Freitag, 2. August
1
Kate war an diesem Morgen schon in aller Früh im Krankenhaus, um mit den Schwestern und Pflegern zu sprechen, die am Vortag dabei gewesen waren, als Sophia Lewis für den Transport vorbereitet worden war. Sie war am späten Nachmittag des vergangenen Tages bereits da gewesen, aber da hatte die Schicht schon gewechselt. Sie hatte einem der Ärzte beide Phantombilder gezeigt, das des Schützen aus dem Zug und das neue, das nach Marks Angaben angefertigt worden war. Der Arzt hatte beide lange angestarrt und dann mit den Schultern gezuckt.
»Ich weiß es nicht, ganz ehrlich. Ich kann von keinem sagen, dass er es ist, aber auch nicht, dass er es nicht ist. Es war so ein Gewusel, und ich kam nur kurz vorbei. Ich habe nicht auf einzelne Personen und Gesichter geachtet.«
Kate hatte noch zwei Angestellte in deren Wohnungen aufgesucht, aber beide hatten ebenfalls keine genauen Erinnerungen. Die anderen hatte sie nicht angetroffen. Nun hoffte sie, an diesem Tag mehr Glück zu haben.
Was sie bislang herausgefunden hatten: Die Krankenpflegeschule, die auf dem Briefkopf des Zertifikats angegeben war, mit dem sich Jack Gregory ausgewiesen hatte, gab es nicht. Das Zertifikat selbst war eine ausgesprochen dilettantische Fälschung, wirkte auf einen oberflächlichen Blick hin jedoch überzeugend, und mehr als einen solchen Blick hatte Mark Winslow nicht darauf geworfen, wie er tief betroffen und noch immer schockiert zugab.
Bei Jack Gregory handelte es sich um einen jungen Studenten aus Manchester, der seit einem Dreivierteljahr als vermisst galt – was angesichts der Tatsache, dass sich seine Ausweispapiere in den Händen eines mutmaßlichen Mörders und Kidnappers befanden, nichts Gutes für sein Schicksal erahnen ließ. Helen hatte mit der Manchester Police telefoniert und erfahren, dass Jack Gregorys Zimmernachbar aus dem Studentenwohnheim bei der Polizei erschienen war, nachdem Jack von einem langen Wochenende, das er in Schottland in seinem zu einem Camper umgebauten alten Ford Transit Kastenwagen hatte verbringen wollen, nicht zurückgekehrt war. Seine Eltern, die in Suffolk in einem kleinen Dorf lebten, wussten ebenfalls nichts über seinen Verbleib.
Sowohl Gregory als auch sein Auto waren seither nicht wieder aufgetaucht. Der Student schien wie vom Erdboden verschluckt. Kate vermutete, dass er erschossen irgendwo im Umland von Manchester in einem Gebüsch lag. Möglicherweise würde er nie gefunden werden.
Auf der Station im Krankenhaus traf Kate auf etliche Angestellte, die bei der Vorbereitung von Sophia Lewis zum Transport am Vortag dabei gewesen waren. Einige erinnerten sich überhaupt nicht an den Pfleger vom Transportdienst, alle schüttelten beim Blick auf das nach Mark Winslows Angaben angefertigte Phantombild den Kopf, und zwei Krankenschwestern identifizierten den sogenannten Jack Gregory ohne zu zögern mit dem Phantombild des Schützen aus dem Zug.
»Das ist er. Definitiv. Das war der Pfleger, der gestern den Transport begleiten wollte!«
»Ach«, sagte Kate perplex.
Caleb hatte recht gehabt: Sie hatten es mit zwei Tätern zu tun.
»Aber wieso?«, fragte Robert eine Dreiviertelstunde später, als sie in seinem Büro zusammensaßen und Kate die Situation aus dem Krankenhaus schilderte. »Warum stellt sich der eine Mann mit den falschen Papieren bei dem Transportdienst vor, und ein anderer Mann übernimmt dann die falsche Identität und begleitet den Transport?«
Er blickte gequält drein. Das wurde alles immer verworrener, und zwar vor allem immer dann, wenn Kate Linville loszog und mit neuen Erkenntnissen zurückkehrte. Andererseits konnte er sie kaum dafür angreifen: Sie manipulierte schließlich nicht. Sie präsentierte Tatsachen. Die allerdings überhaupt nicht zu verstehen waren.
»Ich vermute«, sagte Kate, »dass der Typ aus dem Zug es nicht riskieren wollte, erkannt zu werden. Sein Bild war in allen Zeitungen. Mark Winslow hätte ihn erkennen können.«
»Im Krankenhaus hätte man ihn auch erkennen können.«
»Das ist eine andere Situation. Bei einem Bewerbungsgespräch sitzt man jemandem eine halbe Stunde lang oder länger gegenüber. Der andere hat viel Zeit, das Gesicht zu studieren und sich zu fragen, wo, zum Teufel, er das kürzlich erst gesehen hat. Das ist anders in einer Klinik, in der eine Menge Menschen damit beschäftigt sind, eine Patientin transportfertig zu machen. Niemand hat die Zeit, den Pfleger vom Transportdienst anhaltend zu mustern. Da so viele sich gar nicht erinnern konnten, nehme ich auch an, dass der Täter sich bemüht hat, sein Gesicht nicht zu sehr zu zeigen, also nach unten zu blicken oder sich abseits zu halten. Das scheint ihm ganz gut gelungen zu sein.«
»Warum hat der Fahrer nichts gemerkt?«, fragte Helen.
Kate hatte diesen Punkt bereits mit Mark Winslow geklärt. »Der Fahrer und der neu eingestellte Jack Gregory kannten einander nicht. Gregory war ja erst ganz kurz dabei, und es hatte noch keinen gemeinsamen Einsatz gegeben. Sie trafen erst am Auto zusammen. Hätten sie einander gekannt, hätte unser Schütze aus dem Zug eben später die Szene betreten und den Fahrer dann töten müssen, aber so hat es für ihn noch besser gepasst.«
»Zwei Täter«, sagte Robert genervt. »Wieso das denn?«
Kate beschloss, Calebs Theorie zu verkünden, hütete sich jedoch, seinen Namen zu nennen.
»Das würde erklären«, sagte sie, »weshalb wir trotz aller Bemühungen keinen Zusammenhang zwischen Sophia Lewis und Xenia Paget herstellen können. Wir haben es möglicherweise mit zwei völlig verschiedenen Vorgeschichten zu tun, die keinen Schnittpunkt haben.«
»Aber …«, begann Helen, doch Kate fuhr fort: »Die Täter sind irgendwann aufeinandergetroffen und haben sich zusammengeschlossen.«
»Das halte ich für äußerst weit hergeholt«, meinte Robert, aber ihm war anzusehen, dass der Gedanke in seinem Kopf zu rumoren begann.
»Es könnte sich um einen Rachefeldzug handeln«, sagte Kate.
»Sie meinen, sowohl Xenia Paget als auch Sophia Lewis werden von irgendwelchen Typen verfolgt, die sie aus Rache umbringen wollen?«, fragte Robert.
