Donnerstag, 1. August
1
Sie fragte sich oft, ob die Menschen um sie herum eigentlich wussten, dass sie alles mitbekam. Alles verstand. Akustisch, aber auch intellektuell. Oder hielten sie ihr Gehirn für ebenso tot, wie es der Rest ihres Körpers war? Diese nutzlose Ansammlung von Knochen, Muskeln, Gewebe. Unbeweglich, völlig ohne jeden Sinn. Ihr Körper war kein Körper mehr. Er war die Hülle von etwas, das einmal stark, kraftvoll und voller Bewegungshunger gewesen war. Auf ihren Körper war immer Verlass gewesen. So sehr, dass sie diese Tatsache nie wirklich wertgeschätzt hatte. Jedenfalls nicht genug. Sie war nie inbrünstig dankbar gewesen. Dafür, dass ihr Körper so selten krank war. Dass er ihr nie Schmerzen bereitete. Dass er jeden Morgen nach dem Aufstehen einfach funktionierte, ohne dass es das geringste Problem gab. Dass er den ganzen Tag über durchhielt, egal, was sie tat, ob sie joggte, auf dem Fahrrad fuhr, vor einer Schulklasse stand, ihr Haus renovierte, den Garten umgrub oder mit ein paar Bekannten zusammensaß und zu viel Alkohol trank: Immer schlug das Herz gleichmäßig und stark, arbeiteten die Muskeln, lief alles wie am Schnürchen, ohne dass sie je gezwungen gewesen wäre, innezuhalten und sich um irgendein Problem an irgendeiner Stelle zu kümmern.
Wäre das alles nicht passiert, wenn sie weniger selbstverständlich mit dem Glück umgegangen wäre?
Denn es war das Glück gewesen. Sophia wusste das jetzt. Es war das Glück gewesen, einfach gesund zu sein. Einfach zu leben. Sich zu bewegen. Zu atmen. Die Sonne auf der Haut zu spüren und den Wind im Gesicht. Mehr brauchte man nicht. Mehr würde sie sich für den Rest ihres Lebens nicht wünschen, bekäme sie nur dies zurück: ihren gesunden Körper.
Es gab fast nichts mehr, was sie bewegen konnte. Keinen Fuß, kein Bein, keinen Arm, keine Hand. Keinen Finger.
Sie konnte den Kopf drehen. Sie konnte atmen. Das wurde von den Ärzten und den Pflegern ringsum als riesige Errungenschaft gesehen, als ein Geschenk des Himmels.
Darüber hinaus wurde sie gedreht und gewendet und gewaschen. Man bürstete ihr die Haare und schnitt ihre Fingernägel. Sie trug Windeln, weil sie ihren Darm nicht kontrollieren konnte. Ihre Blase wurde dauerkatheterisiert.
Sie konnte zudem nicht sprechen. Ein Blutgerinnsel infolge des Sturzes hatte zu einer Embolie im Gehirn geführt. Aber der Arzt hatte gesagt, die Fähigkeit des Sprechens würde zurückkehren, es würde nur etwas dauern. Sie hoffte, dass er recht hatte.
Dennoch, obwohl sie über ihren Körper nachdachte, über alles, was er gekonnt hatte und nun nicht mehr konnte, obwohl sie sich Gedanken machte, dass sie zu undankbar gewesen war, zu unbedacht, obwohl tausend Dinge durch ihren Kopf gingen – trotz alldem war das eigentliche Gefühl, das Sophia von morgens bis abends in diesem Krankenhauszimmer begleitete, das eines einzigen bösen Traumes, der nicht wahr sein konnte. Sie realisierte das ganze Ausmaß des Grauens, das über ihren Körper und ihr Leben hereingebrochen war, und zugleich hielt sie es für völlig irreal. Es konnte einfach nicht sein. Jeden Moment musste sie aufwachen. Sich behaglich in ihrem Bett strecken und dehnen, dann aufspringen, in ihre Sportklamotten schlüpfen und hinaustreten in einen herrlichen Sommermorgen, sich in den Sattel des Fahrrads schwingen, die vertrauten Straßen und Wege entlangfahren, nur sie und der Morgen …
Regelmäßig an dieser Stelle war es, als verkrampfe sich etwas in ihrem Gehirn. Es gab eine Störung, so, als reiße ein Faden. Sie sah sich an dem Gehöft vorbeiradeln, der Bauer grüßte, die Hühner pickten zu seinen Füßen, sie strampelte den Hügel hinauf, es war anstrengend, schweißtreibend, dann war sie oben und sauste den Berg hinunter. Der Draht, der Sturz. Und dann war … nichts. Eine Leere. Etwas Dunkles. Alles hörte auf. Sie wusste nicht mehr, wie es danach weitergegangen war.
Der nette Arzt hatte sich an ihr Bett gesetzt, drei Tage zuvor. Oder waren es zwei Tage gewesen? Sie wusste es nicht, die Zeit verschwamm hier zwischen Tag und Nacht und Unendlichkeit. Auf jeden Fall hieß er Dr. Dane. So hatte er sich ihr vorgestellt.
»Ich bin Dr. Dane. Ich hoffe, Sie können mich verstehen?«
Ja,
schrie es in ihr, ja!
»Vielleicht, wenn Sie mich verstehen, können Sie mit einem Auge blinzeln? Oder mit beiden gleichzeitig. Egal. Wenn ich nur eine Bewegung an Ihren Augen sehe?«
Sie wusste, dass sie selbstständig die Augen schließen und öffnen konnte, aber in diesem Moment, da sie es tun sollte, funktionierte es nicht. Sie nahm alle Kraft zusammen, ihr Gehirn sendete verzweifelte Aufforderungen an die Augen – blinzelt, verdammt noch mal!
–, aber es wollte ihr nicht gelingen. Wieso klappte es sonst? Sie war wütend und verzweifelt und hatte den Eindruck, völlig zu verkrampfen.
Dr. Dane seufzte. »Nun, ich hoffe, Sie verstehen mich. Ich erzähle Ihnen mal, was passiert ist, ja?«
Ja!
Dann hatte er von dem Draht erzählt, der über den Weg gespannt gewesen war und in den sie hineingerast war.
»Sie sind ein ganzes Stück durch die Luft geflogen. Und kopfüber auf dem Weg aufgekommen. Der war hart wie Stein, weil es so lange nicht geregnet hat, also nicht viel besser als Asphalt. Und Sie trugen leider keinen Helm.« Ein sanfter, trauriger Vorwurf schwang in der Stimme des Arztes.
Manchmal hatte sie einen Helm getragen. Manchmal nicht. Die Wahrheit war, sie trug ihn nicht gerne. Fühlte sich irgendwie beengt, eingesperrt. Trotzdem hatte dann und wann die Vernunft gesiegt. Häufig abhängig von den Jahreszeiten. Im Herbst und im Winter hatte sie der Helm weniger gestört, war sogar ein Schutz gewesen bei Kälte und Wind. Im Sommer hingegen …
Ach, was soll’s, hatte sie oft gedacht. Wird schon nichts passieren.
»Sie haben sich den siebten Halswirbel gebrochen. Es soll nicht zynisch klingen, aber das ist Glück im Unglück. Sie können selbstständig atmen.«
Ja, und warum kann ich mich nicht bewegen? Wann kann ich das wieder? Sagen Sie bitte, dass das ein vorübergehender Zustand ist. Alles andere wäre ja völlig absurd.
»Man hat außerdem auf Sie geschossen. Sagt die Polizei. Aber weit vorbei.«
Geschossen?
»Die Polizei will unbedingt mit Ihnen sprechen. Der ermittelnde Beamte ruft mich ständig an. Aber wann das geht, ist im Moment schwer vorherzusagen.«
Ich habe Angst.
»Es sitzt ein Polizist vor Ihrer Tür. Die ganze Zeit über. Ihnen kann also hier nichts geschehen.«
Er hatte nichts davon gesagt, wann sie wieder laufen konnte, wann überhaupt irgendetwas wieder funktionieren würde in ihrem Körper. Vielleicht wollte er später nicht auf Prognosen festgenagelt werden. Sicher ging es bei dem einen schneller, bei dem anderen dauerte es länger. Bei ihr würde es schnell gehen. Weil sie im Grunde ein gesunder Mensch war.
Eine bösartige Stimme in ihrem Kopf flüsterte ihr ebenso bösartige Begriffe zu, wie Querschnittslähmung
und Hoffnungslosigkeit
, aber sie schob das weg. Der Arzt hatte diese Worte nicht benutzt. Das hätte er getan, wenn diese Möglichkeiten bestünden, ganz sicher.
Am gestrigen Tag hatte er sich wieder an ihr Bett gesetzt und ihr erklärt, dass sie verlegt werden würde.
»Wir können hier nicht mehr genug für Sie tun. Sie brauchen jetzt Physiotherapeuten, die auf Fälle wie Sie spezialisiert sind.«
Und die sorgen dann dafür, dass ich bald wieder mein altes Leben führen kann?
»Ich kann Ihnen nichts versprechen, Sophia. Aber ich nehme ziemlich sicher an, dass einige Verbesserungen noch zu erzielen sind.«
Wie meinen Sie das denn? Verbesserungen?
»Auf jeden Fall geben Sie bitte die Hoffnung nicht auf«, hatte er gesagt und in einer unbeholfenen Geste kurz ihren Arm gestreichelt. »Sie sind am Leben. Das zählt.«
Wie bitte?
Wenn sie nicht darüber nachdachte, was mit ihrem Körper passiert war und wann es in Ordnung käme, dann grübelte sie über den Anschlag selbst nach, und ihr wurde fast schlecht vor Angst. Ein Draht, der über den Weg gespannt war – sie hätte sich noch einreden können, dass Kinder oder dumme Jugendliche etwas so Unüberlegtes taten. Aber dann hatte auch noch jemand auf sie geschossen? Dafür gab es keine harmlose Erklärung mehr. Sie kannte nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der Grund hatte, sie zu hassen, und da sie ihn für einen gefährlichen Psychopathen hielt, traute sie ihm alles zu. Absolut alles.
Ich bin in Gefahr,
hätte sie schreien mögen. Ihr müsst auf mich aufpassen. Der wird es wieder versuchen.
Ein Polizist saß vor ihrem Zimmer, hatte Dr. Dane gesagt. Würde er auch mitkommen in die neue Klinik, in die man sie jetzt verlegte? Und konnte er sie ausreichend beschützen? Er wusste ja gar nicht, wer der Feind war. Und sie konnte es nicht sagen. Sie konnte es nicht!
Sie hätte gerne geschrien. Sie hätte gerne die Fäuste geballt.
Nichts ging. Sie lag da wie eine schlaffe Hülle. Kein Muskel, kein Gelenk, nichts in ihrem verdammten Körper war auch nur um einen Millimeter zu bewegen.
Sie spürte etwas Nasses auf ihren Wangen. Tränen. Ihr liefen Tränen aus den Augen.
Eine Schwester, die gerade ins Zimmer gekommen war, griff nach einem Taschentuch und tupfte ihr das Gesicht ab.
»Wer wird denn weinen? Sagen Sie nicht, es macht Sie traurig, uns zu verlassen? Sie kommen in eine tolle Rehaklinik. Lauter nette Leute, und die werden einiges für Sie tun können.«
Die Tränen hörten nicht auf zu fließen.
Die Schwester tupfte unbeirrt. »Ich mache Sie jetzt fertig für den Transport. Alles wird gut werden. Sie dürfen nicht aufgeben.«
Sie weinte weiter.
Immerhin das konnte sie offenbar noch.
Sie konnte weinen ohne Ende.
2
»Und Sie haben keine Ahnung, wo sich Xenia Paget aufhält?«, fragte Robert. »Unglaublich!«
Er trommelte mit den Fingern auf seiner Schreibtischplatte herum.
Kate meinte einen untergründigen Vorwurf in seiner Stimme zu hören und merkte, wie sich innerlich ihre Stacheln aufstellten. Was dachte er denn, was sie hätte tun sollen? Xenia fesseln und einsperren, ehe sie nach Manchester und Birmingham fuhr? Die Frau hatte das Recht, sich frei zu bewegen, zu gehen, wohin sie wollte.
»Auf sie wurde ein Anschlag verübt«, fuhr Robert fort. »Es ist nicht gut, dass wir nicht wissen, wo sie ist.«
Kate fragte sich, ob er glaubte, ihr damit eine Erkenntnis mitzuteilen, die ihr selbst bislang noch nicht durch den Kopf gegangen war.
Ach, ja?,
hätte sie am liebsten gesagt, aber sie bremste sich.
»Sie will um nichts in der Welt zu ihrem Mann zurück«, sagte sie stattdessen.
»Dazu müsste sie aber nicht untertauchen.«
»Doch. So wie der drauf ist, schon.«
»Wirklich weitergekommen sind Sie bei ihm aber auch nicht«, meinte Robert.
»Er hat immerhin eingeräumt, dass er Xenia nicht über die Agentur kennengelernt, sondern sie in dieser leeren Neubauwohnung aufgegriffen hat.«
»Und was bringt uns dieses Wissen? Vorausgesetzt, die Geschichte stimmt?«
»Vorausgesetzt, die Geschichte stimmt, bedeutet das, dass Xenia wahrscheinlich schon vor dem Jahr 2006 nach England gekommen ist. Und dass irgendetwas geschehen sein muss, was sie zu einer Art Obdachlosen hat werden lassen, die Zuflucht in leer stehenden Wohnungen suchte und sich mit einem Kotzbrocken wie Jacob Paget einließ – sie muss verdammt verzweifelt gewesen sein!«
»Und Jacob Paget weiß Ihrer Ansicht nach, was geschehen ist?«
»Ich bin ziemlich sicher, ja.«
Robert trommelte weiter auf der Schreibtischplatte herum. »Wir könnten ihn vorladen.«
»Wir können es versuchen. Aber warum sollte er dann reden? Und nachweisen können wir ihm gar nichts.«
»Würden wir Xenia finden … vielleicht würde sie reden«, überlegte Stewart.
