seinen Trinkbecher bei sich, in den er Wasser füllte, das er dann wieder ausgoss, wobei er lachte und strahlte und unverständliche Dinge rief. (Der Bericht deprimierte mich natürlich wieder einmal. Er war vier Jahre alt in jenem Juli, würde im September fünf werden. Seine geistige Verzögerung war einfach nicht mehr zu leugnen.) Irgendwann hatte sich ein knapp dreijähriges Mädchen, die kleine Careen, zu ihm gesetzt. Alles schien friedlich.
Dann stürzte einer der Jungs beim Klettern von einem Gerüst und brach in ohrenbetäubendes Geschrei aus, und sämtliche Erzieher eilten zu ihm, um zu sehen, ob etwas Ernsthaftes passiert war. Tatsächlich handelte es sich wohl nur um ein aufgeschlagenes Knie, das allerdings heftig blutete, und so holte man eilig Pflaster und Desinfektionsspray, und es herrschte einige Aufregung. Deshalb, so betonten alle, habe man für einige Minuten die anderen Kinder nicht richtig im Blick gehabt. Während sich noch alle um den gestürzten Jungen scharten, war plötzlich ein Mädchen aufgeregt angelaufen gekommen.
»Sascha ertränkt Careen!«, hatte es geschrien und wild mit den Armen gefuchtelt.
Sofort ließen alle von dem Jungen mit dem blutigen Knie ab und liefen hinüber zu dem Planschbecken, in dem Sascha seit dem frühen Morgen saß. Careen hatte sich offensichtlich schon wieder befreit, denn sie stand neben dem Becken, hatte allerdings nasse Haare, ein feuerrotes Gesicht und brüllte, als sei der Teufel hinter ihr her. Sascha saß noch immer im Wasser und hielt seinen Becher umklammert. Auch er weinte, allerdings nur leise und still vor sich hin. Als sie ihn nach draußen zogen, wehrte er sich nicht.
Er sagte auch nichts zu der ganzen Sache. Nicht ein einziges Wort.
Es gab nur den Bericht des Mädchens, das Hilfe geholt hatte, und den von Careen selbst. Ansonsten hatte niemand etwas bemerkt, was natürlich nichts bedeutete, denn alle hatten gespielt und sich wie üblich nicht um den »blöden Sascha« gekümmert. Offenbar hatte Careen, fasziniert von Saschas Tätigkeit des Wasserausschüttens, nach Saschas Trinkbecher gegriffen, um auch einmal dasselbe zu tun wie er, aber Sascha hatte ihn nicht hergeben wollen. Im Gerangel war der Becher ins Wasser gefallen, und Careen hatte ihn sich geschnappt. Daraufhin hatte Sascha einen Sprung auf sie zugemacht und war auf ihr gelandet, hatte sie dabei unter die Wasseroberfläche gedrückt.
»Das klingt aber nicht nach einem vorsätzlichen Angriff«, protestierte ich auf der Sonderversammlung, an der ich ohne Alice teilnahm. »Er wollte seinen Becher wiederhaben und ist unglücklich gestolpert. Das ist schlimm genug, aber es war sicher keine böse Absicht von Sascha. Niemals wollte er ein kleines Mädchen ertränken.«
Careens Mutter sah das völlig anders. »Meine Tochter lag mit dem Gesicht unter Wasser. Sie hat sich heftig gewehrt. Ihr Sohn blieb auf ihr liegen, drückte sie mit seinem Gewicht nach unten. Entschuldigen Sie bitte, aber wie würden Sie das denn nennen, wenn nicht ertränken?« Das letzte Wort schrie sie fast. Sie platzte nahezu vor Aggression, schon die ganze Zeit über. Ihr Mann legte ihr seine Hand auf den Arm, aber sie schüttelte ihn ab. »Wenn dieser kleine gefährliche Idiot hierbleibt, melde ich meine Tochter ab. Und ich gehe mit der Geschichte an die Presse. Es wird einen riesigen Ärger geben, das kann ich Ihnen allen versprechen!«
Die Leiterin des Kindergartens blickte entsetzt drein.