»Das halte ich für ziemlich wahrscheinlich.«
»Hm. Zwei Täter …«
»Das ist, wie Zeugenaussagen und Phantombilder beweisen, ebenfalls offensichtlich.«
»Und wieso machen die gemeinsame Sache?«
Kate zuckte mit den Schultern. »Es ist einfacher für sie. Wie man sieht. Sie greifen einander helfend unter die Arme. Nach dem sogenannten Jack Gregory wird bereits gefahndet, also tritt sein Partner in Erscheinung, wenn es um Dinge wie dieses Vorstellungsgespräch geht. Sie helfen einander vermutlich auch mit Waffen, falschen Papieren und anderen Dingen. Sie sind zu zweit stärker, und sie stiften damit bei uns, der Polizei, große Verwirrung.«
»Treffen sich zwei Männer, die es zufällig auf zwei Frauen abgesehen haben, die sie töten wollen …?«, begann Robert.
»Vielleicht nicht zufällig«, sagte Kate. Sie fand, dass Robert irgendwie bockig war, und mehr denn je sehnte sie sich nach Caleb. Der war souverän genug, die guten Einfälle anderer akzeptieren zu können. »Sie könnten sich im Knast begegnet sein. Und der Knast könnte auch der Grund für ihre Rachegelüste sein.«
»Paget und Lewis haben jeweils einen Mann ins Gefängnis gebracht?«, fragte Helen.
Kate nickte. »Vielleicht haben sie die entscheidenden Zeugenaussagen gemacht.«
»Das wüssten wir«, sagte Robert. »Die Namen wären im System.«
»Anonyme Anzeige?«, mutmaßte Helen. »Die Täter wissen jedoch, wer verantwortlich ist.«
»Durchaus möglich«, sagte Kate.
»Was haben wir?«, fragte Robert. »Wir haben nur die verdammten Phantombilder. Sonst nichts.«
»Ich könnte die Bilder an alle Gefängnisse landesweit mailen«, sagte Helen und sah bei der Vorstellung nicht allzu glücklich aus. »Vielleicht sind sie anhand derer zu identifizieren.«
»Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht«, sagte Robert.
»Vordringlich bleibt, dass wir Sophia Lewis finden müssen«, sagte Kate. »Sie ist schwer krank, und sie ist in den Händen eines skrupellosen Mörders.«
»Die Fahndung nach dem Krankentransporter läuft seit gestern«, sagte Robert. »Ich verstehe nicht, warum keinerlei Hinweise kommen. Er hätte längst irgendeiner Streife auffallen müssen. Ein auffälliger Wagen … Der kann doch nicht vom Erdboden verschwinden!«
»Ich fürchte«, sagte Kate, »dass der Täter seinen Zielort schon erreicht hatte, ehe uns allen hier auffiel, dass irgendetwas nicht stimmte und Sophia Lewis längst in Hull hätte angekommen sein müssen. Das heißt, der Wagen steht vermutlich in irgendeinem Hinterhof oder einer Garage, ist für niemanden sichtbar und somit in gewisser Weise tatsächlich vom Erdboden verschwunden.«
Bedrücktes Schweigen folgte ihren Worten. Alle drei dachten sie in diesem Moment an Sophia Lewis und an den Alptraum, in dem sie sich befand.
»Die einzige Chance, das Versteck zu finden, in das Lewis gebracht wurde, besteht darin, den oder die Täter zu identifizieren«, sagte Robert schließlich. »Nur darüber können wir möglicherweise den Ort eingrenzen, an dem sie sich befindet.«
»Die Zeit arbeitet gegen uns«, sagte Helen und stand entschlossen auf. »Ich klappere jetzt die Gefängnisse ab. Immerhin ist es möglich, dass Sergeant Linvilles Theorie stimmt.«
»Zumindest haben wir augenblicklich keine andere Theorie«, entgegnete Robert und sah schon wieder aus, als habe er Kopfschmerzen.
»Weiterhin läuft die Fahndung nach dem Auto von Colin Blair«, sagte Kate, »in dem sich mutmaßlich Xenia Paget befindet. Sie ist in großer Gefahr, wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren.«
»Schön formuliert«, sagte Robert bissig, »aus den Augen verloren haben wir beide gefährdeten Personen. Und zwar gründlich.«
Irgendwie klang das wie eine Schuldzuweisung in Kates Richtung. Sie verschluckte eine patzige Antwort – er hatte sie immerhin nicht konkret angesprochen – und stand nun ebenfalls auf.
»Apropos Zeit«, sagte sie. »Ich fahre noch mal ins Krankenhaus. Vorhin war Dr. Dane im OP, aber jetzt müsste er zu sprechen sein. Ich will wissen, wie lange Sophia Lewis überleben kann. Unter diesen Umständen.«
»Das heißt«, sagte Robert, »wie viel Zeit uns bleibt, sie zu finden.«
Kate nickte. »Genau das«, sagte sie.
2
Sie lag und atmete. Lag und atmete. Lag und atmete.
Eine Weile hatte sie geweint. Die Nässe auf ihren Wangen hatte sich unangenehm angefühlt, aber sie hatte die Tränen nicht wegwischen können und hatte warten müssen, bis sie von selbst trockneten. Jetzt spannte die Haut auf ihrem Gesicht und fühlte sich sehr unangenehm an. Das Salz vielleicht. Sie hatte früher nie gewusst, wie sich getrocknete Tränen im Gesicht anfühlten. Sie hatte sie immer wegwischen können. Nichts leichter als das, nichts, woran man einen Gedanken verschwendete. Jetzt wurden solche Dinge zum Problem.
Allerdings – nicht ihr größtes Problem. Bei Gott nicht.
Sie starrte in die Dunkelheit, lauschte auf Geräusche, die ihr sagen könnten, was als Nächstes passierte. War er noch da? In der Nähe? Sie hatte vorhin gemeint, eine Tür ins Schloss fallen zu hören. Vielleicht die Haustür, und vielleicht war er gegangen. Zum Einkaufen?
Sie befand sich in einem dunklen Raum, jedoch nicht in einem Keller. Er hatte sie auf dem Rollbett aus dem Krankenwagen in ein Haus gerollt, sie war keine Treppe hinuntergebracht worden.
Wie lange würde sie das hier überleben? Sie am Leben zu lassen war aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Absicht ihres Entführers. Weder war ihm daran gelegen, noch hatte er vermutlich langfristig die Möglichkeit. Sie war ein Komplettpflegefall, sie brauchte die medizinische Betreuung eines modernen Klinikbetriebes.
Er hatte keine Ahnung von Krankenpflege. Das hatte sie schon an der Ungeschicklichkeit gemerkt, mit der er sie ein- oder zweimal hin- und hergedreht hatte. Mit Sicherheit wusste er nicht, wie der Blasenkatheter zu wechseln war. Immerhin hatte er den Urinbeutel ausgeleert und dann wieder befestigt.