»Bislang haben wir das bei ihr nicht geschafft.«
»Sie meinen ja, sie ist mit diesem Freund von Ihnen zusammen?«
»Dafür spricht vieles.«
»Und ihn erreichen Sie auch nicht?« Das auch nicht
war in einer Art betont, als sei es Kates vordringliche Aufgabe, Menschen zu erreichen, und als scheitere sie dabei ständig.
»Ich versuche es immer wieder. Ich bin sicher, er meldet sich bald.«
»Hoffentlich«, sagte Robert.
»Gibt es etwas Neues bei Sophia Lewis?«, fragte Kate.
»Sie
waren doch in Birmingham.«
»Das hat leider nicht viel ergeben. Der Vater ist keine Hilfe. Er begreift nicht, was geschehen ist, und konnte mir nichts sagen, was mich weitergebracht hätte. Ich meinte, gibt es medizinisch etwas Neues?« Immerhin diesen Part hatte eindeutig Robert übernommen. Die Gespräche mit den Ärzten.
»Sie wird heute verlegt, mehr hat sich nicht ergeben. Ich werde so schnell wie möglich ihren behandelnden Arzt in der Rehaklinik aufsuchen. Da Sie ja bei Xenia nicht weiterkommen, ruht jetzt alle Hoffnung auf Sophia.« Und auf mir,
klang unausgesprochen hinterher. Meinte Kate zu vernehmen. Aber vielleicht war sie an diesem Morgen auch nur extrem empfindlich.
Robert musste anschließend noch zum Staatsanwalt im Fall Jayden White, und Kate beschloss, kurz nach Hause zu fahren, um nachzusehen, ob Colin und Xenia möglicherweise zurückgekommen waren, wobei sie wenig Hoffnung hegte. Außerdem wollte sie noch einmal mit ihrer Nachbarin sprechen, denn vielleicht hatte sie mehr beobachtet, als Robert hatte wissen wollen.
Als sie draußen in ihr Auto stieg, überlegte sie es sich jedoch anders. Bis zur Mittagsbesprechung blieb ihr genug Zeit, und Robert war hoffentlich ausreichend mit dem Staatsanwalt beschäftigt. Sie würde bei Caleb vorbeifahren. Vielleicht war er zu Hause. Er hatte sich immer um sie gekümmert, wenn ihr Leben in einer Krise gesteckt hatte. Es wurde Zeit, dass sie nach ihm schaute.
Er öffnete die Tür seines Hauses, als sie nach dreimaligem Läuten schon resignieren und wieder fortgehen wollte. Auf den ersten Blick erkannte sie, wie schlecht es ihm ging. Er war unrasiert, und seine Augen blickten trübe und waren gerötet, verrieten eine ganze Reihe schlafloser Nächte. Er trug khakifarbene Shorts, deren letzte Begegnung mit einer Waschmaschine weit zurückliegen musste, und ein weißes T-Shirt, auf dem sich undefinierbare Flecken zeigten. Er roch nach Schweiß, nach ungewaschenem Körper. Seine Haare standen struppig vom Kopf ab. Immerhin nahm Kate keinen Alkoholgeruch wahr. Entweder er wurde von dem intensiven Schweißgestank überlagert, oder Caleb hatte tatsächlich nichts getrunken. Allerdings war es auch noch vergleichsweise früh am Morgen.
Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, was den Anblick nicht besser machte.
»Ach, Sie sind es, Kate. Ich hatte schon gefürchtet, es ist meine Exfrau. Sie macht sich Sorgen um mich und erscheint hier jeden Tag, um nach mir zu sehen, aber ich lasse sie nicht rein.« Er verzog gereizt das Gesicht. »Ich hasse es, bemitleidet zu werden.«
»Ich bemitleide Sie nicht«, sagte Kate rasch. »Ich wollte nur vorbeischauen. Aber wenn es gerade nicht passt …«
»Doch, doch. Ich habe noch geschlafen, aber es ist Zeit aufzustehen, oder? Wie spät ist es?«
»Halb zehn.«
»Gute Zeit für einen Rentner.«
»Sie sind doch kein Rentner, Caleb.«
Er trat einen Schritt zurück. »Kommen Sie rein. Ich hoffe, mein Aufzug stört Sie nicht.« Er blickte an sich hinunter. »Ich fürchte, ich habe in den Klamotten geschlafen.«
Sie folgte ihm in das große Wohnzimmer mit der Glasfront zum Garten hin und mit der integrierten Küche, die sich sehr elegant und unaufdringlich dem Raum anpasste. Kate war erst einmal hier gewesen, aber sie erinnerte sich, wie schön sie dieses Zimmer empfunden hatte. Proportionen und die geschmackvolle Einrichtung hatten sich nicht verändert, aber alles sah ziemlich verwahrlost aus. Überall ungespülte Teller, Kaffeebecher und Gläser. Flaschen auf dem Esstisch. Ungeöffnete Post, achtlos in die Ecken geworfen. Zwei Pakete, die auf dem Tisch lagen und ebenfalls nicht geöffnet worden waren. Ein Pullover knäulte sich auf dem Edelstahltresen der Küche, und etwas, das verdächtig nach einer Unterhose aussah, lag auf einem Bücherregal. Es war deutlich, dass Caleb die Kontrolle über seinen Alltag verloren hatte. Kate mochte sich nicht vorstellen, in wie vielen dieser Briefe sich Rechnungen befanden, die dringend bezahlt werden mussten.
»Ich hoffe, Sie haben schon gefrühstückt«, sagte Caleb, »denn ich habe nichts da, was ich Ihnen anbieten könnte. Nur einen Kaffee.«
»Kaffee wäre schön«, sagte Kate, und Caleb schaltete den Automaten ein. Er öffnete den Kühlschrank, nahm eine Milchflasche heraus, schraubte den Deckel ab, roch am Inhalt und verzog angewidert das Gesicht. »Nicht mehr zu verwenden. Ich hoffe, Sie trinken Ihren Kaffee immer ohne Milch?«
Das tat sie zwar nicht, aber sie nickte. »Schon okay.«
Caleb angelte zwei Kaffeebecher aus einem Regal, die letzten beiden, die nicht benutzt waren. Geschirr zu spülen schien er völlig aufgegeben zu haben. Kate beobachtete ihn mit einiger Fassungslosigkeit. Caleb sah sehr gut aus, und er war sich dessen auch immer durchaus bewusst gewesen. Sie hatte ihn nie anders als sehr gepflegt und sehr gut angezogen erlebt, häufig auf eine lässige, aber durchaus gestylte Art. Sein Alkoholproblem war er nie losgeworden, aber man hatte ihm nie angesehen, dass es Dinge in seinem Leben gab, die er nicht im Griff hatte. Im Gegenteil, er hatte immer souverän gewirkt, selbstsicher, charismatisch.
Von alldem war nichts geblieben. Er schien nicht nur die Kontrolle verloren zu haben, er war dabei, sich selbst zu verlieren. Es tat ihr weh, das zu sehen, es tat ihr mehr weh, als sie erwartet hatte. Sie war einmal sehr verliebt in ihn gewesen, hatte darauf gehofft, er werde ihre Gefühle erwidern. Das war natürlich nicht geschehen, er war ein viel zu attraktiver Mann, als dass er sich mit einer unscheinbaren Frau wie Kate eingelassen hätte. Irgendwann war sie sich dessen schmerzhaft bewusst geworden. Er mochte sie und schätzte sie, und auf irgendeine Weise war sie ihm auch wichtig geworden. Aber er fühlte keinerlei Begehren für sie. Das würde sich auch nie ändern. Es war einfach etwas, womit sie sich abfinden musste.
Er sah immer noch gut aus, aber zugleich krank und heruntergekommen. Ihm schien alles egal zu sein. Er brauchte Hilfe, aber sie bezweifelte, dass er sich helfen lassen würde.
Er stellte die zwei Becher mit schwarzem Kaffee auf den Tisch, fegte ein paar Briefe von einem Stuhl und ließ sich darauf fallen.
»Setzen Sie sich doch auch, Kate. Hier muss irgendwo Zucker sein.« Er griff nach einer Dose, die auf dem Tisch stand, schaute hinein. »Leer. Ich hoffe, Sie trinken Ihren Kaffee auch ohne Zucker?«
»Zucker ist ungesund«, sagte Kate. Sie liebte Zucker im Kaffee, aber in diesem Haushalt konnte sie froh sein, überhaupt etwas angeboten zu bekommen.
»Irgendetwas müssen Sie doch essen, Caleb. Wie ernähren Sie sich?«
»Kaffee. Alkohol.«
»Nicht gut.«
»Nein. Aber gar nichts ist gut im Moment. Wissen Sie, ich kann auch nicht schlafen. Ich schlafe ein, weil ich genug getrunken habe, aber dann wache ich ganz schnell wieder auf und liege wach. Stunde um Stunde. Erst am Morgen schlafe ich noch mal ein.«
»Und dann komme ich und klingele Sie wach.«
Er machte eine lässige Handbewegung. »Das war gut. Man sollte nicht den halben Tag im Bett liegen.« Er strich sich über die Augen. Sie sahen danach noch stärker gerötet aus. »Ich freue mich, dass Sie da sind, Kate. Wirklich.«
Sie hätte am liebsten die Hand ausgestreckt und seinen Arm berührt, aber sie wagte es nicht. »Sie sollten nicht so viel grübeln. Das macht irgendwann krank.«
Er sah sie mit einem Blick an, in dem Hoffnungslosigkeit stand. »Ich gehe es immer wieder durch. Mein Telefongespräch mit Jayden White. Wieder und wieder. Ich versuche, mir den genauen Wortlaut ins Gedächtnis zu rufen. Jaydens Tonfall. Jede Veränderung in seiner Sprechweise. Jedes Zögern. Seine Atmung … Kate, ich hätte es merken müssen. Ich hätte merken müssen, dass ich sein Problem besser nicht
erwähne. Dass ich damit ein Fiasko auslöse. Mir hätte die Labilität dieses Mannes, aber auch der ganzen Situation klar sein müssen. Es war zu riskant. Es war einfach zu riskant.«
»Caleb …«
»Hätte ich nicht getrunken, hätte ich feinere Sinne gehabt. Geschärfter. So war alles etwas vernebelt. Geglättet. Besänftigt. Wie das so ist mit dem Alkohol. Alles verwischt sich, Ecken und Kanten werden runder. Deshalb wird man ja so verrückt danach. Aber in einer solchen Situation ist es tödlich. Im vorliegenden Fall im wortwörtlichen Sinn. Ich hätte das Gespräch nicht führen dürfen. Ich hätte wissen müssen, dass ich dazu nicht in der Lage bin. Ich hätte Stewart bitten müssen, das zu übernehmen.«
»Na, ob Stewart besser geeignet gewesen wäre …«, murmelte Kate.
Caleb sah sie aufmerksam an. »Probleme?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Muss nicht nur an ihm liegen. Wir sind wahrscheinlich als Team nicht die beste Kombination.«
Er seufzte. »Es war ja auch anders gedacht. Tut mir leid. Neben vielem anderen tut mir auch das sehr leid, Kate. Dass aus unserer Zusammenarbeit nun nichts wird.«
»Sie kehren ja vielleicht zurück.«
»Ich müsste mein Problem endgültig in den Griff bekommen. Und selbst dann ist unklar, ob ich noch eine Chance bekomme.«
Sie betrachtete ihn aufmerksam. Immerhin hatte sie ihn nicht sturzbetrunken auf dem Sofa oder, noch schlimmer, auf dem Küchenfußboden angetroffen. Er trank nach wie vor Alkohol, vermutlich nicht zu knapp – davon zeugten die Gläser und Flaschen, die sich malerisch im ganzen Raum verteilten –, aber er war an diesem Morgen in der Lage, ein vernünftiges Gespräch zu führen und sich klar zu artikulieren. Was dafür sprach, dass er am Vorabend nicht bis zur Besinnungslosigkeit getrunken haben konnte.
»Ich habe den Eindruck, dass Sie sich wirklich bemühen«, sagte sie vorsichtig.
Er seufzte erneut. »Ja. Ich kämpfe darum, Kate. Ich will raus aus diesem Teufelskreis, weil ich sonst mein Leben zerstöre. Aber ich mache mir nichts vor: Der einzige Weg wäre der totale Entzug. Ich versuche, die ganz harten Sachen wegzulassen, aber letztlich trinke ich nach wie vor viel zu viel, und wenn Sie mir das nicht in aller Schärfe anmerken, dann deshalb, weil mein Körper verdammt viel gewohnt ist. Es dauert, bis ich lallend in der Ecke liege. Ich konnte ja auch noch im Beruf funktionieren. Zumindest scheinbar.«
»Und wenn Sie in eine Klinik gehen? Sie haben das schon mal gemacht.«
»Der Erfolg hielt kein halbes Jahr an.«
»Sie sind damals auf Anweisung Ihrer Vorgesetzten gegangen. Diesmal wäre es freiwillig. Ich verstehe ja nicht viel davon, aber nach allem, was ich gehört habe, spielt das eine entscheidende Rolle bei Suchttherapien. Dass man selbst den Willen dazu hat.«
»Ja … das ist sicher richtig …«, meinte er vage.