»Mr. Walsh …«, wandte sie sich an mich.
Ich wusste, dass ich längst verloren hatte. Wahrscheinlich hatten die nicht das Recht, Sascha rauszuwerfen. Ich hätte sein Verbleiben in dem Kindergarten notfalls gerichtlich erstreiten können. Die Leiterin hatte eindeutig Angst, dass das alles an die große Glocke gehängt wurde. Tatsache war: Careen hätte ertrinken können. Keine der Betreuerinnen hatte etwas bemerkt. War es zu riskant gewesen, Wasserbecken aufzustellen? Gerade weil auch bei harmlosen Rangeleien – und das war es, so meine Überzeugung, bei Sascha gewesen – schlimme Dinge passieren konnten. Hätte nicht zumindest eine Aufpasserin eisern die übrigen Kinder im Auge behalten müssen, während sich alle anderen um den gestürzten Jungen bemühten? Fragen, mit denen ich dem Kindergarten durchaus hätte Probleme bereiten können. Aber wozu? Sascha würde hier seines Lebens nicht mehr froh, er war von Anfang an unwillkommen gewesen, und jetzt umso mehr. Sie wollten ihn nicht. Die Betreuer nicht, die anderen Eltern auch nicht. Niemand machte sich die Mühe, genau hinzusehen. Sascha war von nun an der gestörte Junge, der versucht hatte, ein kleines Mädchen zu ertränken. Wie sollte er an diesem Ort noch zu einer Normalität finden?
Also ging Sascha nicht mehr in den Kindergarten, sondern blieb zu Hause bei Alice. Die wirkte inzwischen so depressiv, dass ich mir immer größere Sorgen um sie machte. Sie schlich wie ein Schatten durch den Tag. In einer völlig mechanisch wirkenden, freudlosen Form der Pflichterfüllung suchte sie mit Sascha weiterhin Logopäden, Osteopathen, Heilpraktiker aller Art auf, aber sie wirkte dabei wie jemand, der nichts Gutes vom Leben mehr erwartet.
Das alles nur, weil wir ein Kind wollten, dachte ich manchmal. Weil wir diesen ganz normalen Wunsch nach einer Familie hatten.
Und dann, an einem regnerischen Abend im Oktober, kam ich nach Hause und erwartete, Alice wie immer apathisch auf dem Sofa liegend und Sascha vor dem Fernseher anzutreffen. Er saß praktisch nur noch dort, weil Alice keine Energie fand, sich mit ihm zu beschäftigen. Er schaute sich völlig schwachsinnigen Schrott an, und oft dachte ich, wäre er nicht schon entwicklungsverzögert, er würde es spätestens durch diese Art der Sendungen werden.
Ich hatte auf dem Heimweg noch eingekauft. Ich würde jetzt erst einmal für alle kochen. Alice schaffte auch das schon längst nicht mehr.
Zu meiner Verwunderung lag sie nicht auf dem Sofa. Sie kam aus dem Bad. Sie trug einen fleckigen Jogginganzug und hatte ungewaschene Haare, aber sie war nicht so grau im Gesicht wie sonst. Sie hatte rote Wangen, fast wirkte sie fiebrig.
»Alice«, fragte ich erschrocken, »was ist los?«
Sie starrte mich an. »Das kann nicht sein«, murmelte sie.
»Was denn?«
Jetzt erst bemerkte ich das weiße Stäbchen, das sie in der Hand hielt. Ein Teststäbchen. Wie gut ich die Dinger kannte. Wie oft hatten wir beide darauf gestarrt, immer vergeblich.
Sie hielt es mir hin. Ich sah deutlich den Streifen im Sichtfeld.
Ich schnappte nach Luft. »Alice …«
»Ich glaube, ich bin schwanger«, sagte sie.
Sie wirkte überwältigt. Und eher ungläubig als glücklich.
Der Besuch beim Arzt am nächsten Tag brachte die Bestätigung. Alice war im zweiten Monat schwanger. Wir würden im Mai des nächsten Jahres ein Kind bekommen.