»Wer hätte das gedacht«, hatte er dabei angemerkt und gekichert. »Die hochnäsige Sophia Lewis! Du hättest sicher nicht darauf gewettet, dass wir beide irgendwann einmal in diese Situation kommen.«
Sie konnte nicht antworten, aber Tränen der Erniedrigung und der Verzweiflung waren ihr in die Augen geschossen.
Sterben, hatte sie gedacht, einfach nur sterben. Das wäre besser als alles andere.
Aber in ihrer Lage war es nicht einmal einfach zu sterben.
In dem dunklen Zimmer gab es an einer Stelle rechts von ihr etwas Helligkeit. Sie nahm an, dass sich dort ein Fenster befand, ziemlich gut abgedichtet mit einem schwarzen Rollo. Das Fenster nutzte ihr jedoch nichts, weder hätte sie sich durch Rufen bemerkbar machen noch dorthin robben und hinauskriechen können.
Sie fragte sich, ob schon nach ihr gesucht wurde. Sie war nie in Hull angekommen. Der Fahrer war erschossen worden. Sie hatte es gehört. Er hatte, die Pistole an der Schläfe, aussteigen müssen, und kurz darauf war ein Schuss gefallen.
Ihr Entführer war zurückgekommen, hatte sich über sie gebeugt und gelächelt. Es war das furchtbarste Lächeln, das sie je gesehen hatte.
»Jetzt sind wir alleine, Sophia«, hatte er gesagt und ihr über die Haare gestrichen.
Dann waren sie weitergefahren. Schließlich irgendwo zum Stehen gekommen. Sophias Augen waren verbunden worden, bevor sie in das Haus geschafft wurde, sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand. Was geschah mit dem Transporter? Sicher stand er nicht gut sichtbar vor dem Haus. Er würde neugierigen Blicken verborgen sein. Selbst wenn die Polizei nach ihr fahndete – welche Chance hatte sie, gefunden zu werden?
Die Panik stieg in ihr auf und drohte sie zu ersticken. Sie rang sie mit aller mentalen Kraft, derer sie fähig war, nieder.
Denk nach. Denk nach, was du tun könntest.
Nichts, lautete die niederschmetternde Erkenntnis. Sie lag wie ein Käfer auf dem Rücken. Nur dass der wenigstens noch mit den Beinen strampeln konnte.
Oben ging wieder die Tür. Sie öffnete sich, fiel dann mit lautem Knall zu. Sie war jetzt relativ sicher, dass es sich um die Haustür handelte. Er war weg gewesen und jetzt zurückgekehrt. Sie empfand beides gleichzeitig: Erleichterung und Schrecken. Sie war absolut hilflos ohne ihn, und wäre er nicht nach Hause gekommen, sie wäre elend krepiert. Aber er war ein Teufel, der Satan selbst, und mit ihm in einem Haus zu sein, ihm ausgeliefert, war entsetzlich.
Warum konnte sie nicht endlich aus diesem Alptraum erwachen?
Sie lag und atmete. Lag und atmete. Lag und atmete.
3
Am Nachmittag, als Kate an ihrem Schreibtisch im Büro saß, rief Lydia Myers an. Kate brauchte einen Moment, um den Namen einzuordnen, aber dann wusste sie es wieder: die Direktorin der Chorlton Highschool in Manchester, in deren Wohnzimmer sie erst wenige Tage zuvor gesessen hatte. Es schien Kate schon wieder eine Ewigkeit her zu sein.
Mrs. Myers hatte wegen des Schülers nachgeforscht, der Sophia Lewis für seine schlechten Noten verantwortlich machte und dessen Eltern ebenfalls sehr massiv geworden waren.
»Die Familie lebt nach wie vor in Dubai«, teilte sie mit. »Auch der Sohn. Sie führen dort ein Restaurant. Das steht zweifelsfrei fest. Ich habe mit einem ehemaligen Klassenkameraden gesprochen, der bis heute mit dem jungen Mann befreundet ist. Demnach war niemand von der Familie mehr in England, seit gut zwei Jahren nicht. Dafür legt er seine Hand ins Feuer.«
Kate bedankte sich und hakte den Schüler aus Manchester damit ab. Natürlich war denkbar, dass er ohne Wissen seines Freundes in England gewesen war, aber das Ganze schien ihr zu weit hergeholt. Sie hatte an diese Spur nie ernsthaft geglaubt.
Vor ihr, auf einem Zettel, standen ein paar Notizen, die sie sich bei dem Gespräch mit Dr. Dane gemacht hatte.
Wie lange konnte Sophia Lewis aushalten?
Ein blasser, besorgter Dr. Dane hatte überlegt.
»Sie kann selbstständig atmen, das ist gut«, hatte er schließlich gesagt. »Der Darm funktioniert einigermaßen, aber sie braucht eigentlich Medikamente, um ihn zu unterstützen. Keine Blasenfunktion, aber sie ist katheterisiert, sodass dort nicht sofort Gefahr droht.«
»Nicht sofort?«
»Der Katheter muss regelmäßig gewechselt werden. Wir haben sonst ein ziemlich hohes Infektionsrisiko.«
»Glauben Sie, dass der Täter das kann? Den Katheter wechseln?«
Dane zuckte die Schultern. »Theoretisch ist das möglich, aber irgendjemand müsste es ihm gezeigt haben. Vielleicht schafft er es auch so … Ich weiß es nicht.«
»Was ist mit der Ernährung?«, fragte Kate.
»Sie kann schlucken. Mühsam im Moment noch. Sehr weiche Nahrung. Das ist hinzubekommen, denke ich«, sagte Dane. Dann fügte er leise hinzu: »Die Frage ist, will der Mann, der sie entführt hat, sie am Leben halten? Sie ist vollständig auf ihn angewiesen. Es wäre nichts leichter für ihn, als sie sterben zu lassen.«
»Kann sie Schmerzen empfinden?«
»Leider ja. Schmerzen sind ein großes Problem, auch und gerade bei Querschnittslähmung. Es können neuropathische Schmerzen, also Nervenschmerzen, entstehen und sogar chronisch werden. Aber sie kann auch Entzündungsschmerzen spüren. Wenn sie beispielsweise eine Blasenentzündung bekommt, wegen des Katheters, ist anzunehmen, dass sie Schmerzen haben wird. Es kann zudem sein, dass sie Schmerzen heftiger spürt, als es eigentlich angemessen ist.«
»Verstehe.«
»Sie müssen sie schnell finden!«
»Das werden wir«, hatte Kate gesagt. Und sich nicht einmal halb so zuversichtlich gefühlt, wie sie vorgab zu sein.
Ein Anhaltspunkt, dachte sie nun, wir brauchen endlich irgendeinen Anhaltspunkt. Es ist zum Wahnsinnigwerden.
Die Tür ging auf, Helen Bennett und Robert Stewart kamen hinein. Helen wirkte gestresst und frustriert.