Sie tranken ihren heißen, bitteren Kaffee, dann fragte Caleb: »Abgesehen davon, dass Sie mit Stewart nicht so richtig harmonieren – geht es voran mit dem aktuellen Fall?«
Sie schüttelte den Kopf. »So gut wie gar nicht.« Sie gab ihm einen schnellen Überblick der Lage, und er hörte aufmerksam zu.
»Sophia Lewis kann nicht sprechen, und Xenia Paget ist spurlos verschwunden«, schloss Kate. »Und ich komme an keiner Stelle weiter. An keiner! Vor allem finde ich keinen Zusammenhang zwischen Sophia und Xenia. Egal, wen ich frage, niemand aus Xenias Umfeld hat je Sophias Namen gehört. Und umgekehrt ist es dasselbe. Keinerlei Überschneidung.«
»Wahrscheinlich ist der Täter die einzige Überschneidung«, meinte Caleb. »Mit ihm hatte jede von ihnen an irgendeiner Stelle ihres Lebens zu tun. Aber darüber hinaus gibt es keine Verbindung.«
»Xenia weiß etwas«, sagte Kate. »Und Jacob, ihr Mann. Beide wollen nicht reden. Und Sophia kann nicht reden. Es ist wie verhext.«
»Ich würde Ihnen so gerne einen guten Rat geben, Kate, aber mir fällt auch nichts ein, was Sie weiterbringen könnte. Eine kleine Irritation ergibt sich bei mir, wenn ich über den Schuss nachdenke, der auf Sophia abgegeben wurde. Weit daneben. Während Sie den Schützen aus dem Zug als sehr treffsicher beschrieben haben.«
»Absolut, ja. Xenia ist ihm mit knapper Not entronnen, und hätte ich uns beide nicht in die Bordtoilette gezerrt und dort den toten Winkel nutzen können, wäre sie jetzt wahrscheinlich nicht mehr am Leben.«
»Eben. Und derselbe Typ schießt kurz darauf dermaßen vorbei? An einem statischen Ziel?«
»Vielleicht hat er vorher geschossen. Als sie noch in voller Fahrt war. Da war sie sicher sehr schwer zu treffen.«
»Warum sollte er das tun? Wenn er weiß, sie fliegt gleich über den Draht und bricht sich dann entweder sowieso das Genick oder liegt zumindest reglos auf der Erde und ist ein leichtes Ziel.«
»So wie sie dalag«, sagte Kate, »hätte es ein Kind geschafft, sie zu erschießen. Irgendwie hat man den Eindruck … er war unentschlossen?«
»Während er bei Xenia im Zug doch sehr entschlossen schien.«
»Vielleicht wollte er sie gerade abknallen, da ging ihm auf, dass Überleben womöglich die viel härtere Strafe für sie wäre. Wenn Rache das Motiv ist. Dann freut er sich an einer Frau im Rollstuhl mehr als an einer, die tot ist.«
»Er wird in dem Moment kaum in der Lage gewesen sein, das Ausmaß der Verletzungen einschätzen zu können.«
»Er konnte wohl ahnen, dass das nicht ganz glimpflich ausgehen wird.«
»Wissen Sie, das passt nicht zusammen«, sagte Caleb. »Eine Frau mit Querschnittslähmung am Leben zu lassen mag ja durchaus befriedigend sein für die Rachegelüste. Aber eine solche Frau kann reden. Oder sich irgendwann auf irgendeine Art verständlich machen. Musste er nicht sichergehen, dass sie tot ist? Und vermutlich hatte er deshalb die Waffe dabei. Der Plan war, sie zu Fall zu bringen und dann zu erschießen. Um selbst kein Risiko einzugehen. Da bin ich mir relativ sicher.«
»Aber warum dann …?«
»Es ist nicht einfach, einem Menschen in den Kopf zu schießen, der einem wehrlos zu Füßen liegt.«
»So wirkte der Typ im Zug nicht«, sagte Kate. »Als ob er derartige Bedenken hätte.«
»Haben Sie mal überlegt«, sagte Caleb, »ob es sich um zwei Täter handeln könnte?«
Sie starrte ihn an. »Zwei
Täter? Wir haben definitiv eine
Waffe!«
»Ja. Aber das heißt nicht zwangsläufig, dass sie jedes Mal von demselben Menschen benutzt wurde.«
»Zwei Täter … zwei völlig verschiedene Geschichten?«
»Nur eine Idee. Aber nicht ganz von der Hand zu weisen. In dem Fall wäre nicht einmal der Täter der Schnittpunkt zwischen Xenia Paget und Sophia Lewis. Sondern zwei Täter, die sich kennenlernen. Die jeweils eine Rechnung mit jemandem offen haben. Und die sich zusammentun.«
»Und wo …?«
Caleb wusste, was sie fragen wollte. »Wo lernen sich solche Typen kennen? Meist im Knast.«
»Sie kommen raus und …«
»Und beschließen, den Plan umzusetzen, den zu schmieden sie wahrscheinlich im Gefängnis mental über Wasser gehalten hat. Diejenigen umzubringen, die dafür gesorgt haben, dass sie genau dort gelandet sind: erst vor Gericht und dann in einer Zelle.«
»Das ist wirklich eine reine Hypothese, Caleb.«
»Klar. Sie setzt voraus, dass sowohl Xenia als auch Sophia irgendwann einmal daran beteiligt waren, dass jemand zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.«
»Aber das wüssten wir. Helen hat beide durch sämtliche Computersysteme gejagt. Sie hätten ja in diesem Fall Anzeigen erstattet. Vor Gericht ausgesagt. Irgendetwas. Ihre Namen wären uns untergekommen. Aber da war nichts. Absolut nichts.«
»Aber die Theorie würde manches erklären. Sophia Lewis wird von ihrem Exfreund als nervös und in mancher Hinsicht verschlossen beschrieben. Sie hat Manchester abrupt und ohne ersichtlichen Grund verlassen. Hat sie sich bedroht gefühlt? Und wusste genau von wem? Und bei Xenia gibt es ja mit einiger Sicherheit ein dunkles Geheimnis. Sie muss in etwas Kriminelles verstrickt gewesen sein, sonst würde sie mit der Polizei offen reden.«
»Eine gewagte These, das alles«, sagte Kate, aber in ihrem Kopf jagten sich die Gedanken. Es war tatsächlich nicht völlig abwegig, was Caleb sagte.
»Leider«, meinte sie, »bringt mich Ihre Überlegung im Moment auch nicht wirklich weiter.«
»Ist mir klar. Sie verstärkt aber ein Problem, das Sie ja die ganze Zeit über schon sehen: Wenn etwas dran ist an dem, was ich gerade gesagt habe, dann schweben sowohl Sophia Lewis als auch Xenia Paget in höchster Gefahr. Dann nämlich wissen beide ganz genau, wer sie da verfolgt, und das kann zur Katastrophe für die Täter werden. Sie sind beide davongekommen. Sie stellen ein hohes Risiko dar. Sie müssen zum Schweigen gebracht werden.«
»Verdammt«, sagte Kate und stand auf. Ihr war etwas schwindelig von dem starken Kaffee und wegen des Gesprächs. »Ich muss Xenia finden. Bevor ihr Mörder das tut.«
»Sophia Lewis hat Polizeischutz?«
»Ja. Aber …« Kate runzelte die Stirn. »Sie wird heute in eine Rehaklinik verlegt. Ich hoffe, Stewart hat den Personenschutz nicht zurückgezogen.« Sie nahm ihr Handy, rief Stewart an, wartete.
»Nichts. Das Handy ist ausgeschaltet. Er hat gerade ein Gespräch beim Staatsanwalt.« Sie rief Helens Nummer auf und erreichte sie glücklicherweise. Caleb hörte den Gesprächsfetzen zu.
»Sie wissen es nicht? Okay, Helen, rufen Sie gleich bei Dr. Dane an. Ich habe die Nummer nicht. Sophias Transport muss unbedingt von einem Polizeibeamten begleitet werden … Ja. Egal. Sollte er abgezogen worden sein, schicken Sie einen anderen … Ja, ich nehme das auf meine Kappe … Gut. Beeilen Sie sich.«
Sie beendete das Gespräch. Sah Caleb an.
»Ich habe irgendwie ein blödes Gefühl«, sagte sie.
3
Sophia wurde auf ein Rollbett gehoben. Sie war fertig. Gewaschen, gesäubert, neu katheterisiert. Eine der Schwestern hatte ihr besonders liebevoll die Haare gekämmt. Jemand breitete eine Decke aus leichter Wolle über sie. Irgendein Pfleger.
Sie hatte apathisch dem ganzen Ablauf beigewohnt und sich in Gedanken mit der Frage herumgeschlagen, weshalb bislang niemand ihr definitiv gesagt hatte, dass sie bald wieder gesund sein würde. Sagten Ärzte und Schwestern das nicht sonst? Um den Patienten Mut zu machen? Oder war es einfach nicht sicher, wie weit
sie am Ende wiederhergestellt sein würde? Ärzte legten sich nicht gerne fest, um am Ende nicht mit Vorwürfen bombardiert zu werden. Sie haben aber doch gesagt, an Weihnachten sei ich wieder ganz die alte …
In vielen Bereichen konnten Menschen klare Prognosen und sichere Aussagen treffen, aber am wenigsten vermutlich, wenn es um die Frage ging, wie schnell und wie weit ein anderer genesen konnte. Selbst die erfahrensten Ärzte konnten nur Mutmaßungen anstellen, die sich an Statistiken orientierten, aber Statistiken, man wusste es, sagten nichts über den Einzelfall aus. Letztlich konnte Dr. Dane einfach keine präzise Aussage treffen. Deshalb hielt er sich so bedeckt. Ihm war klar, dass Sophia gesund werden würde, aber er wusste nicht, wie schnell es gehen würde. Und ob vielleicht eine Kleinigkeit
zurückbliebe. Vielleicht würde sie sehr viel Physiotherapie brauchen, um die alte Beweglichkeit wiederzuerlangen, und er war nicht sicher, wie entschlossen und durchhaltewillig sie sein würde. Er kannte sie nicht. Er wusste nicht, wie zäh sie war und wie stark, wenn es darauf ankam. Er würde sich wundern. Sie würde zu den Fällen zählen, von denen er Kollegen und anderen Patienten berichten würde. Dass sie wirklich schwer verletzt gewesen war. Dass man sich große Sorgen um sie gemacht hatte. Aber dann hatte sie es allen gezeigt, hatte gekämpft, hatte ihr Bestes gegeben, war nicht aufzuhalten gewesen und hatte am Ende gesiegt.
Ja, so würde ihre Geschichte lauten.
Sie schaute den Pfleger an, der gerade die Decke über sie gebreitet hatte.
Und wäre erstarrt, hätte sie nicht ohnehin in völliger körperlicher Starre gelebt.
Sie erkannte ihn. Trotz der vielen Jahre, die vergangen waren. Er war es, kein Zweifel. Er war ein erwachsener Mann. Aber die Augen waren unverändert. Diese Dunkelheit. Zwei schwarze Löcher. Ohne jedes Leben darin. Augen, aus denen nichts sprach als völlige Gefühllosigkeit.
Sie hätte diese Augen immer und überall erkannt.
Er starrte auf sie hinunter, als sei sie ein seltenes Tier oder eine besondere Pflanze.
Sie hatte immer gewusst, dass sie ihm eines Tages wieder begegnen würde, und ihr hatte gegraut vor diesem Moment. Aber selbst in ihren schlimmsten Vorstellungen hätte sie sich nicht auszumalen vermocht, dass sie vor ihm liegen würde wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist. Absolut bewegungsunfähig. Ausgeliefert. Schutzlos. Ihrer wirkungsvollsten Waffe beraubt, ihrer schnellen, kräftigen Beine, mit denen sie jedem Menschen und jedem Schrecken hatte davonlaufen können. Nichts davon war geblieben. Jeder konnte alles mit ihr machen. Man konnte sie zerquetschen. Sie hätte nicht einmal zu schreien vermocht.
Er verzog das Gesicht zu einem leisen Lächeln. Er hatte es bemerkt, wahrscheinlich war es deutlich in ihren mit Entsetzen erfüllten Augen zu lesen: Dass sie ihn erkannt hatte. Dass sie wusste, wer er war. Und dass sie in Panik war, ohne irgendwelche Zeichen dafür geben zu können. Außer mit ihren Augen. Aber deren Ausdruck hätte man deuten und verstehen müssen, und niemand von all den geschäftig herumwuselnden Menschen im Raum hatte einen Blick dafür.
Ganz sanft berührte er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand ihre Wange.
»Hallo, Sophia«, sagte er leise. So leise, dass ihn ganz sicher niemand gehört hatte.
Außer ihr.
Noch nie während der endlosen Stunden und Tage, die sie schon in diesem Krankenhaus lag, hatte sie so heftig versucht, irgendetwas
an ihrem Körper zu bewegen. Sie hatte es oft probiert, immer: einen Zeh. Einen Finger. Eine Hand … Aber sie war geduldig gewesen, beharrlich. Jetzt war sie getrieben von Grauen und Angst. Sie mühte sich um alles gleichzeitig, Beine, Arme, Kopf, egal, irgendetwas.
Sie musste die Aufmerksamkeit der anderen erringen. Sie irgendwie auf sich ziehen. Ihnen klarmachen, dass etwas Schlimmes passieren würde, dass sich etwas Furchtbares anbahnte, dass sie Hilfe brauchte, dass sie sie nicht mit diesem Pfleger alleine lassen durften, keine Sekunde lang.
Aber es gelang … nichts. Nicht die geringste Bewegung. Sie lag so starr, so stumm, wie all die Zeit über.
Er grinste. Sie wusste nicht, woran er es erkannt hatte, aber irgendwie schien ihm klar zu sein, dass sie kämpfte, und auch, dass sie nicht die geringste Chance hatte.
Sie rollte mit den Augen und brachte eine Art Krächzen hervor. Sein Grinsen vertiefte sich.
Eine Schwester trat an das Bett heran. »So, Mrs. Lewis, von unserer Seite ist dann alles vorbereitet«, sagte sie. »Jack Gregory hier vom Krankentransportdienst wird Sie nach Hull begleiten. Er hat Ihre Unterlagen dabei. Er weiß immer, was zu tun ist. Sie können sich völlig sicher fühlen.«
Sophia gab ein gurgelndes Geräusch von sich. Sie ließ ihre Augäpfel wild rollen, versuchte, mit den Augenlidern zu flattern, aber wie schon neulich, als sie Dr. Dane damit Signale zu geben versucht hatte, verkrampfte irgendetwas, Nerven, Muskeln, oder womit auch immer man diese Dinger steuerte, und sie konnte sie nur weit geöffnet halten.
Hilfe! Hilfe! Hilfe!
Offenbar bemerkte die Schwester immerhin ihre rollenden Augen. Sie lächelte. Warm und verständnisvoll.
»Sie wollen sich verabschieden? Ich verstehe. Auf Wiedersehen, Mrs. Lewis. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Und Sie wissen ja: niemals aufgeben!«
Gott im Himmel! Ich bin in Gefahr! Helfen Sie mir. Um Himmels willen, helfen Sie mir!
Die Schwester strich ihr über den Arm. »Menschen wie Sie«, sagte sie, »wachsen an ihrem Schicksal. Sie zerbrechen nicht daran.«
Hör auf mit diesen verdammten Kalendersprüchen. Der Typ hier wird mich töten. Er hat es schon mal versucht, deshalb liege ich hier. Halten Sie ihn auf. Halten Sie ihn doch auf!
Sie schrie. So laut sie konnte. Kein einziger Schrei verließ ihren Brustraum und ihre Kehle.
Sie blieb stumm bis auf ein paar unartikulierte Laute.
»Dr. Dane ist leider im OP«, sagte die Schwester. »Aber ich bestelle ihm Ihre Grüße.«
Bestellen Sie ihm, dass mein Leben keinen Penny mehr wert ist!
Nun traten noch andere Schwestern an ihr Bett und verabschiedeten sich. Sophia starrte sie verzweifelt an. Sie mussten es doch sehen. Sie mussten.
Eine der Schwestern, die das Blutdruckmessgerät kontrollierte, sagte: »Die Patientin hat einen erhöhten Blutdruck. Und der Puls rast.«
»Der Stress«, sagte eine. »Wegen der Verlegung.«
Nein. Mein Mörder steht neben mir!
»Ich gebe ihr ein Beruhigungsmittel.«
Sie konnte es nicht fühlen, sah aber, dass eine Schwester mit einer Spritze in der Hand an sie herantrat. Offenbar machte sie sich an ihrem Arm zu schaffen.
»Das wird Sie beruhigen, Mrs. Lewis. So eine Verlegung ist eine aufregende Sache. Sie müssen sich aber vor nichts fürchten.«
Die Spritze wirkte schnell. Sophia merkte, dass ihre Gedanken schleppender wurden, dass sie verschwammen, ineinanderflossen. Leider schlief sie nicht ein, und im Inneren wurde sie auch keineswegs ruhiger. Es war nur so, als werde eine dicke Decke auf ihre jagenden Gedanken und Empfindungen gelegt, sodass sie halb erstickt in ihr wüteten – aber sie hörten nicht auf. Es war fast noch schlimmer jetzt. Als sei nicht schon ihr ganzer Körper gefesselt, fühlte sich nun auch noch ihr Gehirn an wie in einen Schraubstock gepresst. Es war unerträglich. Unerträglich.
Jemand setzte das Rollbett, auf dem sie lag, in Bewegung. Dieser … wie nannte er sich … Jack
? Sie konnte ihn nicht sehen, also war er womöglich an ihrem Kopfende. Wer würde noch bei dem Transport dabei sein? Die verdammte Spritze bewirkte, dass Sophia Probleme hatte, ihre Überlegungen zu fassen zu kriegen und zu ordnen. Ein Fahrer würde da sein. Vielleicht ein zweiter Pfleger. Ihr war klar, dass sie nach Jacks
Plan die Rehaklinik nicht erreichen würde. Irgendwo zwischen Scarborough und Hull würde er zuschlagen. Aber wie würde das aussehen? Würde er sie leise und heimlich hinten im Wagen ermorden, man würde in Hull eine tote Frau ausladen, und alle wären entsetzt? Würde er es nach einem Unfall aussehen lassen, oder besaß er genügend medizinische Fertigkeiten, um sie so zu töten, dass es nach einem natürlichen Tod aussehen würde?
Sie rollten über den Gang. Sophia sah Menschen vorbeigehen, sah Gesichter, die gleichgültig über sie hinwegblickten. Trotz der Spritze versuchte sie noch immer, mit ihren Augen Kontakt zu anderen Leuten herzustellen, versuchte, um Hilfe zu flehen, aber niemand achtete auf sie. Es war hoffnungslos. Sie war eine regungslose Gestalt, die einen Krankenhausflur entlanggeschoben wurde.
Sie standen vor den Aufzügen. Die Türen öffneten sich.
Für Sophia tat sich damit der Eingang zur Hölle auf.
4
Xenia richtete sich auf und stellte erschrocken fest, dass sie tatsächlich eingeschlafen war. Das hatte sie unbedingt vermeiden wollen, aber nachdem sie in der vergangenen Nacht so wenig Schlaf gefunden hatte, war sie nun von der Müdigkeit förmlich überwältigt worden. Obwohl sie eigentlich so aufgeregt gewesen war. Und so entschlossen, wachsam zu bleiben.
Colin war fix und fertig gewesen, nachdem sie ihm ihre Geschichte erzählt hatte, und in dem kleinen Pub in Whitby hatte man sie schief anzuschauen begonnen, weil sie schon viel zu lange dort saßen und nichts gegessen, irgendwann nicht einmal mehr etwas getrunken hatten.
»Das ist ein Ding«, hatte Colin schließlich gesagt und sie benommen angeschaut. »Das ist wirklich ein Ding!«
Dann hatte er endlich nach der Rechnung gefragt, sie hatten bezahlt und waren hinaus auf die Straße getreten, in einen warmen, wolkigen Tag. Sie hatten einander angesehen und wie aus einem Mund gesagt: »Bloß nicht in diese schreckliche Pension!«
Sie hatten beide das Gefühl gehabt, die engen, stickigen Zimmer, die senfgelben Teppichböden, die großblumigen Tapeten und die schlecht gelaunte Concierge ausgerechnet jetzt absolut nicht zu ertragen.
»Vielleicht können wir irgendwohin ins Landesinnere fahren«, hatte Xenia schließlich vorgeschlagen, und Colin hatte die Idee gerne aufgegriffen. Sie waren in die Hochmoore gefahren, über schmale Straßen, die sich durch unberührt scheinende Natur schlängelten, durch Täler, in denen an diesem Tag nichts zu atmen schien, und über Hochebenen, auf denen ihnen freier zumute wurde. Colin hatte kaum ein Wort gesprochen. Der Handyempfang war hier streckenweise entweder schlecht oder gar nicht vorhanden, sodass auch keine Nachrichten mehr von Kate kamen. Xenia fand das beruhigend: Wahrscheinlich waren sie in dieser Einsamkeit auch nicht zu orten.
Sie hatten in einem lieblichen Tal gehalten, am Rande eines Feldweges. Niedrige Steinmauern durchzogen die Wiesen, irgendwo blökten Schafe, und Glockenblumen wuchsen in dicken Büscheln entlang eines plätschernden Baches.
»Paradiesisch«, hatte Xenia gesagt und sich umgeblickt.
»Man glaubt nicht, dass die Welt so mies ist«, erwiderte Colin.
Er schien völlig erschöpft zu sein. Von der letzten Nacht. Von all dem, was er gehört hatte. Von der Gewissheit, dass er dabei war, sich gründlich und vermutlich lang anhaltend mit Kate zu überwerfen. Er hatte Xenia versprochen, niemandem ein Wort zu sagen, aber inzwischen ging ihm auf, dass er sich in eine schlimme Geschichte verstrickte. Oder bereits verstrickt hatte.
Er rollte sich auf einem Teppich aus Moos unter einer Eiche zusammen und war innerhalb einer einzigen Minute eingeschlafen.
Xenia blieb auf dem Beifahrersitz des Autos sitzen bei weit geöffneter Tür. Sie wollte sich nicht hinlegen, weil sie Angst hatte, ebenfalls einzuschlafen, aber irgendwann sank ihr Kopf zurück gegen die Kopfstütze. Sie schlief ein, ehe sie es sich versah, um nichts weniger körperlich und seelisch erschöpft als Colin.
Als sie aufwachte, wusste sie sofort, wo sie war und was passiert war, und entsetzt blickte sie zu Colin hin. Was, wenn er inzwischen Kate verständigt hatte? Fast erwartete sie bereits, die Sirenen sich nähernder Polizeiwagen zu vernehmen, aber tatsächlich war alles still. Bis auf das Plätschern des Baches und das Zwitschern der Vögel. Und die leisen Schnarchlaute, die Colin von sich gab.
Sie starrte ihn an. Er schlief tatsächlich immer noch, und es hatte nicht den Anschein, als sei er zwischendurch wach gewesen. Und wenn er mit Kate telefoniert hätte und somit wüsste, dass sie gleich hier sein würde, womöglich in Begleitung eines Einsatzkommandos, schliefe er nicht so tief, oder?
Mit angehaltenem Atem verließ Xenia das Auto, stand jetzt auf dem Feldweg und überlegte. Ihr rechter Arm und ihre Schulter schmerzten, sie hatte ungünstig darauf gelegen. Sie widerstand dem Wunsch, den Arm hin und her zu bewegen. Sie wollte nicht, dass Colin aufwachte. Sie musste erst genau überlegen.
Sie wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis er Kate kontaktierte. Er würde die Situation nicht mehr lange aushalten. Kate bedeutete ihm viel, das hatte Xenia an der Art erkannt, wie er über sie sprach. Colin war von Kate fasziniert, und sie war vielleicht überhaupt die einzige Freundin, die er hatte. Colin war ein einsamer Mensch, und Kate war es auch. Das fühlte Xenia deutlich. Deswegen hatten die beiden sich gefunden, und deswegen waren sie füreinander auch wichtig. Colin würde seine Freundschaft zu Kate nicht aufs Spiel setzen, selbst wenn er versprochen hatte, nichts zu sagen. Letzten Endes würde er reden, und dieser Zeitpunkt war nicht fern. Er war sogar in ziemlich greifbarer Nähe.
Sie war in Gefahr.
Es war so erlösend gewesen, über alles zu sprechen. Genauso wie es damals erlösend gewesen war, sich Jacob Paget anzuvertrauen. Die Last nicht mehr länger nur mit sich alleine herumzuschleppen. Jemanden zu haben, der zuhörte und Fragen stellte. Der ihren Kummer verstand, ihre Schuldgefühle, die ganze Verstrickung, in der sie sich befand. Aber jedes Mal hatte sie die Neigung, sich alles von der Seele zu reden, in die Bredouille gebracht. Jacob hatte sie seitdem fest im Griff, beherrschte ihr Leben und ließ ihr kaum noch die Luft zum Atmen. Und Colin würde Kate informieren.
Sie warf einen Blick ins Auto. Der Zündschlüssel steckte.
Sie schaute wieder zu Colin hin. Er hatte sich zusammengerollt und auf die Seite gedreht, sein Handy lag dicht an seinem Rücken.
Sie schlich sich näher an ihn heran, so lautlos sie nur konnte. Nicht ganz einfach bei ihrem Gewicht. Sie musste unbedingt aufhören, bei jeder Gelegenheit Süßigkeiten in sich hineinzustopfen. Sie bückte sich, griff das Handy. Verharrte, hielt den Atem an.
Nichts. Colin bewegte sich nicht. Er atmete tief und gleichmäßig.
Sie schlich zum Auto zurück. Natürlich war es gemein, was sie vorhatte. Ihn ohne Auto und ohne Handy in dieser völligen Einöde sitzen zu lassen … Nach ihrer Einschätzung konnte er die nächste Straße, auf der zumindest dann und wann die Chance eines vorbeifahrenden Autos bestand, zu Fuß nicht vor dem Abend erreichen. Wenn dann kein Auto kam, würde seine Wanderung noch länger dauern. Sie versuchte, sich zu entsinnen, wann sie zuletzt an einer menschlichen Behausung vorbeigekommen waren. Ein Bauernhof, irgendwo in einer Talsenke … Von hier aus ein ganz schön langer Fußmarsch.
Sie biss sich auf die Lippen. Er hatte ihr geholfen. Er war nur anständig zu ihr gewesen. Es war nicht in Ordnung, was sie nun tat. Aber sie musste sich retten.
Immerhin, es war Sommer. Er würde nicht frieren, auch nicht in der Nacht.
Sie spähte auf den Rücksitz des Autos, sah eine Flasche mit Mineralwasser dort liegen. Noch fast voll.
Ganz langsam, immer wieder zu Colin hinschauend, öffnete sie die Tür, nahm die Flasche, stellte sie auf den Weg. So, nun hatte er Wasser. Abgesehen davon gab es den Bach und sicher noch viel mehr Bäche in der Gegend. Er würde nicht verdursten.
Soweit das bei ihrer Leibesfülle möglich war, huschte sie um das Auto herum, stieg an der Fahrerseite ein. Colin hatte sich noch immer nicht gerührt.