»Nichts«, sagte sie. »Ich habe jetzt jedes Gefängnis des Landes kontaktiert. Es gibt keine Zuordnung aufgrund der Phantombilder. Die beiden waren entweder nie im Knast, oder sie sind zumindest nicht anhand der Bilder zu identifizieren.«
»Phantombilder!«, sagte Robert verächtlich. »Aus der Erinnerung zweier Menschen von einem Computersystem erstellt … Das ist ja auch wirklich nicht viel!«
»Es ist alles, was wir haben«, sagte Kate. »Im Augenblick.«
»Der Augenblick dauert schon ziemlich lange«, knurrte Robert. »Der Augenblick des Stillstandes, meine ich.«
»Ich habe die Handballvereine in West Bromwich abtelefoniert«, sagte Helen. Kate dachte, dass Helen in den letzten Tagen wirklich einen ungeheuren Einsatz gezeigt hatte. Sie war Polizeipsychologin, übte aber im Moment eine Assistenztätigkeit aus, weil sie wegen des Personalmangels niemanden sonst dafür hatten. Ständig telefonierte sie in der Gegend herum, hing in Warteschleifen, fragte sich von einem zum anderen durch. Sie sah erschöpft und blass aus. Kate war ganz sicher, dass Caleb ihr zwischendurch mehrfach ein Lob ausgesprochen und ihrem Einsatz Respekt gezollt hätte. Sie hatte selbst immer wieder erfahren, wie klar und aufrichtig er seine Wertschätzung für einen anderen Menschen zu vermitteln vermochte. Es kam von Herzen, aber zugleich wusste er sicher auch, wie sehr er Mitarbeiter dadurch motivierte und anspornte. Robert schien überhaupt nicht auf die Idee zu kommen, ein Lob auszusprechen. Er wirkte extrem gestresst. Er konnte vermutlich im Moment nicht über den Horizont der verfahrenen Situation hinausblicken.
»Genau genommen gibt es nur zwei«, fuhr Helen fort. »In einem davon bin ich fündig geworden: Sophia Lewis war dort von 1998 bis 2007 Mitglied. Eine sehr nette Dame hat mir Auskunft gegeben.«
»Und?«, fragte Robert ungeduldig.
»Zur selben Zeit war dort ein Samuel Howard in der Jungenmannschaft«, sagte Helen. »Der Einzige, der mit dem Namen Sam in Verbindung zu bringen ist. Meine Gesprächspartnerin war zu der Zeit dort noch nicht angestellt. Von einem Stalking-Vorkommnis weiß sie nichts.«
»Und was machen wir jetzt damit?«, fragte Robert.
Helen grinste. »Ich habe seine aktuelle Adresse. Er lebt immer noch in West Bromwich.«
»Bringt er uns etwas?«, fragte Robert stirnrunzelnd.
»Laut Sophias Vater hat er Sophia gestalkt, als beide Teenager waren«, erklärte Kate. »Es ist immerhin eine Möglichkeit, der wir nachgehen sollten.«
»Ich denke, Sophia Lewis’ Vater ist nicht mehr ganz dicht. Glauben Sie denn, diese Aussage von ihm hat überhaupt Gewicht?«
Kate seufzte. Es war ja nicht so, dass sie in Samuel Howard, der in seiner Jugend vielleicht einfach nur rasend verknallt gewesen war, aber sich ansonsten absolut nichts hatte zuschulden kommen lassen, den großen Durchbruch witterte. Aber was hatten sie denn sonst? Es blieb ihnen in der augenblicklichen Situation einfach nichts anderes übrig, als jedem noch so kleinen Fingerzeig nachzugehen.
»Ich habe ihn bereits überprüft«, sagte Helen. »Er ist nicht im System. Keine Fingerabdrücke, gar nichts. Das heißt, er ist nie aktenkundig geworden. Es lag nie etwas gegen ihn vor.«
»Womit die großartige Theorie, dass er und der andere sich im Gefängnis kennengelernt haben, hinfällig wäre«, meinte Robert mit hochgezogenen Augenbrauen.
Er kann die Ideen anderer schwer akzeptieren, dachte Kate.
»Ja, es ist eben auch nur das: eine Theorie«, sagte sie. »Und solange wir nicht mehr wissen, müssen wir auch diese Ansätze berücksichtigen. Ich fahre jedenfalls morgen nach West Bromwich. Ich will mit Samuel Howard sprechen. Mag sein, dass Sophias Vater übertreibt, was das Stalking angeht, aber zumindest ist er ein Mensch aus ihrer Vergangenheit. Und er war ihr sehr zugetan. Vielleicht weiß er etwas. Irgendetwas.«
»Ich komme mit«, sagte Robert, was Kate angesichts seines Misstrauens gegenüber dieser Fährte für ein erstaunliches Ansinnen hielt. »Ich muss mich stärker in die unmittelbaren Ermittlungen einbringen. Das habe ich ja früher auch gemacht.«
Unausgesprochen schwang der Satz nach: Dann wird alles besser laufen.
Kate wäre wesentlich lieber alleine gefahren.
»Ich würde gerne früh aufbrechen, wenn das in Ordnung ist«, sagte sie genervt.
Er nickte. »Ich bin um sieben Uhr bei Ihnen«, sagte er.
4
Sie hatte Oliver Walsh bei LinkedIn gefunden, und praktischerweise gab er dort seinen heutigen Wohnort an: Leeds.
Nicht zu fassen, hatte sie gedacht, wir wohnten in derselben Stadt. Wahrscheinlich über Jahre.
Sie hatte das Meldeverzeichnis gegoogelt und Olivers Adresse gefunden. Eher am Stadtrand gelegen. Sie gab die Adresse ins Navi ein – in das Navi von Colin Blairs Auto.
Das schlechte Gewissen durchzuckte sie dabei wie ein brennender Stich. Inzwischen war eine Nacht vergangen. Colin irrte vermutlich immer noch in den Wäldern herum. Nein, ganz so gruselig musste sie sich das Bild nicht ausmalen. Sie hatten am Rande einer Straße kampiert, und diese Straße würde er entlanglaufen. Er konnte sich nicht verirren.
Aber er hatte im Freien schlafen müssen. Xenia hatte sich auf dem Rücksitz des Autos unter einer Decke zusammengerollt und war trotzdem in den frühen Morgenstunden fröstelnd aufgewacht. Nach Abklingen der Hitzeperiode waren die Nächte ziemlich frisch. Und Colin hatte nichts zum Zudecken.
Nicht darüber nachdenken, befahl sie sich.
Es war so einfach gewesen, Oliver Walsh nach all den Jahren wiederzufinden, dass sie es kaum fassen konnte. Sie hielt vor dem Haus, einem etwas langweilig wirkenden Mehrfamilienhaus mit gepflegtem Garten, und betrachtete die Fassade aus roten Klinkersteinen, die Sprossenfenster in weiß lackiertem Rahmen, den Plattenweg, der zur Haustür führte. Sie fragte sich, ob Alice noch am Leben war und ob die beiden noch zusammen waren. Weder bei LinkedIn noch in der Adressliste hatte es einen Hinweis auf sie gegeben, aber das besagte nicht unbedingt etwas. Die ewig depressive Alice. Unscheinbar, verkrochen und vergraben in ihre komplizierte Psyche.