Er würde aufwachen, wenn sie den Motor anließ. Aber bis er sich aufgerappelt hätte und reagieren konnte, würde sie weg sein.
Sie startete. Der Lärm erschien ihr ohrenbetäubend.
Sie blickte zur Seite. Colin richtete sich langsam auf, schaute verwirrt um sich.
Sie trat das Gaspedal durch. Der Wagen machte einen Satz nach vorne, die Reifen quietschten. Im Rückspiegel sah sie, dass Colin auf die Füße sprang. Er fuchtelte mit den Armen, rief etwas, das sie nicht verstand.
Sie gab noch mehr Gas und fuhr in überhöhtem Tempo davon.
Weg von ihm und von der Gefahr, die er für sie darstellte.
5
Kayla Byron steckte den Kopf durch die Tür zum Arbeitszimmer von Dr. Dane.
»Doktor?«
Dane war mit dem Diktieren von Arztbriefen beschäftigt. Er blickte zerstreut hoch. »Ja?«
»Die Tremblay Clinic
in Hull hat angerufen. Der Transport, der Sophia Lewis bringen soll, ist immer noch nicht eingetroffen. Man ist dort verwundert, weil sie seit mehr als zwei Stunden hätte da sein müssen.«
»Wie spät ist es denn?« Dane trug nie eine Uhr und verlor über all den Terminen des Tages jegliches Zeitgefühl.
»Es ist gleich zwei Uhr.«
»Und wann sind sie losgefahren?«
»Um zehn. Sie hätten um halb zwölf da sein müssen. Bei stärkerer Verkehrslage vielleicht um zwölf. Es ist in der Tat ungewöhnlich, dass sie noch nicht aufgetaucht sind.«
»Ja, und jetzt?«, fragte Dane hilflos.
»Ich hatte die Fahrt wie immer über Winslow Ambulance
gebucht.«
Ein privater Krankentransportdienst. Dr. Dane kannte den Betreiber recht gut, daher wickelten sie Transporte seit Jahren über ihn ab.
»Ich habe bei Mark Winslow angerufen. Er hatte noch nichts von der Verzögerung gehört. Er wollte jetzt versuchen, den Fahrer zu erreichen. Ich dachte nur, Sie müssten wissen, dass es …«
Das Telefon im Vorzimmer klingelte. Kayla war mit zwei Schritten an ihrem Schreibtisch und nahm den Hörer ab.
»Ja«, sagte sie, »das ist seltsam. Und haben Sie den Pfleger erreicht?«
Sie lauschte.
»Aber da stimmt doch dann etwas nicht«, sagte sie. Sie lauschte wieder.
»In Ordnung. Ja, geben Sie uns Bescheid.« Sie legte auf.
»Mark Winslow. Er erreicht weder den Fahrer noch den begleitenden Pfleger über deren Handys, was sehr ungewöhnlich ist und was er nun auch ziemlich beunruhigend findet.«
»Das ist es wirklich. Auf der Strecke hat man überall Empfang.«
»Ich habe im Internet die Verkehrslage gecheckt. Es gibt keine Staumeldung, keine Umleitungen, nichts. Die müssten einfach längst da sein.«
»Du liebe Güte«, sagte Dane. Er war hinter seinem Schreibtisch hervorgekommen, stand mitten im Zimmer. »Sophia Lewis ist nicht gerade in einem Zustand, in dem sie ewig in einem Transportfahrzeug liegen und durch die Gegend geschaukelt werden sollte. Das ist überhaupt nicht gut.«
»Ich frage mich …«, sagte Kayla.
»Ja?«
»Dieser Anruf vorhin von der Polizistin, dass Sophia Lewis unter Polizeischutz nach Hull gebracht werden soll. Nachdem die Bewachung ja eigentlich aufgehoben worden war.«
»Davon weiß ich nichts«, sagte Dane verwirrt.
»Nein. Sie waren ja im OP. Ich habe mich darum gekümmert, das heißt, ich habe es versucht. Aber der Transporter war schon losgefahren. Ich habe die Polizistin zurückgerufen, und sie hat gesagt, sie würden dann einen Beamten direkt nach Hull schicken.«
Dr. Dane riss seine Augen weit auf. »Meinen Sie, Sophia Lewis ist etwas zugestoßen? Von der Seite … von demjenigen, der ihr das alles angetan hat?«
Kayla zuckte mit den Schultern. »Vermutlich hatte die Polizei ja einen Grund, weshalb sie plötzlich den Personenschutz doch verlängern wollte.«
»Oh Gott, was für eine Geschichte«, sagte Dane.
»Mark Winslow wird jetzt die Polizei verständigen«, sagte Kayla. »Dann wissen wir auch, ob es Unfallmeldungen gibt. Vielleicht musste der Transporter abgeschleppt werden.«
»Aber dann hätte der Fahrer seinem Chef doch Bescheid gesagt. Und in der Rehaklinik.«
Sie blickten einander an.
»Ich rufe jetzt noch mal diese Polizistin an, mit der ich vorhin gesprochen hatte. Sergeant Helen Bennett«, sagte Kayla entschlossen. »Ich sage ihr, dass Sophia Lewis nicht angekommen ist und niemand im Moment weiß, wo der Transporter abgeblieben ist.«
»Das wird sie erfahren, wenn Winslow Ambulance
wegen einer Unfallmeldung bei der Polizei anruft«, meinte Dane.
»Das ist vermutlich eine andere Abteilung. Ich rufe an«, sagte Kayla.
Kate hatte nach dem Gespräch mit Caleb kurz überlegt, ob sie direkt in ihr Büro zurückkehren sollte, aber da es bereits zwei Uhr war und sie noch kein Mittagessen gehabt hatte, beschloss sie, sich am Hafen etwas zu kaufen und dann nach Hause zu fahren, um wie geplant mit der Nachbarin zu sprechen und für den unwahrscheinlichen Fall, dass Colin und Xenia oder zumindest einer von beiden dort aufgetaucht war. Sie hatte Caleb überreden wollen, mit ihr etwas essen zu gehen, aber er hatte abgewinkt.
»Keinen Hunger.«
»Das geht nicht«, hatte sie protestiert. »Sie haben nichts zum Essen im Haus. Sie können nicht von nichts
leben!«
»Ich rufe nachher den Pizzaservice an«, versprach er, aber es klang weniger nach einem echten Vorhaben als nach einem Versuch, das Thema loszuwerden.
Sie sollten auch mal duschen und sich richtig anziehen,
hätte Kate fast gesagt, aber sie schluckte es hinunter. Auch wenn er gerade vom Dienst suspendiert war – er war doch in gewisser Weise noch immer ihr Vorgesetzter. Zumindest empfand sie ihn so.
Sie hatte sich kaum in ihr Auto gesetzt, als ihr Handy klingelte. Es war Helen. Sie klang atemlos und sehr verunsichert.
»Sergeant, ein Problem …«, begann sie. Kate spürte sofort, wie sich die feinen Härchen auf ihren Unterarmen aufrichteten. Helens Stimme verhieß nichts Gutes.
»Ja?«
»Das Krankenhaus hat gerade angerufen. Der Krankentransport mit Sophia Lewis ist verspätet.«
»Was heißt das? Verspätet?«
»Er ist immer noch nicht in der Rehaklinik in Hull eingetroffen.«
»Und wann sind die losgefahren?«
»Um zehn.«
Obwohl Kate wusste, wie viel Uhr es war, schaute sie noch einmal nach. »Das kann nicht sein. Die müssten längst da sein.«
Helen klang ziemlich verzagt. »Ich weiß. Und es gibt keinen Stau auf der Strecke, keine Umleitung. Nichts. Und …«
»Ja?«
»Der Chef des Transportunternehmens erreicht den Fahrer nicht. Über sein Handy. Und den begleitenden Pfleger auch nicht.«
Kates Herzschlag verstärkte sich. Das klang nicht nur nach einem Problem. Das klang nach einer möglichen Katastrophe.
»Was ist mit dem Polizeischutz?«, fragte sie. »Ist der Beamte erreichbar?«
Man hörte förmlich, dass Helen tief Luft holte, ehe sie antwortete. »Es war keiner dabei.«
Kate brauchte eine Sekunde, diese Nachricht zu verdauen. »Wie bitte?«, fragte sie dann.
»Ich hatte im Krankenhaus angerufen, nachdem Sie mich beauftragt hatten. Aber da war der Transport schon abgefahren. Ich habe daraufhin einen Beamten direkt in die Klinik nach Hull geschickt.«
»Das heißt, dort sitzt jetzt ein Polizist und wartet? Und der Transporter ist ohne Begleitschutz unterwegs und ist von jedermanns Radar verschwunden? Das darf doch nicht wahr sein!«, rief Kate.
Helen schwieg.
»Ich hatte deutlich gesagt …«, setzte Kate an, unterbrach sich dann selbst und fügte hinzu: »Der Transport hätte gestoppt werden müssen. Er hätte umkehren oder auf den Beamten warten müssen. Wie auch immer. Sergeant Bennett, das war eine sehr klare Anordnung von mir!«
Kate und Helen bekleideten denselben Rang, aber da Helen eigentlich als Polizeipsychologin arbeitete, während Kate als Ermittlerin tätig war, hatten ihre Anweisungen während einer Ermittlung zu gelten.
»Ich dachte, auf der Fahrt kann eigentlich nichts passieren«, verteidigte sich Helen. »Und in Hull wäre der Schutz ja sofort wieder gewährleistet gewesen. Ich meine … woher sollte der Täter denn wissen, dass sie heute von Scarborough nach Hull gebracht wird?«
»Keine Ahnung, aber womöglich wusste er es. Das alles klingt überhaupt nicht gut, aber das haben Sie vermutlich auch schon begriffen.« Kates Gedanken überschlugen sich. »Wir geben sofort eine Fahndung nach diesem Krankentransporter raus.«
»Okay«, sagte Helen.
»Und da wir schon dabei sind … Colin Blair, London. Stellen Sie das amtliche Kennzeichen seines Wagens fest, ich weiß das nicht auswendig, und das kommt auch in die Fahndung.«
»Okay«, sagte Helen erneut, und es war zu hören, dass sie nicht verstand, was das sollte.
Egal ob du es kapierst, dachte Kate aggressiv, Hauptsache, du tust diesmal, was ich sage!
Sie wollte schon ausschalten, aber ihr fiel noch etwas ein. »Der Name des Transportdienstes … haben Sie den gerade parat?«
Sie hörte das leise Klicken von Tasten, offenbar suchte Helen in ihrem Computer.
»Winslow Ambulance
. Brauchen Sie eine Adresse oder Telefonnummer?«
»Danke. Google ich mir selbst.« Sie beendete das Gespräch. Planänderung. Kein Abstecher nach Hause. Sie würde die Transportfirma aufsuchen.
6
Sienna Burton war wütend, so wütend, dass sie genau wusste, es wäre besser, sich nicht hinter das Steuer eines Autos zu setzen und loszufahren. Aber wäre sie in der Wohnung in Hull geblieben, sie wäre geplatzt. Es war ein Tag, an dem alles zusammenkam: Am Morgen, als sie das Haus verlassen hatte, war sie dem Hausbesitzer begegnet, der sie angemeckert hatte, weil sie angeblich ihren Balkon verwahrlosen ließ, sodass er eine Schande sei für das ganze Haus,
und weil sie zweimal ihrem Putzdienst nicht nachgekommen war. In der Boutique, in der sie arbeitete, war sie mit einer Kundin zusammengerasselt, deren unverschämte Arroganz einfach nicht auszuhalten war, und die Chefin hatte ihr daraufhin bedeutet, dass sie nicht wiederzukommen brauchte. War das ein Rausschmiss? Ging das überhaupt so einfach? Hatte sie ihren Job verloren? Nach der Auseinandersetzung mit ihrer Chefin hatte sie jedenfalls die Boutique verlassen und war nach Hause gefahren, um sich bei ihrem Freund auszuheulen, der zurzeit arbeitslos war, den ganzen Tag in ihrer Wohnung vor dem Fernseher herumlungerte und sich keine Mühe machte, Bewerbungen zu schreiben. Liam hätte verständnisvoll reagieren müssen, stattdessen war er ausgeflippt und hatte sie angeschrien, dass sie völlig bescheuert sei, nun müssten sie beide von der Sozialhilfe leben und wie sie sich das denn vorstelle?
»Zum Beispiel könntest du es ja mal mit Arbeit versuchen«, hatte Sienna geschrien, und Liam hatte gebrüllt, das werde er auch tun, aber sie brauche sich nicht einzubilden, dass er sie dann mit durchziehen würde. Das fand Sienna die Dreistigkeit auf die Spitze getrieben, nachdem er sich seit Monaten von ihr aushalten ließ. Es kam zu einem hitzigen Wortwechsel, und schließlich verließ Sienna tränenüberströmt die Wohnung, warf sich ins Auto und brauste los. Sie heulte nicht vor Kummer, sondern aus Wut. Liam war eine miese Ratte. Ihre Chefin eine blöde alte Schlampe. Die fette arrogante Kundin gehörte vor den nächsten Zug gestoßen, und der Hausbesitzer sollte an seiner Besitzgier und seiner Selbstgerechtigkeit ersticken!
Sienna schluchzte und wütete vor sich hin, während sie mit gefährlich erhöhter Geschwindigkeit aus der Stadt hinaus und über die Landstraßen bretterte. Sie achtete nicht auf die Richtung, es war ihr auch egal, sie hatte kein Ziel. Nur weg. Von allem.
Als sie das Ortsschild Market Weighton
passierte, realisierte sie zum ersten Mal, wo sie sich überhaupt befand. Sie kannte die kleine Stadt. Liam war hier aufgewachsen.