Xenia stieg aus, hielt ihre Handtasche wie einen Schutzschild vor sich. Sie strich ihr Kleid glatt, dieses schreckliche wallende Leinenkleid mit altmodischem Batikmuster in Grüntönen. Sie fühlte sich wie in einen hässlichen Kartoffelsack gepackt. Zudem hatte sie seit vorgestern ihre Wäsche nicht mehr gewechselt, und in der schäbigen Pension in Whitby hatte sie zum letzten Mal geduscht. Dazwischen lag die Nacht im Auto. Xenia hatte den Eindruck, dass sie schlecht roch. Mithilfe ihres Taschenspiegels und ihres Lippenstiftes hatte sie versucht, ihr Gesicht etwas ansehnlicher zu gestalten, und mit den Fingernägeln hatte sie ihre Haare gekämmt. Das Gesamtergebnis war alles andere als überzeugend, aber vielleicht kam es darauf auch nicht an. Nicht nach allem, was geschehen war.
Der Name Walsh stand am Klingelschild gleich vorne am Gartentor. Xenia betätigte die Klingel zögernd. Nach etwa einer Minute knarrte es in der Sprechanlage. »Ja?« Etwas verzerrt, aber unverkennbar die Stimme von Oliver Walsh.
Sie holte tief Luft. »Hallo. Hier ist Xenia.«
Sie standen einander in der Wohnungstür gegenüber. Oliver und Xenia. Fünfzehn Jahre danach.
Wie alt er geworden ist, dachte Xenia erschrocken. Einen Moment lang fragte sie sich, was er wohl dachte. Wie fett sie geworden ist, vermutlich.
»Xenia«, sagte er, »du liebe Güte. Nach all der Zeit.«
»Ja«, sagte sie. »Nach all der Zeit.«
Er trat einen Schritt zurück. »Kommen Sie doch rein.« Es wirkte nicht so, als sei er erfreut. Aber er war immer ein höflicher Mensch gewesen. Es war klar, dass er ihr nicht die Tür vor der Nase zuschlagen oder sie einfach wegschicken würde wie einen Hausierer.
»Ja, danke.« Sie trat in die Wohnung. Auf den ersten Blick erkannte sie ein paar der Möbel von früher. Den Garderobenschrank. Den Teppich im Flur. Durch die offene Wohnzimmertür sah sie das alte Sofa. Alice hatte immer darauf gelegen. Chronisch erschöpft. Xenia hatte sie nie anders als müde erlebt.
»Einen Kaffee?«, fragte Oliver. Er schien nervös zu sein.
»Ja. Das wäre schön.« Sie folgte ihm in die Küche, wo er Kaffee in den Filter zu löffeln begann und die Kaffeemaschine einschaltete.
»Ist Alice auch zu Hause?«, fragte sie vorsichtig.
Er hielt kurz inne. »Alice und ich haben uns getrennt.«
»Oh. Schon lange?«
»Ja. Wir sind … danach … auseinandergegangen.«
»Verstehe.« Irgendwie hatte sie es geahnt. Dass eine Beziehung so etwas nicht überleben konnte.
Einige Minuten später saßen sie sich an dem hölzernen Küchentisch gegenüber, den Xenia ebenfalls noch aus dem Haus in Nottingham kannte. Sie sah noch das Gekritzel mit bunten Filzstiften überall. Sascha hatte viel gemalt, aber er hatte die Ränder nicht einhalten können. Sie hatte Zeitungspapier untergelegt, aber dann hatte er auch die Zeitungen bemalt und war dabei über den Rand geraten. Irgendwann hatte sie den ganzen Tisch mit einer Plastikfolie abgedeckt, aber zu spät. Er sah ziemlich ramponiert aus. Doch vielleicht mochte Oliver das so, sonst hätte er ihn abschleifen lassen können. Der Tisch erinnerte ihn an die Familie, die er einmal gehabt hatte. An bessere Zeiten.
Sie waren nie gut, dachte Xenia, die Zeiten dieser Familie. Jedenfalls nicht, seitdem ich sie kannte, und ich vermute, davor auch nicht.
Der Kaffee schmeckte fad, aber Xenia trank ihn trotzdem dankbar. Er war immerhin heiß. Irgendwie hob er ein wenig ihre Lebensgeister.
»Wo lebt Alice jetzt?«, fragte sie.
Oliver zuckte die Schultern. »Wir haben seit Jahren keinen Kontakt mehr. Ich habe keine Ahnung. Ich hörte gerüchteweise, sie sei nach Cornwall gezogen. Wahrscheinlich hat sie das Haus in Nottingham verkauft, aber nicht einmal das weiß ich sicher.«
»Sie haben gar keinen Kontakt?«
»Nein. Sie wollte das so. Sie wollte nicht einmal Unterhalt von mir, wobei ich gar nicht weiß, ob ihr welcher zugestanden hätte, denn immerhin gehörte ihr das Haus, und damit ist sie eigentlich abgesichert. Auf jeden Fall wollte sie den konsequenten Abbruch aller Beziehungen. Ich habe das respektiert.«
»Krass«, sagte Xenia.
»Ja«, sagte Oliver. »Krass.«
Für beide klang das Wort seltsam. Es gehörte nicht zu ihrem üblichen Sprachgebrauch.
Jugendsprache, dachte Xenia. Sie fühlte sich schon lange nicht mehr jung. Eigentlich nicht mehr, seit sie mit Jacob verheiratet war. Aber vielleicht hatte es auch schon nach der Sache aufgehört.
»Und wo leben Sie?«, fragte Oliver.
Sie lachte. »Gar nicht so weit weg. Auch in Leeds. In Bramhope.«
»Schon lange?«
»Seit dreizehn Jahren.«
Er lachte auch, nicht freudig, eher in der Art belustigten Erstaunens, in das einen die Wendungen des Lebens versetzen können. »Und wir sind uns nie über den Weg gelaufen.«
»Vielleicht hätten wir einander im Vorbeigehen gar nicht erkannt.« Vermutlich wäre es so gewesen. Tatsächlich war er übermäßig schnell gealtert. Und sie war übermäßig dick geworden. Sie hatten sich beide sehr verändert.
»Sind Sie verheiratet?«
Sie nickte. »Ja. Ich heiße jetzt Paget. Xenia Paget.«
»Was machen Sie beruflich? Und Ihr Mann?« Er wurde jetzt lebhafter. Sie rangierten in ungefährlicherem Gewässer. Er hatte Angst gehabt, sie werde ihn auf die Sache ansprechen, aber vielleicht war sie wirklich nur so vorbeigekommen, sie würden jetzt den Kaffee trinken, unverfänglich plaudern und sich dann verabschieden.
»Er ist Hausverwalter für mehrere Wohnungsbaugesellschaften. Ich gebe Sprachkurse für Migranten.«
»Wie großartig!«
»Ja, es macht mir Spaß. Es geht uns gut. Wir haben ein kleines Reihenhaus. Es ist ein friedliches Leben. Unspektakulär. Aber es ist in Ordnung.« Selten hatte sie derart gelogen. Aber sie mochte Oliver nicht von der Misere ihrer Ehe erzählen. So vertraut waren sie nie gewesen, und nach all den Jahren waren sie es erst recht nicht.
»Haben Sie … Kinder?«, fragte er vorsichtig.
»Nein.«
Er hakte nicht nach, ob das eine bewusste Entscheidung war oder ob sie einen unerfüllten Wunsch mit sich herumtrug. Dafür war er zu taktvoll. Sie war froh darüber. Hätte sie ihm wahrheitsgemäß antworten wollen, hätte sie ihm sagen müssen, dass sie sich Kinder wünschte, aber keinesfalls von Jacob Paget, an den sie damit noch enger gebunden wäre, und das hätte das Gespräch in eine Richtung vertieft, die jetzt nicht anstand.
»Ich freue mich, dass Sie glücklich geworden sind in England, Xenia«, sagte er.
Sie holte tief Luft. Es war der Moment. Sie war deswegen hergekommen. Um darüber zu reden. Nicht über ihre Ehe. Über das andere Problem.
»Im Augenblick bin ich alles andere als glücklich«, sagte sie.
Er blickte etwas verwirrt drein. »Wirklich? Das tut mir leid.«
»Haben Sie in der Zeitung davon gelesen? Von der Schießerei im Zug von London nach York? Vorletzte Woche?«
»Ja. Schlimme Sache.«
»Das war ich. Die Frau, auf die geschossen wurde.«
»Was?«
»Mein Name wurde in den Medien nicht genannt. Aber ich war das Opfer.«
Er starrte sie entgeistert an. »Das gibt es doch nicht!«
»Doch. Und ich fühle mich noch immer bedroht. Der Täter hat sein Ziel nicht erreicht. Eine andere Frau hat sich geistesgegenwärtig mit mir in der Bordtoilette verschanzt. Wie sich herausstellte eine Polizistin. Daher hat sie so gut und schnell reagiert. Ich habe ein Riesenglück gehabt. Der Typ wollte mich abknallen. Es war ein einziger Alptraum.«
»Unfassbar. Wer macht denn so etwas?«
Sie entgegnete nichts.
»Und die Polizei? Ich habe gelesen, dass der Mann fliehen konnte. Hat die Polizei schon eine Spur? Oder tappt sie noch im Dunkeln?«
»Vollständig. Und sie sind in großer Sorge um mich. Sie fürchten, dass er es wieder versuchen wird.«
»Und da werden Sie nicht bewacht?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Die wissen ehrlicherweise gerade nicht, wo ich bin. Ich bin sozusagen auf der Flucht. Das Auto da draußen ist geklaut.«
»Sie haben ein Auto geklaut?«, fragte er völlig perplex.
»Eine komplizierte Geschichte. Ich werde es natürlich zurückgeben. Aber ich musste mich in Sicherheit bringen. Und ich musste zu Ihnen.«
»Zu mir? Wie kann ich Ihnen denn helfen?«
Langsam und dezidiert sagte sie: »Man wollte mich ermorden. Mich. Ganz gezielt. Es war kein Amoklauf in einem Zug mit wahllosen Opfern. Es ging um mich
»Ja, verstehe. Aber ich weiß nicht …«
»Warum sollte mich jemand töten wollen?«, fragte sie. »Überlegen Sie doch mal.«
Er wurde blass.
Xenia nach so vielen Jahren unvermutet wiederzusehen hat mich völlig durcheinandergebracht. Zuerst habe ich sie nur durch die Sprechanlage gehört. »Hier ist Xenia.« Im ersten Moment dachte ich an einen Scherz, den sich irgendjemand erlaubte, aber die Stimme, obwohl etwas verzerrt durch die Elektronik, hatte etwas Vertrautes. Als sie dann vor mir stand, hier oben in der Wohnungstür, erkannte ich sie, obwohl sie sich ziemlich verändert hat. Sie ist unheimlich dick geworden. Sie neigte immer dazu, üppig zu sein, aber jetzt ist sie, ehrlich gesagt, wirklich fett. Trotzdem nicht unattraktiv, weil sie diese schöne, glatte milchweiße Haut und die großen Augen hat.
Wir saßen in meiner Küche, tranken Kaffee und plauderten über dies und das. Erzählten uns in groben Zügen, wie unsere Leben weitergegangen waren. Alles eher nichtssagend. Ich erzählte, dass Alice und ich seit Jahren getrennt sind und ich gar nichts mehr über sie weiß. Und an dieser Stelle hätten wir uns auch verabschieden können. »Es war nett, Sie wiedergesehen zu haben, ja, ja, vielleicht mal wieder auf einen Kaffee.« Alles gut. Aber dann rückte sie mit dem wahren Anlass ihres Besuches heraus, mit dem Anlass dafür, weshalb sie mich nach all der Zeit wieder aufgestöbert und aufgesucht hat: Auf sie wurde ein Attentat verübt. In einem Zug. Mit knapper Not hat sie überlebt. Und nun hat sie Angst. Vor dem Typen, der sie umbringen will. Aber auch vor der Polizei. Weil die nun am Ende doch herausfinden könnte, was damals passiert ist.
Angst, dass sie jetzt eingeholt wird. Von allen Seiten.
Der zweite August 2004. Ein Montag.
Niemals, nie werde ich diesen Tag vergessen. Keiner von uns wird ihn je vergessen.
Die Katastrophe brach in unser Leben, unvermittelt, mit einer Wucht, die atemlos macht und verzweifelt. Die Verzweiflung hat mich seither nie mehr losgelassen. Sie wird nie wieder von mir abfallen.
Ich war am Nachmittag jenes Tages in Leicester gewesen, bei einer Versicherungsgesellschaft, die sich dort neu niedergelassen hatte und jemanden suchte, der Buchhaltung, Steuer und Finanzberatung für sie übernahm. Ich hatte mich beworben und eine Einladung zu einem Gespräch bekommen. Eigentlich war das alles eine Nummer zu groß für mich, aber sie würden sicherlich eine gute Bezahlung bieten, und so hatte ich beschlossen, es zumindest zu versuchen. Die Probleme in meiner Familie hatten mich jahrelang dazu gezwungen, höchstens fünfzig Prozent meiner Energie in den Beruf zu stecken, und das war einfach zu wenig. Wir hangelten uns nicht am Existenzminimum entlang, das nicht, aber schon lange schaffte ich es nicht mehr, Rücklagen zu bilden, und das machte mich nervös. Es war Zeit, wieder mehr zu leisten. Jetzt, da Xenia das Zepter schwang und alles perfekt im Griff hatte, konnte ich es riskieren, mir größere Aufgaben und neue Kunden an Land zu ziehen.