Von einem erneuten Schub an Wut durchdrungen, trat Sienna das Gaspedal durch und schoss die Hauptstraße entlang. Sie bog um etliche Kurven, wobei ihre Reifen quietschten. Sie musste das blöde Kaff möglichst schnell hinter sich lassen.
Erst als sie eine Sirene aufheulen hörte, schreckte sie aus ihren finsteren Gedanken und warf einen schnellen Blick in den Rückspiegel. Mist, die Bullen kamen hinter ihr her. Sie hatte das Polizeiauto nirgends gesehen, aber es musste in einer Nebenstraße gelauert haben, und sie war wie eine Furie vorbeigejagt. Klar, die hatten ja nichts Besseres zu tun, als sich jetzt an ihre Fersen zu heften. Anstatt dass sie mal die wirklichen Verbrecher des Landes jagten …
Sienna erwog kurz, ob es Sinn machte, sich nun mustergültig zu verhalten, was bedeutete, die vorgeschriebene Geschwindigkeitsbeschränkung einzuhalten und zu hoffen, dass man dann von ihr abließ. Aber das war vermutlich illusorisch. Die hatten es jetzt auf sie abgesehen. Die Sirene hatten sie wieder ausgeschaltet, aber sie folgten ihr in kurzem Abstand.
Sienna fiel ein, dass sie bei ihrem überstürzten Aufbruch ihre Handtasche zu Hause stehen gelassen hatte, sodass sie nun weder ihren Führerschein noch ihren Ausweis zeigen konnte. Sie würde verdammten Ärger bekommen.
Sie trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch und schoss davon.
Sie agierte skrupelloser als die Polizisten, schnitt Kurven ohne Rücksicht auf die Möglichkeit, dass ihr ein anderes Fahrzeug entgegenkam oder Fußgänger die Straßen überquerten. Als sie aus der Stadt herausfuhr, auf irgendeine Landstraße bog, von der sie nicht wusste, wohin sie führte, konnte sie das Polizeiauto im Rückspiegel nicht mehr sehen.
Siennas Herz hüpfte. Das war ja wie im Film. Sie hatte sogar für den Moment ihre Wut auf Liam und all die anderen vergessen. Wahnsinn, sie hatte eine Streife abgehängt! Sie fühlte sich ziemlich euphorisch, bis ihr einfiel, dass es den Beamten vermutlich gelungen war, ihr Kennzeichen zu notieren. Sie musste damit rechnen, bei der allernächsten Gelegenheit gestoppt zu werden. Überdies ging ihr auf, mit welch halsbrecherischer Geschwindigkeit sie aus der Stadt hinausgerast war und wie gefährlich sie sich dabei verhalten hatte. Nun, da das Adrenalin in ihr langsam abklang, stieg heller Schrecken in ihr auf.
Verdammt. Sie steckte in ernsthaften Schwierigkeiten.
Als sie an einem Feldweg vorbeikam, an dessen Beginn zwar ein Schild stand, das es verbot, mit dem Auto hier entlangzufahren, bog sie kurz entschlossen ab und ratterte zwischen den Feldern über Kies und Schotter den Weg entlang, der sich im Nirgendwo zu verlieren schien. Sie musste einfach einen Moment lang nachdenken. Was sollte sie vernünftigerweise als Nächstes tun?
Wenn Vernunft
überhaupt ein Begriff war, der mit ihr noch in einen Zusammenhang zu bringen war.
Sienna kannte Situationen wie diese. Sie war ein aufbrausender Charakter, sie sagte und tat furchtbare Dinge, und hinterher war sie voll heißer Reue und fragte sich, wie das alles hatte passieren können. Allerdings hatte sie sich noch nie in eine solche Bredouille wie jetzt katapultiert. Im zwischenmenschlichen Bereich vermasselte sie häufig Freundschaften und Beziehungen, aber sie war noch nie mit der Polizei aneinandergeraten. Bis jetzt. Das hatte sie nun auch geschafft.
Sie hielt schließlich, weil der Weg so schlecht war und sie Angst um ihre Reifen bekam. Auf der linken Seite erstreckten sich weiterhin die Felder. Rechts begann ein kleines Wäldchen, das aus Birken mit silberglänzenden Stämmen und niedrigen zerzausten Wacholderbüschen bestand. Dort könnte sie sich vielleicht irgendwo zum Pinkeln hinsetzen. Sie merkte plötzlich, dass sie ganz dringend musste. Wahrscheinlich kam das von der Aufregung.
Sienna stieg aus, ging um das Auto herum und schob sich zwischen den Bäumen und Büschen hindurch. Irgendetwas roch hier unangenehm, möglicherweise nutzten viele diese Stelle hier als Toilette. Andererseits – wer kam hier schon vorbei? Doch eigentlich nur die Bauern, die auf ihren Feldern arbeiteten.
Sie wollte sich gerade hinter ein Gebüsch mit einigermaßen dichtem Blätterwerk kauern, da sah sie es.
Ein Bein. Es ragte hinter einer stacheligen Hecke hervor. Das Bein steckte in einer weißen Hose und in einem beigefarbenen Turnschuh.
Sienna starrte es an und fragte sich, ob sie gerade einer Sinnestäuschung erlag. Beine lagen nicht irgendwo in der Gegend herum, schon gar nicht hinter irgendwelchen Büschen. Schlief dort jemand? Aber wieso sah das Bein so seltsam verdreht aus?
Siennas erster Impuls war, sofort in ihr Auto zu steigen und davonzurasen, so schnell sie konnte, aber irgendetwas hielt sie gefangen. Gebannt starrte sie das Bein an, trat dann einen Schritt näher. Nun fielen ihr auch zahlreiche abgebrochene Zweige und flach gedrückte Büsche auf. Fast wie eine kleine Schneise. Wie eine Spur. Hatte man das Bein – und was immer sich noch daran befand – hier entlanggeschleift?
Vom Grauen gleichermaßen gelähmt und vorwärtsgetrieben, schlich sich Sienna näher. Sie spähte um das Gebüsch herum und stieß einen leisen Schrei aus.
Ein Mann. Ein Mann lag hinter dem Busch auf der Erde. Er trug ein weißes T-Shirt, weiße Jeans. Beigefarbene Turnschuhe. Eines seiner Beine lag etwas verdreht, aber ausgestreckt auf dem Boden, das war das Bein, das Sienna gesehen hatte. Das andere stand abgespreizt zur Seite.
Der Kopf des Mannes war eine einzige klaffende Wunde. Das Gras ringsum glänzte in tiefem, fast schwarzem Dunkelrot. Blut. Massen von Blut.
»Oh Gott!«, schrie Sienna. »Oh Gott!«
Sie drehte sich um und stolperte aus dem kleinen Waldstück hinaus. Fiel einmal hin, weil ihr Fuß an einer Wurzel hängen blieb, fiel auf die Knie und schlug mit dem Kinn auf den Boden, rappelte sich aber ungeachtet der Schmerzen auf. Nur weg hier, weg.
Sie merkte nicht, dass ihre Hose zerrissen war, dass Blut an ihrem Bein hinunterlief und kleine Steine, Zweige und Erde in der Wunde klebten.
Sie erblickte ihr Auto. Zwei Polizisten standen davor und sahen ihr entgegen.
»Schön, dass Sie schließlich doch angehalten haben«, sagte der größere von beiden und grinste.
Das Polizeiauto parkte direkt hinter Siennas Wagen.
Unter normalen – oder halbwegs normalen – Umständen hätte sich Sienna gefragt, wie es sein konnte, dass ihre Verfolger sie entdeckt hatten, hier im Nirgendwo am Rande dieses Schotterweges, aber im Moment war ihr das völlig gleichgültig. Sie blieb stehen und sagte: »Da liegt ein Toter im Gebüsch.«
»Ach, ja?«, fragte der Grinser und zeigte schon wieder die Zähne.
Sie nickte. Sie regte sich nicht einmal auf, weil der Typ ihr nicht glaubte. Sie stand einfach nur da und wunderte sich, dass die Welt ringsum so unberührt wirkte.
»Da liegt ein Toter im Gebüsch«, wiederholte sie.
Der andere Polizist sagte: »Netter Versuch, von sich selbst abzulenken, junge Frau. Ist Ihnen klar, dass Sie mit fast siebzig Meilen die Stunde durch eine Ortschaft gejagt sind und dass Sie das den Führerschein kosten wird?«
Wovon sprach er? Sie war zu schnell gefahren, ja und? Spielte das unter diesen Umständen noch irgendeine Rolle?
»Da liegt ein Toter im Gebüsch«, sagte sie zum dritten Mal. Irgendwie hatte sie das Gefühl, keinen anderen Satz mehr sprechen zu können.
»Sie stecken in ernsthaften Schwierigkeiten«, sagte der Grinser.
In ernsthaften Schwierigkeiten steckte der arme Typ, der in dem Gebüsch lag, wenn man das so überhaupt noch formulieren konnte.
»Ihre Papiere«, sagte der andere Polizist und streckte fordernd die Hand aus.
Sie wollte nicht zum vierten Mal dasselbe sagen, wie eine blöde sprechende Aufziehpuppe. Sie bemühte sich, eine andere Formulierung zu finden.
»In dem Gebüsch hinter mir«, sagte sie und machte eine Handbewegung in die entsprechende Richtung, »da liegt ein Mann. Ich glaube, jemand hat ihm in den Kopf geschossen.«
Der Grinser seufzte. Sein Kollege musterte Sienna nun mit etwas erhöhter Aufmerksamkeit. »Entweder Sie sind nicht ganz dicht«, meinte er, »oder …« Er ließ die Variante, was Sienna außerdem sein konnte, offen.
»Wo soll das sein?«, fragte er.
Sie würde auf gar keinen Fall mehr dorthin gehen, aber sie deutete mit fahrigen Bewegungen hinter sich. »Da! Da hinten!«
Der Polizist setzte sich zögernd in Bewegung. Es schien, als habe er weniger Angst vor dem, was er dort finden würde, als vielmehr davor, sich lächerlich zu machen, wenn er irgendetwas auf das Gerede dieser irren Raserin gab. Nach wenigen Metern jedoch rief er: »Riecht komisch hier!«
Sienna ließ sich einfach fallen, blieb mit angezogenen Beinen auf dem Boden sitzen und barg ihr Gesicht auf den Knien.
Der Grinser behielt sie im Auge.
Dann folgte ein Ruf aus dem Wäldchen. »Scheiße! Tatsache! Hier liegt einer. Ach, herrje!«
Der Grinser zückte sein Handy.
Sienna dachte: Was für ein Alptraum!
7
Mark Winslow, der Inhaber von Winslow Ambulance
, wirkte zutiefst verstört. Er saß Kate gegenüber an seinem penibel aufgeräumten Schreibtisch und surfte hektisch in seinem Computer. Die Tastatur klapperte laut unter seinen nervösen Fingern.
»Es gab noch nie ein Problem«, murmelte er, »noch nie.«
Kate verkniff sich den Widerspruch, nämlich dass es mit Sicherheit immer wieder Probleme gegeben hatte, so wie überall, aber womöglich tatsächlich keines, das die Polizei ins Haus gebracht hatte.
»Jack Gregory«, sagte er und scrollte die Seite nach unten, die er offenbar endlich gefunden hatte. »Ja, hier habe ich ihn. Den Pfleger. Und dann Ken Burton. Das ist der Fahrer.«
»Beide sind nicht erreichbar?«, fragte Kate.
»Nein. Das ist seltsam. Wir halten immer Kontakt.«
»Mr. Winslow«, sagte Kate, »der Wagen mit Sophia Lewis hätte vor Stunden in Hull ankommen müssen. Es gab keinen Stau, keinen Unfall, nichts Außergewöhnliches auf der Strecke.«
»Ja, ich weiß. Das ist mir ein Rätsel.«
»Die beiden Männer … Burton und Gregory. Wie lange arbeiten die schon für Sie?«
»Ken Burton schon ewig. Der arbeitet hier, seitdem ich Winslow Ambulance
überhaupt gegründet habe. Wir kennen uns noch von der Schule. Wir sind Freunde seit ewigen Zeiten.«
»Und der andere? Jack Gregory?«
Marks Augenlider zuckten nervös. Kate bemerkte es sofort.
»Mr. Winslow?«
»Er ist noch nicht lange hier.«
»Seit wann?«
»Seit … genau einer Woche.«
Sie schnappte nach Luft. »Dann kennen Sie ihn eigentlich gar nicht?«
»Nein«, räumte Mark Winslow ein, fügte jedoch sofort hinzu: »Niemand stellt nur Leute ein, die er bereits gut kennt.«
»Seine Referenzen?«
»Er ist sehr jung. Winslow Ambulance
ist sein erster Arbeitsplatz.«
»Aber irgendetwas hat er Ihnen doch vorlegen müssen?«
»Ja, natürlich. Er hat sich mit seinem Pass ausgewiesen. Und er hatte ein Zertifikat über eine abgeschlossene Ausbildung zum Krankenpfleger.«
»Wo sind diese Papiere?«
Mark stand auf, trat an einen Aktenschrank, suchte darin herum und fischte endlich einen Ordner heraus. »Hier«, sagte er und reichte Kate ein Dokument, das Jack Gregory als erfolgreichen Absolventen einer privaten Krankenpflegeschule in Liverpool auswies.
»Hier die Kopie seines Passes«, sagte Mark und reichte ihr ein weiteres Papier.
Auf den ersten Blick war nichts zu beanstanden. Jack Gregory war demnach am 30. Juli 1995 in Manchester geboren und musste somit 24 Jahre alt sein. Das Passbild zeigte einen jungen Mann mit offenem Blick und dichten dunklen Haaren, die ihm tief in die Stirn fielen. Gut aussehend und sympathisch.