Das Gespräch verlief gut, man sagte mir, man werde sich bei mir melden, und ich verließ das moderne Gebäude aus Glas und Chrom voller Hoffnung. Natürlich würden sie weitere Gespräche führen. Aber die Chemie zwischen uns hatte schon mal gestimmt. Irgendwie war ich an jenem windigen, eher kühlen Augustabend in einer optimistischen Stimmung. Der Heimweg dauerte ziemlich lang, normalerweise wäre ich etwa eine Stunde unterwegs gewesen, aber es gab einen größeren Stau, und so wurde es bereits dunkel, als ich Nottingham durchquerte und dann an Wiesen und Feldern entlang in Richtung unseres Dorfes fuhr. Einmal kreuzte ein Reh die Straße, aber ich konnte gerade noch bremsen. Das Auto stand, und ich merkte, dass ich zitterte.
Das hätte auch schiefgehen können. Plötzlich hatte sich meine Stimmung verändert, als ich weiterfuhr. Ich war jetzt nervös.
Als ich vor unserem einsam gelegenen Haus aus dem Auto stieg, stellte ich fest, dass kein Licht brannte. Jedenfalls nicht in den Räumen, die nach vorne hinausgingen. Das war ungewöhnlich. Seit Xenia da war, wurde ziemlich verschwenderisch bei uns mit Licht umgegangen, weil sie erleuchtete Fenster mochte und sie wichtig fand für die Menschen, die nach Hause kamen. Ich ließ sie gewähren. Auch mir tat die Lebendigkeit, die dadurch entstand, gut.
Dann fiel mir ein, dass Xenia ihren freien Nachmittag und Abend hatte und dass sie mit dem Bus nach Nottingham fahren und ins Kino gehen wollte. Alice war also mit den Kindern alleine und lag wahrscheinlich im dämmrigen Wohnzimmer auf dem Sofa, hatte Sascha vor den Fernseher gesetzt und bemühte sich, Lena ruhig zu halten. Ich merkte, wie sich meine Stimmung noch weiter verdüsterte. Wie abhängig ich schon war von Xenias Anwesenheit. Mir graute regelrecht vor einem Abend alleine mit Alice und den Kindern.
Dann jedoch rief ich mich zur Ordnung. Es würde schon gut werden. Und Xenia war sicher bald wieder zu Hause.
Als ich die Haustür aufschloss und eintrat, hatte ich sofort den Eindruck, dass etwas nicht stimmte. Der Flur war dunkel, die Küche ebenso. Im Wohnzimmer schien eine Lampe zu brennen, man sah es durch die Tür. Der Fernseher lief nicht, zumindest war kein Laut zu hören. Kein Gebrüll von Lena. Es herrschte eine seltsame Stille. Keine friedliche, sondern eine angespannte Stille. Etwas Unwirkliches haftete ihr an. Etwas Ungutes.
»Hallo?«, rief ich und schloss die Tür hinter mir.
Keine Antwort. Normalerweise schoss Sascha herbei, wenn ich nach Hause kam. Kurz kam mir der Gedanke, dass Xenia vielleicht die Kinder mitgenommen hatte.
»Alice? Sascha?« Lenas Namen rief ich vorsichtshalber nicht. Falls sie da war und ausnahmsweise einmal nicht schrie wie am Spieß, könnte schon die Nennung ihres Namens endloses Gebrüll heraufbeschwören.
Ich betrat das Wohnzimmer. Tatsächlich war der Fernseher ausgeschaltet. Die kleine Lampe in der Sofaecke brannte. Der Raum schien menschenleer, und ich wollte mich schon wieder umdrehen, da nahm ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Ich schaute genauer hin. Unter dem Teetisch im Erker kauerte Sascha. Er hatte sich so klein gemacht, wie er nur konnte, saß völlig zusammengekauert auf dem Boden, beide Arme um seine Beine geschlungen. Er zitterte wie Espenlaub.
»Sascha!« Ich ließ mich auf die Knie nieder, beugte mich zu ihm. Er war kreideweiß. »Was ist denn los? Warum sitzt du da unten? Wo ist Mummy? Wo ist deine Schwester?«
Er sagte nichts. Er starrte mich nur an und hörte nicht auf zu zittern.
Ich stand wieder auf. Irgendetwas stimmte hier nicht.
»Alice!«, rief ich.
Immer noch keine Antwort. Ich verließ das Wohnzimmer. Um Sascha konnte ich mich später kümmern. Erst einmal musste ich herausfinden, was geschehen war.
Ich sah, dass durch die Ritze unter der Badezimmertür Licht drang.
»Alice?«
Ich stieß die Tür auf.
Alice kniete mitten im Badezimmer auf dem Fußboden. Sie war vollständig angezogen, aber ihre Kleidung war überall voll großer nasser Flecken. Auch ihre Haare waren nass. Ihr Gesicht war mindestens so bleich wie das von Sascha. Sie hielt Lena im Arm. Lena war nackt. Sie hing schlaff wie eine Stoffpuppe auf Alices Schoß.
Zwei oder drei Sekunden vergingen, in denen ich unfähig war, etwas zu sagen oder mich zu bewegen. Dann fiel ich auf den Boden, riss Lena aus Alices Armen.
»Was ist mit ihr? Was, um Himmels willen, ist mit ihr?«
»Ich habe sie gebadet«, sagte Alice mit monotoner Stimme.
Jetzt sah ich, dass die Badewanne noch immer voller Wasser war. Ein paar kleine Schaumkronen trieben noch auf der Oberfläche, der ganze Raum roch intensiv nach dem Rosmarinsalz, das Alice gerne verwendete. Lenas kleine gelbe Schwimmente saß auf dem Badewannenrand.
Ich schüttelte meine Tochter. Sie bewegte sich nicht, sie gab keinen Laut von sich. Ihr Kopf fiel nach hinten. Ihre Augen standen offen und blickten starr.
»Oh Gott! Oh Gott, was ist passiert?« Ich legte Lena auf den Duschvorleger und begann ihre Brust zu massieren. Es war Jahre her, seitdem ich einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hatte. Wenn Lena zu viel Wasser geschluckt hatte, musste das Wasser raus aus ihrer Lunge. Ich bearbeitete ihren Brustkorb mit rhythmischen, harten Bewegungen. Sie rührte sich nicht.
»Hör auf«, sagte Alice. »Sie ist tot.«
»Unsinn!«, brüllte ich, und Alice zuckte zurück. »Sie ist nicht tot! Meine Tochter ist nicht tot!«
»Ich habe sie unter das Wasser gedrückt«, sagte Alice. Sie hatte immer noch diese eigenartig monotone Stimme. »Bis sie still war. Und sich nicht mehr bewegt hat.«
»Du hast was getan?«, schrie ich. Ich hörte auf, Lenas reglosen Körper zu bearbeiten. »Was?«
»Sie hat geschrien. Sie hat einfach nicht aufgehört zu schreien.«
Mir brach der Schweiß am ganzen Körper aus. Für einen Augenblick wurde mir übel, und ich glaubte, ich müsse mich übergeben. Meine Knie wurden weich wie Pudding; hätte ich nicht schon auf dem Boden gekauert, ich wäre hingefallen.