In gewisser Weise auch unauffällig.
»Und Ihr Pfleger entspricht auch dem Jack Gregory auf diesem Passbild?«, fragte Kate und hielt Mark die Kopie vor die Nase.
Mark betrachtete das Passfoto und errötete. »Ich habe mir das nicht so genau angeschaut … Eigentlich, nun ja … Er hat wildere Haare. Aber wir sehen alle nicht so aus wie auf unseren Passbildern, oder?« Er versuchte einen Scherz: »Zum Glück, würde ich sagen.«
Kate tat ihm nicht den Gefallen, den Mund zu einem Lächeln zu verziehen. »Mund, Nase, Augen … Ist er es oder nicht?«
Mark studierte angelegentlich das Bild. »Ich kann es nicht sagen …«, meinte er schließlich, was Kate dahingehend interpretierte, dass das Foto wenig Ähnlichkeit mit Gregory in natura aufwies.
Sie hätte darauf gewettet, dass der Pass jemand anderem gehörte. Und dass das Zertifikat der Pflegeschule entweder gefälscht oder ebenfalls gestohlen war. Als Erstes mussten sie herausfinden, ob das Ausweisdokument als gestohlen gemeldet war. Sie griff nach ihrem Handy, um Helen anzurufen, aber in diesem Moment klingelte es bereits. Es war Robert Stewart.
»Der Fahrer des Krankentransportes wurde gefunden«, sagte er ohne Umschweife. »Ken Burton, seinen Papieren nach. Er lag in einem Gebüsch unweit von Market Weighton. Eine junge Frau hat ihn entdeckt. Er wurde durch einen Kopfschuss getötet.«
Kate merkte, wie ihr sekundenlang schwindelig wurde.
»Verdammt«, stieß sie zwischen den Zähnen hervor.
»Keine Spur weiterhin von dem Fahrzeug«, sagte Robert. »Oder von dem Pfleger. Sie sind bei Winslow Ambulance
?«
»Im Gespräch mit dem Geschäftsführer«, sagte Kate. Dessen Freund aus Schulzeiten war seit einigen Stunden tot, und sie würde ihm das gleich sagen müssen. »Inspector, ich bin mir sicher, dass der Pfleger das Problem ist. Möglicherweise hat er sich mit einem gestohlenen Pass ausgewiesen.« Sie gab alle Daten durch, und Robert notierte sie sich.
»Wir prüfen das sofort«, versprach er und legte auf.
Mark hatte Kates Mienenspiel verfolgt.
»Neuigkeiten?«, fragte er.
»Ja«, sagte Kate. »Leider.« Nach einer kurzen Pause fügte sie behutsam hinzu: »Ken Burton wurde gefunden. Erschossen.«
»Was?«, fragte Mark fassungslos.
»In der Nähe von Market Weighton. Das Fahrzeug, Sophia Lewis und Jack Gregory sind nach wie vor unauffindbar.«
»Aber …« Marks Gesicht hatte eine ungesunde Farbe angenommen. »Wie kann denn das sein … Ich meine … erschossen, sagen Sie?«
Er tat Kate leid. Er war völlig fertig.
»Mr. Winslow, ich befürchte, Jack Gregory ist nicht der, für den er sich ausgibt. Er heißt vermutlich gar nicht so. Der Pass ist wahrscheinlich gestohlen, das Zertifikat von der Krankenpflegeschule gefälscht.«
»Oh Gott«, sagte Mark. »Oh Gott!« Er sank auf dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch in sich zusammen, fassungslos und geschockt.
Kate neigte sich vor. »Mr. Winslow, machen Sie sich bitte keine Vorwürfe. Sie konnten das nicht ahnen, und wie sollten Sie das genau nachprüfen? Sie haben sich darauf verlassen, dass der junge Mann ehrlich ist. Die meisten hätten das getan.«
»Ich kam gar nicht auf die Idee, dass er …«, stammelte Mark und fuhr dann wiederum fort: »Oh Gott, oh Gott! Ken! Ausgerechnet Ken!«
Kate hätte ihm gerne ein wenig Zeit gelassen, das alles zu verarbeiten und wieder zu sich zu kommen, aber diesen Luxus konnte sie sich nicht erlauben. Für Sophia Lewis, so sie überhaupt noch lebte, ging es um jede Sekunde.
»Mr. Winslow, es ist leider wichtig, dass wir einige Dinge jetzt sofort klären. Mr. Gregory hat sich also vor einer Woche bei Ihnen beworben. Hatten Sie die Stelle ausgeschrieben?«
»Nein. Er kam einfach so hierher in mein Büro. Sagte, er sei auf der Suche nach einem Job. Er hatte Glück. Ich konnte jemanden brauchen.«
»Sie konnten jemanden brauchen, waren aber nicht aktiv auf der Suche?«
»Ich habe mich schon länger gerade so durchlaviert, aber tatsächlich fehlte mir ein Mitarbeiter. Es ist nur so …« Mark zögerte. »Die Auftragslage ist nicht immer wirklich glänzend«, sagte er dann. »Wir sind ein relativ kleines Unternehmen, es gibt viele, die größer sind als wir und günstigere Angebote machen können. Manchmal hätte ich tatsächlich einen weiteren Mitarbeiter brauchen können, streckenweise aber auch nicht, aber ich hätte ihn ja durchgehend bezahlen müssen. Insofern war ich irgendwie unschlüssig. Aber als Jack Gregory hier hereinschneite, dachte ich … Na ja, ich griff einfach zu. Das war ein Fehler. Ein furchtbarer Fehler.« Er stützte den Kopf in die Hände.
Doch ein paar Probleme, dachte Kate. Was er sich aufgebaut hat, läuft nicht so richtig. Wahrscheinlich sieht er deshalb so müde aus. Er schläft nachts nicht richtig.
»Bekommen Sie häufig Aufträge über das Krankenhaus hier in Scarborough?«, fragte sie.
Er nickte. »Besonders über Dr. Dane. Ich kenne ihn ganz gut. Ich bin selbst ausgebildeter Krankenpfleger und habe längere Zeit auf seiner Station gearbeitet, bevor ich mich selbstständig gemacht habe. Er weiß, dass ich ein bisschen zu kämpfen habe. Wenn er einen Transport organisiert, geht das immer über mich. Ich bin ihm sehr dankbar deswegen.«
Jack Gregory, oder wie auch immer er in Wahrheit heißt, weiß aus der Presse, dass Sophia hier im Krankenhaus liegt und am Leben ist, dachte Kate. Und dann …
Sie überlegte, wie der Ablauf gewesen sein mochte: Es hatten viele Leute auf der Station angerufen und sich nach Sophia erkundigt, nachdem von ihrem tragischen Unfall in der Yorkshire Post
berichtet worden war. Kollegen, Schüler, die Eltern von Schülern. Der Täter konnte sich leicht daruntergemischt haben. Grundsätzlich wurden keine Auskünfte gegeben, aber Kate konnte sich vorstellen, dass man durch geschicktes Fragen durchaus einige Anhaltspunkte erfahren konnte. Dem Täter war offenbar zu Ohren gekommen, dass man Sophia irgendwann verlegen würde. Vielleicht hatte er es sich aber auch von alleine ausrechnen können. Das eine oder andere Palaver mit irgendjemandem im Krankenhaus, und schon wusste er, dass Dr. Dane solche Dinge immer über Winslow Ambulance
abwickelte. Erstaunlich schnell war er an einen falschen Pass gekommen, aber womöglich benutzte er den schon seit Langem. Ein Dokument von einer Krankenpflegeschule rasch aufzutreiben war sicher schwieriger, aber Kate musste an Calebs Worte denken: womöglich zwei Täter, die einander im Gefängnis kennengelernt haben. Knasterfahrung bedeutete immer, gute Kontakte zu speziellen Kreisen zu haben. Wahrscheinlich auch zu Leuten, die ziemlich schnell Papiere fälschen konnten. Jack Gregory hatte sich denken können, dass die Papiere keiner besonderen Überprüfung würden standhalten müssen. Wer sollte einen jungen Krankenpfleger eines konspirativen Tuns verdächtigen?
»Was mich etwas wundert«, sagte sie, »Jack Gregory hatte keine praktische Berufserfahrung, und auch Sie persönlich hatten keine Erfahrung mit ihm. Sophia Lewis ist äußerst betreuungsintensiv. Und dann teilen Sie den Neuling gleich für sie ein? Sie hätten sicher auch jemanden gehabt, der seine Kompetenz schon vielfach unter Beweis gestellt hat.«
Marks Gesichtsausdruck verriet, dass er das Gefühl hatte, die Schuld der Welt auf den Schultern zu tragen. »Er wollte es unbedingt. Er bat dezidiert darum, für diese Verlegung nach Hull eingeteilt zu werden. Er wolle mir beweisen, dass er gut sei, sagte er. Es sei wichtig für ihn. Ich könne sicher sein, dass er sein Bestes gebe. Er wirkte so … so engagiert … Er war nicht besonders selbstsicher, und ich dachte, es sei vielleicht gut, ihm einen Vertrauensvorschuss zu geben.«
»Nicht besonders selbstsicher?«
Mark wirkte immer verzweifelter. »Er war … wie soll ich sagen? Einfach sehr unsicher. Sehr schüchtern. Er stotterte ein wenig. Aber er war zugleich äußerst sympathisch. Vertrauenerweckend. Ja. Das ist das richtige Wort.« Mark hob in einer resignierten Bewegung beide Arme. »Ein Mensch, dem ich auf Anhieb Vertrauen entgegenbrachte. Er war vielleicht nicht unendlich klug, aber er schien viel Empathie und Einfühlungsvermögen zu besitzen. Er hatte einen Abschluss mit guten Noten vorzuweisen. Ich dachte … Offensichtlich habe ich mich getäuscht. Aber ich kann das kaum begreifen.«
»So etwas ist auch schwer zu verstehen.«
»Irgendwie war ich überzeugt, er würde es gut machen. Zumal es sich um eine kurze Strecke handelte. Wäre Sophia Lewis in eine Klinik in Südengland verlegt worden, hätte es sich um eine Reise von vielen Stunden gehandelt, dann hätte ich ihm vermutlich noch jemanden an die Seite gestellt. Aber … nach Hull?«
Wenn ihm jemand an die Seite gestellt worden wäre, wäre der jetzt mit einiger Sicherheit auch tot, dachte Kate.
Der starke Verdacht, es bei Jack Gregory mit dem Täter zu tun zu haben, verdichtete sich fast zur Gewissheit. Er hatte den Zugriff auf Sophia Lewis haben wollen. Die Frau, die einen brutalen Anschlag überlebt hatte. Die ihm gefährlich werden konnte. Er hatte den Fahrer mit einem Kopfschuss getötet. Gregory war ein absolut skrupelloser Mörder.
Sophia Lewis war ihm in ihrem Zustand vollständig ausgeliefert. Kate durchlief eine Gänsehaut, wenn sie daran dachte, was die arme Frau durchmachte, falls sie überhaupt noch am Leben war. Immerhin hatte sie nicht neben dem Fahrer im Gebüsch gelegen. Ob die Variante, mit dem flüchtigen Jack Gregory unterwegs zu sein, die bessere für sie war, blieb allerdings dahingestellt.
Ihr kam ein Einfall. Sie suchte auf ihrem Smartphone das Phantombild des Schützen aus dem Zug und hielt es Mark hin. »Könnte das Jack Gregory sein?«
Mark betrachtete das Bild intensiv und schüttelte den Kopf. »Nein. Bestimmt nicht.«
Wieder fielen Kate Calebs Worte ein. Womöglich zwei Täter …
»Könnten Sie mit aufs Revier kommen und beim Erstellen eines Phantombildes von Jack Gregory helfen? Das Passbild bringt uns ja wohl nicht besonders viel weiter.«
Mark nickte. »Ja, das kann ich machen. Mein Gott. Ken! Ausgerechnet er. Wissen Sie, ich fühle mich ganz betäubt. Ich kann es einfach nicht fassen.«
Solche Dinge waren unfassbar. Kate wusste das.
»Kommen Sie«, sagte sie sanft und stand auf. »Ich weiß, wie schwer das für Sie ist. Aber wir wollen den Täter so schnell wie möglich schnappen und vor Gericht stellen, und Sie können uns dabei helfen.«
Er erhob sich. Er war kalkweiß im Gesicht.
»Was wird jetzt aus der Patientin?«, fragte er. »Was wird aus Sophia Lewis?«
Darüber wagte Kate kaum nachzudenken.
8
Sie war einfach drauflosgefahren, ohne ein Ziel, ohne eine Vorstellung, wohin sie wollte. Erst einmal nur weg von Colin und von ihrem schlechten Gewissen. Irgendwann bemerkte sie, dass sie sich zwar von Colin räumlich entfernen konnte, dass ihrem Gewissen aber weit weniger einfach zu entkommen war. Außerdem näherte sich die Tankfüllung ihrem Ende. In einem kleinen Dorf, das sie durchquerte, fand sie eine Tankstelle. Sie war nervös: Was, wenn das Auto schon gesucht wurde?
Colin hatte kein Handy mehr und musste sich noch immer in der tiefsten Einöde befinden, aber vielleicht ließ Kate bereits nach dem Wagen fahnden. So oft, wie sie Colin zu erreichen versucht hatte, ahnte oder wusste sie wohl tatsächlich, dass er mit ihr, Xenia, unterwegs war.