»Sie hat nicht … Und du …«
Alice nickte. »Ich wollte, dass sie still ist. So still wie bei Xenia.«
Ich sah meine Tochter an. Meine tote Tochter. Ganz fein zeichnete sich blaues Adergeflecht an ihrem Hals ab und auf ihrer Brust. Ihr Gesicht trug keinen friedlichen Ausdruck. Der Todeskampf war ihm anzusehen, die Qual des Erstickens.
Alice hatte ein einjähriges Kind ertränkt. Unsere Tochter.
Es war klar, dass sie tot war. Es war klar, dass ich sie nicht mehr retten konnte. Es war nicht das geringste Leben mehr in ihr.
»Sag, dass das nicht wahr ist«, flüsterte ich. »Sag bitte, dass …«
Sie erwiderte nichts.
Ich sprang auf, beugte mich zu Alice hinunter, packte ihre Schultern und schüttelte sie, als wollte ich all das aus ihr herausschütteln, was krank und kaputt und gestört in ihr war.
»Sag, dass das nicht wahr ist!«, brüllte ich.
Sie schwieg noch immer.
Ich ließ sie los, wandte mich wieder Lena zu, schüttelte auch sie, wenngleich sehr viel sanfter. Nichts. Keine Reaktion. Natürlich nicht.
Im Bad herrschte eine warme, feuchte, wabernde Luft. Aus der Wanne mit noch immer warmem Wasser stieg ein Feuchtigkeitsschleier auf und legte sich über Fußboden und Wände, beschlug den Spiegel über dem Waschbecken und die Fensterscheibe, hinter der es inzwischen Nacht geworden war. Ich wollte zum Fenster, wollte es aufreißen und die trockene Kühle von draußen einlassen, aber ich tat es nicht. Weit und breit war keine Menschenseele, und doch hatte ich Angst, dass das, was in den nächsten Minuten in diesem Raum gesprochen und vielleicht geschrien würde, an irgendjemandes Ohr drang.
Ich empfand die Situation als völlig unwirklich, wie einen Alptraum, aus dem ich hoffte, möglichst schnell wieder zu erwachen, aber zugleich war ich auf eine seltsame Weise geradezu überwach, meine Gedanken liefen schnell und glasklar in meinem Kopf ab: Meine Frau hatte gerade unsere fünfzehn Monate alte Tochter in der Badewanne ertränkt. Weil sie ihr Schreien nicht mehr ertrug. Sie hatte sie umgebracht, um sie ein für alle Mal ruhigzustellen.
Meine Frau war eine Mörderin.
Die Polizei würde kommen und sie festnehmen. Sie würde vor Gericht gestellt werden. Ihre Hormonschwankungen, ihre Depressionen würden von einem wohlwollenden Richter vielleicht in die Waagschale geworfen werden, aber nichts würde sie vor einer mehrjährigen Gefängnisstrafe retten.
Unser Leben würde zerbrechen. In tausend Scherben.
»Es war ein Unfall«, sagte ich. »Wir müssen es als einen Unfall darstellen.«
Alice hatte wie betäubt vor sich hin gestarrt, hob nun den Kopf. »Wir dürfen es niemandem sagen.«
Sie war wirklich verrückt.
»Wie willst du denn den Tod eines Kindes verheimlichen?«, fragte ich. »Wie willst du das vor deiner gesamten Umwelt verbergen?«
Sie schaute mich aus riesigen Augen an. In ihnen stand der Schock über das, was geschehen war. Sie war vermutlich im Moment wirklich nicht zurechnungsfähig. Sie wusste, was sie getan hatte, aber die Tragweite war ihr nicht bewusst. Etwas schützte sie noch vor der endgültigen Erkenntnis.
Ich betrachtete unser totes Kind. Mir fielen die roten Male an den Schultern, den Oberarmen, am Hals auf. Sie zeichneten sich zunehmend deutlich ab. Spuren von Gewalteinwirkung. Man musste nicht Gerichtsmediziner sein, um sofort zu erkennen, dass Lena nicht einfach ertrunken war, während ihre Mutter unvorsichtigerweise kurz das Badezimmer verlassen hatte. Jemand hatte sie unter die Wasseroberfläche gedrückt. Mit einer Menge Kraft. Was darauf hindeutete, dass Lena sich heftig gewehrt hatte. Sie hatte um ihr Leben gekämpft.
Gegen ihre mörderische Mutter.
Sekundenlang wallte ein Hass in mir auf, ein Hass auf Alice, die unser Leben zerstört hatte, so heftig, dass ich sie hätte schlagen mögen, würgen, schütteln, ihren Kopf mit den schockstarren Augen wieder und wieder gegen die Fliesen an den Wänden knallen … Ich ballte meine Hände zu Fäusten, grub meine Fingernägel in meine Handballen, bis ich den Schmerz nicht mehr ertrug.
Alles kaputt, sagte eine Stimme in mir, alles kaputt, alles kaputt.
Aber nach wie vor lief das Band ab, auf dem mein Verstand zu mir sprach.
Wir würden Lenas Tod nicht als Unglück tarnen können. Das überhaupt der Polizei gegenüber zu versuchen würde alles nur schlimmer machen. Zugleich war klar, dass wir Notarzt und Polizei nun schnell verständigen mussten. Ein Arzt würde den Zeitpunkt des Todes wahrscheinlich ziemlich präzise feststellen können, es würde uns noch verdächtiger machen, wenn wir Stunden gewartet hatten, ehe wir etwas unternahmen.
Andererseits schien das fast egal. Denn es ging gar nicht darum, verdächtig oder unverdächtig zu erscheinen. Der Sachverhalt war sowieso klar.
»Ich verstehe es nicht«, sagte ich. »Ich verstehe es einfach nicht.«
Alice schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht mehr, Oliver.«
Ich starrte sie an. »Was kannst du nicht mehr?«
Sie flüsterte: »Das Geschrei. Dass sie immer schreit. Dass sie nur schreit. Dass nichts mehr übrig bleibt von meinem Leben. Dass nichts mehr übrig bleibt von mir. Ich löse mich auf, Oliver. Ich löse mich auf in den Kindern. Seit Jahren.«
Sie steckte schon lange in einer tiefen Depression. Das war mir ja immer bewusst gewesen. Hatte ich mich zu wenig darum gekümmert? Zu sehr gehofft, es würde sich irgendwie von alleine beheben?
»Von deinem Leben wird jetzt erst recht nichts mehr übrig bleiben«, sagte ich. Meine Stimme hörte sich fremd für mich an und schien zu zittern. Wahrscheinlich stand ich auch unter Schock. »Du wirst ins Gefängnis gehen, Alice. Du hast gerade dein eigenes Kind umgebracht. Man wird dich wegsperren. Das ist es, was du aus deinem Leben gemacht hast.«
Hinter mir vernahm ich einen erstickten Schrei und drehte mich rasch um. Xenia stand in der Badezimmertür. Noch in ihren Straßenschuhen, die billige Handtasche über der Schulter. Sie war nach Hause gekommen, ohne dass wir etwas bemerkt hatten. Sie blickte entsetzt auf die Szenerie, die sich ihr bot.
Sie hatte meine Worte gehört. Sie wusste genau, was geschehen war.