Sie war froh, als sie den Tank gefüllt und bei dem jungen Mann hinter der Theke, der kaum eine Sekunde lang von seinem Smartphone aufblickte, bezahlt hatte und weiterfahren konnte. Gott sei Dank. Ihr Bild hing noch nicht in allen Tankstellen.
Die Schilder am Straßenrand verrieten ihr, dass sie sich in der Nähe von Northallerton befand. Die Stunden des Nachmittags glitten dahin, und irgendwann müsste sie überlegen, wo sie in der Nacht schlief. Und was sie überhaupt weiterhin tun wollte. Einfach nur fliehen war keine haltbare Option für die Zukunft.
Sie fuhr auf einen Parkplatz, von dem aus, laut der Beschilderung, etliche Wanderwege abzweigten, hielt an und überlegte.
Sie steckte in einem tiefen Schlamassel. Sie steckte darin seit fünfzehn Jahren. Sie war fünfzehn Jahre lang geflohen, hatte verdrängt, hatte ausgehalten. Hatte ein Leben geführt, wie sie es gar nicht führen wollte, und sich eingeredet, das sei in Ordnung so, und irgendwann, irgendwie würde die Situation besser werden.
Nun begriff sie, dass nichts besser werden würde, solange sie immer davonlief. Sie musste sich ihrer Vergangenheit stellen. Sie musste dort aufräumen, wo das Unglück begonnen hatte, und dann würde sie frei sein.
Sie vergrub das Gesicht in den Händen.
Sie hörte Jacobs Stimme. Du wanderst in den Knast. Das ist dir ja wohl klar!
Mit dieser Angst war sie nie fertiggeworden, aber jetzt war sie in eine Situation katapultiert worden – und hatte sich auch in Teilen selbst hinein katapultiert –, in der die Dinge eine solche Eigendynamik entwickelten, dass sie sowieso nicht mehr mit heiler Haut davonkäme. Die Polizei war längst involviert. Kate Linville würde sich nicht abschütteln lassen.
Und inzwischen habe ich auch noch ein Auto gestohlen und einen Mann irgendwo in den Mooren zurückgelassen, dachte sie.
Sie hatte es tatsächlich geschafft, sich noch tiefer ins Unheil hineinzureiten.
Sie hob den Kopf. »Okay«, sagte sie laut. »Okay, du kannst jetzt hier nicht stundenlang stehen bleiben und über deine verkorkste Situation lamentieren. Du musst etwas tun
.«
Der Ausgangspunkt.
Manchmal half es, an den Ausgangspunkt zurückzugehen. Sie war nicht die Einzige, die alles falsch gemacht hatte. Weiß Gott nicht.
Sie zog ihr Smartphone aus der Tasche und loggte sich bei LinkedIn ein. Sie hatte sich dort registriert in der Hoffnung, irgendwann auf ein gutes Jobangebot zu stoßen, und tatsächlich war manchmal etwas gekommen, aber Jacob war immer dagegen gewesen. Mit Ach und Krach tolerierte er den Sprachkurs am Montagabend, wahrscheinlich deshalb, weil sie damit nichts verdiente und er es als Hobby, nicht als Beruf verbuchen konnte. Alles, was sie auch nur einen Hauch unabhängiger hätte machen können, torpedierte er mit Vehemenz.
Mit zittrigen Fingern gab sie einen Namen ein.
Vielleicht war er auch dort registriert.
Vielleicht erfuhr sie seinen derzeitigen Wohnort.
Vielleicht konnte sie seine Adresse googeln.
Es war jetzt das Einzige, was sie tun konnte. Zum Anfang zurückkehren.
Zu Xenia Sidorowa.
Xenia Sidorowa fügte sich schnell und unkompliziert in unsere Familie. Ich war erstaunt, wie problemlos alles ablief. Nach Jahren fehlgeschlagener Kinderwunschbehandlungen, nach einem zermürbenden Adoptionsverfahren, nach all den Schwierigkeiten mit Sascha und mit unserer ununterbrochen schreienden Tochter Lena hatte ich wohl überhaupt nicht mehr damit gerechnet, dass irgendetwas in meinem Leben auch noch einmal ohne Schwierigkeiten ablaufen könnte. Xenia kam nach England mit einem Touristenvisum, ich holte sie am Flughafen Heathrow ab und war erstaunt, dass sie von Anfang an Englisch sprach – etwas mühsam und unsicher, aber gut verständlich und so, dass es zwischen uns keine Verständigungsschwierigkeiten gab. Sie war ein hübsches Mädchen Anfang zwanzig … Oder vielleicht eher eine junge Frau. Sie wirkte üppig, aber nicht dick; sie hatte große Brüste und runde Hüften, eine weiche reinweiße Haut und dunkelblonde Haare, die ihr zu einem Zopf geflochten über den Rücken hingen. Sie trug gerne knöchellange Röcke oder Kleider, im Winter mit Wildlederstiefeln, im Sommer mit Sandalen oder Ballerinas. Sie wirkte ein wenig altmodisch in ihrer Erscheinung, was ich sehr liebenswert fand. Sie war nicht der Typ Frau, auf den ich stand, überhaupt nicht, aber sie war ein Typ, den ich mochte und sympathisch fand.
Sie zog in der kleinen Kammer neben der Küche ohne Murren ein. Daheim habe sie viel beengter gelebt, erklärte sie, unser Haus und auch ihr Zimmer seien ungeheuer luxuriös. Sie schien sich vom ersten Moment an nicht als Gast zu fühlen, sondern packte sogleich mit an. Sie räumte die Spülmaschine aus, noch ehe sie ihren Koffer ausgepackt hatte, und als sie dann an den Koffer ging, durfte Sascha ihr dabei helfen, sodass Alice ihn vom Hals hatte und sich um Lena kümmern konnte.
»Sie ist ein echter Glücksgriff«, sagte ich zu Alice.
Sie hielt sich bedeckt. Sie war dagegen gewesen, jemanden kommen zu lassen. Eine Fremde.
»Wir haben ja dann gar kein Familienleben mehr«, hatte sie gesagt. Ich hielt dagegen, dass wir genau das dann wieder viel besser leben können würden.
»Wir können auch mal wieder etwas zusammen unternehmen«, hatte ich gesagt. »Ohne die Kinder.«
Sie war nicht überzeugt gewesen, war es auch jetzt nicht. Räumte jedoch widerstrebend ein, dass Xenia zumindest dem ersten Anschein nach sympathisch und zupackend war.
Die ersten Wochen vergingen, und wir gewöhnten uns immer mehr aneinander. Xenia hatte eine angenehme Art, sich im Hintergrund zu halten. Ganze Abende verbrachte sie in ihrem Zimmer und tauchte nur ab und zu auf, um auf die Toilette zu huschen oder sich etwas zu trinken aus der Küche zu holen. Sie war ungeheuer diskret. Und sie nahm Alice so viel Arbeit ab. Wenn ich vom Büro nach Hause kam, stand sie in der Küche, hielt Lena im Arm – die völlig still war – und rührte mit der freien Hand in irgendeinem Gericht, das auf dem Herd vor sich hin köchelte und wunderbar roch. In diesen ersten noch ziemlich kalten Frühlingstagen zog sie beide Kinder jeden Nachmittag warm an und unternahm lange Spaziergänge mit ihnen, Lena im Wagen, Sascha zu Fuß nebenher. Sie brachte büschelweise Tulpen und Narzissen mit, die sie auf einer Blumenfarm am Rande des Dorfes kaufte und die Sascha dann in Vasen und Wassergläsern in allen Zimmern verteilte, lebhaft und freudig. Xenia hatte eine völlig unaufgeregte Art, mit seiner Retardierung umzugehen. Sie nahm ihn, wie er war, und ließ ihn genau die Dinge tun, die er konnte und die ihm Spaß machten. Er durfte bei ihr im Zimmer Bilder malen, und sie pinnte sie an die Küchenschränke. Sascha war außer sich vor Freude. Lena jubelte, wenn Xenia an ihr Bett trat und streckte ihr beide Arme entgegen. Es herrschte auf einmal so viel Frieden in unserem Haus, Gelassenheit. Alles entspannte sich. Spürbar.
Alles – bis auf Alice.
Nach wie vor saß sie erschöpft in ihrer Sofaecke, wenn ich nach Hause kam, obwohl beide Kinder von Xenia beschäftigt wurden und sie irgendetwas hätte tun oder unternehmen können. Spazierengehen, einkaufen, Musik hören, eine Freundin treffen. Sie hätte nun auch überlegen können, ob sie wieder anfangen wollte zu arbeiten. Aber wann immer ich sie vorsichtig darauf ansprach, wehrte sie ab.
»Das ist zu früh«, sagte sie. »Einfach noch zu früh.«
Sie wirkte depressiv und einsam, und ich wusste nicht, warum. Ein Kollege, mit dem ich darüber sprach, meinte, ihre Depression habe sich in den Jahren der ständigen Überforderung und über all die Kämpfe und Enttäuschungen vielleicht verfestigt und sei jetzt nicht so einfach abzuschalten.
»Aber wir haben doch jetzt alles!«, rief ich. »Wir haben eine gesunde Tochter! Wir haben einen liebenswerten Sohn. Wir haben einen Traum von einem Kindermädchen! Was will sie noch?«
»Depressionen«, meinte der Kollege,
»verabschieden sich nicht, nur weil die Umstände verändert wurden. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass Alice ohne ärztliche Hilfe aus ihrem Zustand herausfindet.«
Alice lehnte es jedoch ab, sich einen Therapeuten zu suchen. »Der kann mir sowieso nicht helfen. Er kann ja meine Lebensumstände nicht verändern. Vielleicht brauche ich ein bisschen mehr Ruhe.«
Aber Ruhe hatte sie jetzt genug. Vielleicht sogar zu viel. Xenia schmiss den kompletten Haushalt und managte beide Kinder, und Alice saß auf dem Sofa und schaute zu, wie einer anderen Frau spielend gelang, wozu sie nicht fähig gewesen war. Alles in allem eine Entwicklung, die mich erneut sorgenvoll stimmte.
Verdammt, hörte das denn nie auf?
Hatte ich zuvor Angst gehabt, Alice könnte in einem schweren Burn-out landen, hatte ich nun Angst, sie könnte vor Langeweile krank werden. Mein Kollege meinte, sie habe bereits einen Burn-out.
»Das hört nicht auf, weil sie plötzlich nichts mehr zu tun hat. Das hat sich verfestigt. Sie braucht Hilfe.«
Wir drehten uns im Kreis.
Erschwerend kam hinzu, dass Lena, die uns mit ihrem Geschrei in den Wahnsinn getrieben hatte, bei Xenia zu einem fröhlichen, lachenden, brabbelnden Kind wurde. Sie schrie nach wie vor, wenn Alice oder ich uns ihr näherten oder sie auf den Arm nahmen, aber bei Xenia trockneten sofort ihre Tränen, und das Gesicht, gerade noch feuerrot und wutverzerrt, entspannte sich.
»Wir haben ihr doch nie etwas getan«, sagte ich ratlos. »Wieso schreit sie bei uns und bei Xenia nicht?«
Wir konnten dieses Rätsel nicht lösen. Mir machte das nicht so viel aus. Xenia hatte offenbar eine tolle Hand mit Kindern – na und? Lena liebte mich und Alice trotzdem, da war ich sicher, und sie würde uns auch später lieben. Alice jedoch nahm die Sache natürlich wieder persönlich.
»Machen Sie das, Xenia«, sagte sie, wann immer irgendetwas mit Lena zu tun war. »Bei mir schreit sie ja doch bloß.«
»Vielleicht solltest du nicht alles auf Xenia übertragen«, sagte ich einmal vorsichtig. »Lena soll sich ja nicht komplett an sie gewöhnen.«
»Hat sie doch schon«, sagte Alice und zuckte die Schultern.
Es war ihr wahrscheinlich weniger egal, als sie vorgab, aber mit der Haltung, die sie nach außen hin einnahm, machte sie es mir unmöglich, mit ihr über das Problem zu sprechen. Sie tat gleichgültig und schuf damit eine uneinnehmbare Distanz. Irgendwann sagte ich mir, dass ich getan hatte, was ich konnte, und dass ich nun einfach auf die Zeit und auf eine gute Entwicklung der Dinge vertrauen musste.
Heute werfe ich mir das vor. Die Tatsache, dass ich innerlich irgendwie ausstieg. Ich war erschöpft, zunehmend entnervt von den häuslichen Problemen, schaffte es immer weniger, mich in meinem Beruf zu konzentrieren. Ich fühlte, dass ich aufgefressen wurde, dass ich irgendetwas dagegen unternehmen musste, und ich reagierte, indem ich immer mehr die Augen verschloss, die zunehmend schlechte Entwicklung ignorierte. Irgendwie würde es sich schon wieder einpendeln.
Hoffte ich.
Der Sommer kam, Xenia gewöhnte sich an uns, wir uns an sie. Noch immer lebte sie mit einem Touristenvisum in England. Ich wusste, dass das nicht ewig so weitergehen konnte. Sie arbeitete schwarz bei uns, ich zahlte weder Sozialabgaben noch Krankenversicherung. Eine heikle Situation, falls es zu einem Unfall kommen sollte, und gerade im Haushalt, so las man immer wieder, ereigneten sich die schlimmsten Unfälle. Ich wusste auch nicht, wie es mit der Haftpflicht aussah, wenn sie selbst irgendjemandem einen Schaden zufügte, oder wie die rechtliche Lage war, wenn einem der Kinder unter ihrer Obhut etwas zustieße. Eigentlich müsste ich mich darum kümmern. Ich schob es Tag für Tag vor mir her.
Aber wie sich herausstellen sollte, war es nicht Xenia, die die Tragödie auslöste.
Sondern Alice.
Und ich hätte es wissen müssen.